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  >>> Ansichtssache, Funkfeuer Nr. 43, Winter 2001
   
  Über die Wirklichkeit der Bilder - der Terrorismus und die Medien
  Eine Nachlese
   
 

Nein. Wir werden diese Bildern nie vergessen. Sie haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, sind in unsere Netzhaut eingeätzt worden. Das öffentliche Leben kam schier zum erliegen, Firmen stellten faktisch ihre Arbeit ein, die Angestellten versammelten sich um die Bildschirme. Manche saßen stundenlang vor dem Fernseher, wurden immer wieder mit dem Grauen konfrontiert, sahen zum 10. Mal in Zeitlupe, wie sich das zweite Flugzeug in den noch unverletzten Turm bohrte, und dennoch, es dauerte, bis sich den Menschen die Dimension des Ungeheuerlichen erschloßs, das da vor ihren Augen ablief. Dafür gibt es zwei widersprüchlich scheinende Erklärungen. Einmal brauchte es Zeit, denn die meisten Menschen weigerten sich zunächst zu glauben, daß selbstverblendete Terroristen in ihrem religiösen Wahn zu einer Tat von so abgrundtiefem Zynismus imstande seien. Ein Flugzeug mit 90 unbeteiligten Passagieren wie eine lebende Bombe gegen einen Wolkenkratzer zu lenken und damit noch mal Tausende von Unbeteiligten in den Tod zu reißen, das durfte einfach nicht sein. Selbst die abgebrühtesten Terroristen der IRA hatten vor den meisten Anschlägen telefonische Warnung gegeben. Gleichzeit kamen einem die Bilder merkwürdig bekannt vor. Explodierende Hochhäuser, Flugzeuge die auf Gebäude stürzten, Menschen die - hinter sich zusammenstürzende Gebäude mit Trümmern und dunklem Qualm - um ihr Leben rannten, man hatte all diese Entsetzens-Szenarien schon viele Male gesehen. Ein amerikanischer Student, von Amsterdam kommend, stand, nachdem er im Flugzeug gerüchteweise von einem terroristischen Anschlag gehört hatte, vor einer Videoprojektionswand im Frankfurter Flughafen und fragte sich ratlos, aus welchem Film die Szenen stammten. "Independence Day" konnte es nicht sein, das hatte er mehrfach gesehen. Amerikanische Katastrophenfilme als Vorausdeutungen auf das, was uns erwartet? Kein sehr angenehmer Gedanke. In den nächsten Wochen war in allen TV-Sendern Rund-um-die-Uhr-Arbeit die Regel. Sondersendungen, Themenabende, Expertenrunden wechselten sich ab mit Korrespondentenberichten vom Ort des Geschehens. Noch einmal eroberte CNN zumindest für kurze Zeit seine einstige Vormachtstellung auf dem Gebiet der aktuellen Berichterstattung zurück. Die Printmedien folgten und machten ihren leichten Rückstand an Aktualität durch vermehrte Reportagen und Hintergrundberichte wett. Dabei verteilte sich die Berichterstattung auf menschliche Tragödien - anrührende letzte Telefongespräche aus entführten Flugzeugen - und Analysen der Terrorismusproblematik. Bilder - gleich ob im Fernsehen oder in Zeitschriften - gehen oft unter Umgehung des Gehirns direkt ins Herz. Wer die Behandlung der Vorgänge im Radio verfolgte, erfuhr, daß die Abwesenheit des visuellen Elements eine oft wohltuende Versachlichung bewirkte. Eine Sonderrolle spielte das Internet. Neben dem üblichen Überangebot an Nachrichten und Informationen erwies es sich als Brutstätte der seltsamsten Theorien und abseitigsten Vermutungen, die von der gläubigen Internetgemeinde oft ungeprüft übernommen wurden. Da wurde in die aufsteigende Rauchsäule eines der zusammengestürzten Türme eine Teufelsfratze hineingemogelt. Die angebliche Flugnummer in eine bestimmte Microsoft-Schriftart verwandelt ergab ein seltsames Menetekel, das die Katastrophe zu prophezeien schien. Niemand prüfte nach, keiner recherchierte, viele legten neue Spekulationen nach. Das Netz als Gerüchteküche und Verbreitungsort verstiegener Verschwörungstheorien? Eine wahrlich skurrile Entwicklung. Fast ohne Ausnahme waren sich die Medien schnell über den oder die Schuldigen einig. Eine Dämonisierung Bin Ladens war fast überall anzutreffen, ein Vorgang, den dieser allerdings durch entsprechende Interviews kräftig förderte und der ihm wohl nicht unlieb zu sein scheint. Verleiht er im doch eine übermenschliche Statur und läßt vermuten, daß auch seine physische Vernichtung, die ihm automatisch Märtyrerstatus bei allen Anhängern verschaffen würde, seinen posthumen Einfluß eher noch verstärken würde. Aus Hollywood konnte man abgesehen von den üblichen patriotischen Beteuerungen vernünftigerweise keine schnellen Reaktionen erwarten. Immerhin geschahen einige ungewöhnliche Dinge. Die Starts einiger besonders gewalttätiger Action-Streifen wurden ausgesetzt; einige Projekte mit auffälligen Plot - Ähnlichkeiten zum 11. September wurden auf Eis gelegt Aus manchen Fernsehserien wurden tatsächlich die Twin Towers im nachhinein digital entfernt. Gleichzeitig - und dies befremdet nur auf den ersten Blick - setzte in den Videotheken ein Ansturm auf Katastrophenfilme wie "Independence Day" und "Armageddon" ein, während noch die Rauchwolken über Lower Manhatten hingen. Wenigstens im Film wollte man erleben, daß am Ende die Welt wieder in Ordnung war und der Böse seiner gerechten Strafe zugeführt wurde. Und in der Vergangenheit war der Böse im Kino oft genug der klischeehafte Deutsche, Russe oder Araber. Immerhin waren sich die Medien weitgehend einig, daß es falsch und unsinnig war, eine der großen Weltreligionen wegen des Fanatismus einiger Fehlgeleiteter anzugreifen. Doch auch hier ergab sich ein widersprüchliches Bild. Während Auftritte islamischer Geistlicher bei Trauerfeiern in New York beklatscht wurden, bedrohte man einige Straßen weiter Inder, die vor einem Hospital im Auto warteten, weil man sie fälschlicherweise für Araber hielt. Es wird lange dauern, bis in der Rückschau eine zusammenfassende Beurteilung der Rolle der Medien in diesen Ereignissen möglich ist. Eins ist sicher, der amerikanische Actionfilm wird nicht sterben, aber er wird sich ändern müssen. Die Zuschauer werden in Zukunft vielleicht weniger zusammenstürzende Hochhäuser und explodierende Gebäude sehen wollen. Außerdem sind die Helden müde. Schwarzenegger ist am Herzen operiert, Stallone auf dem Altenteil, Superman sitzt im Rollstuhl. Es wäre Zeit für eine Denkpause und einen Neubeginn. Junge Autoren und Filmemacher, die bereit sind, mit neuen Formen und Inhalten zu experimentieren, gibt es reichlich. Zugegeben, angesichts des Ausmaßes dessen, was geschah, ist das Schicksal des amerikanischen Action- und Katastrophenfilms von sehr untergeordneter Bedeutung. Doch als Seismograph dessen, was Menschen Angst macht und was sie bewegt, ist er von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Und seine Fähigkeit, Entwicklungstendenzen filmisch zu illustrieren, gaben ihm oft prophetische Gaben von beängstigender Qualität. Vielleicht gibt es ja bald ein paar filmische Zukunftsentwürfe, die spannend und innovativ sind und ohne die Brachialgewalt vergangener Streifen auskommen.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
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