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Filmschnipsel

   
   
   
 

Nein. Man darf dem Kino nicht permanent das Totenglöcklein läuten, und natürlich lassen sich Krisen auch herbeireden. Letztes Jahr war, was Zuschauerzahlen anlangte, eine ziemliche Katastrophe. Dieses Jahr haben zusätzlich die Fußballweltmeisterschaft und eine wochenlange Hochdrucklage dem Gewerbe einen Schlag in die Magengrube versetzt. Wenn es etwas gibt, was einem Kinobetreiber die Laune gründlich verderben kann, dann ist dies eine endlose Reihe von lauen bis heißen Sommertagen, an denen Biergärten, Grillfeste oder der heimische Garten dem Kino locker den Rang ablaufen. Dennoch hat sich im ersten Halbjahr 2006 ein Besucherplus von 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ergeben. Im-merhin wurden in den deutschen Kinos vom 2. Januar bis 2. Juli 62,5 Millionen Menschen gezählt.
Nicht eben neu ist, daß das Publikum bei einigen heißen Anwärtern auf die sogenannten Blockbuster – Erfolgsfilme, die die Kassen kräftig klingeln lassen und den Kinos somit über Dürrezeiten hinweghelfen – gnadenlos den Daumen senkte. Der durchaus gut gemachte dritte Teil von „Mission Impossible“ mit Superstar Tom Cruise war ein ziemlicher Flop. Hatte sich der Star mit seiner oft aufdringlich inszenierten Liebesgeschichte und seinen peinlichen Bekenntnissen zu den Freuden der Vaterschaft bei seinen Fans als Actionstar etwa unglaubwürdig gemacht?
Doch auch Petersens Katastrophenfilm über das Passagierschiff „Poseidon“ dümpelte nur ein wenig vor sich hin, bevor ihn die Zuschauer gnadenlos absaufen ließen. Dabei war der Film ein Remake von „The Poseidon Adventure“, der Anfang der 70er Jahre ein großer Erfolg war. Und von Filmen, die im Meer spielen, versteht dieser Regisseur nach „Das Boot“ und „Der Sturm“ nun wirklich etwas. Vielleicht sind ja die Kinobesucher nach einer schier endlos langen Reihe von Katastrophenfilmen dieses Genre langsam etwas leid. Ökonomisch haben Filme wie „Flammendes Inferno“ oder „Der Weiße Hai“ dem Kino einiges gebracht, Perlen der Filmkunst waren eher selten darunter.
Entschädigt wurden die Kinobetreiber durch den recht ordentlichen Erfolg der Verfilmung von Dan Browns Bestseller „Der Da Vinci Code“ mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Kombination von Geheimgesellschaften mit okkulten Riten und vermeintlich brisanten und von der Kirche gnadenlos unterdrückten religiösen Geheimnissen kommt beim Publikum offensichtlich sehr gut an. Auch der Animationsfilm „Ab durch die Hecke“ erfreute nicht nur das meist kindliche Publikum.

Unterschiedliche Erfolge

Einige Jugendfilme sind recht ordentlich gelaufen. „Die wilden Hühner“ oder „Die wilden Kerle“ sind gut besetzt, professionell gemacht und erfüllen nebenbei die wichtige Aufgabe, junge Menschen wieder ins Kino zu bringen. Dies ist besonders notwendig angesichts der Vielfalt der medialen Unterhaltungsmöglichkeiten, die Jugendlichen heute zur Verfügung stehen. Bei aller Vielfalt sollte man die nach wie vor einzigartige Stellung des Kinos dabei durchaus sehen. In einer im Fachblatt „Blickpunkt: Film“ veröffentlichten Stu-die über die besondere Wirkung und Attrak-tivität des Kinos kommen die Autoren zu folgendem Ergebnis: „Kino ist eine der wenigen Unterhaltungsformen, von denen die Menschen sich für zwei Stunden völlig fesseln lassen.“ Und dies gelingt sogar Filmen wie „Die Reise der Pinguine“ oder „Die große Stille“, einem Dokumentarfilm über Kartäusermönche, die nach Ablegen eines Schweigegelübdes ein Leben der Armut und Enthaltsamkeit in der Abge-schiedenheit der französischen Alpen führen. Es ist klar, daß solche Filme nicht in den Sälen der Multiplexkinos laufen, sondern eher in den Ausleseprogrammen der Kinobetreiber, die daran glauben, daß Kinos auch eine kulturelle Aufgabe haben, und dafür auch bereit sind, ein manchmal beträchtliches ökonomisches Risiko auf sich zu nehmen.
Gar nicht still, sondern grell laut und bunt geht es in einem anderen Film zu, der zur Zeit die Massen in die Kinos zieht und hoffentlich helfen wird, die Filmbilanz 2006 deutlich zu verbessern. Nach dem Sensationserfolg von „Fluch der Karibik“ aus dem Jahre 2003 folgt nun die lange erwartete Fortsetzung mit Johnny Depp als Piratenkapitän Sparrow. Wer vor fünf Jahren behauptet hätte, man könne mit einem Seeräuberfilm, in dem auch noch Untote eine wichtige Rolle spielen, Erfolg haben, den hätte man in Hollywood ohne Diagnose in eine Zwangsjacke gesteckt. Das Genre galt als Geldvernichter und hatte in den letzten zwanzig Jahren einige veritable Flops geliefert. Die Story von Teil 1 war krud und wirr und pflegte einen äußerst lockeren Umgang mit der Logik. Das ist im zweiten Teil nicht besser. Doch der Coolness-Faktor von Johnny Depp ist beträchtlich. Als leicht verwirrter, gelegentlich ziemlich tuntiger Antiheld, der von einer Katastrophe in die nächste taumelt und dabei immer ein wenig bekifft wirkt, blödelt er sich zur Freude des meist jugendlichen Publikums durch den Film und wird dabei von einem Team gleichwertiger Kollegen (Keira Knightly und Orlando Bloom) und einigen sehenswerten Spezialeffekten unterstützt. Was den Kunstwert anlangt, ist „Fluch der Karibik“ ein Nullsummenspiel, als pure Unterhaltung, als Popcornkino par excellence ist er ein Geniestreich. Und der Filmindustrie und den Kinobetreibern tut er gut. Wer stattdessen Kinokultur will, kann jederzeit gut bedient werden. Der neue Almodóvarfilm „Volver“ mit Penelope Cruz läuft an. Chabrol hat ein neues Werk mit Isabelle Huppert („Geheime Staatsaffären“) vorgelegt. Sehenswerte deutsche Filme gibt es jede Menge. Wer den zu Recht oskarprämierten „Brokeback Mountain“ im Kino noch nicht gesehen hat, muß sich irgendwann mit der Fernsehversion begnügen. Die Wucht der Naturaufnahmen – nicht umsonst gab der Name des Bergs dem Film den Titel – wird im Fernsehen wohl nur sehr reduziert wiedergegeben werden. Da genügt ein hoch auflösender HD-Fernsehapparat mit stolzer Diagonalweite und Dolby-Surround-System eben nicht. Dazu bedarf es der großen Leinwand und der Dunkelheit des Kinosaals. Aber es wird wohl auch nicht jeder den Film sehen wollen. Als George W. Bush auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob er den Film schon gesehen habe, sah er kurzzeitig so aus, als habe er auf eine Zitrone gebissen, und brummelte dann, er wisse noch nicht, ob er ihn sich überhaupt anschauen werde. Dabei ist doch eins klar. Einer, der so breitbeinig läuft, so zackig den Knüppel des Weltpolizisten schwingt, so viele treue Unterstützer unter den Fundamentalisten hat und so stolz seinen Texashut trägt, wird sich doch keinen Film über zwei schwule Cowboys zumuten.

   
   
 
 
 
 
   
 
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