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Zu Raymond Chandlers 50. Todestag und Philip Marlowes 70. Geburtstag

   
 

Die Erfindung des „hardboiled detective“

   
 

„Als ich Terry Lennox zum ersten Mal zu Gesicht bekam, lag er betrunken in einem Rolls-Royce Silver Wraith draußen vor der Terrasse des „Dancers“. Der Parkplatzwächter hatte den Wagen gebracht und hielt noch immer die Tür auf, weil Terry Lennox’ linker Fuß immer noch draußen baumelte, als hätte er vergessen, dass er einen besaß. Sein Gesicht wirkte jung, doch sein Haar war schlohweiß. Man konnte seinen Augen ansehen, dass er blau war wie ein Veilchen, aber ansonsten sah er aus wie jeder andere nette junge Kerl im Abendanzug, der ein bisschen zuviel Geld in einem Lokal gelassen hatte, dessen Zweck eben darin und in nichts anderem besteht.“
 
So beginnt Raymond Chandlers vielleicht berühmtester, auf jeden Fall aber mit fast 400 Seiten längster Kriminalroman. Die Hauptfigur ist Philip Marlowe, ein Privatdetektiv, der auch Ich-Erzähler der insgesamt sieben Marlowe-Romane ist, die zwischen 1939 und 1958 in den USA erschienen sind.
 
Die „Schwarze Serie“ 
Diesem Philip Marlowe legt Chandler auch die Erzählweise der später so genannten „Schwarzen Serie“ um den einsamen Großstadtdetektiv in den Mund: ein schnoddrig-zynischer Tonfall dominiert, gepaart mit großer Genauigkeit in der metaphernreichen Beschreibung von Personen, Autos, Häusern und der Landschaft an der Westküste der USA zwischen Los Angeles und Hollywood.
Anlässlich des 50. Todestages von Raymond Chandler hat der Diogenes Verlag eine Neuauflage seiner Marlowe-Romane  als Taschenbücher in einem Schuber in den Neuübersetzungen der gebundenen Ausgabe herausgegeben.
Wer war dieser Raymond Chandler, über dessen Detektiv man so viel weiß, der aber selbst weitgehend im Dunkeln bleibt?
 
Biographisches 
Geboren wurde er am 23. Juli 1888 in Chicago. Sein Vater war Ingenieur und stammte aus Philadelphia, seine Mutter aus Waterford in Irland. Nach der Scheidung seiner Eltern – der Vater hatte die Familie wegen einer anderen Frau verlassen – zog Raymond mit seiner Mutter nach England. Hier erlebte er einen steilen schulischen Aufstieg, der mit der Ablegung der Aufnahmeprüfung für den Civil Service als Drittbester von 600 Bewerbern endete. Doch bereits nach einem halben Jahr schied er aus dem Dienst im Marineministerium aus und schlug sich anschließend als Reporter für den Daily Express und freier Journalist durch.
1912 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück, lebte von Gelegenheitsarbeiten und meldete sich 1917 als Freiwilliger in der kanadischen Armee und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Als einziger Überlebender einer vernichteten Einheit (eine Situation, die wir im „Langen Abschied“ wieder erkennen) diente er noch bis 1919 in Frankreich und England, bevor er mit seiner Mutter nach Kalifornien zurückkehrte. Nach deren Tod 1924 heiratet er eine 18 Jahre ältere Frau und wird vorübergehend Direktor mehrerer Ölgesellschaften, doch die steile Karriere endet mit der Weltwirtschaftskrise. Wieder wendet er sich dem Schreiben zu und beginnt mit einigen Kriminalgeschichten, deren Motive wir in den späteren Romanen wieder finden. 1939 erscheint der erste Roman „The Big Sleep“, der gleich ein großer Erfolg war. Bis 1958 sollten sechs weitere folgen.
Nach dem Tod seiner Frau 1954 verliert Chandler völlig den Halt. Er droht mit Selbstmord, verkauft sein Haus und reist in den folgenden Jahren unstet zwischen den USA und England hin und her. 1956 wird er erstmals aufgrund seines Alkoholimus ins Krankenhaus eingewiesen, ein Thema, das auch in seinen letzten Romanen, insbesondere in „The Long Goodbye“, eine immer größere Rolle spielt. Am 26 März 1959 stirbt Chandler in La Jolla, Kalifornien.
 
Chandler in Deutschland 
In Deutschland erlangte Chandler unter Kennern bereits in den 50er Jahren – noch bevor die ersten Verfilmungen mit Humphrey Bogart in der Rolle des Marlowe in die Kinos kamen – eine gewisse Berühmtheit. Funkfeuer liegen zwei der Taschenbücher in den damaligen Übersetzungen vor. Es erschien reizvoll, einen  Vergleich zwischen ihnen und denen aus den 70er Jahren vorzunehmen. Zufällig handelt es sich dabei um Chandlers ersten Marlowe-Roman „The Big Sleep“ von 1939  in der Übersetzung von Mary Brand, erschienen im Ullstein Verlag 1961, und seinen letzten, „Playback“ von 1958, der im Verlag Kurt Desch im gleichen Jahr in der Reihe der Mitternachtsbücher in der Übersetzung von Georg Kahn-Ackermann unter dem Titel „Spiel im Dunkel“ veröffentlicht wurde.
Diesen beiden Chandler-Übersetzungen stellen wir die aus dem Diogenes Verlag von 1974 bzw. 1976 gegenüber und hoffen, dabei dem Zeitgeist ein wenig auf die Spur zu kommen.
 
 
Die Übersetzungen
Beginnen wir mit dem „Tiefen Schlaf“: Auch wenn beide Fassungen zu Beginn noch sehr große Übereinstimmungen aufweisen, ist der Übersetzer Gunnar Ortlepp doch bemüht, allzu unfreiwillige Komik zu tilgen. Wenn Mary Brand – offensichtlich in Unkenntnis der verschiedenen Hunderassen – den Vornamen „Hunderich“ kreiert, macht Ortlepp daraus einen „Dobermann“. Und wenn sie etwas geschraubt formuliert: „Sie näherte sich mir mit genügend Sex-Appeal, um einem Geschäftsmann den Appetit auf den Lunch zu verschlagen“, heißt es bei Ortlepp: „Sie näherte sich mir mit genug Sex-Appeal, um eine ganze Aufsichtsratssitzung zu sprengen.“ Beide allerdings sind sich über die Entfernung von 13 Jahren noch nah genug, den Begriff „Sex-Appeal“ zu verwenden, der heute unweigerlich in das typische Altherrenvokabular eingeordnet würde. Etwas tiefgründiger wird es dann schon, wenn sich Ortlepp den Vergleich „nervös wie alte Damen, die die Toilette nicht finden“ einfallen lässt, wo es bei Brand noch heißt: „wie die alte Jungfer die nicht weiß, wo die Toilette ist.“ Hier hat sich zumindest ansatzweise das Bild der älteren unverheirateten Frau verändert.
Wo aber liegen die entscheidenden Unterschiede zwischen beiden Über-setzungen, die letztlich auch dafür entscheidend sind, dass die neue ein ganzes Kapitel mehr aufweist als die alte?
Geben wir ein Beispiel. Ein heruntergekommenes Wohn- und Bürohaus wird in beiden Übersetzungen folgendermaßen beschrieben: “Ganz hinten brannte eine einzelne Hängelampe, dahinter war ein offener, einst vergoldeter Aufzug. Auf einer angeknabberten Gummimatte stand ein fleckiger, gern verfehlter Spucknapf.“ Hier endet die Beschreibung bei Brand. Man hat einen Eindruck, aber bleibt er beim Leser gleich hängen?
Bei Ortlepp geht es weiter: „Wie ein falsches Gebiss guckten aus einem Kasten an der mostrichfarbenen Wand die Sicherungen heraus. Ich schüttelte den Regen von meinem Hut und sah mir neben den falschen Zähnen den Gebäude-Wegweiser an. Nummern mit Namen und Nummern ohne Namen. Viele leere Räume oder viele Mieter, die anonym bleiben wollten. Schmerzlose Zahnbehandlung, obskure Detektivagenturen, kleine, kranke Firmen, die zu Sternen hierher gekrochen waren, Fernschulen, die lehrten, wie man Eisenbahner oder Radiotechniker oder Drehbuchautor wird – wenn ihnen die Postinspektoren nicht schon vorher das Handwerk legten. Ein ekelhaftes Haus. Ein Haus, in dem der Mief alter Zigarrenstummel noch der lieblichste Geruch war.“ Nur folgerichtig, dass in so einem Haus auf den nächsten Seiten ein besonders gemeiner Mord begangen wird. Leider aber auch folgerichtig, dass dann einige Seiten später in der alten Fassung auch Marlowes moralische Bewertung der Frau, für die hier ein Mann gestorben ist, unterschlagen wird. Nur bei Ortlepp finden wir die folgenden Zeilen: „Der graue Plymouth fuhr an, beschleunigte und schoss um die Ecke zum Sunset Place. Sein Motorengeräusch erstarb, und damit war auch die blonde Agnes für mich gestorben. Drei Tote, Geiger, Brody und Harry Jones, und diese Frau fuhr in den Regen hinein mit zwei Hundertern in der Tasche und nicht einem Kratzer.“
Ganz anders der Befund bei „Spiel im Dunkel“ bzw. „Playback“, wie es im Original heißt. Hier muss man Änderungen in der Übersetzung tatsächlich mit der Lupe suchen. Was ist der Grund dafür? Zugegeben, Übersetzungen werden schlecht bezahlt. Aber wenn man einen solchen Auftrag annimmt, dann hat man doch einen gewissen Ehrgeiz, es besser zu machen als der Vorgänger. Oder war eben dies nicht möglich? In der Tat ist diese Übersetzung von 1958 ganz erstaunlich modern und kommt dem Original Chandlers wohl ziemlich nahe. Vielleicht, weil sie so zeitnah im Jahre des Erscheinens des amerikanischen Originals erfolgte? Auf jeden Fall hat aber wohl auch der Name eine gewisse Rolle gespielt: Georg Kahn-Ackermann war langjähriger Abgeordneter im Deutschen Bundestag und galt insbesondere in kulturellen Fragen als Autorität von hohen Graden. Wenn man das Urteil amerikanischer Kritiker zu „Playback“ liest, könnte man fast auf die Idee kommen, dass in diesem Falle die Übersetzung das Original übertroffen hat.
 
Fazit 
Als Würdigung zu Chandlers Todestag ist diese Publikation des Diogenes-Verlages zweifellos eine verdienstvolle verlegerische Tat. Hoffen wir, dass sie so viele Leser findet, wie Chandler, Marlowe und Diogenes es verdienen.
 
Raymond Chandler: Die Philip-Marlowe-Romane, 7 Bände in Kassette; Diogenes Verlag, Zürich 2009, € 50,-


   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
von Ernst-Otto Erhard
   
 
"Eine ebenso liebevolle wie kritische Diagnose" (Charivari)
   
 
€ 11,80
   
 
Erhältlich in allen Buchhandlungen Dinkelsbühls und beim Funkfeuer-Verlag, Am Anger 5, 91550 Dinkelsbühl, Tel.: 09851 / 5703112
   
 
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