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  >>> Ansichtssache
   
  Der Krieg und die Medien
   
   
 

Auch Wochen nach der Beendigung der Kampfhandlungen bleiben viele Fragen unbeantwortet. Doch einige Dinge sind inzwischen hinreichend klar. Amerikas Krieg gegen den Irak hat Fragen von enormer moralischer, politischer und juristischer Tragweite aufgeworfen. Er hat das Verhältnis Europas zu Amerika und der europäischen Staaten zueinander nachhaltig beeinflußt. Er hat durch die Art seiner Berichterstattung unsere Wahrnehmung vom Krieg stärker verändert, als uns das heute schon bewußt ist. Er hat Entwicklungen in Gang gesetzt, die Staatsmännern und Friedensforschern schon jetzt gewaltige Bauchschmerzen bereiten.
All dies hat natürlich eine Vorgeschichte. Bei allem Entsetzen über die Ungeheuerlichkeit der Tat, bei aller gezeigten Solidarität mit den Amerikanern haben viele Europäer doch unterschätzt, welche existentielle Verunsicherung der Anschlag auf das World Trade Center bei den Amerikanern und ihrer politischen Elite hervorgerufen hat. Gleichzeitig hat er der bis dato relativ ziellos dahintreibenden Präsidentschaft von Bush einen Auftrag und eine Richtung gegeben. George Walker Bush würde die geeigneten Maßnahmen treffen um sicherzustellen, daß sich dergleichen nie wiederholen würde, und würde dafür sorgen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Daß dabei die UNO beschädigt wurde, alte Verbündete sich vor den Kopf gestoßen fühlten und mit dem Konstrukt des "pre-emptive strike" eine äußerst fadenscheinige Begründung für den Angriff geliefert wurde, schien den mächtigen Männern in Washington ziemlich gleichgültig zu sein.
Trotz aller Kritik muß man den Amerikanern wohl einiges zugestehen. Der Krieg wurde bei allen Leiden der Zivilbevölkerung doch so geführt, daß die Anzahl der Opfer vergleichsweise gering blieb. Der befürchtete Häuserkampf in Bagdad blieb aus. Der grausame Diktator hat vermutlich in manchen Jahren mehr Menschen zu Tote quälen und hinrichten lassen, als in der Auseinandersetzung ums Leben kamen.
Allerdings wurden wesentliche Kriegsziele nicht erreicht, die angegebenen Kriegsgründe (Massenvernichtungswaffen) sind bisher nicht hinreichend bewiesen worden.
In bisher nie da gewesenem Umfang ist dieser Krieg weltweit medial vermittelt worden. "Embedded journalists", Journalisten, die mit der kämpfenden Truppe vorrückten, vermittelten den Eindruck scheinbarer Authentizität, mußten aber eine strenge Zensur ihrer Berichte durch die Armee in Kauf nehmen. Im englischen Fernsehen kam jeden Abend ein Zusammenschnitt der gelungensten Angriffe, mit fetziger Rockmusik unterlegt. Krieg als spannende Unterhaltung. Der amerikanische Sender Fox News versetzte sich in einen patriotischen Rauschzustand und verunglimpfte Antikriegsdemonstranten schon fast als Landesverräter. Auf CNN wimmelte es vor pensionierten Generälen, von denen schon mal einer schwadronierte, die besondere Schönheit eines "Cruise Missile" läge in der Art und Weise, wie es sich seinem Ziel nähere. Immerhin kamen gelegentlich auch Kriegsgegner zu Wort. Schockierend für viele Amerikaner waren die Bilder zutiefst verängstigter, gefangener amerikanischer Soldaten, Bilder, deren Ausstrahlung Rumsfeld am liebsten verhindert hätte. Dergleichen sah man am ehesten beim arabischen Sender Aljaseera, der ein notwendiges Gegengewicht zur amerikalastigen Berichterstattung bot. Keinen Kommentar erforderten die Aufnahmen des zwölfjährigen Abbas, der mit schweren Verbrennungen und zwei kümmerlichen Armstümpfen tapfer gegen seine Verzweiflung anredete. Er symbolisierte die ganze Grausamkeit und den Wahnsinn dieses Krieges.
Von fast atemberaubender Symbolik ist auch der Augenblick, da die große Hussein-Statue in Bagdad, deren Kopf mit der amerikanischen Nationalflagge bedeckt ist, ins Wanken gerät und schließlich stürzt.
Ein kollektives Aufatmen geht durch Amerika, als man einen zornigen alten Mann sieht, der nach dem Sturz des Tyrannen wütend auf ein Poster mit dem Abbild des Diktators einschlägt und seinen Zorn über den Despoten herausschreit. Und endlich auch jubelnde Iraner, die "Thank you Mr. Bush" ins Mikrofon rufen und sich dann zu neuen Plündereien aufmachen. Von hoher Symbolkraft allerdings auch die Aufnahmen von plündernden Kunstdieben in Bagdads großartigem Museum, während als einziges Gebäude in der Stadt das Ölministerium von amerikanischen Truppen geschützt wird.
Natürlich war Busch in den Medien präsent. Er sprach gern vor ausgewähltem Publikum, vorzugsweise auf Militärstützpunkten, vor Veteranenverbänden oder gleich auf einem Flugzeugträger. Am liebsten trug er dazu eine Uniform, mit der er geradezu verwachsen zu sein schien. Es liegt eine tiefe Ironie in der Tatsache, daß das einzige Mitglied von Bushs Regierung, das gedient hat (und im Einsatz auch verwundet wurde) der jetzige Außenminister Powell ist, während Bush es vorgezogen hat, sich durch den gefahrlosen Dienst bei der Nationalgarde einem möglichen Einsatz in Vietnam zu entziehen. Davon spricht kaum mehr jemand. Auf dem Flugzeugträger steht ein Mann mit einer Mission. Und es ist etwas durchaus Missionarisches um diesen Mann, der den Kampf gegen die Kräfte des Bösen führt. Hier hat sich die Speerspitze eines neuen Konservatismus positioniert. Die Männer um Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz u. a. verkünden stolz ein amerikanisches Jahrhundert, scheren sich einen Dreck um internationale Institutionen und gehen achselzuckend über die Bedenken europäischer Staaten hinweg. Schon geraten neue Staaten wie Syrien und der Iran in das Fadenkreuz der neuen Führungselite.
Gleichzeitig kann man in Amerika zusehen, wie demokratische Rechte und Freiheiten einem immer radikalerem Erosionsprozeß unterworfen sind. Selbst öffentliche Bibliotheken machen ihre Leser darauf aufmerksam, dass das FBI nach dem "Patriot Act" Zugriff auf die Daten und entliehenen Bücher der Leser habe. Da sollte man sich hüten, etwa zu viel Interesse für die Welt des Islam zu zeigen. In beängstigendem Tempo verwandelt sich das Land, das über Jahrhunderte als Modell für eine vorbildliche Demokratie galt, in einen gigantischen Schnüffel- und Überwachungsstaat. Orwell läßt grüßen.
Erfreulicherweise regt sich auch immer mehr Widerstand. Aus einer unerwarteten Ecke kam er anläßlich der Oscar-Preisverleihung. Der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore hat für seine schonungslose Untersuchung der amerikanischen Gewaltbereitschaft in "Bowling for Columbine" die begehrte Trophäe für den besten Dokumentarfilm erhalten. Bei der Entgegennahme der Auszeichnung gab er lautstark, bevor in die schnell einsetzende Musik zum Verstummen brachte, seiner Empörung über Bush und seine Politik Ausdruck.
Längst steht sein Name zusammen mit dem vieler Kulturschaffenden und einem Aufruf zum Boykott ihrer Werke auf einer schwarzen Liste im Internet. Sie liest sich wie ein "Who Is Who" der besten Köpfe Amerikas. Es gibt auch noch ein Amerika jenseits von George Walker Bush.

   
   
 
 
 
 
   
 
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