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Wie schlecht ist unser Fernsehprogramm?

   
 

– Nachgedanken zu einer Preisverleihung

   
 

Was Besseres hätte der Veranstaltung nicht passieren können. Sie hatte sich schon einige Zeit mühsam dahingeschleppt, und auch das unbestrittene Unterhaltungstalent Thomas Gottschalks hatte nicht verhindern können, dass sich langsam gepflegte Langeweile breitmachte, als es schließlich geschah. Der 88-jährige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, hatte keinen Bock auf den Preis mehr. Er lehnte unter Hinweis auf die erbärmliche Qualität der am Abend gebotenen und preisgekrönten Programme die Auszeichnung ab. Zum Glück für das Fernsehen verfügt Gottschalk neben Showbegabung auch über Geistesgegenwart und die Gabe der Improvisation, und es gelang ihm, mit einem Diskussionsangebot über Qualität im Fernsehen – das Streitgespräch wurde eine knappe Woche später vom ZDF ausgestrahlt – den erbosten Kritiker ein wenig zu beschwichtigen und den Eklat etwas zu entschärfen.
Die Szene hatte etwas durchaus Anrührendes. Da stand ein hoch betagter, inzwischen auch sichtlich hinfälliger Greis und stemmte sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Flut des Trivialen, Belanglosen und Banalen, hielt das Banner der Kultur hoch, plädierte mit dem Mut der Verzweiflung für Qualität und Anspruch. Ein einsamer Rufer in der Wüste?

Im Fernsehen „ein alter Hase“

Vorsicht. Wer da so heftig auf das Fernsehen eindrosch, ist selbst ein alter Hase. Er hat das Medium mit großer Freude und viel Geschick für seine Zwecke eingesetzt. Mit erhobenem Zeigefinger und jugendlicher Begeisterung hat er in seinem unnachahmlichen Deutsch literarische Werturteile gefällt, sich gelegentlich dabei ziemlich verrannt, hat sich mit seinen KollegInnen vom „Literarischen Quartett“ hin und wieder heftig gezofft und hat es geschafft, eine erstaunlich große Anzahl von Menschen in seiner Sendung für literarische Inhalte zu interessieren. Natürlich hat das nicht allen gepasst, und Günter Grass, seit Jahrzehnten trotz gelegentlicher Gedächtnislücken (freiwillige Meldung zur Waffen-SS) die höchste, wenn auch selbst ernannte, moralische Instanz in Deutschland, konnte nicht umhin, Reich-Ranicki zu attestieren, er habe literarische Inhalte nicht popularisiert, sondern trivialisiert. Diese kleine Boshaftigkeit mag wohl auch damit zu tun haben, dass der Kritiker nicht nur den literarischen Rang der „Blechtrommel“ nicht sofort erkannte, sondern auch noch die Unverschämtheit besaß, einen veritablen Verriss von „Ein weites Feld“ zu schreiben.
Natürlich besitzt Reich-Ranicki, auch wenn er sich des Fernsehens gern bedient hat und es nicht unwesentlich zu seiner Popularität beigetragen hat, das Recht, dieses Medium zu kritisieren und ihm ein erbärmliches Niveau zu attestieren. Eine weit wichtigere Frage ist, ob er mit seiner Kritik richtig liegt.

Aggressive Kritik

Es ist eine der Lieblingsbeschäftigungen des Feuilletons, auf das Fernsehen einzuprügeln. Je mehr die Fernsehsender den Printmedien das Wasser abgraben und die Leser abspenstig machen, desto aggressiver und bösartiger wird die Kritik. Auch auf diesen Seiten ist schon heftig geklagt worden über peinliche Erotikshows, banale Soaps, unsägliche Talkshows am Nachmittag mit so „heißen“ Themen wie „Sind dicke Frauen besser im Bett?“. Harald Schmidt, der nicht umsonst den Spitznamen „dirty Harry“ trägt, hat es gewagt, das böse, doch wahre Wort vom Unterschichtenfernsehen öffentlich auszusprechen. Dabei gibt es doch in Deutschland gar keine Unterschicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Allerhöchstens gibt es ein „Prekariat“, das klingt unverfänglich und wissenschaftlich, ist ein der Soziologie entlehnter Fachterminus und erzeugt keine unangenehmen Assoziationen.
Wer in der Hartz-IV-Falle landet, ist nicht notwendigerweise ein böser Drückeberger, der sich mit der üppig sprudelnden Staatsknete einen faulen Lenz macht. Vielleicht gehört er zu denen, deren Arbeitsplatz einer der „Heuschrecken“ zum Opfer fiel, die schon gern mal ein paar ältere Arbeitnehmer einer von ihnen gekauften Firma entlassen, damit der Aktienkurs ein wenig in die Höhe gekitzelt wird. Er wird sich vielleicht furchtbar schämen, weil er seinem Kind die Klassenfahrt nicht zahlen kann. Ganz sicher wird er im Fernsehen nicht die neueste Produktion des Thalia-Theaters, eine Schulfunksendung über Ibsen oder einen Reisebericht nach Burkina Faso sehen wollen. Er will leichte Unterhaltung, die ihn ablenkt. Und weil wir ein im Wesentlichen kommerziell strukturiertes und orientiertes Fernsehen besitzen, wird er eben dies bekommen.

Hohes Lob im Ausland

Bleibt die Frage, wie schlecht das deutsche Fernsehen wirklich ist. Umfangreiche und wissenschaftlich fundierte Vergleichsuntersuchungen zu anderen Ländern liegen nicht vor. Bleibt der zugegeben nicht sehr wissenschaftliche Versuch, ausländische Mitbürger, die mit dem deutschen Fernsehen vertraut sind, nach ihren Erfahrungen zu fragen. Wer dies tut, wird überrascht sein von dem hohen Lob, das fast uneingeschränkt dem deutschen Fernsehen gezollt wird. Italiener, aber auch Engländer und vor allem Bürger der USA sind von unserem Fernsehen fast durchweg begeistert, loben die Objektivität und Aktualität der politischen Berichterstattung, die Qualität der politischen Magazine und den Umfang und die Auswahl des zumindest streckenweise sehr guten Filmprogramms. Tatsächlich wären etwa Programme wie ZDF, ARD, Arte oder 3-SAT im amerikanischen Fernsehen völlig unvorstellbar. Sind wir eben mal auch ein wenig stolz und lästern nur noch gedämpft.
Auf seinen Lorbeeren kann sich Fernsehen sowieso nicht ausruhen, ihm sitzt mit dem Internet ein bedrohlicher Konkurrent im Nacken. Die Jugend ist schon teilweise dorthin abgewandert.
Und wer den alten Herrn im Fernsehen versäumt hat, wird nicht herumzappen, bis er zufällig eine Wiederholung seines fulminanten Auftritts erwischt. Mit drei Klicks im Internet ist er auf YouTube und kann den grimmen Greis dort noch mal toben sehen. Wer unbedingt will, kann sich auch die moralinsauren Einlassungen von Herrn Grass zu diesem Thema ansehen. Doch das kann man auch lassen.


   
   
 
 
 
 
   
 
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