| |
Wie kommt es, daß im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einzelne Künste aus einem zuvor gefristeten Schattendasein heraustreten und mit einemmal den Glanz einer temporären Hochblüte erleben? Die Gründe dafür sind unterschiedlich, meist vielschichtig, oft auch rätselhaft und gar nicht auszumachen. Als ein Sonderfall dieses Phänomens erscheint die Entstehung einer vielbeachteten Bildhauerkunst in England seit der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Ein Sonderfall insofern, als diese Entwicklung offenkundig ausgelöst wurde durch das machtvolle Auftreten der einen Künstlerpersönlichkeit Henry Moore.
Ihn, seine Person und sein Werk, an dieser Stelle zu vorzustellen, erübrigt sich: Seine meist monumentalen Skulpturen sind weltweit bekannt, sein Schaffen in zahllosen Publikationen gewürdigt. Besondere Würdigung freilich verdient das Zustandekommen dieser großen, für eine Privatinitiative ungewöhnlich aufwendigen Ausstellung und ihr Konzept. Den ersten Plastiken begegnet der Besucher schon weit vor dem Museum im Herzen von Schwäbisch Hall. Ihre Reihe beginnt auf dem Marktplatz vor der Michaelskirche, sie setzt sich flußwärts fort am Keckenhof, auf dem Grasbödele, beim Globe-Theater und reicht dann am anderen Kocherufer hinauf zur Kunsthalle und zur Katharinenkirche. Dieser „Henry-Moore-Weg“ mit 12 Skulpturen des Künstlers (unter ihnen die von Würth neuerworbene fünf Meter hohe „Large Internal Form“) ist vielleicht der schönste Teil der Ausstellung. „Die Plastik ist eine Freilichtkunst. Sie braucht Tageslicht, Sonnenlicht.“ Vor den wechselnden Kulissen der alten Stadt und bei gutem Wetter bestätigt sich dieses Credo Henry Moores in besonderer Weise.
Die Ideenwerkstatt
Im Inneren der Kunsthalle, auf der mittleren Ebene, die ganz Henry Moore vorbehalten ist, präsentieren sich dann weitere 62 Skulpturen (unter ihnen auch ein paar der selteneren Holzformen) mit charakteristischen thematischen Schwerpunkten wie „Mutter und Kind“, „Hände“ oder „Innere/Äußere Form“, dazu eine Reihe von Graphiken. Im Zentrum des Stockwerks stößt der Besucher auf einen kleineren, fast intimen Raum. Eine Art Schrein, birgt er eine besondere Kostbarkeit: das originalgetreu nachgebaute und eingerichtete Studio des Künstlers in Perry Green, bestückt mit einer Fülle kleiner dreidimensionaler Gegenstände, darunter Kiesel, Knochen, Muscheln etc., Funde also aus der Natur, welche dem Künstler als „organisch-formende Kraft“ (Erich Steingräber) galt, und zwischen und neben ihnen die berühmten Maquetten, kleine Entwurfsvarianten aus Ton oder Gips, die meist als Vorstudien für spätere große Bronzegüsse dienten. Bozzetti nannte man in der Renaissance solche plastischen Skizzen, die damals nur einen vorübergehenden Nutzwert hatten; bei Moore, in dessen Schaffensprozeß sie seit den 50er Jahren zunehmend an die Stelle vorbereitender Zeichnungen traten, wurden sie zu einer Kunstgattung eigenen Rechts. Dieser Raum, sozusagen eine Ideenwerkstatt, in der man auf die ersten, auslösenden Impulse für Moores Werk trifft, dürfte sicherlich das besondere Interesse der Besucher wecken.
Grandfather, grandmother und neun Söhne und Enkel
Der offizielle Titel der Ausstellung lautet „Henry Moore: Epoche und Echo“. Das untere Stockwerk der Kunsthalle, das ja inzwischen beträchtlich in Richtung Sudhaus erweitert ist, beherbergt die Werke 10 weiterer englischer Bildhauer, die hier als „Echo“ auf den Durchbruch Moores vorgestellt werden. Ausnahme unter ihnen ist Barbara Hepworth, die, nur wenig jünger als grandfather Moore, liebevoll als grandmother der englischen Bildhauerkunst bezeichnet wird und gleichzeitig mit ihrem berühmteren Kollegen an der Entwicklung einer neuen, abstrakten englischen Avantgarde mitwirkte. Die auf diese „Großeltern“ folgenden Generationen von künstlerischen Söhnen und Enkeln, die hier in Schwäbisch Hall vorgestellt werden, sind nun freilich nicht etwa, wie man erwarten könnte, nachahmende Epigonen des großen Meisters, stilistisch von diesem abhängig. Es gehört vielmehr zur besonderen Art von Moores Wirkung, daß er die jungen Begabungen keineswegs einengte; er übte vielmehr einen „freisetzenden“ Einfluß auf sie aus und inspirierte sie zur Entdeckung eigener Wege. Einen Eduardo Paolozzi etwa, der die glatten Oberflächen Moores aufbricht und oft mit Formen alltäglicher Industrieprodukte strukturiert. Oder einen David Nash, der bei seinen Holz-skulpturen in seine Gestaltungsideen die naturbedingten Veränderungen einbezieht, welche das noch feuchte Holz beim Trocknen annimmt. Dazwischen sollte der Besucher auch einmal etwas Sinn für englischen Humor aufbringen, wenn sich ein Barry Flanagan, der als Concept-Künstler begonnen hat, danach entschließt, Bronzegüsse von Hasen zu fertigen mit der Begründung, daß dieses Tier mit seinen langen Ohren, dem Stummelschwanz, den Pfoten etc. viel ausdrucksstärker sei als der Mensch. Ein Raum ist natürlich auch Anthony Caro gewidmet, dem Reinhold Würth schon längere Zeit seine besondere Aufmerksamkeit widmet und dessen berühmtes „Last Judgement“ jetzt wieder in der Johanniterhalle unweit der Kunsthalle in Szene gesetzt ist.
Der diesmal besonders aufwendig gestaltete und sorgfältig gearbeitete umfangreiche Katalog bietet brillante Aufnahmen der ausgestellten Werke, außerdem eine ausführliche Würdigung Henry Moores und treffende Kurzcharakteristiken der weiteren 10 englischen Bildhauer.
Öffnungszeiten:
täglich 10-18 Uhr, Eintritt € 5,
Führungen sonntags 11 und 14 Uhr
|