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  >>> Ansichtssache, Funkfeuer Nr. 42, Herbst 2001
   
  "Die spinnen die Briten !"
  oder "Ist London immer noch eine Reise wert ?"
  Bekenntnisse eines Fans
   
 

Man muß leider zunächst einmal über das liebe Geld reden. Bestimmte Sorgen hatte der aufrechte kleine Gallier, der sich mit seinem dicken, kräftigen Freund Obelix schon vor vielen Jahrhunderten aufmachte, um Britannien einen Besuch abzustatten und dabei den oben zitierten Ausspruch tat, natürlicherweise noch nicht. Aber selbst der größte Pessimist unter den ungezählten Londonliebhabern hätte sich vor 20 Jahren noch kaum vorstellen können, in welch ungeahnte Höhen die Preise für fast alles in und um London klettern würden. Wer sich als historisch interessierter Mensch den Tower ansehen möchte, ist als Erwachsener mit 11.30 Pfund dabei. Das sind nach augenblicklichem Umrechenkurs über 37 Mark. Und dafür wird der Tourist, bevor er die Kronjuwelen zu sehen bekommt, auf ein Förderband gestellt, damit die Verweildauer berechenbar bleibt und die Augen sich nicht zu lange an den königlichen Klunkern festsaugen. Und wer sich tatsächlich die ollen Wachsfiguren in Madame Tussaud's anschauen will, dem muss dies über 38 Mark wert sein. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Dennoch, der Tourismus boomt weiter ungehemmt. Kaum eine Stadt der Welt bietet auf ein paar Quadratkilometern eine solch hochkarätige Ansammlung von bedeutenden Museen, fantastischen Gemäldegalerien, weltberühmten Theatern, architektonisch bedeutsamen Gebäuden und Touristenattraktionen ohne Ende. Und man kann durchaus sparen. Erstaunlicherweise sind einige der großartigsten Museen und Galerien völlig umsonst. Dazu gehört das British Museum, das älteste und vielleicht schönste Museum der Welt mit seiner Ehrfurcht gebietenden Sammlung, von der allein die ägyptische Abteilung einen stundenlang in Bann schlagen kann. Mit freiem Eintritt verblüffen die British Library, die Tate Gallery, die National Gallery und die National Portrait Gallery und bieten Kunstinteressierten Stunden ungetrübten Genusses. Aber wer London erleben will, muss hinaus auf die Straßen und Plätze der Stadt, und es ist keine schlechte Idee, sich zumindest einen Teil der Stadt als Spaziergänger zu erschließen. Man muss die Hopses of Parlament mit der Westminster Hall wenigstens teilweise zu Fuß umrundet haben, um ein Gefühl für die Dimensionen dieser Gebäude zu gewinnen. Man sollte dabei unbedingt einen Blick in die südlich am Parlamentsgebäude anschließen- den Victoria Tower Garens werfen, wo sich ein Abguss der weltberühmten ,Die Bürger von Calais'-Plastik von Rodin befindet. Wer dann nach einem Blick auf die eindrucksvolle Fassade der Westminster Abbey die Whitehall entlangschlendert, läuft durch das Machtzentrum Großbritanniens, das neben dem Wohn- und Regierungssitz Blairs alle wichtigen Ministerien beherbergt. Jedes Gebäude atmet Geschichte, und viele Denkmäler legen Zeugnis ab von der imperialen Vergangenheit Englands. Die Whitehall führt direkt zum Trafalgar Square. einem der schönsten und am großzügigsten gestalteten Plätze Londons. Wer gut zu Fuß ist, kann die Strand und Fleet Street entlang schlendern, das ehemalige Pressezentrum der Hauptstadt. Merkwürdiges kann einem bei solchen Spaziergängen widerfahren. So erregt eine große Menschenmenge mit vielen Journalisten und TV-Kameraleuten vor dem großen Gerichtsgebäude am Strand die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden. Wie man erfährt, wird gerade die Höhe der Unterhaltszahlungen, die ein gewisser Ex-Tennis-Profi einer gewissen Dame zahlen muss, neu verhandelt. Am nächsten Tag kann man der Zeitung entnehmen, daß Boris es vorgezogen hatte, nicht im Gerichtssaal zu erscheinen, aber die als "Samenräuberin" von der Presse nicht eben sehr fein behandelte Dame wäre live zu besichtigen gewesen. Auch bei bester Kondition muss der Londontourist auf die U-Bahn zurückgreifen. Von Londonern, der Presse, Stückeschreibern und Kabarettisten oft kritisiert, geschmäht, veralbert und mit Spott überschüttet, in Stoßzeiten heillos überfüllt, ist sie doch ein unverzichtbares Transportmittel für alle, die größere Strecken flott zurücklegen wollen. Auch da kann einem Seltsames passieren. In einem der größten Bahnhöfe, in King's Cross, fordert eine sehr amtlich klingende Stimme alle Fahrgäste auf, den Bahnhof sofort zu verlassen. Binnen 10 Minuten ist einer der belebtesten U-Bahn-Knotenpunkte Londons menschenleer. Auf den Vorfall am nächsten Tag angesprochen, zuckt ein U-Bahn-Angestellter die Achseln und meint, das sei sicher ein falscher Alarm gewesen. Man vergißt die Sache, bis ein paar Wochen später in einer anderen U-Bahn-Station eine Bombe hochgeht. Wahrscheinlich eine Nachfolgeorganisation der IRA. So friedlich und idyllisch ist London nun doch wieder nicht. Auch Neonazis lassen schon mal auf einem Markt in einem Viertel mit hohem Anteil an Farbigen eine mit Nägeln gefüllte Bombe explodieren. Die Aussichtsplattform des Canary Wharf Tower, des mit 244 Metern höchsten Londoner Gebäudes in den spektakulär sanierten Docklands, ist immer noch für Besucher gesperrt, seit die IRA dort vor etwa zwei Jahren die letzte Demonstration ihrer Zerstörungswut gab. Die Kneipen in London sind schon fast eine Reise wert. Sie garantieren meist eine urige Stimmung, schnelle Kontakte mit den Einheimischen - so vorhanden - und eine stilvolle und nicht künstlich auf alt gemachte Inneneinrichtung. Und noch immer ertönt um Viertel vor Elf das gewohnte "Last orders, please!" Aber die Preise. Parks sind Oasen der Ruhe und Entspannung, Fluchtpunkte aus dem hektischen Treiben der Millionenstadt und bieten auch sonst einiges. Vor allem verfügt jeder Park, ob Hyde Park, Green Park oder Regent's Park, über einen ganz eigenen unverwechselbaren Charakter. Als ein englischer König im 19. Jahrhundert, als längst alle Parks der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden waren, seinen Premierminister ernsthaft fragte, was es kosten würde, die Parks mit entsprechenden Mauern oder Zäunen zu umgeben, um das Volk wieder auszuschließen, erwiderte jener, es werde ihn wohl drei Kronen kosten. Als Majestät ihre Überraschung über die niedrigen Kosten zum Ausdruck brachte, eine Krone entsprach früher einem viertel Pfund, bemerkte der Premierminister trocken zum etwas begriffsstutzigen Monarchen: "Es wird Sie die Kronen von England, Schottland und Wales kosten." Wen Geschichten dieser Art interessieren, der ist gut beraten, wenn er sich einem der zahlreichen "Guided Walks" anschließt. Für einen akzeptablen Betrag wird er von hervorragenden Führern je nach Thema in Westminster, Kensington oder anderswo Geschichte und Geschichten, Interessantes und Skandalöses hören, darf aber immer davon ausgehen, daß er weit weg von den ausgetretenen Touristenpfaden ist. Wer etwa an der Führung "Jack the Ripper" teilnimmt, erfährt nicht nur die gruseligen Details der bis heute ungeklärten Prostituierten morde um die Jahrhundertwende, es entsteht ein faszinierendes Stück Sozialgeschichte des Glasscherbenviertels East End mit seinen vielen Minderheiten und Problemen. Man hört von Elendsprostitution und verbreitetem Alkoholismus in Ginkneipen, die mit dem Wahlspruch "Drunk for a penny, dead drunk for twuppence" warben. Für zwei Pence kann man sich wahrlich keinen Mordsrausch mehr antrinken. Doch das braucht es auch nicht. Die quirlige, vor Vitalität schier berstende und im Wortsinn farbige Metropole Englands benebelt einem auch ohne Alkohol die Sinne. Womit wir bei der eingangs gestellten Frage wären. Natürlich wäre es schön, wenn ein günstiger Wechselkurs oder der längst überfällige Anschluß des Pfund an den Euro den Geldbeutel der Touristen etwas schonen würde. Auch bei der Preisgestaltung, besonders was attraktive Tourismusziele anlangt, wünscht man sich etwas mehr Zurückhaltung. Dennoch, London wird immer eine Reise wert sein. Und man wird immer mit dem Gefühl zurückkommen, nur an der Oberfläche dieser Stadt ein wenig gekratzt zu haben.

P.S.: Nach der Sommerhitze ist der Herbst für London eine besonders empfehlenswerte Reisezeit. Viele Reiseinformationen, kompetente Beratung und zahlreiche schriftliche Infos und Tips (einschließlich Stadtplan) gibt es ganz umsonst bei der British Tourist Authority, Westendstraße 16-22, 60325 Frankfurt. Dazu das übliche überangebot an Informationen unter www.visitbritain.com im Internet.

   
   
   
 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
Dinkelsbühler Gästebuch
Texte aus vier Jahrhunderten
 
Herausgegeben von Ernst-Otto Erhard
 
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Lexikonartikel,
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mit besonderem Blick auf Dinkelsbühl und seine Geschichte
 
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