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Horst Antes: „und morgen male ich vielleicht ein Bild“
Mehr als nur Kopffüßler
Horst Antes ist, wer wüßte das nicht, der Erfinder des „Kopffüßlers“, jener Gestalt, deren Füße oder Beine, soweit vorhanden, unter Auslassung des eigentlichen Körpers, unmittelbar aus dem Kopf hervorzuwachsen scheinen. Dieser Erfindung verdankt der Künstler wenn nicht seine hohe Wertschätzung, so doch seinen an Popularität grenzenden Bekanntheitsgrad. Beides, die Wertschätzung und der Bekanntheitsgrad, spiegelten sich auch in der Vernissage, mit der in der Kunsthalle Würth die retrospektive Schau zu Ehren des 70jährigen Meisters eröffnet wurde:
600 Besucher hatten sich angesagt, weit mehr als der Festsaal aufnehmen konnte; der Oberbürgermeister und Reinhold Würth persönlich sprachen Grußwort und Schlußwort. Zwischen beiden Rednern die einführenden Erläuterungen durch Professor Peter-Klaus Schuster, den Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, der sich trotz aller Dringlichkeiten knapp vor der Wiedereröffnung des Bode-Museums für einen Tag aus Berlin ausgeklinkt hatte, um dem Event in Hall rhetorischen Glanz zu verleihen.
In einer reizvollen historischen Passage seines Vortrags verfolgte Schuster die Vorstellungen von einer Menschengestalt ohne Körper, ohne „body“, eines „no-body“ also, eines „Niemand“. Als „Niemand“ habe sich einst Odysseus vor dem Zugriff der Kyklopen gerettet, ein „Niemand“ erscheine auch häufig in der frühneuzeitlichen Graphik und sei auch im Idiom des Oberdeutschen, dem Antes entstamme, präsent, als ein „Jemand“, der freilich nicht benennbar sei. Von hier zur Gestalt des „Jedermann“ sei kein weiter Weg. Bestätigt habe ihm diese Deutung Horst Antes selbst mit einem Kinderbilderbuch, das von niemand anderem als eben vom „nobody“ handle.
So genußreich Schusters Rede insgesamt anzuhören war, die Erfindung des „Kopffüßlers“ und das jahrzehntelange Beharren des Künstlers bei dieser Gestalt blieben dennoch rätselhaft. Einen eindringlicheren Versuch des Verstehens unternahm Andreas Franzke. Im 2.Band des noblen, in einem Schuber geborgenen dreiteiligen Katalogs beschreibt er, wie diese am Menschenbild ausgerichtete, zentrale Figur es dem Künstler erlaubt, einerseits ohne die Zwänge der Abbildlichkeit, andererseits frei von einem Soll an Abstraktion, Personifikationen zu erfinden, die von Bild zu Bild einen enormen Wandel an Emotionen, Einsichten und Beobachtungen ermöglichen. Keine nobodys also, würde der unbefangene Betrachter meinen, sondern ausgeprägte Individualitäten in immer neuen Situationen sind auf diese Weise entstanden.
Das Jahr 1982 brachte eine Zäsur im Schaffen des Künstlers. Der Falklandkrieg zwischen England und Argentinien begann. Antes empörte sich über diese Barbarei zutiefst, mit einschneidenden Konsequenzen für sein Arbeiten: Die Folge der „Kopffüßler“ endet jäh. Figuren weiterhin „von innen nach außen“ zu malen, wie er sein bisheriges Verfahren nannte, sie also von ihrem wesenhaften Kern her zu entwickeln, gelang ihm nicht mehr. Menschen begegnen seitdem in seinem Werk nurmehr als Silhouettenfiguren, bisweilen in der Form hoher flacher Statuen, manchmal eingefügt in die Umrisse fin-ster gemalter Häuser; letzteres ein Motiv, in der Ausstellung vielfach vertreten, das sich einer raschen Akzeptanz durch den Besucher möglicherweise widersetzt. Anziehend auf den ersten Blick erscheinen dagegen die zahlreichen aus feinstem Gold gearbeiteten kleinen Votivfiguren. In Acrylkästchen vorgestellt, mit einer quasisakralen Aura umgeben, sind sie Antes’ erste künstlerische Hervorbringungen nach dem Schock von 1982.
Eine besondere Attraktion bietet die Haller Ausstellung mit einer Auswahl aus den Studiensammlungen des Künstlers. Antes sammelte zeitlebens, und zwar recht disparate Objekte. Zu ihnen gehören etwa aus einem völkerkundlich-exotischen Bereich die phantastischen Katsina-Figuren der Hopi-Indianer, der farbenprächtige Federschmuck südamerikanischer Indianer und die kultischen Voodoo-Gefäße aus Afrika, aber auch moderne Spielzeugroboter (vom Künstler als „Gegenwartsidole“ verstanden) oder eine Serie Milchkannen, Einschulungsfotos, sowie ABC-Bücher. Was solch verschiedenartigen Fundgegenständen dennoch gemeinsam ist: In allen fand Antes Assoziationen zu seinem zentralen Thema der Menschengestalt. Nicht etwa daß er nachweisbare formale Anleihen bei ihnen genommen hätte, ihre stimulierende Wirkung liegt tiefer. Aufs ganze gesehen bestätigen die gesammelten Objekte die Offenheit und stets wache Bereitschaft des Künstlers, sich kreativ auf Neues einzulassen, die sich auch in seinen Arbeiten zeigt.
Öffnungszeiten täglich von 10 bis 18 Uhr;
öffentliche Führungen:
sonntags 11 und 14 Uhr
„Literatur kann man sehen“
Sehenswerte Beweise in einer Ausstellung
Darüber, ob man Literatur über die Dokumentation durch Handschriften und Texte hinaus in einer Ausstellung optisch vermitteln kann, haben wir uns vor Jahren in einem Pro und Contra zum Museum Wolfram von Eschenbach in Wolframseschenbach Gedanken gemacht. Eine Ausstellung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall, geplant und durchgeführt als Beitrag zu den Baden-Württembergischen Literaturtagen 2006, will mit Werken von Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Hermann Hesse eine Antwort auf die Frage der gegenseitigen Beziehungen von Literatur und Bildender Kunst geben. Die Ausstellung ist, so C. Sylvia Weber, die das Projekt mit konzipiert hat, „Ausdruck des vielfältigen kulturellen Engagements der Würth-Gruppe, die sich neben Musik und Bildender Kunst auch der zeitgenössischen Literatur verpflichtet fühlt, was sich in der Vergabe zweier Literaturpreise, der Veranstaltung hochkarätiger Lesungen und der Stiftung der Tübinger Poetik-Dozentur ausdrückt“ (Funkfeuer berichtet regelmäßig darüber). Die gezeigten Werke stammen zumeist aus der Sammlung Würth, ergänzt durch einige Leihgaben.
Der Zugang zum Anliegen der Ausstellung ist wohl über Günter Grass am leichtesten. Bekannt sind seine Aquarell-Zyklen „Mein Jahrhundert“ (Bild und Text zu jedem Jahr des vergangenen Jahrhunderts), „Fundsachen für Nichtleser“ und „Zunge zeigen“, die im Nebeneinander oder Ineinander den „grenzüberschreitenden Dialog zwischen Bild- und Wortkunst scheinbar mühelos herstellen“, wie es im Pressetext zur Ausstellung heißt. Die ausgestellten Bronzeskulpturen Grass’ literarischen Werken und Motiven zuzuordnen, dürfte ebenfalls leicht fallen, etwa „Aale I –IV“ (1982) oder “Liebespaar I – IV“ (2002). Aquarell und Dichtung zu vereinen, z. B. in den 116 Aquarellen der „Fundsachen für Nichtleser “ (1997), nennt Grass als neu gewonnene lyrische Form „Aquadichte“, „ein Begriff, der der Schulgermanistik kaum handlich sein wird. Wortwörtliche Einfälle, die sich zur Schau stellen.“ Für Grass sind Literatur und Kunst beide wichtig, ergänzen sich gegenseitig als ein jeweils „anderes Werkzeug“.
Im Gegensatz zu Grass, erklärt Enzensberger, vielseitig tätiger Schrift-steller und Publizist, sei er keine Doppelbegabung, aber er wechsle gern das „Spielfeld“, suche eine andere Möglichkeit, mit Sprache umzugehen, wenn ihm, wie er schmunzelnd anmerkt, die rein literarische „zu langweilig“ wird. Was dabei herauskommt, ist WortSpielZeug: „Zwischen das Wort und das Zeug, die Welt, hat der Dichter das Spiel gesetzt.“(Stefan Krass in einem der Begleithefte zur Ausstellung). Das hat eine lange Tradition, zuletzt greifbar in der konkreten Lyrik, die durch Wortzusammenstellungen und grafische Gestaltung der Texte eine Aussage zu machen versucht. Enzensberger selbst ist in dieser Tradition durch seinen „Poesie-Automaten“ bekannt geworden. Die schon zur Selbstverständlichkeit gewordene Möglichkeit, Sprache auf Papier in der 2-Dimensionalität zu gestalten, will Enzensberger in die 3-Dimensionalität erweitern. Man könne keinen Satz sagen ohne körperliche Metapher, was schon in dem Wort „begreifen“ deutlich werde. Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes kann man die von Enzensberger für die Ausstellung entworfenen Beispiele, von denen hier nur eines, für den Verfasser besonders überzeugendes kurz beschrieben sei: ein Klingelschild mit 10 Knöpfen und dem jeweils in anderer Schrift notierten Wort „Fortschritt“. Beim Drücken eines dieser Knöpfe meldet sich “Fortschritt“ in unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen, von begeistert bis resigniert. Man könnte noch eine Spieluhr mit der „ewigen Wiederkehr“ des Songs „Mein Hut, der hat drei Ecken“ beschreiben oder den Volksempfänger mit Jandl-Texten oder die „Ricordi di Laura“ mit 14 übereinander gelagerten, verschiebbaren Textscheiben und vieles mehr, Wörter und Texte, die zum Spiel mit ihnen anregen.
Hermann Hesse, der schon in frühen Jahren seine Neigung zur Malerei erkannte, mußte sich auf diesem Gebiet als Autodidakt und Dilettant betrachten, als er 1912 nach seiner Auswanderung in die Schweiz zu malen begann. Es war eine Zeit der Krise, des Unverständnisses für die gesellschaftliche und politische Entwicklung in Deutschland. Auf die Frage, warum er schreibe, soll Hesse geantwortet haben: „Weil ich nicht den ganzen Tag malen kann.“ Zum Thema der Würth-Ausstellung wäre die Umkehrung von Frage und Antwort relevant gewesen. Eine Menge von eindrucksvollen, meist kleinformatigen Aquarellen sind in Hesses Wahlheimat, dem Tessin, entstanden, oft mit Texten zu „Bildhandschriften“ verbunden, auf Doppelblatt nebeneinander, getrennt auf Einzelblättern oder ohne den direkten Bezug. Auch hier wird man in der Ausstellung sich davon überzeugen lassen, daß man „Literatur sehen“ kann.
Öffnungszeiten täglich von 10 – 18 Uhr.
3 Broschüren zur Ausstellung werden angeboten. |