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Zwei auf einem Boot...

 


Sie sind wieder da, zurück von einer dreijährigen Segeltour durchs Mittelmeer. Das hatten wir gehört. Näheres über die frühere Dinkelsbühler Kantorin Elisabeth Weissenberger und ihren Ehemann Thomas erfuhren wir aus einem Heft des „NordseeMagazins“. Sie hatten sich im August 2006 in Garding auf der Nordseeinsel Eiderstedt niedergelassen. Garding war ihre erste Wahl: „Wenn man einmal auf See war, dann will man nicht mehr in die Enge“, äußerte sich Elisabeth Weissenberger laut diesem Magazin-Bericht. Sie meint damit die süddeutsche Landschaft und speziell die „Berge um sich herum“. Auch die Touristen, die nach Eiderstedt kommen, verhielten sich anders als die, die ihr 20 Jahre lang in Dinkelsbühl begegnet seien: „Das waren Tagesgäste, die durch die historische Altstadt hetzten, nach Eiderstedt aber kommen viele Urlauber immer wieder, oft jedes Jahr zur gleichen Zeit.“ Trotzdem sieht man die beiden immer wieder in Dinkelsbühl, vor der Post oder so; Dinkelsbühl ist nicht vergessen und in seiner Andersartigkeit einen Besuch wert.
Auch wenn wir wie viele in den drei Segeljahren der Weissenbergers gelegentlich ihr Internet-Tagebuch aufgerufen hatten und darin viele interessante Erlebnisse beschrieben fanden, waren wir nun doch neugierig geworden auf einen Bericht für Funkfeuer, den uns Thomas Weissenberger samt zahlreichen Fotos lieferte. Vielen Dank!

Zwei auf einem Boot...

...ganz zu schweigen vom Hunde: nach über 20 Jahren in Dinkelsbühl als Kantorin und Kunstmaler sind Elisabeth (geb. Linsenmeyer) und Thomas Weisenberger 2003 auf ein Segelboot in Griechenland übersiedelt. Hier einige Eindrücke aus drei “Seejahren”:
Das funktioniert ähnlich wie in manchen Zukunftsromanen beschrieben: Es gibt jeweilige “Zeitqualitäten” und in diesen öffnen sich manchmal Lücken oder “Fenster” in der Zeit, durch die man in eine andere Dimension gelangen kann. Wenn man will. Wir wollten. Und so fanden wir uns Anfang Mai 2003 statt auf dem Kopfsteinpflaster Dinkelsbühls auf dem Teakdeck eines komfortablen Zweimasters wieder. Der lag vertäut in einem riesigen Yachthafen und hatte einen Motorschaden.

Spätestens da war klar, dass es auch in der “neuen Dimension” sehr real zugeht, und als wir nach einem guten Mechaniker suchten, war auch klar, wo wir sind. In Griechenland nämlich. Da gibt es nur “Supermarkets”, auch wenn sich diese Bezeichnung oft auf einen winzigen “Tante Emma Laden” bezieht, und unter den Mechanikern gibt es nur “Specialists” – Qualifikation siehe “Supermarkets”... Wir meisterten diese Hürde mit Hilfe eines freundlichen und versierten englischen Ingenieurs. Was uns gleich zu Anfang darauf vorbereitete, dass wir uns wohl in Zukunft nicht allzu oft in unserer Muttersprache verständigen würden. Elisabeth verschaffte sich daraufhin am Bordcomputer mit einem Lernprogramm, das sogar die richtige Aussprache trainierte, einen Grundwortschatz des Neugriechischen. Thomas vertraute auf sein “ziemlich fließendes” Englisch und rudimentäre Französischkenntnisse. Auch er konnte allerdings nicht umhin, ein paar alltägliche und allgegenwärtige “Essentials” des Griechischen zu erlernen: “Kalimera” (Guten Tag), “paragallo” (danke) und “Malakka” (Arschloch) zum Beispiel.

Aber wir wollten ja ohnehin mehr segeln als reden. Allerdings war auch das mit gewissen Herausforderungen verbunden: Wenn an der Nord- oder Ostsee 3-4 Windstärken angesagt sind, wehen diese, etwas mehr oder weniger, meistens von morgens bis abends. In Griechenland gibt es überwiegend entweder wenig Wind, und den nur 2-3 Stunden am Nachmittag (Ionische See), oder Sturm – und den durchgehend 6 Tage lang (Ägäis). Dazwischen ... wenig. Zum Glück hatten wir einen kräftigen Motor an Bord, der uns bei Flauten doch noch an unser Ziel brachte und uns aus teilweise recht unberechenbar auftretenden Stürmen mit meterhohen Wellen in den nächsten Hafen rettete.

Dort empfingen uns nicht nur Segler aus aller Herren Länder, sondern oft auch recht chaotische Verhältnisse. Jeder legt an, wie er das für richtig hält. Einzige Regel: mitten im Hafen wirft man am Bug einen Anker aus und fährt dann rückwärts ans Pier, um mit dem Heck dort festzumachen. Ob der Anker, den man geworfen hat, auch wirklich hält und die Lücke zwischen den anderen Booten am Pier breit genug ist, bleibt der Einschätzung des jeweiligen Skippers überlassen. Daher zählen dicke Fender-Ballons, die man rund ums Boot hängt, zum unverzichtbaren Bestandteil der Bootsausrüstung. Schäden am Boot im Wert eines kleinen Einfamilienhauses sind sonst unausweichlich und auch gut geschützt nicht immer zu vermeiden. Eine Aufsichtsbehörde existiert zwar in jedem Hafen unter dem beeindruckenden Namen “Port Authority”, tritt stets in blitzblanken weiß-goldenen Uniformen auf – hat aber nicht die geringsten Ambitionen, irgendeine Autorität anzuwenden. Es sei denn, um Hafengebühren zu erheben. Das jedoch eher selten und meist in bescheidener Höhe.

Ansonsten begegneten uns die Griechen nicht selten als charmante Bauern und kosmopolitische Krämerseelen, sensible Machos und weise Provinzler - der mediterrane Mix, gewürzt mit nicht wenig “Balkan” und einem kräftigen Schuss “Orient”. Der dann auch unüberhörbar ist: der unbedarfte Nordmensch wähnt sich vor Ort stets inmitten heftiger Streithändel, bis er darüber aufgeklärt wird, dass es sich hier um den landesüblichen Umgangston handelt. Untermalt von viel “Musik”: in Griechenland werden die Möglichkeiten elektronischer Klangverstärkung in allen Stilrichtungen mit nahezu ungebremster Begeisterung ausgeschöpft. Oft am Hafen, da sich hier gleichzeitig das Zentrum des jeweiligen Ortes befindet, und ebenso oft bis in die frühen Morgenstunden, da die Temperaturen im Sommer oft erst nach Sonnenuntergang zum Verweilen im Freien einladen. So genossen wir alleine schon der Stille wegen unsere Fahrten hinaus aufs Meer immer wieder aufs Neue.

Ohnehin fing der Traum, der uns hier her geführt hatte, erst richtig an, sobald wir den Bug unserer “Unity” durch die Hafeneinfahrt hinaus aufs offene Meer lenkten: das sanfte Gleiten über glasklares Wasser, die blaue Weite, immer wieder unterbrochen durch am Horizont auftauchende Inseln und Küstenlinien, zumeist in stets wechselnden pittoresken Formen, da Griechenland selbst auf der kleinsten Insel mit hohen Bergen und Gebirgen “möbliert” ist.

Irgendwo mitten in der scheinbaren Unendlichkeit beidrehen, die Segel einholen oder die Maschine stoppen und – baden. Sich treiben lassen im warmen Wasser oder in die blauschwarze Tiefe tauchen (das Mittelmeer ist im Gegensatz zu Nord- und Ostsee keine “überflutete Wiese”, sondern weist an den meisten Stellen Wassertiefen von mehreren Tausend (!) Metern auf). Diese Pausen hatten aber auch einen ganz praktischen Nutzen: (Süß-)Wasser ist in Griechenland, und auf einem Segelboot ohnehin, ein extrem knappes Gut. Zum Waschen jedenfalls viel zu wertvoll; das wurde bei den Stopps auf dem offenen Meer stets genußvoll “nebenher” erledigt. Angst vor Haien? Nicht in griechischen Gewässern und nicht auf dem offenen Meer. Dort gibt es für Haie fast keine Beutetiere. Wir wurden nur ein Mal eines winzigen Katzenhais ansichtig: als unerwünschter “Beifang” am Rand eines Fischerstegs weggeworfen. Dafür gab es oft Delphine, die in zahlreichen “Schulen” unser Boot passierten oder sich ohne Scheu bis zu einer halben Stunde lang in der Gischt vor unserem Boot tummelten, was immer wieder ein besonderes Erlebnis war.

Fast jeder Segeltag endete, wenn wir nicht einen längeren Törn über Nacht zu meistern hatten, in einem “neuen” Hafen oder einer geschützten Bucht. Immer wieder waren wir gespannt, wo wir im wahrsten Sinn des Wortes “landen” würden. Natürlich waren wir mit aktuellen Führern ausgestattet, aber vor Ort stellte sich das Szenario dann doch immer wieder “ganz anders” dar. Und unsere neuen Nachbarn für einen oder gar mehrere Tage hätte ohnehin kein Führer der Welt beschreiben oder gar vorhersagen können. “Spinner”, Philosophen, Lebenskünstler, Weise und Narren (oft identisch), Pragmatiker und Träumer (oft in Kombination). Ob aus Norwegen oder Australien, Frankreich oder den USA – die ganze Welt vergnügte sich rechts und links von unserem Boot. Viele spannende und aufschlussreiche Gespräche wurden geführt, wir konnten viele liebenswerte Menschen kennenlernen – aber natürlich auch feststellen, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, auf deren Bekanntschaft man herzlich gerne verzichten würde.

Und wo bleibt die Kultur? Wir segelten, auch wenn wir den Chefredakteur dieser Institution zu unserem Freundes-kreis zählen, nicht “nach Baedeker”. Das heißt: wo wir zufällig “alte Steine” entdeckten (und das fällt in Griechen-land gewiss nicht schwer), begutachteten wir sie interessiert, unternahmen auf unseren Bordfahrrädern oder mit Leihmopeds zuweilen sogar schweißtreibende Ausflüge ins Landesinnere, aber unser Haupt-interesse galt, wo nicht dem dezidiert maritimen Bereich, doch eher dem “lebenden” Griechen-land. Was diesem vielleicht nicht immer recht sein konnte. Milliardenschwere Verschwendung von EU-Subventionen, zu besichtigen an oft nur halb fertig gestellten Häfen und Sportstätten, die schon wieder zu verfallen beginnen; Beispiele von blühender Korruption, oft genug von griechischen Ge-sprächspartnern beklagt. Ein Blick ins Internet förderte das Zitat eines EU – Kommissars zutage: “Die durch Fördergelder erhofften Anstöße und Synergie-Effekte belaufen sich im Fall Griechenlands gegen Null.” Dazu die Müllberge und das herzzerreißende Elend der zahlreichen, oft mutwillig gequälten Straßenhunde. Am Anfang unserer Reise gewann eine junge Hündin unsere Sympathie, und da sie bildschön, lammfromm und in der “passenden” Größe war, durfte Pia mit an Bord (und später mit nach Deutschland). Jeder Griechenland-Kenner preist ihr Schicksal, weiß er doch von den absichtlich über- und angefahrenen, getretenen, vergifteten oder auf alle denk- und undenkbare Weise misshandelten Kreaturen, denen man überall begegnet. Irgendwann waren wir bereit, festzustellen, dass es in einem Land, in dem solche Scheußlichkeiten stattfinden, zuweilen schwer fällt, sich in “Europa” zu wähnen. Viele Griechen erkennen (nicht nur) diese Missstände. “Sie werden sehen, irgendwann wird auch Griechenland europäisch”, meinte tapfer eine sympathische Dozentin der Universität Thessaloniki bei einem aufschlussreichen Gespräch. Der gebildete Luftfahrtingenieur aus Athen oder der weltgewandte Geschäftsmann aus Lefkas und viele weitere Landsleute, mit denen wir ins Gespräch kamen, bestätigten sowohl die Schwierigkeiten als auch die Hoffnungen, die den Wandel am Rand Europas begleiten.

Was bleibt als persönliches Fazit dieser ereignisreichen Jahre? Dass unsere “Zeit auf dem Meer” ein unvergessliches Erlebnis war, das wir nicht missen wollen. Dass wir, zu Beginn der Reise ein frisch vermähltes Ehepaar, reichlich Gelegenheit hatten, harmonisch zusammenzuwachsen, auch wenn an den besonderen Anforderungen der Fahrtensegelei die Beziehung vieler Ehepaar-Crews eher leidet. Einige Bilder wurden gemalt, viele Texte geschrieben, dazu ein Kindermusical komponiert (Elisabeth hatte ein elektronisches Klavier an Bord). Nicht zuletzt konnten wir jenseits allen “Alltags” Kraft schöpfen und neue Ideen entwickeln, die wir seit Juli 2006 versuchen, auf der schönen Nordsee-Halbinsel Eiderstedt zu verwirklichen. Elisabeth als Komponistin, Organistin und Kantorin an der St. Christian-Kirche in Garding; Thomas als Maler, Schreiber und – mit nicht geringem Spaß – als “Kantorinnen-Gatte” und Bassstimme in zwei Chören. “Denen die ‚Gott‘ (und damit ist ganz sicher auch das Leben als solches gemeint) lieben, dienen alle Dinge zum Besten.” Das steht in der Bibel, und wir können es nach all den Erlebnissen der letzten Jahre nur bestätigen.

Mehr vom Meer und “MSY Unity” im Internet unter: www.msy-unity.de.vu

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
von Ernst-Otto Erhard
   
 
"Eine ebenso liebevolle wie kritische Diagnose" (Charivari)
   
 
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Erhältlich in allen Buchhandlungen Dinkelsbühls und beim Funkfeuer-Verlag, Am Anger 5, 91550 Dinkelsbühl, Tel.: 09851 / 5703112
   
 
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