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Nein, mit dem Sommerkino will es bei uns nicht so
recht klappen. Da hat Amerika wie in fast allen Punkten,
die mit Kino zu tun haben, eindeutig die Nase vorn.
Gerade um den 4. Juli starten dort die auf Erfolg
getrimmten Superfilme, die teilweise schon seit Monaten
im Vorfeld mit enormen Summen beworben werden. Dann
wird wohl auch mit "Pearl Harbor'' eine der großen
Erfolgshoffnungen in die Kinos kommen, und einige
Herren werden die Stirn runzeln, wenn der Film an
den ersten zwei Wochenenden nicht mindestens 100 Millionen
Dollar einspielt.
Von solchen Zahlen träumt in Deutschland nicht
einmal der kühnste Visionär. Über eine
Million Zuschauer gilt schon als ziemlicher Erfolg
für einen deutschen Film. Und statt Sommerkino
locken in Deutschland Grillfeten, Stadtteilfeste,
Erlebnisparks und viele andere Vergnügungen.
Immerhin ein guter Zeitpunkt, um kurz innezuhalten
und sich zu überlegen, wie es um das Sorgenkind
deutscher Film steht, eine Standortbestimmung gewissermaßen.
Zwei Dinge vorneweg. Auch in guten Jahren wird der
deutsche Film kaum je über 12 % vom Gesamtumsatz
bekommen, wobei die erfolgreichsten Filme häufig
aus der Ecke "Otto", "Das kleine Arschloch",
"Werner Beinhart" etc. kommen. Nase rümpfende
Kritiken von abgehobenen Cineasten sind hier schlicht
deplaziert. Deutsche Filme müssen auch an der
Kasse erfolgreich sein. Ein Werk wie "Die Unberührbare",
das mit großer Eindringlichkeit und teilweise
hervorragenden schauspielerischen Leistungen die letzten
Lebenswochen der Schriftstellerin Gisela Elsner vor
ihrem Freitod schildert, ist ein Film, der für
ein Minderheitspublikum konzipiert ist. Solche Filme
dürfen und müssen gedreht werden, sollten
aber nicht der Regelfall sein. Das heißt auch,
daß Bezuschussung und finanzielle Alimentierung
weiterhin von großer Bedeutung sind, soll der
deutsche Film überhaupt eine Chance haben.
Die Welle der Beziehungskistenkomödien ist sehr
stark abgeebbt. Das ist kein Schaden, denn dieses
Genre war durch Überbeanspruchung deutlich angeschlagen.
Dafür ist der deutsche Film flexibler und weniger
berechenbar geworden, befaßt sich mit Randgruppen,
bekommt einen ausgeprägt multikulturellen Touch,
und es gelingen ihm teilweise aufregende Milieustudien.
So hat Andreas Dresen nach seinem eindrucksvollen
"Nachtgestalten" mit "Die Polizistin"
eine witzig ironische Schilderung der Probleme fertiggebracht,
denen sich eine Berufsanfängerin im Polizeirevier
einer angegammelten Rostocker Trabantenstadt gegenübersieht.
Von der Diskussion über Leitkultur haben Etan,
Kemal und Mehdi, die "Helden" von Lars Beckers
"Kanak Attack", sicher noch nichts gehört.
Sie plagen andere Sorgen im täglichen Kampf mit
Polizei und rivalisierenden Kriminellen. Der nach
dem Roman "Abschaum" des in Deutschland
aufgewachsenen Ertan Ongun gedrehte Film ist schnell,
schrill, witzig und manchmal auch ganz schön
brutal und beschreibt ein Stück deutsche Realität,
das von vielen Bundesbürgern noch gern verdrängt
wird.
Im deutschen Mainstream Kino wird Hollywood gnadenlos
imitiert. Das ist auch völlig in Ordnung, denn
auch die Amerikaner kupfern hemmungslos ab. "Harte
Jungs" war ein deutsches Remake von ,,American
Pie'', und auch "Mädchen, Mädchen",
der Erfolgsfilm dieses Frühjahrs, borgt schamlos
von den Vorbildern der amerikanischen "Teenage
Comedies". Drei hoffnungsvolle Schönheiten
um die 18, die noch nie einen Orgasmus erlebt haben
und nun finster entschlossen sind, dies nachzuholen.
Dabei hat eine denselben bei wechselnden Partnern
immer nur simuliert, die zweite ist mit einem tumben
Rammler liiert, und die dritte ist o Schreck noch
Jungfrau. Das hätte peinlich werden können,
doch das Ergebnis kann sich sehen lassen und ist auch
für Erwachsene durchaus annehmbar (seltsam übrigens,
wie wenig Erwachsene sich dafür interessieren,
was sich ihre Sprößlinge so im Kino ansehen).
Ein wenig ins Sinnieren kommt man allerdings, wenn
man überlegt, daß das Publikum von 13 bis
16 jährigen, das heute in "Mädchen,
Mädchen" pilgert, vor 40 Jahren sich vermutlich
über Streifen wie "Hurra, die Schule brennt"
oder "Die Lümmel von der ersten Bank"
köstlich amüsiert hätte, Filme, die,
ob ihrer schlichten Machart und peinlich dumpfen Scherze,
heute nicht mal mehr im Vorabendprogramm des Fernsehens
laufen.
"Das Experiment', ein Film von Oliver Hirschbiegel,
basiert auf dem bekannten Stanford Prison Experiment
aus dem Jahr 1971, in dem eine Versuchsgruppe in Häftlinge
und Wärter aufgeteilt und unter äußerst
realistischen Bedingungen in einem entsprechenden
Gebäudetrakt untergebracht wurde. Der Film ist
eine packende Studie über Macht und Machtmißbrauch
und menschliches Verhalten in Extremsituationen. Die
schauspielerische Leistung insbesondere von Moritz
Bleibtreu ist bemerkenswert, der Erfolg an der Kinokasse
erfreulich.
In Deutschland wird wieder gutes, teilweise hochklassiges
und unterhaltsames politisches Kino gemacht. Beachtenswert
die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus aus ganz
ungewohnter Perspektive in zwei Filmen der jüngsten
Zeit. In "Die innere Sicherheit" von Christian
Petzold kehrt ein Terroristenpaar nach jahrelanger
Flucht mit seiner inzwischen 15jährigen Tochter
nach Deutschland zurück. Das Mädchen wünscht
sich nichts sehnlicher als das, was nach Lage der
Dinge unmöglich ist, nämlich ein ganz normales
Leben zu führen. Die Konflikte sind vorprogrammiert.
In "Die Stille nach dem Schuss'' von Volker Schlöndorff
entscheidet sich eine der Gewalt müde Terroristin
für den Ausstieg und Neubeginn im gewöhnungsbedürftigen
Arbeiter und Bauernparadies der DDR. Doch mit der
Wende schlägt die Stunde der Wahrheit.
"Oi! Warning Leben auf eigene Gefahr" ist
vielleicht im engeren Sinn kein politischer Film.
Allerdings haben die Brüder Dominik und Benjamin
Redling in ihrem Erstling den ungewöhnlichen
Versuch unternommen, ein Portrait der Skinhead Szene
vorzulegen. Dabei geht es ihnen nicht in erster Linie
um die Nazi Nähe dieser Jugendbewegung, sondern
um jene dumpfe, männerbündische, alkoholselige,
durch entsprechende Musik angeheizte und stets gewaltbereite
Mischung, aus der erschreckend viele Jugendliche Identifikation
und Sinnstiftung beziehen. Ein ungewöhnlicher
und verstörender Film mit teilweise erschreckend
brutalen Szenen, den die Filmförderung aus unerfindlichen
Gründen nicht für förderwürdig
hielt.
Es gäbe noch manches zu berichten, etwa über
einen Film, der die Tristesse von Plattenbauten und
die Hoffnungslosigkeit der dort heranwachsenden jungen
Leute sensibel schildert (,,alaska.de''), oder über
"Vergiss Amerika", worin das Lebensgefühl
junger Menschen in der ehemaligen DDR punktgenau und
stimmig beschrieben und behutsam, doch ohne falsche
Gefühlsduselei erzählt wird, wie Träume
(Schauspieler, Fotograf oder Inhaber eines Autoverkaufs
für amerikanische Luxusschlitten) wie Seifenblasen
platzen. Alles Debütfilme und dabei von erstaunlicher
innovativer Qualität. Hinzuweisen wäre auf
geglückte Literaturverfilmungen wie "Crazy"
nach dem autobiographischen Kultroman von Lebert über
einen chronischen Schulversager.
Ein paar notwendige Bemerkungen zum Abschluß.
Auch wenn Cannes dieses Jahr ohne deutsche Beteiligung
stattfand, ist der deutsche Film deutlich besser als
sein Ruf. Er ist erheblich professioneller gemacht,
der Unterhaltungswert ist häufig höher und
die Bandbreite ist ungewöhnlich groß. Erstaunlich
ist allerdings, wie unfreundlich die Filmkritik speziell
mit der heimischen Produktion umgeht. Da scheint es
keinerlei Beißhemmung zu geben; Filme wie "Das
Experiment" sind von einigen Filmjournalisten
geradezu hingerichtet worden. Niemand redet Gefälligkeitskritiken
das Wort, aber ein etwas behutsamerer Umgang mit der
deutschen Filmlandschaft wäre manchmal dringend
angeraten. Dazu könnte auch die Pflege deutscher
Stars gehören. Bei aller verständlichen
Liebe zu Hollywood, kein 100 Millionen Film von dort
wird sich je mit Gegenständen befassen, die spezifisch
deutsch sind. Es sind die oben erwähnten Filme,
die unsere Wirklichkeit und Probleme abbilden, überhöhen,
thematisieren und hinterfragen. Wir sollten die Chance,
dabei auch etwas über uns und unser Land zu erfahren,
nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
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