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20 Jahre Mauerfall. Nachgedanken

   
 

 

   
 

Vielleicht braucht es einen Zeitraum von 10 oder gar 20 Jahren, damit man Umfang und Ausmaß des Wandels begreifen kann, der damals seinen Anfang nahm. Man muss es aus der Rückschau sehen, um zu verstehen, welche Kette von Zufälligkeiten, Irrtümern und Falschmeldungen letztlich zur Öffnung der Mauer führten. Man muss sich vergegenwärtigen, dass ein paar Schüsse eines nervösen Grenzbeamten leicht ein Blutbad hätten auslösen können, statt der größten improvisierten Party, die Berlin je erlebte. Und weil Weihnachten naht, muss man wieder einmal daran erinnern, dass viele der Beteiligten den völlig unblutigen und weitgehend friedlichen Verlauf der Einigung auch aus der Distanz von 20 Jahren noch für ein Wunder halten.
Es hat wohl kaum einen stärker mit Emotionen aufgeladenen Augenblick in der Geschichte der BRD und der DDR gegeben als den Moment, da sich gegen 22.30 Uhr am Grenzübergang Bornholmer Straße die Sperrgitter endgültig öffneten und immer mehr Menschen in den Westen drängten, die meisten lediglich mit der Absicht, einmal etwas Westberliner Luft zu schnuppern oder den Kurfürstendamm entlang zu schlendern.
Nie vorher ist eine historische Wende so umfänglich von den Medien begleitet und auch beeinflusst worden. Als Hanns Joachim Friedrichs in der ARD verkündete, die Grenze sei offen, hatte noch kein DDR-Grenzer irgendeine Handlungsanweisung erhalten. Es war der Druck von Tausenden von wütenden Menschen und die Vernunft besonnener, wenn auch überforderter Grenzsoldaten, die zur Öffnung der Grenze führten. Unvergessen die schon etwas ältere Dame, die, als sie gefragt wurde, wie sie es so schnell zum Grenzübergang geschafft habe, kokett den Mantel etwas lüpfte, um ein Stück Nachthemd sehen zu lassen.
Aber selbst damals und in den folgenden Tagen hätte sich kaum jemand vorstellen können, mit welcher Schnelligkeit der marode DDR-Staat hinweggefegt werden und von seinem kapitalistischen Erzfeind einverleibt werden würde. Und wer damals prophezeit hätte, ein ehemaliger DDR-Bürger würde je deutscher Bundeskanzler werden – an eine Kanzlerin hätte eh niemand zu denken gewagt – wäre sowieso als Fantast und Spinner bezeichnet worden.
Natürlich ging manches schief. Für vieles hätte man sich mehr Zeit lassen sollen. Die arroganten Besserwessis eckten häufig an. Die von Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ blieben aus. Nicht jeder hatte Verständnis für die Riesensummen, die in die ehemalige DDR flossen. Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit mit Stasibeamten und IMs führte oft zu schmerzlichen Verwerfungen. In dem oft als kalt empfundenen, von Profit und Erfolgsdenken geprägten neuen Staat fühlten sich viele ehemalige DDR-Bürger nicht wohl und auch nicht akzeptiert. Bei allen Bespitzelungen und Schikanen hatte es in der DDR auch bequeme Nischen gegeben. Und natürlich wehrten sich Menschen dagegen, ihr bisher gelebtes Leben quasi unter der Überschrift Misserfolg abzubuchen. Kein Wunder, dass eine gewisse Ostalgie aufkam. Und natürlich machten auch einige recht schräge Gestalten aus der ehemaligen DDR eine von vielen misstrauisch beäugte Karriere. Gysi ist zumindest eine sehr schillernde Gestalt, und in seiner Partei finden sich manche in der Wolle gefärbte Parteikader alter Prägung.

Was auch nicht vergessen
werden sollte

Manche Probleme wird die Zeit lösen. Manches wird auch in Vergessenheit geraten, das dies nicht verdient. In der DDR gab es ein durchaus funktionierendes Betreuungsangebot für berufstätige Mütter, dessen Standard weit über dem der alten BRD lag und in vielen Teilen Deutschlands heute noch nicht erreicht ist. Dass der Staat damit vor allem ökonomische Interessen verfolgte, ändert nichts an der Tatsache, dass die Emanzipation der Frau in der DDR deutlich ausgeprägter war. Es gab in der DDR ein lebhaftes Kulturleben. Innovative Theaterregisseure wurden auch gern zu Gastinszenierungen in den Westen eingeladen. Die DDR verfügte über eine Riege von brillanten Theater- und Filmregisseuren. Es wurden hervorragende Filme gemacht. Die DDR-Verfilmung von Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ ist auch heute noch sehenswert, der späteren, hochrangig besetzten amerikanischen Verfilmung ist sie deutlich überlegen und war Hollywood immerhin eine Oscarnominierung wert. Die literarische Szene der DDR war vielfältig und produktiv. Allerdings gelang es den Betonköpfen um Ulbricht und Honecker nicht, mit diesem Pfund zu wuchern. Im Gegenteil. Immer wieder wurden begabte Künstler mit Berufsverbot belegt oder gar ausgewiesen. Letztlich war die DDR natürlich ein Unrechtsstaat, der Querdenker und Dissidenten unnachsichtig verfolgte und bei Bedarf jahrelang unter üblen Bedingungen einkerkerte.
Man muss die DDR vor dem Vergessenwerden bewahren. Sie ist ein wesentlicher und wichtiger Teil unserer Geschichte. Auch ihre monströse Seite darf nicht verdrängt werden. Bis heute halten sich hartnäckig Gerüchte, der Krebstod des regimekritischen Schriftstellers Jürgen Fuchs sei durch heimlich vorgenommene, hoch dosierte Röntgenbestrahlungen durch die Stasi während dessen Gefängnisaufenthalt verursacht worden. Menschenverachtender kann man mit Dissidenten nicht umgehen.
Das Nichtvergessen gilt in besonderem Maß dem unmenschlichen Schießbefehl. Wer alt genug ist, wird nie vergessen, wie man den angeschossenen „Republikflüchtling“ Peter Fechter gut ein Jahr nach dem Mauerbau auf DDR-Gelände verbluten ließ.

Alltagsleben in der DDR

Auch das Alltagsleben der DDR mit seinen oft skurrilen und bizarren Zügen, dem ewigen Schlangestehen, den begehrten „Bückwaren“, ist erinnernswert. Erfreulicherweise gibt es dafür inzwischen einige hervorragende Spielfilme, von denen „Goodbye Lenin“ von Wolfgang Becker und „Sonnenallee“ von Leander Hausmann zu den bekanntesten und besten zählen. Bei entsprechender Vorbereitung könnten diese Streifen– etwa in der Form von Schulvorführungen – unseren Jugendlichen einen lebendigen und äußerst unterhaltsamen Eindruck einer deutschen Wirklichkeit vermitteln, von der der heutige Fünfzehnjährige schon weit entfernt ist. Zum DDR-Alltag gehört auch der Versuch, christliche Symbolik durch ideologisch einwandfreie Sprache zu ersetzen, was zu der „geflügelten Jahresendfigur“ für den Engel geführt hat. Dieser geniale Ausdruck ist in seiner verschwurbelten Gespreiztheit zumindest eine Fußnote wert.



   
   
 
 
 
 
   
 
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