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  >>>Dinkelsbühl 2055?
 

Architektur in Dinkelsbühl heute – und morgen?

 
   
     

Ein reichhaltiger Vortragsabend voller Überraschungen

   
 

Wie soll das im Mauerring Dinkelsbühls liegende Areal der abbruchreifen ehemaligen Brauerei Gehring und Höhenberger wieder bebaut werden? Eine Gruppe amerikanischer Architekturstudenten werde, so die Ankündigungen der Tagespresse, zu dieser Frage neu erarbeitete Entwürfe vorstellen. Das Thema bewegt schon seit Jahren viele Bürger, beunruhigt sie auch; denn mit einem modernen Großbau an dieser Stelle könnte immerhin die vielgerühmte Geschlossenheit des Stadtbildes empfindlich gestört werden.
Doch das Programm, das dann bei der abendlichen Veranstaltung am 13. April im Konzertsaal geboten wurde, gestaltete sich anders, als die meisten Besucher erwartet hatten, und steckte voller Überraschungen.

Überraschung Nummer 1

Zunächst stellte Architekturprofessor Randall Kober, der die Studenten in einem Auslandssemester begleitet, einige der von ihm in Amerika errichteten Bauten vor. Unter ihnen beeindruckte vor allem ein großer, vielgliedriger Wohnpalast, welcher, einsam auf einer Anhöhe stehend, freien Blick auf den Michigansee gewährt. Uneingeschränkt durch irgendeine Bauordnung, ist er ausschließlich auf die Bedürfnisse, Wünsche und Hobbys der Hausherren abgestellt. Da gibt es etwa ein Heimkino, ein besonderes Spielzimmer für den Vater, die beiden Töchter können in einem eigenen Raum per Knopfdruck auf einer Art Kleiderkarussell ihren Garderobenbesitz an sich vorbeidefilieren lassen, und für die Dame des Hauses, welche die Illusion des freien Schwebens über alles liebt, ragt in luftiger Höhe ein Steg wagrecht aus dem Haus, der auf den Namen bird walk getauft wurde.
Eine interessante Sache, befand ein Fachmann unter den Besuchern im Konzertsaal. Eine Villa freilich, wie sie, fast ausschließlich auf ihre Funktionsdienlichkeit hin angelegt, im dichter besiedelten und – immer noch – überwiegend von Gestaltungstraditionen beeinflußten Deutschland kaum vorstellbar wäre.

Überraschung Nummer 2

Unerwartet folgte nun ein Vortrag des Dinkelsbühler Architekten Manfred Weihermann, eines der Freunde Kobers aus früheren Jahren (s. Kasten). Er stellte zuerst seine einstige Diplomarbeit vor, zu der ihn – eine ungewöhnliche Verknüpfung – das Fragment einer aufgelassenen Straße und die Lektüre Kafkas inspiriert hatten. Sein Projekt „Landstraße, Landvermesser“ hätte, wenn es realisiert worden wäre, ein hintersinniges Stück gebauter Poesie ergeben.
Durchaus an praktischen Bedürfnissen orientiert ist dagegen ein später von Weihermann errichtetes Gebäude in der Nähe Feuchtwangens: der schöne Solitärbau einer Tierklinik, der mit seiner Hülle aus Holz und in seinen Proportionen überzeugend in die Landschaft eingebunden ist.

Überraschung Nummer 3

Den für die Besucher anregendsten, am besten nachzuvollziehenden Beitrag des Abends lieferte danach Annette Goderbauer. Die in Dinkelsbühl geborene Architektin, ebenfalls zu Kobers hiesigem Freundeskreis gehörig, lebt und arbeitet heute in New York. Funkfeuer hält ihre Ausführungen für äußerst beherzigenswert, zumal sie auch ein leider schon weitgehend verplantes Neubaugebiet vor den Toren betrafen. Auf unsere Bitte erklärte sich die Referentin bereit, ihre Gedanken und Argumente für unsere Zeitschrift selbst niederzuschreiben (siehe Seite 6)

Überraschung Nummer 4

Nach einer kurzen Pause ging es dann schließlich um das Thema, das in der Presse angekündigt war: um Vorschläge zur Neubebauung des Brauhausgeländes. Doch auch hierbei ereignete sich Unerwartetes. Das Thema nämlich der von den sieben Studenten erstellten Entwürfe, welche Randall Kober vorführte, lautete „Hotel 2055“. Vielleicht hatten manche Besucher diesen Titel und Kobers weitere Bemerkung, es handle sich dabei um architektonische Sciencefiction, nicht ganz verinnerlicht. Jedenfalls war das Erstaunen über die gezeigten Bilder groß (eine Auswahl daraus auf Seite 2), und die Reaktion des Publikums äußerte sich in gelegentlichem Kopfschütteln und wiederholt hörbarer Heiterkeit.
Eine Zustimmung der Besucher hätte wohl keines der gezeigten Modelle als Nachfolgebau des Brauereikomplexes erhalten. Doch das war in dieser Weise auch gar nicht beabsichtigt. Wie Funkfeuer nachträglich erfuhr, handelt es sich bei „Hotel 2055“ um einen US-weiten Wettbewerb, an dem sich Kobers Studenten beteiligen. Die Ausschreibung fordert von den Teilnehmern, sich vorzustellen und in Entwürfen darzustellen, wie innovative Materialien und sonstige technische Möglichkeiten, die heute erst in Ansätzen erkennbar sind, nach ihrer Weiterentwicklung in 50 Jahren einen Hotelbau bestimmen könnten: Sciencefiction eben, wie der Professor das eingangs nannte.
Ihre Grundkonzepte hatten die Studenten in Paris, der ersten Station einer Europareise, entworfen. Nach weiteren Besuchen in Rom und Basel war die Gruppe in das kleine, innerhalb der Mauern völlig historisch geprägte Dinkelsbühl gekommen: ein urbanes Kontrastmodell. Und eben hier, so die Aufgabenstellung ihres Lehrers, sollten sie ihre architektonischen Zukunftsvisionen probehalber in das Brauhausareal einpassen. Das versuchten sie denn auch, indem sie zum Beispiel 10 Stockwerke eines Hochhausprojekts in den Erdboden versenkten oder die Dächer eines anderen Modells so niedrig und flach und nach innen geneigt hielten, daß die alte Dachlandschaft der Stadt noch zur Geltung kommen sollte. Doch auch mit solchen Zugeständnissen schienen sich die Besucher nicht anfreunden zu können. Den jungen Amerikanern dagegen waren offenbar keine Zweifel daran gekommen, daß im Zeichen der Globalisierung eines Tages vergleichbare Architektur prinzipiell überall entstehen werde, auch im historischen Dinkelsbühl.
Die vier Vorträge des Abends behandelten mithin recht unterschiedliche Themen. Wohl jeder Besucher, auch wenn er vom Gesamtverlauf überrascht wurde, dürfte unter ihnen Anregendes und Bedenkenswertes gefunden haben. Der gute Besuch sollte aber für die Verantwortlichen der Stadt ein Signal abgeben. Zeigte er doch das große Interesse der Bürger daran, was architektonisch an dem exponierten „Brauhausberg“ nun tatsächlich geschehen soll. Wäre es nicht angebracht, die Planungen dazu in der Zeitung noch deutlicher als bisher der Öffentlichkeit vorzustellen? Öffentlich diskutiert, und zwar sehr engagiert, wurde ja einst vor seiner Errichtung bereits der heute noch sichtbare Brauereikomplex. Ein neuer Bau mag zwar von einem Privatmann initiiert sein, seine ausschließliche Privatsache ist er aber nicht. Er betrifft die ganze Stadt.


         
   
 
 
 
 
   
 
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