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Zusammenfassung des Vortrags vom 13. April dieses Jahres zu städtebaulichen Aspekten in Dinkelsbühl
Welche urbanen Qualitäten sollte eine Stadt für die in ihr lebenden Bürger aufweisen? Diese Frage hat der hochangesehene New Yorker Architekt Steven Holl mit einer Auflistung von Merkmalen beantwortet, welche bei Stadtbauplanungen berücksichtigt werden sollten. Annette Goderbauer überprüfte in ihrem Vortrag Dinkelsbühls Altstadt und seine Neubaugebiete nach Holls Kriterien. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Die Altstadt und der zur Landesgartenschau fertiggestellte Königshain schnitten sehr gut ab. Im Kreuzespan und vor allem in der Planung von Gaisfeld 1 zeigen sich gravierende Mängel.
1. Der perspektivische Raum
Dem Verhältnis von Gebäuden zueinander, dem Zwischenraum, muß in der Architektur dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet werden wie den Bauvolumina selbst. Dieser freie Raum muß in der Perspektive entwickelt werden. Die perspektivische Skizze wird in den Grundriß projiziert, nicht der Grundriß in die Perspektive.
Am Beispiel des Wohngebiets „Königshain“ läßt sich erkennen, wie wichtig die perspektivische Studie ist, um die Qualitäten der Altstadtfreiräume in einer modernen Siedlung umsetzen zu können. Im Schlußbericht zur Bayerischen Landesgartenschau in Dinkelsbühl heißt es: „Das Wechselspiel von Straßen, Gassen und Plätzen, von engen und weiten Räumen, von verwinkelten Raumfolgen mit Biegungen, Krümmungen, Vor- und Rücksprüngen, das alles macht das Raumerlebnis alter Städte aus. Der ständig aufgehaltene und gefangene Blick, dem sich so grundsätzlich Anderes bietet als in den vielen Vorstadtsiedlungen mit ihrer leeren, austauschbaren Langweile, ihren ewig parallelen Straßenzügen und endlosen Achsen, die ins Nichts führen, aneinandergereiht wie aufgestellte Koffer.“
2. Proportion, Maßstab und Wahrnehmung
Die Proportionen des Goldenen Schnitts, welche die Proportionen des menschlichen Körpers widerspiegeln, wurden schon in der Gotik zur Gestaltung von Gebäuden angewandt; Beispiel: das Freiburger Münster.
Auch moderne Architekten beschäftigten sich ausführlich mit Proportionsstudien wie etwa Le Corbusier. Er verfeinerte die Anwendung des Goldenen Schnitts und definierte seinen „Modulor“, der zum Grundmaß seiner Architekturentwürfe wurde, folgendermaßen: „Der ‚Modulor’ ist ein Maßwerkzeug, das von der menschlichen Gestalt und der Mathematik ausgeht. Ein Mensch mit erhobenem Arm liefert in den Hauptpunkten der Raumverdrängung – Fuß, Solarplexus [Sonnengeflecht der Nerven], Kopf, Fingerspitze des erhobenen Arms – drei Intervalle, die eine Reihe von Goldenen Schnitten ergeben, die man nach Fibonacci [italienischer Mathematiker des 12./13. Jahrhunderts] benennt. Die Mathematik andererseits bietet sowohl die einfachste wie die stärkste Variationsmöglichkeit eines Wertes: die Einheit, das Doppel, die beiden Goldenen Schnitte.“
Wie auch andere Architekten der Gegenwart benutzt Steven Holl selbst ebenfalls den Goldenen Schnitt etwa im Entwerfen von Fassaden und Bauvolumen und stellt so einen Bezug zum Menschen als Maßstab her.
2a Der Mensch als Maßstab im Städtebau: Fußläufige Verbindungen
In der Altstadt Dinkelsbühls findet sich eine Anzahl an Wegen und Gassen, die ausschließlich der fußläufigen Erschließung und Verbindung dienen. Treppen führen hinauf in den Stadtpark, Gassen stellen Kurzschlüsse zwischen Straßen dar. Sie nehmen in der Breite Bezug auf den menschlichen Körper. Zu eng für Autos, stehen sie ausschließlich den Fußgängern zur Verfügung.
Auch im Königshain wurde besonders auf die Wegeführung für Fußgänger geachtet. Wiederum im Schlußbericht zur Landesgartenschau in Dinkelsbühl heißt es: „Das Wichtigste dabei: Wohnen soll weitgehend ungestört vom Verkehr verlaufen. Straßen und Plätze sind verkehrsberuhigt ausgebaut, sie sind so gestaltet, daß alle Verkehrsteilnehmer – Auto, Radler, Fußgänger – gleichberechtigt auftreten können. Durchgangsverkehr und Raser sollen keine Chance bekommen; der Bewohner als eigentlicher Nutzer gibt hier den Ton an, nicht der Fremde, der das Wohngebiet nur durchfährt.“
2b Proportionen und Bauvolumen
Die Proportionsregeln können nicht nur auf den Menschen und seine unmittelbare Umgebung angewandt werden, sondern auch auf ganze Gebäude und Gebäudegruppen. In der Altstadt stehen Häuser aus verschiedenen Stilepochen harmonisch nebeneinander und verweben sich zu einer Reihe, weil sie sich im Bauvolumen gleichen. Harmonie ist nicht gleich Einheitlichkeit, eine Wiederholung der Dachschräge macht noch keine gute Siedlung aus.
Der Begriff „Harmonie“ wird in der Architektur oft zusammengesehen mit dem Begriff der „Symmetrie“. Dieser bedeutet, architektonisch verstanden, nicht automatisch so viel wie „Spiegelgleichheit“. „Symmetria“ ist ein altgriechisches Wort, das mit „Ebenmaß“ übersetzt werden kann. Betrachtet man die Rückfassade der Schranne, so wird klar, daß die Anordnung der Fensteröffnungen zwar nicht im geometrischen Sinn symmetrisch ist, sie stellt aber eine harmonische Komposition dar. Die Größen der Öffnungen stehen in einem Spannungsverhältnis zu der Masse der Wandfläche, die Fenster tanzen wie ein Mensch über die Fassade. Sie ergeben ein stimmiges Ganzes.
3. Details
Details machen Architektur unverwechselbar, geben einem Gebäude eine Identität und stärken den Wiedererkennungs-wert einer Umgebung. Die Altstadt in Dinkelsbühl ist voll von Details alltäglicher architektonischer Gebrauchsgegenstände, die in immer neuen Varianten geschaffen werden können. Nimmt man zum Beispiel allein die verschiedenen Entwürfe der Stahlhandläufe in der Stadt, so beobachtet man, daß die Ausgangsform immer ein einfacher Rundstahl ist; die gestalterische Umsetzung zum Handlauf macht jedoch jedes Geländer und jeden Handlauf zum Unikat.
4. Materialempfinden – Wahrnehmung mit fünf Sinnen
Ganz gleich, wie schnell sich unsere Gesellschaft technologisch entwickelt hat, der Mensch nimmt seine Umwelt mit denselben Sinnen wahr, mit denen auch der Steinzeitmensch seine Umgebung erforschte: durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Noch immer wendet sich der Mensch gerne einem Feuer zu, obwohl er es in unserer Zivilisation als Wärmequelle nicht mehr benötigt. Der Geruch eines guten Kaminfeuers, das Knacken des brennenden Holzes ruft Wohlbefinden hervor, das im tiefsten Inneren der menschlichen Wahrnehmung verankert ist.
Gleichbleibend und unabhängig von aller technischer Entwicklung ist auch das Bedürfnis nach Sonne geblieben. Wenn sich in einem Hausgrundriß die Schlafräume nach Osten orientieren, die Küchenterrasse hingegen nach Westen, so kann die Sonne den Bewohner durch den ganzen Tag begleiten, vom morgendlichen Aufstehen bis hin zum Abendessen.
Durch Berührung kommt der Mensch in direkten, „spürbaren“ Kontakt mit der Architektur. Der Oberfläche einer Tischplatte, dem Sitzpolster eines Stuhls, dem Material eines Handlaufs müssen daher besondere Aufmerksamkeit im Entwerfen geschenkt werden.
5. Farbe
Physikalisch gesehen, ist ein Objekt, das der Mensch als „rot“ wahrnimmt, alles andere als rot. Das Objekt absorbiert alle Farben des Spektrums und reflektiert lediglich die Farbe Rot, strahlt also die Farbe Rot ab. Scheint die Sonne auf eine „rote“ Oberfläche wie zum Beispiel eine Ziegelsteinmauer, so färbt sich das reflektierte Licht rot und strahlt rot auf eine weiße gegenüberliegende Wand.
Die Farbe eines Gebäudes steht also immer im Zusammenhang mit den Nachbargebäuden und kann nicht unabhängig von diesen bestimmt werden. In der Dinkelsbühler Altstadt läßt sich erkennen, wie die Kombination verschiedener Farben zur Komposition wird.
6. Licht und Schatten
Architektur wird nicht nur in räumlichen Volumina wahrgenommen. Das Spiel von Licht und Schatten projiziert das Volumen eines Gebäudes als zweidimensionales Bild auf umliegende horizontale und vertikale Oberflächen. Das Lichtspiel der Sonne belebt den Raum und kann ein Gebäude in eine Sonnenuhr verwandeln, Straßenzüge verschieben und eine Dachlandschaft auf die Straße kippen lassen.
7. Die Räumlichkeit der Nacht
Eine Stadt schläft nicht wirklich bei Nacht, sie ändert lediglich ihre Gestalt. Die künstliche Innen- und Außenbeleuchtung transformiert das Aussehen der Gebäude. Proportionen verschieben sich, am Tag dunkle Bereiche treten bei Nacht in der Vordergrund, schwarze Fensteröffnungen werden zu leuchtenden Laternen, ein Platz wird überdacht vom Sternenhimmel.
Der Bebauungsplan von „Gaisfeld 1“ z.B. mißachtet, wie Annette Goderbauer verdeutlichte, einige zentrale Kriterien von Steven Holl, vor allem die Punkte 1 und 2. Eine eingehende Beratung der Bauherren durch das Stadtbauamt wäre dringend nötig, um die Mängel wenigstens in Grenzen zu halten. Ein Verzicht auf gestalterische Richtlinien, wie er offenbar vorgesehen ist, könnte weitere Nachteile für das Bild dieses Stadtteiles nach sich ziehen.
von Annette Goderbauer
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