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  >>> Ansichtssache, Funkfeuer Nr. 41, Sommer 2001
   
  Sommerkino - Sommerloch ?
  Neues vom deutschen Film
   
 

Nein, mit dem Sommerkino will es bei uns nicht so recht klappen. Da hat Amerika wie in fast allen Punkten, die mit Kino zu tun haben, eindeutig die Nase vorn. Gerade um den 4. Juli starten dort die auf Erfolg getrimmten Superfilme, die teilweise schon seit Monaten im Vorfeld mit enormen Summen beworben werden. Dann wird wohl auch mit "Pearl Harbor'' eine der großen Erfolgshoffnungen in die Kinos kommen, und einige Herren werden die Stirn runzeln, wenn der Film an den ersten zwei Wochenenden nicht mindestens 100 Millionen Dollar einspielt.
Von solchen Zahlen träumt in Deutschland nicht einmal der kühnste Visionär. Über eine Million Zuschauer gilt schon als ziemlicher Erfolg für einen deutschen Film. Und statt Sommerkino locken in Deutschland Grillfeten, Stadtteilfeste, Erlebnisparks und viele andere Vergnügungen. Immerhin ein guter Zeitpunkt, um kurz innezuhalten und sich zu überlegen, wie es um das Sorgenkind deutscher Film steht, eine Standortbestimmung gewissermaßen.
Zwei Dinge vorneweg. Auch in guten Jahren wird der deutsche Film kaum je über 12 % vom Gesamtumsatz bekommen, wobei die erfolgreichsten Filme häufig aus der Ecke "Otto", "Das kleine Arschloch", "Werner Beinhart" etc. kommen. Nase rümpfende Kritiken von abgehobenen Cineasten sind hier schlicht deplaziert. Deutsche Filme müssen auch an der Kasse erfolgreich sein. Ein Werk wie "Die Unberührbare", das mit großer Eindringlichkeit und teilweise hervorragenden schauspielerischen Leistungen die letzten Lebenswochen der Schriftstellerin Gisela Elsner vor ihrem Freitod schildert, ist ein Film, der für ein Minderheitspublikum konzipiert ist. Solche Filme dürfen und müssen gedreht werden, sollten aber nicht der Regelfall sein. Das heißt auch, daß Bezuschussung und finanzielle Alimentierung weiterhin von großer Bedeutung sind, soll der deutsche Film überhaupt eine Chance haben.
Die Welle der Beziehungskistenkomödien ist sehr stark abgeebbt. Das ist kein Schaden, denn dieses Genre war durch Überbeanspruchung deutlich angeschlagen.
Dafür ist der deutsche Film flexibler und weniger berechenbar geworden, befaßt sich mit Randgruppen, bekommt einen ausgeprägt multikulturellen Touch, und es gelingen ihm teilweise aufregende Milieustudien. So hat Andreas Dresen nach seinem eindrucksvollen "Nachtgestalten" mit "Die Polizistin" eine witzig ironische Schilderung der Probleme fertiggebracht, denen sich eine Berufsanfängerin im Polizeirevier einer angegammelten Rostocker Trabantenstadt gegenübersieht.
Von der Diskussion über Leitkultur haben Etan, Kemal und Mehdi, die "Helden" von Lars Beckers "Kanak Attack", sicher noch nichts gehört. Sie plagen andere Sorgen im täglichen Kampf mit Polizei und rivalisierenden Kriminellen. Der nach dem Roman "Abschaum" des in Deutschland aufgewachsenen Ertan Ongun gedrehte Film ist schnell, schrill, witzig und manchmal auch ganz schön brutal und beschreibt ein Stück deutsche Realität, das von vielen Bundesbürgern noch gern verdrängt wird.
Im deutschen Mainstream Kino wird Hollywood gnadenlos imitiert. Das ist auch völlig in Ordnung, denn auch die Amerikaner kupfern hemmungslos ab. "Harte Jungs" war ein deutsches Remake von ,,American Pie'', und auch "Mädchen, Mädchen", der Erfolgsfilm dieses Frühjahrs, borgt schamlos von den Vorbildern der amerikanischen "Teenage Comedies". Drei hoffnungsvolle Schönheiten um die 18, die noch nie einen Orgasmus erlebt haben und nun finster entschlossen sind, dies nachzuholen. Dabei hat eine denselben bei wechselnden Partnern immer nur simuliert, die zweite ist mit einem tumben Rammler liiert, und die dritte ist o Schreck noch Jungfrau. Das hätte peinlich werden können, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen und ist auch für Erwachsene durchaus annehmbar (seltsam übrigens, wie wenig Erwachsene sich dafür interessieren, was sich ihre Sprößlinge so im Kino ansehen). Ein wenig ins Sinnieren kommt man allerdings, wenn man überlegt, daß das Publikum von 13 bis 16 jährigen, das heute in "Mädchen, Mädchen" pilgert, vor 40 Jahren sich vermutlich über Streifen wie "Hurra, die Schule brennt" oder "Die Lümmel von der ersten Bank" köstlich amüsiert hätte, Filme, die, ob ihrer schlichten Machart und peinlich dumpfen Scherze, heute nicht mal mehr im Vorabendprogramm des Fernsehens laufen.
"Das Experiment', ein Film von Oliver Hirschbiegel, basiert auf dem bekannten Stanford Prison Experiment aus dem Jahr 1971, in dem eine Versuchsgruppe in Häftlinge und Wärter aufgeteilt und unter äußerst realistischen Bedingungen in einem entsprechenden Gebäudetrakt untergebracht wurde. Der Film ist eine packende Studie über Macht und Machtmißbrauch und menschliches Verhalten in Extremsituationen. Die schauspielerische Leistung insbesondere von Moritz Bleibtreu ist bemerkenswert, der Erfolg an der Kinokasse erfreulich.
In Deutschland wird wieder gutes, teilweise hochklassiges und unterhaltsames politisches Kino gemacht. Beachtenswert die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus aus ganz ungewohnter Perspektive in zwei Filmen der jüngsten Zeit. In "Die innere Sicherheit" von Christian Petzold kehrt ein Terroristenpaar nach jahrelanger Flucht mit seiner inzwischen 15jährigen Tochter nach Deutschland zurück. Das Mädchen wünscht sich nichts sehnlicher als das, was nach Lage der Dinge unmöglich ist, nämlich ein ganz normales Leben zu führen. Die Konflikte sind vorprogrammiert. In "Die Stille nach dem Schuss'' von Volker Schlöndorff entscheidet sich eine der Gewalt müde Terroristin für den Ausstieg und Neubeginn im gewöhnungsbedürftigen Arbeiter und Bauernparadies der DDR. Doch mit der Wende schlägt die Stunde der Wahrheit.
"Oi! Warning Leben auf eigene Gefahr" ist vielleicht im engeren Sinn kein politischer Film. Allerdings haben die Brüder Dominik und Benjamin Redling in ihrem Erstling den ungewöhnlichen Versuch unternommen, ein Portrait der Skinhead Szene vorzulegen. Dabei geht es ihnen nicht in erster Linie um die Nazi Nähe dieser Jugendbewegung, sondern um jene dumpfe, männerbündische, alkoholselige, durch entsprechende Musik angeheizte und stets gewaltbereite Mischung, aus der erschreckend viele Jugendliche Identifikation und Sinnstiftung beziehen. Ein ungewöhnlicher und verstörender Film mit teilweise erschreckend brutalen Szenen, den die Filmförderung aus unerfindlichen Gründen nicht für förderwürdig hielt.
Es gäbe noch manches zu berichten, etwa über einen Film, der die Tristesse von Plattenbauten und die Hoffnungslosigkeit der dort heranwachsenden jungen Leute sensibel schildert (,,alaska.de''), oder über "Vergiss Amerika", worin das Lebensgefühl junger Menschen in der ehemaligen DDR punktgenau und stimmig beschrieben und behutsam, doch ohne falsche Gefühlsduselei erzählt wird, wie Träume (Schauspieler, Fotograf oder Inhaber eines Autoverkaufs für amerikanische Luxusschlitten) wie Seifenblasen platzen. Alles Debütfilme und dabei von erstaunlicher innovativer Qualität. Hinzuweisen wäre auf geglückte Literaturverfilmungen wie "Crazy" nach dem autobiographischen Kultroman von Lebert über einen chronischen Schulversager.
Ein paar notwendige Bemerkungen zum Abschluß. Auch wenn Cannes dieses Jahr ohne deutsche Beteiligung stattfand, ist der deutsche Film deutlich besser als sein Ruf. Er ist erheblich professioneller gemacht, der Unterhaltungswert ist häufig höher und die Bandbreite ist ungewöhnlich groß. Erstaunlich ist allerdings, wie unfreundlich die Filmkritik speziell mit der heimischen Produktion umgeht. Da scheint es keinerlei Beißhemmung zu geben; Filme wie "Das Experiment" sind von einigen Filmjournalisten geradezu hingerichtet worden. Niemand redet Gefälligkeitskritiken das Wort, aber ein etwas behutsamerer Umgang mit der deutschen Filmlandschaft wäre manchmal dringend angeraten. Dazu könnte auch die Pflege deutscher Stars gehören. Bei aller verständlichen Liebe zu Hollywood, kein 100 Millionen Film von dort wird sich je mit Gegenständen befassen, die spezifisch deutsch sind. Es sind die oben erwähnten Filme, die unsere Wirklichkeit und Probleme abbilden, überhöhen, thematisieren und hinterfragen. Wir sollten die Chance, dabei auch etwas über uns und unser Land zu erfahren, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

   
   
   
 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
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