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  >>> Ansichtssache, Funkfeuer Nr. 44, Frühjahr 2002
   
  Kasse statt Krise
  oder: Totgesagte leben länger - Das Kino steuert wieder auf Erfolgskurs
   
 

Wie oft hat man ihm nicht schon das Totenglöcklein geläutet. Die Symptome schienen einfach unübersehbar und sprachen eine eindeutige Sprache. Müde Mainstream-Produkte ohne Witz und Charme. geistlose zweite und dritte Folgen statt innovativer Werke, größen- wahnsinnige Superstargagen, die selbst große Studios in den Ruin zu treiben drohten. Ein wählerisches Publikum, das bei Nichtgefallen schnell den Daumen senkt. Nicht zuletzt wahnwitzig kurze Umschlagszeiten, in denen sich die Qualität. sprich Kassenwirksamkeit eines Produkts schon am ersten Wochenende beweisen muß. Und dann noch jede Menge Flops. Kaum einer der großen Stars und vermeintlichen Kassenmagneten, der nicht schon ein paar spektakuläre Bauchlandungen hingelegt hätte. In der Spitzentruppe finden sich Arnold Schwarzenegger. Sylvester Stallone. Kevin Costner, um nur einige der bedeutendsten zu nennen. Manchmal möchte man dem Publikum, das freilich auch manchen großartig gemachten Film mit Nichtachtung straft, geradezu Beifall klatschen, z.B. wenn es das peinliche dreistündige Patriotenepos "Pearl Harbour" zusammen ii1ifvie!enzefboii1b:: ten Schiffen gnadenlos absaufen läßt. Langsam spricht sich vielleicht auch herum, daß nicht jedes Computerspiel die Vorlage für einen erfolgreichen Film liefert. Nicht einmal Angelina Jolies beachtliche Oberweite, deren Authentizität auch noch bösartigerweise bezweifelt wurde, konnte "Tomb Raider" retten. Das einzig Bemerkenswerte an diesem Film war wirklich, daß kaum jemand den Titel korrekt aussprechen konnte. Eine wahre Freude war das Begräbnis dritter Klasse, welches das Publikum dem unsäglichen Horror- schinken "Hannibal" bescherte. Prompt mutmaßten fiese Insider, der gräßliche Gourmet - Spitzname: Hannibal the Cannibal - habe während der Dreharbeiten seinen Speisezettel mit einem Stück Gehirn des Regisseurs Ridley Scott aufgebessert, denn noch nie hat der renommierte Regisseur einen solchen Schmarren abgeliefert. Doch schon seit vielen Wochen, wenn nicht Monaten heißt das Motto des Flaggschiffs Hollywood "Volle Kraft voraus". Auch sonst boomt es, was Kino anbelangt, allerorten. Im Herbst letzten Jahres vermeldeten die USA nach dem Kinosommer Rekordeinnahmen von über 3 Milliarden Dollar, dies wohlgemerkt noch vor dem Start von "Harry Potter" und "Herr der Ringe". Vielleicht ist "Harry Potter" kein großer Film, dazu mußte sich der Regisseur unter den Argusaugen der Autorin zu eng an die Romanvorlage anlehnen. Brancheninsider munkelten, dies sei der Grund gewesen, warum Spielberg die Regie abgelehnt habe. Wie auch immer, der Film bot seinem meist jugendlichen Publikum fast drei Stunden ungetrübten Sehgenuß und sorgte in einigen Bundesländern am Premieren- tag sogar für verspäteten Schulbeginn, weil zu viele der jungen Fans von der Vorpremiere um 24.00 Uhr oder den wegen Ausverkaufs kurzfristig angesetzten Ersatzvorstellungen um 5.00 Uhr(!) zu mitgenommen waren. Da ist Peter Jackson mit seiner Version von Tolkiens "Herr der Ringe" ein anderer Wurf gelungen. Nochmals, es Richard Harris als "Dumbledore" in "Harry Potter und der Stein der Weisen" sei Joanne K. Rowling ein langes Leben gegönnt, aber es hat seine Vorteile, wenn der Autor einer zu verfilmen- den Geschichte 40 Jahre vor Drehbeginn sanft entschlafen ist. Peter Jackson konnte mit der Vorlage, ohne sie in ihren Grundzügen zu verändern, großzügiger umgehen, hatte erheblich mehr Gestaltungsspielraum und für die Außenaufnahmen Naturlandschaf- ten von atemberaubender Schönheit. Und bei aller Wertigkeit der Spezialeffekte erschlagen diese die Geschichte nie, reduzieren die Hauptakteure nicht zu Spielfiguren. Gerade die Besetzung der wichtigsten Charaktere ist stimmig und überzeugend. Man muß Jacksons Film nicht mögen. Man darf sehr wohl der Ansicht sein, daß die Totalität und Geschlossenheit der von Tolkien geschaffenen Welt im Kino überhaupt nicht abbildbar ist. Dennoch ist Jacksons Film ein eindrucksvoller Ver- such. Wo er auf Ablehnung stößt, wird er fruchtbare Diskussionen über Möglichkeiten und Grenzen des Kinos auslösen. Gleichzeitig dringt das Projekt in neue Dimensionen vor. Die drei Teile der Verfilmung wurden In einem Arbeitsgang bei einem Gesamtetat von etwa 600 Millionen Mark gedreht, die Teile zwei und drei werden 1m Ab- stand von jeweils einem Jahr in die Kinos kommen, rund 100 Millionen sind angeblich für eventuell notwendige Nachdreharbeiten noch vorhanden. Das sind Zahlen, die schwindeln machen, gleichzeitig verdeutlichen sie, welch riesiges Potential im Filmgeschäft steckt. Man wird deshalb auch Verständnis dafür haben müssen, daß sich die Risikobereitschaft von Produzenten und Regisseuren in Grenzen hielt. Ein Unternehmen dieser Größenordnung wegen ein paar positiver Kritikerstimmen mehr am Massenpublikum vorbei zu steuern, wäre ein finanzielles Harakiri, das sich kein Studio leisten kann. "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" hat 13 Oscar-Nominierungen erhalten. Etliche davon wird er ohne Zweifel gewinnen. Dies ist der amerikanische Respekt vor dem Erfolg, jener Pragmatismus, der sagt, daß ein so außergewöhnlich profitabler Film auch über besondere Qualitäten verfügen müsse. Doch - und dies macht nach wie vor den besonderen Reiz dieser Preisverleihung aus - es haben auch wieder einige ausgesprochene Minoritäten- bzw. Außenseiterfilme zumindest die Nominierung geschafft. So befaßt sich der englische Film "Iris" mit dem Schicksal der Schriftstellerin Iris Mur- doch, die im Alter an Alzheimer er- krankte (Oscar-Nominierung für Hauptdarstellerin Judi Dench). Und wer hätte schon einem Film über ein schizophrenes Mathematikgenie (Russel Crowes zweite Nominierung nach seiner Auszeichnung für "Gladiator" im vergangenen Jahr) eine ernsthafte Chance gegeben? Nochmals zurück zu den beiden größten Kassenerfolgen der letzten Monate. Beide, "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe", sind bei aller Verschiedenheit meilenweit von den platten Actionstreifen und den drögen Pseudokomödien entfernt, mit denen die Leinwände förmlich zugemüllt werden. Und beide kommen von der Literatur her, lenken Leser ins Kino und werden ihren literarischen Vorlagen neue Leser erschließen. Eine erfreuliche und äußerst erfolgreiche Symbiose von Literatur und Kino. Davon darf es auch - Ausnahmen bestätigen die Regel - gern ein paar Folgen geben.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
Dinkelsbühler Gästebuch
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Herausgegeben von Ernst-Otto Erhard
 
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