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Die Festival-Jury in Cannes ist berüchtigt für ihre Entscheidungen. Wie eine launische Diva schenkt sie dem ihre Gunst, der am wenigsten damit rechnet. Viele Regisseure wissen das, und weil Amerikaner ungern verlieren, zeigen etliche von ihnen ihre Filme zwar in Cannes, allerdings außer Konkurrenz und damit nicht im Rahmen des eigentlichen Festivals. Gestandene Mannsbilder wie Tarantino oder die Coen-Brüder, die mit „Death Proof“ und „No country for old men“ respektable Filme vorlegten, nahmen dennoch am Wettbewerb teil, steckten gelassen die Kritikerohrfeige ein. Better luck next time. Den Preis gewann schließlich ein kaum bekannter rumänischer Regisseur mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“, einem Film über eine illegale Abtreibung im Rumänien Ceaucescus. Der sicher sehenswerte Film wird auch mit der Preisverleihung nur ein Minoritätenpublikum erreichen.
Zur Zeit brummt es wieder an den Kinokassen. Das ist gut so, denn viele Kinobetreiber sind in den letzten Monaten nicht eben verwöhnt worden. Das Verwertungsfenster der Erfolgsfilme wird immer kürzer. Auch die Ungeduld des jungen Publikums ist enorm. Es gilt als ausgesprochen uncool, den neusten Hit aus Hollywood erst zwei Wochen nach Starttermin gesehen zu haben. Und die Kinobesitzer brauchen das Geld dringend. Der Verdrängungswettbewerb dauert an. Der DVD-Boom nagt an den Einnahmen an der Kinokasse. Und in nicht zu ferner Zukunft droht der Umstieg auf digitale Projektoren, ein finanzieller Aufwand, den nicht alle mittleren und kleinen Kinounternehmen werden stemmen können.
Auch die großen und kleinen Studios in Hollywood und anderswo sind in permanenten Geldnöten. Der finanzielle Aufwand für eine Großproduktion – Stargagen, Produktionskosten plus ein reichlicher Werbeetat – hat inzwischen astronomische Höhen erreicht. Zwei oder drei Flops genügen, um auch ein großes Studio ins Trudeln zu bringen. Über den recht gelungenen, doch leider an der Kasse nicht sehr erfolgreichen Western „Open Range“ von und mit Kevin Costner hieß es in einem Online-Film-Magazin, er habe „nur 27 Millionen Dollar“ gekostet. Von solchen Etats können die meisten deutschen Filme auch heute nur träumen.
Doch im Augenblick werden die Zuschauer gut bedient. Erst bescherte „Spiderman“ (3. Teil) den Kinobesitzern volle Häuser. Danach sah man wieder mal Schlangen an den Kinokassen, als Captain Sparrow und seine durchgeknallte Crew zur Fortsetzung der Piratenhatz einlud („Fluch der Karibik“, Teil 3). Mit beiden Filmen durfte sich der Besucher gut unterhalten fühlen. In „Spiderman“ wurden der eher holzschnittartige Charakter des Helden und die eher dürftige Story der Comicvorlage kräftig unterfüttert, komplex ausgestaltet und mit einer hervorragenden Riege von Darstellern veredelt. Auch der dritte Teil der Piratensaga war keine dröge Wiederholung, sondern ein wirklich neues Abenteuer mit teilweise ungemein eindrucksvollen Filmsequenzen. Selbst der Gastauftritt von Rock-Urgestein Keith Richards als Vater des Oberpiraten geriet erheblich weniger peinlich, als mancher befürchtet hatte. Da der Stones-Gitarrist ein notorischer Nuschler ist, musste er nur wenig sagen. Aus Altersgründen ersparte man ihm riskante Fechtszenen in der Takelage. Und da er in letzter Zeit ein wenig fallsüchtig war, setzte man ihn schnell auf einen Stuhl und drückte ihm eine Klampfe in die Hand. Damit kann er nun wirklich umgehen. Peinigender Gedanke für ältere Filmbesucher, dass möglicherweise die Hälfte des überwiegend jugendlichen Publikums weder Keith Richards noch die Anspielung auf den legendären Lead-Gitarristen der Rolling Stones erkennen würde. Beide Filme glänzen mit rasanten Actionszenen und atemberaubenden Spezialeffekten. Popkorn-Kino im besten Sinne des Wortes.
Die Nische für den kleinen Film
Wo bleibt bei all der Kraftmeierei der Hollywood Dream Factory der kleine Film, der unangepasste Streifen, der sich mit Minderheiten und nicht angesagten Themen befasst? Erfreulicherweise ist die Nische für ihn immer noch da. Erstens geht der Kinokonsum der jungen Generation eher etwas zurück. Daran mögen immer aufwendigere Computerspiele, das ständig wachsende Unterhaltungsangebot des Internet und der schon erwähnte DVD-Konsum schuld sein. Offensichtlich finden auch wieder mehr Ältere den Weg ins Kino. Warum sonst würden in Großstädten spezielle Filmreihen mit Namen wie „50 plus“ angeboten werden? Überhaupt sind Popkorn-Kino und Problemfilme keineswegs Gegensätze, sondern bedingen einander. Ein Erfolgsfilm finanziert manche kleinen Filme mit. Und die Kinozentren mit den vielen Leinwänden brauchen den Minoritätenfilm für die kleinen Säle. Schließlich sind die einst despektierlich als B-Movies (B für „low budget“ = kleiner Etat) bezeichneten Filme die Spielwiese für die zukünftigen Spielbergs und Scorceses. Denn die haben auch mal klein angefangen.
Vor einigen Monaten hat ein erfolgreicher Filmproduzent eine Breitseite gegen die deutsche Filmkritik abgefeuert und heftig moniert, dass die deutschen Kritiker den deutschen Film mies behandelten und insbesondere aufwendig produzierte Filme – er hatte wohl vor allem „Das Parfüm“ im Sinn – mit gnadenlosen Verrissen schlecht machten, gleichzeitig aber Filme in den Himmel lobten, die keiner sehen wolle. Er hat damit eine heftige und durchaus interessante Diskussion über Richtung, Sinn und Zweck der Filmkritik in den deutschen Feuilletons losgetreten. Peinlicherweise hat der Mann völlig vergessen, dass er mal als Filmkritiker tätig war und dabei Filme, die seinen künstlerischen Ansprüchen nicht genügten, erbarmungslos verriss. Findige Filmkritiker zitierten genüsslich aus seinen alten Filmbesprechungen. Aber dann wird es schon ein wenig bizarr, wenn Kritiker ehemaligen Kritikern ihre alten Kritiken um die Ohren hauen, außer dass dies eine wunderschöne Bestätigung der tief-philosophischen Einsicht aus der guten alten „Pardon“ ist, die da lautet: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“
Genug davon. Trösten wir uns mit ein paar simplen Einsichten. Kritiken beeinflussen auch im Filmbereich den Massengeschmack kaum. Publikums-renner unterliegen anderen Gesetzen. Andererseits machen selbst euphorische Kritiken aus einem Film über ein schwieriges Thema keinen Hit an der Kinokasse. Allein publikumsträchtige Auszeichnungen wie der Oscar haben einen messbaren Effekt, der sich jedoch auch in Grenzen hält. Letztlich schreibt der Kritiker für den kleinen Kreis von Menschen, denen Kino wirklich am Herzen liegt. Damit muss er leben. Und so schlecht lebt sich’s damit nicht.
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