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Im Kunstmuseum Heidenheim

   
 

Die doppelbödige Kunst des Eckhart Hahn

   
 

Schon Monate vor Eröffnung einer Ausstellung ermöglicht es das Kunstmuseum Heidenheim der interessierten Presse, eine Probe der Exponate, welche die Besucher dort erwarten, sozusagen als Appetitmacher im Internet anzusehen. Wer zuerst dort (so wie der Schreiber dieser Zeilen) den Arbeiten Eckart Hahns begegnet ist, könnte einer Selbsttäuschung erlegen sein, könnte diese für Plastiken gehalten haben. In überzeugender Dreidimensionalität scheinen sie hier wie auf einer Bühne vor unterschiedlich gefärbten Hintergrundtafeln postiert zu sein. Als freilich auf andrem Weg zu erfahren war, dass es sich dabei tatsächlich um Gemälde handelt, stellte sich ein erstes Staunen ein: Welch perfektes Trompe-l'œil, welche Vollkommenheit in der Augentäuschung beherrscht doch dieser Künstler, der dreidimensionale Objekte derart illusionistisch auf eine zweidimensionale Fläche zu bannen vermag. Wem da Gedanken an fotografische Möglichkeiten kommen, mag sich bestätigt fühlen, wenn er liest, dass Hahn – vor einem Studium der Kunstgeschichte und vor einer Ausbildung zum Graphik Designer – als 20Jähriger zuerst ein Grund-bildungsjahr Foto-grafie in Stuttgart absolviert hat.
Doch bei aller Bewunderung für solche maltechni-sches Raffinement: ein zweites, tie-feres Staunen des Betrachters nährt sich aus einer anderen Quelle, aus den seltsamen und zunächst verunsichernden Konstellationen, die sich in allen Arbeiten Hahns finden. Deren Sujets sind zwar in der Regel durchaus bekannt und vertraut, ja traditionell: die ratlos im Wald irrenden Figuren von Hänsel und Gretel etwa, ein wild schießender Cowboy oder ein großer Pelikan. Recht irritierend dagegen wirkt die verfremdende Präsentation der alten, konventionellen Titel und Themen. Ganz oben etwa auf den Wipfeln der Tannen, die zusammen mit Hänsel und Gretel von schneeweißem Zuckerguss eingefasst erscheinen, lodern merkwürdigerweise hell leuchtende Flammen auf, und aus dem Himmel daneben rinnen dicke Tropfen weißer Farbe ins Bild herab; der von rosafarbenem Plastik umhüllte Pelikan wiederum steckt mit seinen gebrochenen, geschienten Beinen in einem gelben Plastikeimer; und es ist offenbar die Pyramide der vier Bremer Stadtmusikanten aus Grimms Kindermärchen, die in ein furchteinflößendes Trio tiefschwarzer Gestalten von Hund, Katze und Rabe mutiert ist.
Sucht man im Internet nach weiteren Arbeiten Hahns, so stößt man auf eine kaum klassifizierbare Vielzahl solcher zunächst befremdlichen Kombinationen von alten Themen und neuartiger Präsentation, darunter dann auch Skulpturen und Installationen. Die Einfälle des Künstlers scheinen keine Grenzen zu kennen. Und entsprechend vielfältig sind auch die Deutungen, die seine Werke gefunden haben. Von einer Variante des Surrealismus oder der Wiederauferstehung des Magischen Realismus etwa ist da die Rede.
In einem Gespräch mit Funkfeuer bestätigte der Künstler das Unzutreffende mancher Interpretationen. Seine Arbeiten, so Hahn weiter, lösen bei den Betrachtern bisweilen heiteres Lächeln aus, zu Recht. Freilich weist die bloße Wahrnehmung von Witz oder auch Humor ohne den dahinterliegenden Ernst, ohne die manchmal mitschwingende Angst auf eine nur unvollkommene Einschätzung seiner Werke. Diese sind durchweg doppelbödig, von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Einerseits zitieren sie immer wieder die alten, noch tief in uns wurzelnden Vorstellungen und Rituale, auf die wir weder verzichten wollen noch können und die auch ernst zu nehmen sind, andererseits ist deren unbegrenzte Geltung inzwischen zu Ende. Unsere emotionalen Festlegungen und Sehnsüchte gehen kaum zusammen mit der für den Menschen von heute allzu rasch entwickelten Virtualität im Denken und Handeln. An eben den Nahtstellen zwischen dem Jetzt und dem Damals setzt die Kunst Eckart Hahns an, stellt beides in- und nebeneinander, wobei etwa – neben vielen anderen Elementen – die wiederholt von ihm verwendeten Plastiktüten bei oder über einem traditionellen Motiv so etwas wie die "Platzhalter unserer Zeit" sind.
So weit der notwendigerweise etwas pauschalisierende Versuch, auf das Werk des Künstlers vorzubereiten. Die Würdigung seiner Präsentation in Heidenheim können wir hier nicht vornehmen, das Heft erscheint am Tag der Vernissage.

Die Ausstellung läuft bis zum 26.2.2012
Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 12 und 14 – 17 Uhr, Mi 10 – 12 und 14 – 19 Uhr, Sa, So und Feiertage 11 – 17 Uh


   
   
 
 
 
 
   
 
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