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Gefeiert und geschmäht

   
 
 

 

Doktor Johann Andreas Eisenbart

 

 

Quacksalber oder genialer Chirurg, Kurpfuscher und Geldschneider oder herausragender Könner? Die Urteile über ihn pendeln zwischen Extremen. Das war schon zu seinen Lebzeiten so. Aus dem Jahre 1727 kennen wir ein kleines Gedicht, in dem Eisenbart seinem Sohn den wohlgemeinten Rat gibt, sich nicht auf Geduld und Gelehrsamkeit zu verlassen, wenn er einmal so berühmt und wohlhabend werden wolle wie sein Vater. Zu empfehlen sei vielmehr: Das Gedicht stammt von dem hoch angesehenen Poesie-Professor Johann Christoph Gottsched. Ein paar Jahre nach Eisenbarts Tod reimte der weniger bekannte Poet Gottfried Benjamin Hancke: So zwei der Schmähungen. Auf der anderen Seite aber wurde im Jahre 1716 vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. „unser lieber getreuer Johannes Andreas Eisenbarth“ zum „Königlich-breußischen Rath und Hofoculiste“ ernannt, eine allerhöchste Auszeichnung, die er dafür erhielt, dass und wie er auf Befehl Seiner Majestät das im Krieg von einer Kugel verletzte Auge eines Oberstleutnants von Grävenitz behandelt hatte. Die Berufung durch den König war kein Zufall. Durch zahlreiche fürstliche Privilegien hatte sich der Wanderarzt vor allem im mittleren und östlichen Deutschland einen Namen gemacht. Als „Okulist“, d.h. als Augenarzt, konnte er Erfolge vor allem beim Stechen des Grauen Stars erzielen, wofür er eine eigene Nadel erfunden und diese möglicherweise als erster über einer Flamme sterilisiert hat; es gelangen ihm aber auch ungewöhnliche Heilungen anderer Augenerkrankungen. Des weiteren tat er sich hervor als Operateur von Hernien (Eingeweidebrüchen) oder Hasenscharten und als „Steinschneider“ (Blasensteine betreffend). Und für die Entfernung von Nasenpolypen entwickelte er einen neuen Polypenhaken. Außerdem scheint er als erster eine Art pharmazeutischer Fabrik betrieben zu haben, in der medizinische Instrumente und Arzneien hergestellt wurden. Freilich, wenn wir lesen, dass zu letzteren etwa auch ein „balsamischer Haubt-, Augen- und Gedächtniß Spiritus“ gehörte, der gegen die Folgen eines Schlaganfalls, gegen Augenleiden, Ohrensausen, Kopfschmerzen und Schwindel wirken sollte, bekommen wir doch einige Zweifel an der wissenschaftlichen Seriosität mancher seiner Rezepte. Wie im Übrigen auch an manchen seiner „Kuren“ und chirurgischen Eingriffe. Doch wir dürfen Eisenbart nicht ohne weiteres am Standard heutiger Schulmedizin messen.
Befremdlich für uns ist zunächst auch die „Öffentlichkeitsarbeit“, die er und seine Kollegen damals betrieben. Anders als die in den Städten zu den Honoratioren gehörigen, fest angestellten studierten Ärzte, die für innere Krankheiten zuständig waren, befanden sich die Wundärzte, zu denen Eisenbart zählte, meist auf Wanderschaft und mussten, hatten sie einmal vom zuständigen Fürsten nach erfolgreicher Prüfung die Lizenz zum Arbeiten erhalten, auf sich aufmerksam machen. So zogen sie regelmäßig auf städtische Märkte, und marktschreierisch war manchmal auch ihr Auftreten, wirksam unterstützt von einem Tross von Begleitern. Zu diesen gehörten chirurgische Gehilfen, Sekretäre, Knechte für die nötigen Pferde und Fuhrwerke, Handlanger beim Aufschlagen und Abbauen von Bühnen und Zelten sowie Boten, die mit dem Austragen von Reklamezetteln und Bilddrucken für Werbung sorgten. Im Gefolge befanden sich aber auch, in variabler Zusammensetzung, Komödianten, Gaukler, Seiltänzer und Musikanten, letztere, soweit sie laute Instrumente wie Trommel oder Trompete beherrschten. Der Meister selbst präsentierte sich im scharlachroten Rock mit Überhang, dazu eine Allongeperücke auf dem Haupt, und bildete mit seinen Inszenierungen durchaus eine Konkurrenz für wandernde Trupps von Feuerspeiern, Degenschluckern, Schlangenbeschwörern und Spinnen-fressern. Eisenbart soll in seinen besten Zeiten an die 120 Komparsen beschäftigt haben. Hatte er dieses Theater wirklich nötig?
Aber richten wir unseren Blick nicht nur auf die eine Person Eisenbart und seine Zunft, sondern auf das ganze Zeitalter, den später so genannten Barock. Eben das Theater, auch das Theatralische, war es, was die Epoche prägte. Nicht nur die Künste wie Architektur, Malerei, Musik, Literatur lassen das erkennen. Der Barock „hat das Theater zum vollständigen Abbild und zum vollkommenen Sinnbild der Welt gemacht“, schreibt ein Historiker, und ein anderer meint: „Selbst das öffentliche Leben war zu keiner anderen Zeit in der Geschichte so mit theatralischen Tendenzen durchdrungen wie im Barock.“ Begreifen wir Eisenbart aber als barocken Menschen, den er wohl idealtypisch repräsentiert, dann wirkt die für uns Heutige schwer nachvollziehbare Kombination eines wirklich tüchtigen medizinischen Könnens mit einem voll ausgelebten Showtalent trotz gelegentlicher Kritiken nicht mehr als unauflöslicher Gegensatz. Erst das Zusammenspiel beider Fähigkeiten machte ihn berühmt. Und auch wohlhabend: In Magdeburg erwarb er das Bürgerrecht und kaufte für 3100 Taler seiner zahlreichen Familie das ansehnliche Haus „Zum Güldenen Apfel“.

Variationen des Ruhms

Der 1663 in Oberviechtach Geborene verstarb auf einer Reise 1727 in Hannoversch Münden. 1751 begegnen wir seinem Namen noch ein letztes Mal in einem kleinen Vierzeiler, danach wird er im 18. Jahrhundert nicht mehr erwähnt. Und wäre wohl gänzlich vergessen worden, wenn er nicht, wie ein Biograph schreibt, „auf unerwartete Weise eine fröhliche Auferstehung gefeiert hätte, um unsterblich in einem Gesange fortzuleben“. Gegen 1800 von einem Anonymus, vielleicht einem Medizinstudenten, erfunden, wurde das bekannte Eisenbart-Lied (s. Kasten Mitte) früh schon in Marburger und Göttinger Studentenkreisen gesungen. Von 1815 datieren die frühesten Drucke, 1818 wurde es in ein Göttinger Commersbuch aufgenommen. Rasch fand es Eingang in weite Bevölkerungskreise, und Eisenbart mutierte zur Legende. Dass es ihn einmal wirklich gab, wurde erst wieder glaubhaft, als man 1837 seinen Grabstein wieder fand. Doch eine nachbarocke Generation war nicht daran interessiert, dem Wundarzt historisch gerecht zu werden, und machte in scherzhaftem Spott aus dem Mann mit dem kuriosen Namen den groben, prahlerischen Kurpfuscher, dessen Kuren stets einen üblen Ausgang nahmen. Auf diese wundersam-skurrile Weise erfuhr Eisenbart einen zweiten Ruhm, der sich länger hielt und weiter ausbreitete als der erste zu seinen Lebzeiten. Nicht nur in deutschen Universitätsstädten, sondern auch in Holland, England, Frankreich und in der Schweiz wurde das Lied gesungen. Und darüber hinaus lockte es immer wieder Autoren und Komponisten zu eigenen Weitergestaltungen, bis in unser Jahrhundert. Hier nur ein Beispiel: Im Rückgriff auf das Lied und auf den Eisenbart-Roman von Josef Winckler aus dem Jahr 1928 schrieb der tschechische Janáček-Schüler Pavel Haas die Oper „Šarlatán“. Die Uraufführung fand 1938 in Brünn statt. In unseren Tagen, im März 2009 – der Komponist war 65 Jahre zuvor in Auschwitz ermordet worden –, erfolgte in Gera die deutsche Erstaufführung des Werks.
Mit dem Bekanntwerden des Liedes wirkte sich der neue Ruhm Eisenbarts aber noch weiter aus. Straßen wurden nun, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach ihm benannt, ein humoristischer Kalender, eine Zeitschrift, ein Kartenspiel mit seinem Namen geschmückt. Und mit diesem verband sich gar eine lokalpolitische Fehde, der erbitterte Streit zweier Städte, die beide Eisenbart als ihren Sohn beanspruchten. In Viechtach, das zunächst den Sieg in der Auseinandersetzung davonzutragen schien, zeigte man sein (angebliches) Geburtshaus und seine Wiege und führte ab 1935 ein von dem Apotheker Karl Gareis geschaffenes Festspiel auf, und zwar mit größtem Erfolg. Bis zum Jahre 1959. Da wurde den Oberviechtachern dokumentarisch bestätigt, dass es ihre Stadt war, in der Eisenbart das Licht der Welt erblickte. Umgehend veranstaltete nun Oberviechtach ein „Eisenbarth Festspiel“, richtete ein Eisenbart-Museum und ein Eisenbart-Archiv ein und benannte Grund- und Hauptschule sowie die Apotheke nach dem nunmehr berühmtesten Sohn des Ortes. Vergleichbare Ehrungen für den bis dahin vergessenen Wundarzt folgten in Hannoversch Münden und Magdeburg.
Und heute gibt es mittlerweile einen „Welt-Sippen-Verband Eisenbarth“, dessen Mitglieder sich alle zwei Jahre treffen.
Das Lied, das den neuen Ruhm Eisenbarts auslöste, machte im übrigen auch seinerseits Karriere. Seine Melodie wurde wiederholt als Vehikel ganz neuer Texte verwendet. Sie begannen z.B. so: „Ich bin der Schlächter Bonapart...“ oder: „Ich bin der Doktor Hindenburg...“ oder: „Ein Mann, der sich Kolumbus nannt’...“. Das jüngste bekannte Beispiel bieten die 11 Strophen des Anti-AKW-Liedes aus dem Jahre 1980. Eine Kostprobe daraus:
Aber was hat nun Eisenbart mit Dinkelsbühl zu tun?

Bevor wir diese Frage klären, soll noch kurz auf die 1952 in Nürnberg uraufgeführte Eisenbart-Operette von Nico Dostal hingewiesen werden. Mit Anklängen an Kurt Weill und Carl Orff versuchte der Komponist in diesem Werk, die Gattung Operette nach dem 2. Weltkrieg zu erneuern. Ein freilich vergeblicher Versuch. Wir erwähnen das Stück hier deshalb, weil darin Dinkelsbühl den Schauplatz einer Szene bildet, in welcher es dem reisenden Landarzt gelingt, seine Neider samt dem Stadtrat hinters Licht zu führen.
Aber natürlich hatten die Funkfeuer-Redakteure triftigere Gründe als den bloßen Hinweis auf eine Operettenszene, um eine Würdigung Eisenbarts in ihrem Dinkelsbühler Kulturmagazin vorzunehmen. Tatsächlich haben im Jahre 1959 die Forschungen des Amberger Lehrers Joseph Wopper, nachträglich ergänzt durch den hiesigen Stadtarchivar Wilhelm Reulein, ergeben, dass der berühmte Wundarzt familiäre Wurzeln in unserer Stadt hat. Sein Großvater Wilhelm war im Alter von 24 Jahren aus Unterkochen nach Dinkelsbühl gekommen, heiratete ein Mädchen aus Seidelsdorf und verdingte sich im Spital als Knecht. Vom Fuhrknecht rückte er in einer heute kaum mehr verständlichen Rangordnung zum Karrenknecht auf und beendete schließlich seine Laufbahn in den letzten Jahren des Dreißigjährigen Krieges als „Säuschneider“ und „Kastrierer“. Damals hatte er bereits für 24 Gulden das Bürgerrecht erworben, nachdem es ihm offenbar immer wieder gelungen war, nebenbei eigene Erwerbsquellen aufzutun. So konnte er sich auch ein für seine Arbeit günstig gelegenes Haus im Rothenburger Viertel kaufen. Denn Platz brauchte er, nachdem seine Familie beträchtlich angewachsen war. (Zu seinen Nachkommen zählen sich noch heute einige Bewohner im Dinkelsbühler Ortsteil Holzapfelshof und in Wallerstein.)
Der wie alle seine Kinder in Dinkelsbühl geborene Sohn Matthäus verließ noch in jungen Jahren seine Vaterstadt. Er konnte sich schon einen höher eingeschätzten Beruf wählen als sein Vater und durfte sich eines Tages „Oculist, Stein- und Bruchschneider“ nennen. 1656 heiratete er in Würzburg, sozusagen ins Fach: der Bruder seiner Frau war ebenfalls Bruchschneider und Okulist. Im Würzburger Traubuch ließ sich Matthäus als Sohn des „Chirurgen und Dinkelsbühler Bürgers Wilhelm Eisenbart“ eintragen („legitimus filius Quilielmi Eisenbarth, chyrurgi, civis Dinckhelspülensis“). Als Sohn eines Chirurgen versprach er sich wohl bessere Berufsaussichten, als wenn er seinen Vater lediglich als Säuschneider angegeben hätte: Beweis einer pragmatischen Einstellung, wie sie sein Sohn in noch viel höherem Maß zeigte.
Dieser, der berühmte Johann Andreas Eisenbart, schlug zunächst eine Laufbahn ein, die ganz derjenigen seines Vaters glich. Er ließ sich in Bamberg als Bader und Wundarzt ausbilden, heiratete ebenfalls in die Familie eines Okulisten, Stein- und Bruchschneiders ein, setzte dann freilich zu der oben beschriebenen steilen Karriere an, die diejenige aller vorhergehenden und aller folgenden Eisenbarts übertraf und deren Ruhm noch heute lebendig ist. Ein Abglanz davon fällt auch auf Dinkelsbühl: Es kann sich zwar nicht Eisenbarts Vaterstadt nennen, aber doch Eisenbarts Vaters Stadt.

Die Abbildungen (bis auf Seite 5 Rechts) sind der Biographie von Eike Pies entnommen: Ich bin der Doktor Eisenbarth, Ariston Verlag, Genf (o.J.)

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
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