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Zwanzig Jahre Privatfernsehen

Von Quotennutten und Kuppelshows

   
 

Mit dem Anspruch, eine geistig-moralische Wende einzuleiten, war nach dem Ende der sozial-liberalen Koalition der neue Bundeskanzler Helmut Kohl angetreten. An diesem Vorhaben hätten sich wohl größere Staatsmänner verhoben. Eine der ersten einschneidenden Änderungen, die Bestand haben sollten, war die Einführung der kommerziellen TV-Sender im Jahre 1984. Jetzt feiern RTL und SAT1 mit opulenten Shows ihren 20. Geburtstag. Ein Rückblick sei gestattet.
Mit geistig-moralischer Wende hatte das Privatfernsehen tatsächlich nichts zu tun. Die Wirtschaft schielte begehrlich nach den zu erwartenden fetten Werbeeinnahmen und freute sich auf die Dividende der Verkabelung. Den konservativen Politikern ging es in erster Linie um die Schleifung der vermeintlichen roten Hochburg ARD. Kohl hat dann auch die öffentlich-rechtlichen Programme immer konsequenter gemieden und vor allem in den letzten Jahren die mediale Darstellung seiner Kanzlerschaft einem Privatsender gewissermaßen als Hofberichtserstattung überlassen. Doch man muß es zugeben: das Privatfernsehen wäre in jedem Fall gekommen. Doch das Wehgeschrei gerade traditionsbewußter Politiker über den Werteverfall des Fernsehens ist nichts als pure Heuchelei. Es gab 1983 genügend Anschauungsmaterial, wie ein auf Quote und Erfolg ausgerichtetes Fernsehprogramm zwangsläufig aussehen mußte.
Faszinierend war, wie schnell sich Niveauabbau und Verflachung in allen Programmen vollzogen. Und immer, wenn selbsternannte Kulturkritiker wehklagten, nun sei die Untergrenze der Peinlichkeiten erreicht, wurde diese locker unterboten. Eine bunte Vielfalt von neuen Formaten und Programmtypen "bereicherte" die neue Medienlandschaft.
Die alten Weisheiten "sex sells" und "crime sells" wurden ein Grundprinzip der Programmgestaltung. Von peinlichen Erotikshows ("Tutti Frutti"), die deutsche Brüste in alle Welt exportierten, Gelaber über Sex-Themen, von einem Transvestiten moderiert ("Wa(h)re Liebe"), bis hin zur 10. Wiederholung der unsäglichen Schulmädchenfilme, Sex durchsetzte alle Programme und wurde ab 22.00 Uhr mit Werbespots für Telefonsex garniert, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen ließen.
Weil längst die Diktatur der Zuschauerzahlen alles beherrscht, spielen gewiefte Stars öffentlich-rechtliche Sender und Privatsender gegeneinander aus, selbst Thomas Gottschalk, Dinosaurier der Unterhaltungsbranche, bezeichnet sich schon mal kokett als Quoten-Nutte.
Und natürlich bekommt jeder seine "daily soap", vorher gibt es nachmittägliche Talkshows ohne Ende über so interessante Themen wie "Sind dicke Frauen besser im Bett?", und da hier das Zuschauerinteresse deutlich nachgelassen hat, werden die Zuschauer auch noch mit hastig heruntergedrehten Gerichtsshows zugemüllt. Daneben stehen noch zahlreiche Serien zur Wahl, die im Krankenhaus, der Schule, im Polizeirevier oder auch mal in der Psychiatrie spielen.
Wem das noch nicht reicht, der kann sich bei Comedies und den zahlreichen Kuppel-Shows ("Bachelor", "Herzblatt") verlustieren. Weil die Gewaltschiene auch bedient werden muß, werden auch die schlechtesten Actionfilme zu entsprechenden Sendezeiten ins Programm geschoben.
Natürlich findet nach Kinoauswertung und DVD-Vermarktung auch jeder große Hollywoodfilm am Ende der Verwertungskette den Weg ins Fernsehen, ein Vorgang, der in Großstädten mit extensiver Plakatwerbung angekündigt wird. Da das Fernsehen ein gefräßiges Monster ist, braucht es dazu noch zahlreiche, of lieblos heruntergedrehte Fernsehfilme. Häufig als Quasi-Dokumentarfilm getarnt, kämpfen die Streifen schon mit dem Titel ("Verkaufte Unschuld - Der Killer vom Kinderstrich") gnadenlos um Marktanteile.
Natürlich war nicht alles schlecht, was vom Privatfernsehen kam. Die forschen und frechen neuen Programm-Macher mischten die alten Formate kräftig auf. Es gab durchaus diskutable Filme, und Ausnahmetalente, wie "dirty Harry" konnten sich jahrelang halten. Erschreckend war eher, wie schnell sich ARD und ZDF dem neuen Niveau anpaßten und Formate und Ideen der Privaten oft schamlos kopierten. Fast kampflos überließen sie den neuen Programmen den Samstagabend und berieselten das werbetechnisch wenig interessante Kukident-Publikum mit peinlichen Volksmusiksendungen. Wenn etwas in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses geriet, handelte es sich fast immer um Privatsender.
Erst unlängst hat die Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" für heftige Kommentare gesorgt. Stars zweiter und dritter Wahl wurden in Form von skurrilen Mutproben allem möglichen ekligen Getier (Spinnen, Kakerlaken, Käfern) und auch sonstigen Unbilden ausgesetzt. Und die Zuschauer durften per Telefonabstimmung die am wenigsten beliebten Dschungelkämpfer rauswählen, wobei für den Sender auch noch eine kleine Nebeneinnahme über die Telefongebühren abfiel. Natürlich ist das Format der Sendung geklaut, wie auch die im Augenblick so beliebten Casting-Shows ("Deutschland sucht den Superstar") in ganz ähnlicher Form schon vor Jahren im US-Fernsehen liefen.
Über dergleichen kann man sich trefflich erregen, aber man muß doch eins bedenken. Die Teilnehmer wurden zum Mitmachen nicht gezwungen, konnten jederzeit abbrechen und verbanden mit der Peinlichkeitsshow handfeste kommerzielle Interessen. Und wer glaubt, damit wäre das Maximum an Niveaulosigkeit erreicht, erliegt einem schon erwähnten Irrtum. Wer es sich wirklich antun will, kann in der Sendung "Jackass" eines Musiksenders schon mal zuschauen, wie ein Freiwilliger so viel rohe Eier schlürft, daß er diese wieder von sich gibt. Das Erbrochene wird dann aufgefangen und daraus ein wenig einladendes Gericht bereitet, das der Kandidat gegen eine entsprechende Prämie verzehrt. Wer hier nach Verbot schreit, hat nicht verstanden, wie Privatfernsehen funktioniert
Besorgnis erregt eine andere Entwicklung. In vielen Sendungen - siehe Dschungelcamp - macht sich eine Unkultur der Schadenfreude breit. Ein wesentlicher Teil des Publikums weidet sich am Leiden und der Erniedrigung anderer. Gegenseitiges Mobbing ist fast integraler Bestandteil dieser und anderer Reality-Shows. Darüber müßte gesprochen werden, auch mit Schülern, die diese Sendungen oft in erstaunlich jungen Jahren sehen. Der eigentliche Skandal ist, daß die meisten Eltern keine Ahnung haben, was ihre Kinder gewohnheitsmäßig anschauen, und den Versuch, durch Gespräch und auch Verbot eine gewisse Kontrolle auszuüben, längst aufgegeben haben.
Ansonsten gilt immer noch: Wer sich mit einer ordentlichen Programmzeitschrift die Rosinen aus dem Angebot pickt, ist, egal ob Spielfilmangebot, Unterhaltung, Nachrichten oder politische Information, mit dem Fernsehen immer noch bestens bedient. Und nicht nur die Kinder müssen lernen, daß manchmal die Aus-Taste der wichtigste Teil der Fernbedienung ist.

   
   
 
 
 
 
   
 
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