| |
Nein, mit Hollywoods Erfolgen wird der deutsche Film
nie konkurrieren können. Dazu fehlt es an den
finanziellen Voraussetzungen, an großen Stars,
an den weltweiten Vermarktungsmöglichkeiten,
über die der amerikanische Film verfügt.
Es fehlt auch an der knallharten Hemdsärmeligkeit,
mit der die Mächtigen der amerikanischen Filmindustrie
ihre Produkte in die Kinos drücken, den ausgefeilten
Marketing-Strategien und der Brutalität, mit
der eine marktbeherrschende Stellung ausgenützt
wird. Weil der Erfolg des neuen "Star Wars"-
Films schon fest steht, wird schnell die Abgabequote
der Kinos an den Verleih hochgedrückt, was sich
vielleicht in den vollen Multiplexen der Großstädte
rechnet, aber die Besitzer kleinerer Filmtheater in
der Provinz hart belastet. Andererseits kann es sich
kein Kinobetreiber leisten, einen solchen Film nicht
zu spielen. Am schlimmsten trifft aber den deutschen
Film der Umstand, daß das Publikum oft auch
bei guten Filmen gnadenlos den Daumen senkt. Ein paar
"special effects" zu wenig, keine bekannten
Stars, ein kleines Budget und deswegen keine Ausstattung
à la Hollywood, und schon ist ein oft sehenswerter,
unterhaltsamer und gut gespielter Film an der Kasse
durchgefallen. Angesichts der Widerstände, gegen
die der deutsche Film kämpfen muß, ist
es ein Wunder, daß es ihn überhaupt noch
gibt. Das nächste Wunder ist, daß es ihm
zur Zeit gar nicht so schlecht geht. Ein Marktanteil
von 15% der deutschsprachigen Filme im Jahr 2001 ist
mehr als stattlich. Der dümpelte gelegentlich
schon bei 9 oder 10%. Man muß natürlich
eingestehen: Einen Löwenanteil an diesem Erfolg
hatte ein einziger Film. Und so wurde auch Michael
"Bully" Herbig zum Retter des deutschen
Films hochgejubelt. Es ist aber auch eine echte Sensation,
daß 11 Millionen Zuschauer sich seinen "Schuh
des Manitou" ansahen, einen frechen, schrägen,
mit viel Charme und Chuzpe gemachten Streifen, in
dem der Komiker seine Liebe zu Karl May auf ungewöhnliche
Weise demonstrierte, unter anderem indem er Winnetou
einen schwulen Bruder an die Seite stellte. Und weil
Hollywood die Sprache des Geldes perfekt versteht,
produziert die Hollywood Filmgesellschaft Columbia
Tristar seit dem Erfolg des deutschen Schockers "Anatomie"
zwei bis drei deutsche Filme pro Jahr. Und es gibt
weitere positive Zeichen und Signale. Ein deutscher
Bundeskanzler nimmt sich die Zeit, die Berlinale im
Februar selbst zu eröffnen und spricht sich dabei
für eine "deutliche Erhöhung der Filmförderung"
aus. Kulturstaats- minister Nida-Rümelin trifft
sich mit Vertretern der Branche und sagt "Über
dieses Medium [Kino] werden die 14- bis 29-Jährigen
mitgeprägt." Zurück zur Berlinale.
Ein neuer Festivalleiter sorgt dafür, daß
bei aller Internationalität dem deutschen Film
wieder mehr Platz eingeräumt wird. Der Eröffnungsfilm
"Heaven" stammt vom deutschen Regiestar
Tom Tykwer ("Lola rennt") und wird von namhaften
Kritikern sehr gelobt. Man hört, daß Hollywood
den Filmstoff ursprünglich Anthony Minghella
("Der englische Patient") angeboten habe,
der es jedoch vorzog, den Film zu produzieren, und
sich zusammen mit Sydney Pollack für Tykwer als
Regisseur entschied. Das allein spricht schon Bände
und zeugt vom gestiegenen Ansehen deutscher Filmemacher.
Man muß abwarten, ob sich die deutschen Beiträge
beim Publikum durchsetzen. Der RAF-Film "Baader"
von Christopher Roth ist bei Kritik und Publikum gefloppt.
Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ
"Der Felsen", der neue Film von Dominik
Graf, wohingegen sich die tragikomische Ehegeschichte
"Halbe Treppe" von Andreas Dresen als Publikumsliebling
entpuppte. Man wird sehen müssen, welcher von
den teilweise erst jetzt angelaufenen Filmen auch
an der Kasse zumindest einen Achtungserfolg erzielt.
Nach wie vor muß auch das Kino den ökonomischen
Marktregeln folgen. Natürlich ist ein Film wie
der gerade angelaufene "Starbuck Holger Meins"
über den RAF-Terroristen Holger Meins kein Erfolgsfilm,
kann nur mit Fördergeldern gedreht werden und
wird außer in einigen Programmkinos und Auswahlprogrammen
dem großen Publikum weitgehend verborgen bleiben.
Andererseits kann der nur mit Fördermitteln gedrehte
Film, der möglicherweise gleich unter Umgehung
der Kinosäle in den dritten Programmen des Fernsehens
verschwindet, nicht die Zukunft des deutschen Films
sein. Wir brauchen auch finanziell erfolgreiche Filme.
Immerhin hat es der von der Kritik heftig befehdete
Vilsmeier in den letzten Jahren verstanden, mit sehr
deutschen Themen auch kommerziell einträgliche
Filme herzustellen. Daß es grundsätzlich
möglich ist, mit deutschen Filmen Kasse zu machen,
haben die eingangs erwähnten Filme ("Schuh
des Manitou", "Anatomie") gezeigt.
Auch witzig gemachte Kinderfilme ("Das SamS",
"Emil und die Detektive") gehören in
diese Kategorie. Auch hier sollte man Hollywood nicht
kampflos wichtiges Terrain überlassen. Grundsätzlich
bleibt festzuhalten: Wer über deutsche Befindlichkeiten
und Themen und deren Reflektion im Kino etwas erfahren
will, ist in den perfekt gemachten Hochglanzwerken
aus Hollywood an der falschen Adresse. "Drei
Stern Rot", ein Film über einen DDR-Bürger
und Grenzer, der in der Psychiatrie einsitzt und der
Ärztin seine Lebensgeschichte erzählt, wird
im Kino ebenso floppen wie "Lovely Rita",
eine einfühlsame Studie einer vereinsamten 15-Jährigen
in einer österreichischen Kleinbürgerfamilie,
oder "Do it", ein Film über den einzigen
Schweizer Terroristen der 70er Jahre. Ein Juwel der
besonderen Art legt jetzt André Heller vor.
Es gelang ihm, Hitlers Privat-sekretärin Traudl
Jung kurz vor ihrem Tod zum Reden zu bewegen. "Im
toten Winkel - Hitlers Sekretärin" verschafft
uns faszinierende Einblicke in den innersten Kreis
der Macht und in die Psyche jenes Verbrechers, der
die Welt mehr verändert hat als jeder Politiker
des 20. Jahrhunderts. Wer wollte ernsthaft auf dieses
Spektrum an Themen und deren filmische Umsetzung verzichten.
Wem dergleichen zu kopflastig, anstrengend und künstlerisch
ist, kann sich jederzeit zwei Stunden in "The
Scorpion King" erholen, einer krude gemachten
Fortsetzung des Erfolgsspektakels "Die Mumie".
Er wird die beruhigende Erkenntnis mit nach Hause
nehmen, daß die Mimik berufsmäßiger
Ringer ähnlich begrenzt ist wie die der Bodybuilder.
Das ist auch gut so, denn sonst käme es zu einer
Unverträglichkeitsreaktion zwischen darstellerischem
Können und der Eindimensionalität der Hauptfiguren.
Doch dazu braucht man wieder nicht ins Kino zu gehen.
Den schauspielerischen Minimalismus hat Arnold Schwarzenegger
schon in seinen ersten Filmen ("Conan der Barbar")
perfekt vorgeführt. Nichts gegen das Popkornkino
und seine kommerziellen Erfolge. Doch zu einförmig
wünschen wir uns das Menüangebot unserer
Filmtheater auch in Zukunft nicht.
|