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Nein. Wir werden diese Bildern nie vergessen. Sie
haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt,
sind in unsere Netzhaut eingeätzt worden. Das
öffentliche Leben kam schier zum erliegen, Firmen
stellten faktisch ihre Arbeit ein, die Angestellten
versammelten sich um die Bildschirme. Manche saßen
stundenlang vor dem Fernseher, wurden immer wieder
mit dem Grauen konfrontiert, sahen zum 10. Mal in
Zeitlupe, wie sich das zweite Flugzeug in den noch
unverletzten Turm bohrte, und dennoch, es dauerte,
bis sich den Menschen die Dimension des Ungeheuerlichen
erschloßs, das da vor ihren Augen ablief. Dafür
gibt es zwei widersprüchlich scheinende Erklärungen.
Einmal brauchte es Zeit, denn die meisten Menschen
weigerten sich zunächst zu glauben, daß
selbstverblendete Terroristen in ihrem religiösen
Wahn zu einer Tat von so abgrundtiefem Zynismus imstande
seien. Ein Flugzeug mit 90 unbeteiligten Passagieren
wie eine lebende Bombe gegen einen Wolkenkratzer zu
lenken und damit noch mal Tausende von Unbeteiligten
in den Tod zu reißen, das durfte einfach nicht
sein. Selbst die abgebrühtesten Terroristen der
IRA hatten vor den meisten Anschlägen telefonische
Warnung gegeben. Gleichzeit kamen einem die Bilder
merkwürdig bekannt vor. Explodierende Hochhäuser,
Flugzeuge die auf Gebäude stürzten, Menschen
die - hinter sich zusammenstürzende Gebäude
mit Trümmern und dunklem Qualm - um ihr Leben
rannten, man hatte all diese Entsetzens-Szenarien
schon viele Male gesehen. Ein amerikanischer Student,
von Amsterdam kommend, stand, nachdem er im Flugzeug
gerüchteweise von einem terroristischen Anschlag
gehört hatte, vor einer Videoprojektionswand
im Frankfurter Flughafen und fragte sich ratlos, aus
welchem Film die Szenen stammten. "Independence
Day" konnte es nicht sein, das hatte er mehrfach
gesehen. Amerikanische Katastrophenfilme als Vorausdeutungen
auf das, was uns erwartet? Kein sehr angenehmer Gedanke.
In den nächsten Wochen war in allen TV-Sendern
Rund-um-die-Uhr-Arbeit die Regel. Sondersendungen,
Themenabende, Expertenrunden wechselten sich ab mit
Korrespondentenberichten vom Ort des Geschehens. Noch
einmal eroberte CNN zumindest für kurze Zeit
seine einstige Vormachtstellung auf dem Gebiet der
aktuellen Berichterstattung zurück. Die Printmedien
folgten und machten ihren leichten Rückstand
an Aktualität durch vermehrte Reportagen und
Hintergrundberichte wett. Dabei verteilte sich die
Berichterstattung auf menschliche Tragödien -
anrührende letzte Telefongespräche aus entführten
Flugzeugen - und Analysen der Terrorismusproblematik.
Bilder - gleich ob im Fernsehen oder in Zeitschriften
- gehen oft unter Umgehung des Gehirns direkt ins
Herz. Wer die Behandlung der Vorgänge im Radio
verfolgte, erfuhr, daß die Abwesenheit des visuellen
Elements eine oft wohltuende Versachlichung bewirkte.
Eine Sonderrolle spielte das Internet. Neben dem üblichen
Überangebot an Nachrichten und Informationen
erwies es sich als Brutstätte der seltsamsten
Theorien und abseitigsten Vermutungen, die von der
gläubigen Internetgemeinde oft ungeprüft
übernommen wurden. Da wurde in die aufsteigende
Rauchsäule eines der zusammengestürzten
Türme eine Teufelsfratze hineingemogelt. Die
angebliche Flugnummer in eine bestimmte Microsoft-Schriftart
verwandelt ergab ein seltsames Menetekel, das die
Katastrophe zu prophezeien schien. Niemand prüfte
nach, keiner recherchierte, viele legten neue Spekulationen
nach. Das Netz als Gerüchteküche und Verbreitungsort
verstiegener Verschwörungstheorien? Eine wahrlich
skurrile Entwicklung. Fast ohne Ausnahme waren sich
die Medien schnell über den oder die Schuldigen
einig. Eine Dämonisierung Bin Ladens war fast
überall anzutreffen, ein Vorgang, den dieser
allerdings durch entsprechende Interviews kräftig
förderte und der ihm wohl nicht unlieb zu sein
scheint. Verleiht er im doch eine übermenschliche
Statur und läßt vermuten, daß auch
seine physische Vernichtung, die ihm automatisch Märtyrerstatus
bei allen Anhängern verschaffen würde, seinen
posthumen Einfluß eher noch verstärken
würde. Aus Hollywood konnte man abgesehen von
den üblichen patriotischen Beteuerungen vernünftigerweise
keine schnellen Reaktionen erwarten. Immerhin geschahen
einige ungewöhnliche Dinge. Die Starts einiger
besonders gewalttätiger Action-Streifen wurden
ausgesetzt; einige Projekte mit auffälligen Plot
- Ähnlichkeiten zum 11. September wurden auf
Eis gelegt Aus manchen Fernsehserien wurden tatsächlich
die Twin Towers im nachhinein digital entfernt. Gleichzeitig
- und dies befremdet nur auf den ersten Blick - setzte
in den Videotheken ein Ansturm auf Katastrophenfilme
wie "Independence Day" und "Armageddon"
ein, während noch die Rauchwolken über Lower
Manhatten hingen. Wenigstens im Film wollte man erleben,
daß am Ende die Welt wieder in Ordnung war und
der Böse seiner gerechten Strafe zugeführt
wurde. Und in der Vergangenheit war der Böse
im Kino oft genug der klischeehafte Deutsche, Russe
oder Araber. Immerhin waren sich die Medien weitgehend
einig, daß es falsch und unsinnig war, eine
der großen Weltreligionen wegen des Fanatismus
einiger Fehlgeleiteter anzugreifen. Doch auch hier
ergab sich ein widersprüchliches Bild. Während
Auftritte islamischer Geistlicher bei Trauerfeiern
in New York beklatscht wurden, bedrohte man einige
Straßen weiter Inder, die vor einem Hospital
im Auto warteten, weil man sie fälschlicherweise
für Araber hielt. Es wird lange dauern, bis in
der Rückschau eine zusammenfassende Beurteilung
der Rolle der Medien in diesen Ereignissen möglich
ist. Eins ist sicher, der amerikanische Actionfilm
wird nicht sterben, aber er wird sich ändern
müssen. Die Zuschauer werden in Zukunft vielleicht
weniger zusammenstürzende Hochhäuser und
explodierende Gebäude sehen wollen. Außerdem
sind die Helden müde. Schwarzenegger ist am Herzen
operiert, Stallone auf dem Altenteil, Superman sitzt
im Rollstuhl. Es wäre Zeit für eine Denkpause
und einen Neubeginn. Junge Autoren und Filmemacher,
die bereit sind, mit neuen Formen und Inhalten zu
experimentieren, gibt es reichlich. Zugegeben, angesichts
des Ausmaßes dessen, was geschah, ist das Schicksal
des amerikanischen Action- und Katastrophenfilms von
sehr untergeordneter Bedeutung. Doch als Seismograph
dessen, was Menschen Angst macht und was sie bewegt,
ist er von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Und seine Fähigkeit, Entwicklungstendenzen filmisch
zu illustrieren, gaben ihm oft prophetische Gaben
von beängstigender Qualität. Vielleicht
gibt es ja bald ein paar filmische Zukunftsentwürfe,
die spannend und innovativ sind und ohne die Brachialgewalt
vergangener Streifen auskommen.
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