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Winterfreuden
vor 50 Jahren

   
   
   
 

Warum erzählen wir Älterwerdenden immer mehr, immer öfter von kleinen Erlebnissen unserer Kindheitstage? Warum denken wir gerne zurück an für heutige Verhältnisse naive Freuden, die zudem oft noch größeren körperlichen Aufwand voraussetzten? Klopfen wir uns gerne innerlich an die Brust, wohl bedeutend, was wir für tolle Kerle waren? Oder geht es uns wie dem Holger-Heinz Lehmann von Siegfried Lenz, dem Schwarzhändler, welcher wehmütig der armen Nachkriegszeit hinterher trauert? Er kann der heutigen Überflussgesellschaft überhaupt nichts abgewinnen, denn in ihr, so bekennt er melancholisch, „stirbt die Phantasie, nichts wird uns abverlangt an Überlegung, an Abenteuer, an Ungewissheit“.
Wenn ich mit meinem Spezi aus frühesten Kindheitstagen, Jochen, unseren wöchentlichen Spaziergang um die Stadt, den Walkweiher oder durch die Mutschach wandere und Tagesthemen, unser OB oder Politik und Wirtschaft, nichts mehr an Gesprächsstoff hergeben, dann kommt von einem unweigerlich: „Wachscht nu?“ Ja, wie vertrieben wir uns die langen Winterwochen, in denen der Bahnschlitten, ein großes aus Holz gezimmertes V, von zwei Rössern gezogen, in den Straßen unserer Stadt im Sinne des Wortes Bahn machte und links und rechts hohe Schneereihen aufhäufte, die sich hartnäckig über Wochen hielten. Es gab ja kein Fernsehen, keine elektronischen Spiele, kein hochtechnisiertes Spielzeug, mit welchem man Stunden füllen konnte. Vielleicht hatte einer einen kleinen Bausatz von Märklin. Oder, wie Karl Barthelmeß, eine Dampfmaschine, um solche Freundschaft wurde schon mal gebuhlt. Aber wie gesagt, Fantasie war gefragt.

Dummheiten und ihre Folgen

Beim letzten Rundgang erinnerte mich Jochen an folgende tragische Geschichte. Es hatte viel geschneit. Der Schnee war reichlich und pappte herrlich. Mit so einem Material konnte man tolle Schneemänner produzieren, Schneeballschlachten veranstalten oder Schneeball-Zielwerfen austragen. Manchmal ging dabei auch eine Fensterscheibe zu Bruch. Nun, wir hatten was Besseres vor. Auf der nur flachgeneigten Garage vom „Roß“ rollten wir große Schneekugeln, 50 bis 60 cm im Durchmesser. Die wurden alle an der der Steingasse zugewandten Traufenseite in Stellung gebracht. Wir wollten, wenn unten jemand vorbeiginge, die Kugeln kurz vor dem Jemand hinunterstoßen und ihn damit erschrecken. Eigentlich hofften wir, wie Jochen versicherte, dass unser Herr Lehrer, der Bauerswichtl, vorbeikam. Er war eine Seele von Mensch und versprach, da er viel Humor besaß, vielleicht wenig Getöse zu veranstalten, wie uns dem Schulrektor melden oder an die Eltern verpatschen. Es war aber noch ein Dritter mit auf dem Dach, doch „Joho“ arbeitete wenig mit. Er war auf Entdeckungsreise, und wir hörten ihn so nebenbei, er habe eine tolle Rutschbahn entdeckt. Wir lagen schon nach passenden Objekten auf der Lauer, als ein fürchterlicher Kracher, vermischt mit Geklirre und begleitet von einem verzweifelten Aufschrei, uns aus unserem Jagdfieber riss. Sekunden später standen wir entsetzt vor einem riesigen Loch im Dach und sahen, 3m tiefer, Joho inmitten von Glassplittern auf dem eingeknickten Dach eines „Lloyd“, eines sogenannten Plastikbombers, sich stöhnend bewegen. Seine tolle Rutschbahn war das Oberlicht der Garage, aus Drahtglas, gewesen. Joho hat es mit einigen Kratzern und Prellungen überlebt, der „Lloyd“ weniger gut. Wie die Roßwirtin, Frau Klein, Jochens Oma, oder welche Versicherung das geregelt haben, haben wir nie erfahren, oder es hat uns nicht interessiert, die Prügel und Strafen, welche verständlicherweise nun folgten, um so mehr!

Wintersport damals

Normalerweise trieben wir aber von klein auf mit Begeisterung sämtliche Wintersportarten. Schlitten fahren auf der Rodelbahn und am Oberen Mauerweg. Dort ging es oft bis Ostern. Standen auf der Südseite der Mauer, in den Gewächshäusern der Gärtnerei Einfalt, schon bald die ersten Salatköpfe zur Ernte an, herrschte auf der Nordseite noch tiefster Winter. Dort bildete sich oft durch Antauen und wieder Gefrieren eine 15 bis 20 cm dicke Eisschicht. Manche Jahre konnten wir sogar auf Schlittschuhen vom Hagel- bis zum Salwartenturm hinunterbreschen. Angst hatten wir dabei keine, nur vor unserem Intimfeind, dem „Kinderpolizisten“ Biehringer. Während der Schnerzingers Fritz höchstens gutmütig meinte, „gangt halt auf d’ Rodelbahn mit eire Schliede“, brüllte selbiger immer aufgeregt herum und drohte,uns in sein Notizbuch zu schreiben.
Meine ersten Schier bekam ich vom Vetter Hans. Er war „drausnaus“ gewachsen, und ich war sehr stolz und glücklich über die ersten Schußfahrten auf der Rodelbahn und am Hang des Kesselwaldes. Später, älter geworden und ausgestattet mit Laun-Schi, suchten wir die Hänge bei Sittlingen, Wolfertsbronn und die „Sieben Hücheli“, gelegen im Straßenzwickel zwischen Wörnitztalradweg und der links abzweigenden Ortszufahrt hinauf nach Burgstall, auf. Leider sind letztere bei Flurbereinigung und Straßenbau verschwunden. Die langen Hinwege, alles mußte ja zu Fuß bewältigt werden, das Aufsteigen nach jeder Talfahrt und dann der lange Nachhauseweg, das machte uns überhaupt nichts aus, das war uns der Spaß einfach wert.

Mißgeschick ohne Folgen

Hatte ein Winter weniger Schnee, so war er bestimmt sehr kalt. Dann wurden die Schlittschuhe mit den gefürchteten Klemmbacken, den „Sohlenreißern“, hervorgeholt. Wir zogen zum Rothenburger-, dem Hippen-, dem Walk- oder Segringer Weiher. Auf letzterem bin ich einmal eingebrochen. Kaum war das passiert, war keiner mehr da, doch ich schaffte das rettende Ufer. Wie war der „Zeitgeist“ um 1954? Passiert dir Bub ein Missgeschick, dann gibt es eine Strafe. Nun, meine Mutter wäre bestimmt ob des glimpflichen Ausgangs sehr froh gewesen und hätte mich gleich mit Wärmflasche in das Bett gesteckt, doch mir war das Heimgehen nicht geheuer. Schlottemd vor Schreck und Kälte hatte ich beim Eichnersbäck einen Einfall. Ich betrat den Laden und wandte mich vertrauensvoll an Tante Frieda und Onkel Heiner. Die zogen mich aus und trockneten mich und meine Kleider am noch sehr warmen Backofen. Doch kam die ganze Geschichte trotzdem heraus. Mein Vetter Peter hatte mich auf allen Weihern gesucht und war unverrichteter Dinge wieder bei meiner Mutter gewesen. Nun mußte ich Rechenschaft abgeben, wo ich mich herumgetrieben hätte. Es gab dann natürlich keine Strafe, nur Vorhaltungen, weil ich nicht gleich nach Hause gegangen war.

Der Buhlschorsch

Im Winter 1955 hatten Peter und ich außer Sport noch anderes, Wichtiges zu tun. Wir waren beide große Tierfreunde und begeisterte Leser der Jugendzeitschrift „Der Tierfreund“. Die konnte man abonnieren, und sie wurde in der Schule verteilt. Viel trieben wir uns in sämtlichen Wäldern rings um unsere Stadt herum, kannten jeden Weg und Steig, wie auch alle Vögel und sonstige Tiere.
Auf einen dieser Streifzüge entdeckten wir eine sehr marode, heruntergekommene Futterkrippe. Da kam uns die ldee. Wir setzten sie mittels Latten, Brettern und Dachpappe wieder instand, trugen Heu auf abgeernteten Feldern zusammen oder stibitzten es, es war ja für einen guten Zweck.
Im Herbst sammelten wir Eicheln und Kastanien, kauften beim Drogisten Straub einen Salz-Leckstein und zogen dann im Winter jeden zweiten Tag, manchmal mit Schiern, mit Rucksack oder einem beladenen Schlitten in den Wald zwischen Botzenweiler und Neustädtlein. Wie begeistert und glücklich waren wir, als die Tiere schon nach kurzer Zeit unsere Futterstelle angenommen hatten. Doch hatte die Geschichte eine Fortsetzung. Die nahe Waldwiese hatte es uns im Sommer angetan, waren dort doch jeden Abend Rehe und Hasen zu beobachten. Einmal, wir hatten auf unserer Pirsch die Zeit ganz vergessen, rannten wir zu unseren Rädern zurück. Da stellte sich ein finster dreinschauender Kerl mit angelegtem Gewehr und barschem „Hände hoch“ uns in den Weg. Noch einmal wenn er uns gegen Abend hier erwischte, würde er uns abknallen. Zitternd wie Espenlaub, mit einigen Millilitern in der Hose, machten wir uns auf den Heimweg. Mein Vater schien den Mann zu kennen. Er meinte, die Jagd da draußen gehöre dem Herrn Dürr vom Sägewerk, und da er nur einen Arm habe, hätte der einen Jagdhelfer, den Buhl-Schorsch aus Hopfengarten. „Na, dem werd ich‘s geben“, versprach er mir. Am Sonntag spätnachmittag strebten wir durch das Bärengäßlein dem „Roten Hahn“ zu. Dort bei der Wiedemanns Rosl trafen sich die Jäger zum Dämmerschoppen. Tatsächlich war jener Bursche auch da. Mir war ganz mulmig in der Magengegend. Wir setzten uns an seinen Tisch, und nach ein paar Belanglosigkeiten zog mein Vater vom Leder:
„Ja, sach amoll, Schorsch, hoschd du nix anders zum dua als klane Buaba Angschd eizjacha?“ Und dann erzählte er, wir hätten doch die Futterkrippe wieder zusammengezimmert, hätten Futter gesammelt und im Winter nach beschwerlichem Weg seine Tiere gefüttert, das müsse er doch bemerkt haben. Nun, vom Entschuldigen hielt der Schorsch wenig, aber nachdem ihm mein Vater das Bier und seinen Roten bezahlt hatte, versprach er, mit seinem Jagdherrn mal zu reden. Und so kam es, dass ich zweimal bei einer Bockjagd und bei der nächsten Treibjagd dabei sein durfte. Das war für uns höchste Belohnung.
Doch noch etwas von dem Buhl-Schorsch. Er hatte in den Handgelenken Rheuma oder Gicht. Und ich sehe ihn heute noch vor mir, wenn wir durch den Wald streiften und er kam an einem Waldameisenhaufen vorbei, zog er seine Jacke aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so weit er nur konnte, und steckte beide Arme in den Haufen. Wenn er sie heraus zog, waren sie feuerrot. „Ah, das brennt“, meinte er, tue seinen Händen aber sehr gut. So hat man also damals Rheuma-Schmerzen behandelt.
Sommers wie winters waren wir unterwegs, immer in Bewegung und immer an der frischen Luft. Das heutige Phänomen. daß es viel zu viele übergewichtige Jugendliche gibt, gab es zu meiner Jugend nicht. Wir waren schlank, ja dürr. Einige Jahre befürchteten meine Eltern, daß ich einmal später keinen respektablen Spenglermeister abgeben würde, und so sollte ich mich nach dem Essen immer eine Stunde hinlegen und danach in Milch eingeweichte Haferflocken mit hineingeschnittenen, teueren Bananen essen. Diese Kur hielt ich aber nicht lange durch.
Ja, es gäbe noch viele Geschichten und Abenteuer zu erzählen. Doch zurückdenkend, wenn ich das alles so niederschreibe, spüre ich Schwermut in mir hochkriechen und ich resümiere: Es war eine arme und doch so reiche Zeit!!

Fritz Eichner
   
   
 
 
 
 
   
 
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