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  >>> Ansichtssache, Funkfeuer Nr. 45, Sommer 2002
   
  Kasse staat Krise oder Totgesagte leben länger
  Das Kino steuert wieder auf Erfolgskurs
  Teil 2: Neues vom deutschen Film
   
 

Nein, mit Hollywoods Erfolgen wird der deutsche Film nie konkurrieren können. Dazu fehlt es an den finanziellen Voraussetzungen, an großen Stars, an den weltweiten Vermarktungsmöglichkeiten, über die der amerikanische Film verfügt. Es fehlt auch an der knallharten Hemdsärmeligkeit, mit der die Mächtigen der amerikanischen Filmindustrie ihre Produkte in die Kinos drücken, den ausgefeilten Marketing-Strategien und der Brutalität, mit der eine marktbeherrschende Stellung ausgenützt wird. Weil der Erfolg des neuen "Star Wars"- Films schon fest steht, wird schnell die Abgabequote der Kinos an den Verleih hochgedrückt, was sich vielleicht in den vollen Multiplexen der Großstädte rechnet, aber die Besitzer kleinerer Filmtheater in der Provinz hart belastet. Andererseits kann es sich kein Kinobetreiber leisten, einen solchen Film nicht zu spielen. Am schlimmsten trifft aber den deutschen Film der Umstand, daß das Publikum oft auch bei guten Filmen gnadenlos den Daumen senkt. Ein paar "special effects" zu wenig, keine bekannten Stars, ein kleines Budget und deswegen keine Ausstattung à la Hollywood, und schon ist ein oft sehenswerter, unterhaltsamer und gut gespielter Film an der Kasse durchgefallen. Angesichts der Widerstände, gegen die der deutsche Film kämpfen muß, ist es ein Wunder, daß es ihn überhaupt noch gibt. Das nächste Wunder ist, daß es ihm zur Zeit gar nicht so schlecht geht. Ein Marktanteil von 15% der deutschsprachigen Filme im Jahr 2001 ist mehr als stattlich. Der dümpelte gelegentlich schon bei 9 oder 10%. Man muß natürlich eingestehen: Einen Löwenanteil an diesem Erfolg hatte ein einziger Film. Und so wurde auch Michael "Bully" Herbig zum Retter des deutschen Films hochgejubelt. Es ist aber auch eine echte Sensation, daß 11 Millionen Zuschauer sich seinen "Schuh des Manitou" ansahen, einen frechen, schrägen, mit viel Charme und Chuzpe gemachten Streifen, in dem der Komiker seine Liebe zu Karl May auf ungewöhnliche Weise demonstrierte, unter anderem indem er Winnetou einen schwulen Bruder an die Seite stellte. Und weil Hollywood die Sprache des Geldes perfekt versteht, produziert die Hollywood Filmgesellschaft Columbia Tristar seit dem Erfolg des deutschen Schockers "Anatomie" zwei bis drei deutsche Filme pro Jahr. Und es gibt weitere positive Zeichen und Signale. Ein deutscher Bundeskanzler nimmt sich die Zeit, die Berlinale im Februar selbst zu eröffnen und spricht sich dabei für eine "deutliche Erhöhung der Filmförderung" aus. Kulturstaats- minister Nida-Rümelin trifft sich mit Vertretern der Branche und sagt "Über dieses Medium [Kino] werden die 14- bis 29-Jährigen mitgeprägt." Zurück zur Berlinale. Ein neuer Festivalleiter sorgt dafür, daß bei aller Internationalität dem deutschen Film wieder mehr Platz eingeräumt wird. Der Eröffnungsfilm "Heaven" stammt vom deutschen Regiestar Tom Tykwer ("Lola rennt") und wird von namhaften Kritikern sehr gelobt. Man hört, daß Hollywood den Filmstoff ursprünglich Anthony Minghella ("Der englische Patient") angeboten habe, der es jedoch vorzog, den Film zu produzieren, und sich zusammen mit Sydney Pollack für Tykwer als Regisseur entschied. Das allein spricht schon Bände und zeugt vom gestiegenen Ansehen deutscher Filmemacher. Man muß abwarten, ob sich die deutschen Beiträge beim Publikum durchsetzen. Der RAF-Film "Baader" von Christopher Roth ist bei Kritik und Publikum gefloppt. Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ "Der Felsen", der neue Film von Dominik Graf, wohingegen sich die tragikomische Ehegeschichte "Halbe Treppe" von Andreas Dresen als Publikumsliebling entpuppte. Man wird sehen müssen, welcher von den teilweise erst jetzt angelaufenen Filmen auch an der Kasse zumindest einen Achtungserfolg erzielt. Nach wie vor muß auch das Kino den ökonomischen Marktregeln folgen. Natürlich ist ein Film wie der gerade angelaufene "Starbuck Holger Meins" über den RAF-Terroristen Holger Meins kein Erfolgsfilm, kann nur mit Fördergeldern gedreht werden und wird außer in einigen Programmkinos und Auswahlprogrammen dem großen Publikum weitgehend verborgen bleiben. Andererseits kann der nur mit Fördermitteln gedrehte Film, der möglicherweise gleich unter Umgehung der Kinosäle in den dritten Programmen des Fernsehens verschwindet, nicht die Zukunft des deutschen Films sein. Wir brauchen auch finanziell erfolgreiche Filme. Immerhin hat es der von der Kritik heftig befehdete Vilsmeier in den letzten Jahren verstanden, mit sehr deutschen Themen auch kommerziell einträgliche Filme herzustellen. Daß es grundsätzlich möglich ist, mit deutschen Filmen Kasse zu machen, haben die eingangs erwähnten Filme ("Schuh des Manitou", "Anatomie") gezeigt. Auch witzig gemachte Kinderfilme ("Das SamS", "Emil und die Detektive") gehören in diese Kategorie. Auch hier sollte man Hollywood nicht kampflos wichtiges Terrain überlassen. Grundsätzlich bleibt festzuhalten: Wer über deutsche Befindlichkeiten und Themen und deren Reflektion im Kino etwas erfahren will, ist in den perfekt gemachten Hochglanzwerken aus Hollywood an der falschen Adresse. "Drei Stern Rot", ein Film über einen DDR-Bürger und Grenzer, der in der Psychiatrie einsitzt und der Ärztin seine Lebensgeschichte erzählt, wird im Kino ebenso floppen wie "Lovely Rita", eine einfühlsame Studie einer vereinsamten 15-Jährigen in einer österreichischen Kleinbürgerfamilie, oder "Do it", ein Film über den einzigen Schweizer Terroristen der 70er Jahre. Ein Juwel der besonderen Art legt jetzt André Heller vor. Es gelang ihm, Hitlers Privat-sekretärin Traudl Jung kurz vor ihrem Tod zum Reden zu bewegen. "Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin" verschafft uns faszinierende Einblicke in den innersten Kreis der Macht und in die Psyche jenes Verbrechers, der die Welt mehr verändert hat als jeder Politiker des 20. Jahrhunderts. Wer wollte ernsthaft auf dieses Spektrum an Themen und deren filmische Umsetzung verzichten. Wem dergleichen zu kopflastig, anstrengend und künstlerisch ist, kann sich jederzeit zwei Stunden in "The Scorpion King" erholen, einer krude gemachten Fortsetzung des Erfolgsspektakels "Die Mumie". Er wird die beruhigende Erkenntnis mit nach Hause nehmen, daß die Mimik berufsmäßiger Ringer ähnlich begrenzt ist wie die der Bodybuilder. Das ist auch gut so, denn sonst käme es zu einer Unverträglichkeitsreaktion zwischen darstellerischem Können und der Eindimensionalität der Hauptfiguren. Doch dazu braucht man wieder nicht ins Kino zu gehen. Den schauspielerischen Minimalismus hat Arnold Schwarzenegger schon in seinen ersten Filmen ("Conan der Barbar") perfekt vorgeführt. Nichts gegen das Popkornkino und seine kommerziellen Erfolge. Doch zu einförmig wünschen wir uns das Menüangebot unserer Filmtheater auch in Zukunft nicht.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
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