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Gute alte Zeiten

   
   
   
  Was bin ich glücklich, in eine Zeit hineingeboren worden zu sein, die seit über zwei Generationen keinen Krieg zu erdulden hatte, in der es, bis vor wenigen Jahren, fast ausschließlich immer aufwärts ging, wo man bescheiden war und wo auch wir Kinder uns über Kleinigkeiten, wie ein Marmeladenbrot vom Nachbarn z.B., ungeheuer freuen konnten.
Doch das schönste Erleben waren die Jahre nach der Währungsreform bis Ende der Fünfziger. Alle hatten gleich viel oder gleich wenig. Es gab wieder alles, um die bescheidenen Ansprüche zufriedenzustellen. Man genoß, zwar nicht jeden Tag, aber so zwischendurch und an Sonn- und Festtagen eine herrliche Tasse Kaffee, Kuchen mit selbstgeschlagener Sahne, eine oder zwei Maß Bier, vielleicht draußen bei der „Mutschi-Liesl“, oder einige Gläschen „Niersteiner Domtal“ beim Geburtstag vom Onkel Hans. Gemächlicher und gemütlicher ging es zu. Es war für ein paar wenige Jahre Zeit zum Atemholen zwischen Ende des Krieges und der auf uns zukommenden Hektik und Hetze.
Milchwagen, d.h. mit einzelnen Milchkannen voll-, oft überladene, am Anfang noch von Kühen gezogene Wagen, fuhren jeden Tag von jedem Dorf Richtung Molkerei, die sich noch in der Fladergasse am Plätzle befand. Auf dem Heimweg kehrten die Milchfahrer meist in einer der an den Ausfallstraßen gelegenen Wirtschaften ein, und so mancher steuerte sein Gefährt nach überzogenem Besuch in den Graben. Besonders beliebt waren der „Löwen“ und die „Hohwart“. Paket- und Rolldienst erledigte die Firma Beck mit einem von zwei prächtigen Rössern gezogenen Wagen. Belgisches Kaltblut seien die zwei Gäule, sagte mir mein Vater. Ebenso wurde das Bier mit Pferdefuhrwerken bei den Wirtshäusern angeliefert. Der zum Brauhaus gehörige ehemalige Pferdestall steht, parallel zum Oberen Mauerweg, noch heute. Dort wurden die Rösser vom Stangenreiter Langohr und seinem Helfer, Lechlers Heiner d.Ä., liebevoll gepflegt. Hörte mein Vater das schwere Hufgeklapper auf der Straße, trat er auf den offenen Hof, wo zwei mächtige Pferdeköpfe schon erwartungsvoll in seine Richtung blickten. Sie bekamen immer einen Kanten Brot und ihre Streicheleinheiten. Ja, so viel Zeit mußte sein. Natürlich taten sich die Bauern und Handwerker damals schwerer, mußten körperlich weitaus mehr ran als dreißig Jahre später; doch hatte der Faktor Zeit nicht den Stellenwert der späteren Jahre.
Viel Arbeit gab es auf dem Land. Mein Vater maß die defekten Dachrinnen und Rohre aus; sie wurden von Hand gefertigt. Der Bauer oder der Milchwagen nahm das Material bei Gelegenheit mit aufs Dorf, und irgendwann fuhren dann zwei Gesellen auf mit Werkzeug beladenen Fahrrädern zur Montage aufs Land. Der Meister kam mit dem Motorrad hinterher. An solchen Tagen kochte die Bäuerin groß auf. Dann gab es sogar am Werktag reichlich Fleisch und abends, nach getaner Arbeit, noch einen üppigen „Veschper“. Selbstverständlich sah man da nicht auf die Uhr. Feierabend war, wenn die Arbeit getan und fertig war. Auch daheim, in der Stadt, hatte alles seinen Rhythmus ohne Hast. Jeder stand an seinem Platz und füllte diesen hundertprozentig aus. Dreinreden durfte man keinem, sonst gab es einen barschen Raunzer zurück. Die Hierarchie in den Betrieben und auf dem Hof war streng und klar. Buckeln und hochdienen (arbeiten) hieß die Parole. Das wußte jeder und fand es normal. („Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“). Was lernte ich noch in der Berufsschule im Deutschunterricht: Der schönste Orden sind Schwielen an den Händen.
Nach des Tages Last kam der Feierabend, ruhig und beschaulich. Dann hörte ich den Vater rufen: „Fritzi, heit hollscht’s im Roß!“ Ich holte den Maßkrug mit Zinndeckel, Vaters Meisterkrug von 1932, bekam die Pfennige hingezählt und stapfte durch das Pulvergäßlein zur angegebenen Wirtschaft. Dort an der Gassenschenke, einer Tür mit Schiebefenster und Abstellbrett (gibt es heute noch dort zu sehen), angekommen, klopfte ich an der Scheibe. In anderen Wirtshäusern gab es eine Zugbimmel (Glocke). Das Schiebefenster ging hoch, der Wirt oder die Wirtin nahmen mit einem freundlichen „Sacher“ meinen durchgeschobenen Krug entgegen, füllten ihn und gaben ihn mir mit netter Ermahnung, nichts daraus zu verschütten oder zu trinken, mit auf den Rückweg. So mußte ich in unregelmäßigen Abständen die „Gans“, den „Hahnen“, die „Kanne“, den „Hecht“, den „Koppen“ und das „Roß“ mit meinem Maßkrug aufsuchen. Die Häufigkeit richtete sich nach dem Grad der „geschäftlichen Verpflichtung“.
Doch nicht immer wurde ich für dieses Amt benötigt, denn ein- oder zweimal in der Woche kam der Vater von der Werkstatt nicht zum Vespern herauf oder vom Turmblasen (Totenpsalm) nicht nach Hause. Dann wußte Mutter Bescheid: Papa ist zum Dämmerschoppen entweder in der „Krone“, dem „Schwanen“ (heute „Fränkischer Hof“) oder beim „Trauben-Sindel“ (später Schülerheim Gabler in der Hospitalgasse) hängengeblieben. Dort trank er seine „zwa Seidli“, dazu gab es vielleicht eine Sulz oder ein Paar geräucherte Bratwürst bei viel Unterhaltung über die Arbeit, Stadt, Land und Leute. Politik interessierte niemand. Dafür hatte man zu viel erlebt und gebüßt. Und dann gab es noch den Fragner, eine Weinwirtschaft, Segringer Straße 9, die war gefährlich, da drohte das Hängenbleiben erst recht, besonders samstags. Bekanntlich hebt der Wein die Stimmung, und der Fragners Fritz und sein Sohn hatten genug davon, waren sie doch Weinhändler. Die Fässer lagerten in von der Straße her begehbaren Kellern, unterm Buchbinder Breitinger und unterm Uhrmacher Schmelz in der Dr.-Martin-Luther-Straße (heute ist dieser der Rittersaal vom „Eisenkrug“). Ja, und wenn dann noch so Leute da waren wie der Schineis Karl (Schuldirektor und katholischer Kantor) und der Völkers August (Farbenhändler) mit seiner gewaltigen Stimme, zurückzuführen auf einen noch gewaltigeren Resonanzkörper, und noch einige gute Sänger vor dem Herrn, wie der Eisens Fritz (Gärtnermeister) mit seiner hohen Tenorstimme, dann konnte es spät, ja sehr spät werden.
Manchmal nahm der Vater mich mit, denn er war ja stolz auf die Klavierkünste seines Buben. Als begabter und begeisterter Musiker, der sechs verschiedene Instrumente beherrschte, war er der Meinung, daß Klavier das kompletteste Instrument sei (außer Orgel natürlich). Und so kam schon kurz nach der Währung ein solches Pianoforte ins Haus. Doch kein eigenes, sondern ein Leihklavier vom Pianohaus Lang in München. Man zahlte monatlich Miete und Klavierstunden für Tochter und Sohn, für die damalige Zeit ein beträchtliches Opfer. (Dafür werde ich immer dankbar sein.) Also durfte ich einige Volksliedchen zum Besten geben, was die anwesenden Herren mit ihren Stimmen umrahmten und am Schluß mit wohlwollendem Beifall bedachten. Danach fand ich die paar Häuser die Segringer Straße hinauf allein nach Hause.
Die Zeit verging, und so langsam kamen die Männer durch den herrlich blinkenden, goldgelben Wein, den sie oft inbrünstig besangen, in Stimmung. Dann wurde zwei-, drei- und nicht selten vierstimmig, wirklich gut, deutsches Liedgut zum Klingen gebracht. War doch ein jeder in der „Concordia“, dem Gesangverein oder in einem der Kirchenchöre. Immer wieder fing einer an, und die anderen fielen ein, und es strömten die Töne aus den zu Trompeten geformten Mündern und verschmolzen zu schönen, reinen Akkorden.
Finale war angesagt, wenn des Völker Augusts „Wenn ich einmal der Herrgott wär“ durch die offenen Fenster hinausschwang auf die Segringer Straße, über den Marktplatz hinweg, getragen von der mit Heuduft geschwängerten Luft, durch keinerlei Verkehrslärm gestört, an das Ohr der lauschenden Passanten und der Nachbarschaft drang. Dann raunte man sich schmunzelnd zu: „Jetzt sind’s wieder so weit.“
Keiner schämte sich seiner offen gezeigten Lebensfreude, keinem war der leicht unsicher schwankende Schritt, der ihn zu seiner Heimstatt brachte, peinlich, und nicht einer wäre damals auf die Idee gekommen zu fragen „is des xund oder net“, nein, man war dankbar, daß es „ihn“ (den Wein) wieder gab, und stolz, daß man ihn sich leisten konnte!!!
Fritz Eichner
   
   
 
 
 
 
   
 
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