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Wie oft hat man ihm nicht schon das Totenglöcklein
geläutet. Die Symptome schienen einfach unübersehbar
und sprachen eine eindeutige Sprache. Müde Mainstream-Produkte
ohne Witz und Charme. geistlose zweite und dritte
Folgen statt innovativer Werke, größen-
wahnsinnige Superstargagen, die selbst große
Studios in den Ruin zu treiben drohten. Ein wählerisches
Publikum, das bei Nichtgefallen schnell den Daumen
senkt. Nicht zuletzt wahnwitzig kurze Umschlagszeiten,
in denen sich die Qualität. sprich Kassenwirksamkeit
eines Produkts schon am ersten Wochenende beweisen
muß. Und dann noch jede Menge Flops. Kaum einer
der großen Stars und vermeintlichen Kassenmagneten,
der nicht schon ein paar spektakuläre Bauchlandungen
hingelegt hätte. In der Spitzentruppe finden
sich Arnold Schwarzenegger. Sylvester Stallone. Kevin
Costner, um nur einige der bedeutendsten zu nennen.
Manchmal möchte man dem Publikum, das freilich
auch manchen großartig gemachten Film mit Nichtachtung
straft, geradezu Beifall klatschen, z.B. wenn es das
peinliche dreistündige Patriotenepos "Pearl
Harbour" zusammen ii1ifvie!enzefboii1b:: ten
Schiffen gnadenlos absaufen läßt. Langsam
spricht sich vielleicht auch herum, daß nicht
jedes Computerspiel die Vorlage für einen erfolgreichen
Film liefert. Nicht einmal Angelina Jolies beachtliche
Oberweite, deren Authentizität auch noch bösartigerweise
bezweifelt wurde, konnte "Tomb Raider" retten.
Das einzig Bemerkenswerte an diesem Film war wirklich,
daß kaum jemand den Titel korrekt aussprechen
konnte. Eine wahre Freude war das Begräbnis dritter
Klasse, welches das Publikum dem unsäglichen
Horror- schinken "Hannibal" bescherte. Prompt
mutmaßten fiese Insider, der gräßliche
Gourmet - Spitzname: Hannibal the Cannibal - habe
während der Dreharbeiten seinen Speisezettel
mit einem Stück Gehirn des Regisseurs Ridley
Scott aufgebessert, denn noch nie hat der renommierte
Regisseur einen solchen Schmarren abgeliefert. Doch
schon seit vielen Wochen, wenn nicht Monaten heißt
das Motto des Flaggschiffs Hollywood "Volle Kraft
voraus". Auch sonst boomt es, was Kino anbelangt,
allerorten. Im Herbst letzten Jahres vermeldeten die
USA nach dem Kinosommer Rekordeinnahmen von über
3 Milliarden Dollar, dies wohlgemerkt noch vor dem
Start von "Harry Potter" und "Herr
der Ringe". Vielleicht ist "Harry Potter"
kein großer Film, dazu mußte sich der
Regisseur unter den Argusaugen der Autorin zu eng
an die Romanvorlage anlehnen. Brancheninsider munkelten,
dies sei der Grund gewesen, warum Spielberg die Regie
abgelehnt habe. Wie auch immer, der Film bot seinem
meist jugendlichen Publikum fast drei Stunden ungetrübten
Sehgenuß und sorgte in einigen Bundesländern
am Premieren- tag sogar für verspäteten
Schulbeginn, weil zu viele der jungen Fans von der
Vorpremiere um 24.00 Uhr oder den wegen Ausverkaufs
kurzfristig angesetzten Ersatzvorstellungen um 5.00
Uhr(!) zu mitgenommen waren. Da ist Peter Jackson
mit seiner Version von Tolkiens "Herr der Ringe"
ein anderer Wurf gelungen. Nochmals, es Richard Harris
als "Dumbledore" in "Harry Potter und
der Stein der Weisen" sei Joanne K. Rowling ein
langes Leben gegönnt, aber es hat seine Vorteile,
wenn der Autor einer zu verfilmen- den Geschichte
40 Jahre vor Drehbeginn sanft entschlafen ist. Peter
Jackson konnte mit der Vorlage, ohne sie in ihren
Grundzügen zu verändern, großzügiger
umgehen, hatte erheblich mehr Gestaltungsspielraum
und für die Außenaufnahmen Naturlandschaf-
ten von atemberaubender Schönheit. Und bei aller
Wertigkeit der Spezialeffekte erschlagen diese die
Geschichte nie, reduzieren die Hauptakteure nicht
zu Spielfiguren. Gerade die Besetzung der wichtigsten
Charaktere ist stimmig und überzeugend. Man muß
Jacksons Film nicht mögen. Man darf sehr wohl
der Ansicht sein, daß die Totalität und
Geschlossenheit der von Tolkien geschaffenen Welt
im Kino überhaupt nicht abbildbar ist. Dennoch
ist Jacksons Film ein eindrucksvoller Ver- such. Wo
er auf Ablehnung stößt, wird er fruchtbare
Diskussionen über Möglichkeiten und Grenzen
des Kinos auslösen. Gleichzeitig dringt das Projekt
in neue Dimensionen vor. Die drei Teile der Verfilmung
wurden In einem Arbeitsgang bei einem Gesamtetat von
etwa 600 Millionen Mark gedreht, die Teile zwei und
drei werden 1m Ab- stand von jeweils einem Jahr in
die Kinos kommen, rund 100 Millionen sind angeblich
für eventuell notwendige Nachdreharbeiten noch
vorhanden. Das sind Zahlen, die schwindeln machen,
gleichzeitig verdeutlichen sie, welch riesiges Potential
im Filmgeschäft steckt. Man wird deshalb auch
Verständnis dafür haben müssen, daß
sich die Risikobereitschaft von Produzenten und Regisseuren
in Grenzen hielt. Ein Unternehmen dieser Größenordnung
wegen ein paar positiver Kritikerstimmen mehr am Massenpublikum
vorbei zu steuern, wäre ein finanzielles Harakiri,
das sich kein Studio leisten kann. "Der Herr
der Ringe - Die Gefährten" hat 13 Oscar-Nominierungen
erhalten. Etliche davon wird er ohne Zweifel gewinnen.
Dies ist der amerikanische Respekt vor dem Erfolg,
jener Pragmatismus, der sagt, daß ein so außergewöhnlich
profitabler Film auch über besondere Qualitäten
verfügen müsse. Doch - und dies macht nach
wie vor den besonderen Reiz dieser Preisverleihung
aus - es haben auch wieder einige ausgesprochene Minoritäten-
bzw. Außenseiterfilme zumindest die Nominierung
geschafft. So befaßt sich der englische Film
"Iris" mit dem Schicksal der Schriftstellerin
Iris Mur- doch, die im Alter an Alzheimer er- krankte
(Oscar-Nominierung für Hauptdarstellerin Judi
Dench). Und wer hätte schon einem Film über
ein schizophrenes Mathematikgenie (Russel Crowes zweite
Nominierung nach seiner Auszeichnung für "Gladiator"
im vergangenen Jahr) eine ernsthafte Chance gegeben?
Nochmals zurück zu den beiden größten
Kassenerfolgen der letzten Monate. Beide, "Harry
Potter" und "Der Herr der Ringe", sind
bei aller Verschiedenheit meilenweit von den platten
Actionstreifen und den drögen Pseudokomödien
entfernt, mit denen die Leinwände förmlich
zugemüllt werden. Und beide kommen von der Literatur
her, lenken Leser ins Kino und werden ihren literarischen
Vorlagen neue Leser erschließen. Eine erfreuliche
und äußerst erfolgreiche Symbiose von Literatur
und Kino. Davon darf es auch - Ausnahmen bestätigen
die Regel - gern ein paar Folgen geben.
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