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Als ich der Anfrage vom Funkfeuerteam, ob ich über meine Erfahrungen als Gästeführer Dinkelsbühls in einem der Hefte berichten würde, vorschnell eine positive Antwort gab, hätte ich diese, je mehr ich darüber nachdachte, gern wieder zurückgenommen. Habe ich doch vierzig Kollegen und Kolleginnen, von denen jede(r) seine eigenen Bewertungen und Sichtweiten hat, die durchaus konträr zu den meinen sein können.
Also, dies sind die Erfahrungen und Erlebnisse des Gästeführers Fritz Eichner zu Dinkelsbühl.
Als ich mich im Frühjahr 2003 zur Gästeführerschulung "als freier Mitarbeiter des Touristik Service Dinkelsbühl", wie es in der Einladung hieß, anmeldete, hatte ich auch Bedenken. Zwar gab es für mich keine Zweifel, was die geforderten Fähigkeiten betraf, doch wie ich mich als ehemaliger Geschäftsmann, im "Konfirmantaaziachla" angehäufte Touristen durch die Stadt begleitend, fühlen würde, war mir schleierhaft.
Nun, nachdem fast die neunte Saison hinter mir liegt, sind keine Fragen mehr offen und auch fast keine Überraschungen mehr möglich. Nach bestandener Prüfung, die aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil bestand, immerhin wurden von fünfundzwanzig vier Prüflingen von der beabsichtigten Tätigkeit abgeraten, konnte es losgehen. Meinen neuen Kollegen gegenüber hatte ich den unschätzbaren Vorteil, dass zu Hause, fein geordnet, zu jederzeit ein umfangreiches Nachschlagewerk über Dinkelsbühls Gebäude und die entsprechenden Geschichtsdaten greifbar und der organisatorische Ablauf der Führungen mir auch schon bekannt war, bewegte sich meine Frau doch schon seit sieben Jahren in diesem Metier. Durch sie war ich auch darauf ausgerichtet, immer pünktlich ( 10 Minuten vor Termin), "richtig" angezogen (sauber und im Winter warm) und motiviert zu sein, jammern über irgendwelche Widrigkeiten gibt es nicht!
Zu Anfang meiner neuen "Karriere" war ich natürlich bestrebt, immer all mein Wissen auch an den Mann oder die Frau zu bringen. Das führte aber sehr bald zu Kollisionen. Nie hätte ich gedacht, dass Gästeführungen nach physikalischen Gesetzen ablaufen: Kraft mal Weg = Arbeit; Arbeit dividiert durch Zeit = Leistung. Also, eine bestimmte Menge Wissen (Kraft) soll auf den Weg gebracht, in die Köpfe meiner Gäste transportiert werden = Arbeit, stimmt. Und diese Arbeit in einer bestimmten Zeit vollbracht = Leistung, stimmt auch. Und da unser Auftraggeber eine ordentliche Leistung verlangt, muss ein guter Gästeführer diese Komponenten bei jeder Führung auf die Reihe kriegen! Sie unterliegen wieder einzukalkulierenden Realitäten: Wie interessiert sind die Leute, wie weit wollen und können sie geschichtlichen Abläufen folgen und wie ist es um ihre körperliche Fitness bestellt, wie schnell sind sie?
Am Anfang war meine "Leistung" schlecht. Mein Chef (G.Schürlein) hat ja ein gutes "controlling" von seinem Schreibtisch aus, und so bemängelte er bald meine Zeitüberschreitungen. In meinem Eifer, alles Wissenswerte meinen Gästen nahebringen zu wollen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass so manchem Führungsteilnehmer der Sinn nach Kaffee und Kuchen oder Bratwurst mit Bier stand. Heute, man merkt ja nach 45 Minuten, wie interessiert eine Gruppe ist, frage ich aber trotzdem, ob eine kleine Zeitüberschreitung mit Gang vor das Rothenburger Tor oder einer Beschreibung der Alten Mange wünschenswert wäre. Auch habe ich längst gelernt zu entscheiden, was den jeweiligen Gästen an Geschichte und Geschichten zumutbar ist und was nicht. Damit reduziert sich der Inhalt einer jeweiligen Führung auf eine annehmbare Länge.
Wie kommen wir zu unseren Aufträgen? Die angemeldeten Gruppenführungen bekommen wir vom Büro. Auf dem Auftrag ist ersichtlich, woher die Leute kommen, Tag und Zeit, welcher Art die Führung sein soll (1 oder 2 Stunden, Stadtrundgang, Stadt mit Museum kombiniert) und wo wir die Gäste übernehmen sollen. Das kann in wenigen Tagen oder erst in drei Monaten sein. Da jede Führung bei mir heute noch ein gewisse Spannung aufbaut, versuche ich mir im Voraus schon ein Bild zu machen, vor allem woher die Gruppe kommt und wie sie sich zusammensetzt. Daraus entwickeln sich dann gewisse (Wunsch-)Vorstellungen, die sich nicht immer so verwirklichen lassen,z.B. :
"Herrn Jürgen XY ..............str. 2 53173 Bonn Donnerstag, 20. Oktober 2011 10 Uhr Führung durch die historische Altstadt ab Parkplatz P1, Gruppe, Dauer ca. 2 Stunden, 12.00 Uhr Platzreservierung zum Mittagessen für ca. 20 Pers. im Gasthaus ‚Zur Eule' "
Wenn ich so einen Auftrag kriegen kann, hüpft mir das Herz vor Freude im Leib. Bonn, ehemalige Bundeshauptstadt, das hat "Niveau". In einer Zwei-Stunden- Führung kann ich mehr von Dinkelsbühls Schönheit zeigen, und das ohne Zeitdruck. Eine Gruppe mit 20 Gästen ist überschaubar, gut zu leiten, und das ohne Anstrengung.
20. Oktober, ich radle pünktlich los, stelle mein Fahrrad am Münster ab, denn am Marktplatz soll meine Runde enden, und eile hinaus zum P 1 .
An diesem tristen Morgen, tief hängender Nebel bei vier Grad über Null, deutet aber auch gar nichts darauf hin, dass Dinkelsbühl ein beliebter touristischer Zielort ist. Der Busparkplatz leer gefegt, keine Gäste, keine Japaner, keine Kollegen. Ich entsorge drei herumliegende Jelzin-Wodka- Flaschen und setze mich schließlich, meine Handschuhe als Unterlage benützend, auf die nebelfeuchte Bank. Plötzlich kommt meine Frau angebraust, einladend schwingt die Beifahrertüre auf, "komm, steig ein, ich kann dich doch nicht in der Kälte so lange sitzen lassen, deine Leute haben eine gut halbe Stunde Verspätung". Ich wärme mich daheim zehn, zwölf Minuten auf und stiefle wieder los. P1, wieder warten, dann, nach 10 Minuten biegt ein Bus ein – es ist meiner. Ich gestehe, meine eingangs beschriebene Hochstimmung hatte sich schon beträchtlich der Temperatur angeglichen.
Die Bustür schwingt auf, heraus kommt ein großer, schwergewichtiger Mann, selbstsicher steuert er auf mich zu, streckt mir seine große Hand entgegen und meint beiläufig, das mit der Verspätung habe sich so entwickelt, und hier sei auch schlecht beschildert, sie seien nämlich drüben am alten Bahnhof gelandet. Schon eine Leistung, von "dort drüben" in 40 Minuten hierher zu finden, denke ich. Keine Entschuldigung, kein Bedauern, kein Nachzahlen der Wartezeit, - alles klar!!
Als alle ausgestiegen sind, frage ich, wie viele Personen sie denn seien. 32, kommt die Antwort. "Aber Sie wollen doch nur 20 Plätze für das Mittagessen reserviert haben", frage ich. "Das stimmt, ein Teil geht sowieso immer seine eigenen Wege". Au Backe, die nächste Enttäuschung! Was steht auf der Auftragsbestätigung des Herrn XY:
1Gruppe, max. 30 Personen, sollten weitere Personen hinzu kommen, möchten wir Sie bitten, uns dies vorab kurz mitzuteilen, da dann – um für beste Information zu sorgen – ein zweiter Gästeführer benötigt wird. Vielen Dank. Ach, liebe Sarah, auch von mir ein Dankeschön, aber Papier ist ja so geduldig.
Die Erfüllung des Wunsches nach Toiletten-Benutzung verschiebe auf den Besuch des Hauses der Geschichte (HDG ). Ich wollte mir das Wehgeschrei über "Zumutung, Sauerei" und was wir sonst noch zu hören bekommen, nicht auch noch antun. Bis die einen die Örtchen aufsuchen, halte ich mich mit dem Rest der Gruppe im Raum 1 auf. Diesen Raum liebe ich, haben wir doch dort das schöne, ansprechende Stadtmodell und wunderbare Land- und Gemarkungskarten. Die Gruppe ist in Bad Mergentheim einquartiert, darum interessiert mein Alphamännchen die Karte, welche aussieht wie ein Flickenteppich. Und er zeigt und erklärt seinen Leuten die Größe des damaligen Hohenlohe. Nach einigen Versuchen komme ich wieder zu Wort und erzähle von der Belagerung Crailsheims durch die Dinkelsbühler samt ihren verbündeten Städten 1379. Natürlich auch von der wunderbaren Rettung und dem vorausgegangen, frustrierten Abzug der Belagerer, nachdem die Frau Bürgermeister ihnen ihr wohlgenährtes Hinterteil über die Mauer entgegengestreckt hatte. Ja, diese Geschichte sorgte für große Erheiterung und mein "Freund" raunte mir zu: "Was glauben Sie, wie viele Bürgermeister unter uns sind?" Viele, denke ich, und, lachend auf seinen gewaltigen Bauch zeigend, sage ich "bestimmt Oberbürgermeister". Er musste gute Miene zum lockeren Spiel machen und meinte, dass ich ein lustiger Typ sei – "und das nach der ganzen Warterei", war mein Konter. Das saß. "Ach, darüber müssen wir uns noch unterhalten." Bingo, dachte ich, so ist's brav.
Nun, die Führung verlief ab jetzt ohne Störungen, und ich fand meinen Draht zu den Leuten. Nach der Verabschiedung der Gruppe fragte mich mein "Oberbürgermeister": "Nun, was haben Sie sich denn vorgestellt?" Ich ließ ihn einen Vorschlag machen. Er schaute auf mich herab, ich lächelnd zu ihm hinauf, dann kam aus der Höh: "15 Euro, ist das in Ordnung?" Ich nickte. Mehr als 10 hätte ich mir nicht zu verlangen gewagt, dafür gab es nichts Zusätzliches.
Erzählenswert sind vielleicht auch die Erfahrungen mit sogenannten Spezialführungen. Meine Frau hatte mal den Auftrag für eine Führung mit Schwerpunkt Chr. von Schmid. Sie setzte sich hin, lernte, schrieb Stationen seines Lebens auf und war gewappnet für die Runde. Doch sie kam äußerst wenig zu Wort. Der Organisator dieser Reisegruppe war bei der Vorbereitung des Jubiläumsjahres im Schwäbischen selbst mit beteiligt und wollte mit seinem Wissen glänzen. Ich war einmal mit Schwerpunkt Hexenverfolgung betraut. In Kurzform schrieb ich die paar Hexenprozesse aus G. Arnolds Buch ab, die sich zwischen 1611 und 1661 in Dinkelsbühl abspielten. Doch das Interesse der Gruppe erlahmte bald, weil es so wenige Hexen waren und wir die Armen nur enthaupteten, damit ihnen die Qualen des Feuertods erspart blieben.
Der tollste Auftrag war der eines Geologie-Gymnasiallehrers aus Bingen. Ich sollte eine geologische Führung über Dinkelsbühl halten, er hatte mich extra deswegen zu Hause angerufen. Ich erinnerte mich an die Doktor-Arbeit des hiesigen Gymnasiallehrers Paul Gluth mit dem Thema "Dinkelsbühl, die Entwicklung einer Reichsstadt". Hier fand ich Landschaftsübersichten mit Bodenprofilen von der Frankenhöhe bis zum Hesselberg und eine Zeichnung über die geologischen Verhältnisse des Stadtgebietes. Das kopierte ich, farbig angelegt und mit Notizen versehen. Den Kopf voll mit Kenntnissen von unteren Gipskeuperschichten, bestehend aus Letten und Mergeln, feinkörnigen Schilfsandsteindecken, Blasensandstein und Burgsandsteinvorkommen, harre ich gut vorbereitet dem Tag meiner geologischen Führung entgegen. Der Organisator und seine Gruppe waren reizende Leute, Rheinhessen eben, und gleich zur Begrüßung meinte er, dass sein gewünschter Schwerpunkt die anderen doch nicht so interessieren würde, ich solle einen ganz normalen Rundgang machen. Zum Ausgleich würde er mich einmal in Bingen führen. (Meine Tochter wohnt seit 16 Jahren in Bingen, ich rühre mich aber bei Herrn Schneider nicht, sonst komme ich doch noch zu einer geologischen Führung.)
Ja, ja ein Gästeführer muss schon was aushalten!!
Neben unseren angemeldeten Gruppen gibt es dann noch unsere Routine-Führungen, die jeden Tag um 14.30 und um 20.30 Uhr angeboten werden. Zu diesem Zweck muss sich jeder von uns einen Monat vorher eintragen. Da gibt es ein paar Schlaumeier, die beim Eintragen sehr fix sind und sich früh die vermeintlich guten Tage sichern.
Doch auch dabei ist nicht alles vorhersehbar. Wir werden bei der Routine von den Gästen selbst direkt bezahlt, 3 Euro pro Person. Da fällt schon ins Gewicht, ob man 2 oder 16 Gäste mit auf die Runde nimmt.
Bei dieser Führung kommen die Gäste freiwillig, sind nicht von einem Busunternehmen verdonnert oder unterliegen sonst einem Gruppenzwang. Also kann man annehmen, sie sind neugierig, über unsere Stadt etwas zu erfahren. Am 26. Oktober, einem trüben Mittwoch, hatte ich 18 Gäste, die mich erwarteten. Und was für ein Völkchen. Vier Ehepaare aus Westfalen, daneben Bayern, Schwaben und zwei aus Hamburg. Die Westfalen hatten sich im "Goldnen Lamm" einquartiert, hatten am Vorabend Karpfen gegessen und den ordentlich in Frankenwein schwimmen lassen. Sie waren jetzt noch aufgekratzt. Es war eine muntere Runde, auch wurde ich ständig mit Fragen bombardiert, – manche informieren sich ja über das Internet – vielleicht auch um den Gästebegleiter in Verlegenheit zu bringen. (Auch kann man einem Hobbyhistoriker in die Hände fallen, das ist gefährlich, die wollen immer Recht haben.) Es ging manchmal etwas drunter und drüber, aber doch lieber so, als mit zwei sprachlosen, traurigen Gestalten durch unsere Gassen zu ziehen. Beim Bezahlen ging es großzügig zu, doch die Runde war noch nicht fertig. Ich wollte mich gerade artig bedanken, da fing eine der streitbaren Westfalinnen an zu monieren, dass die Bayern politisch immer aus der Reihe tanzen würden und woher wir uns das Recht dazu nehmen. Franz Josef Strauß, die CSU, Seehofer wurden angesprochen. Ob eine Antwort von mir erwartet werde, fragte ich. "Ja" war die kurze Antwort. Es entwickelte sich ein ländervergleichender Disput. Trotzdem gingen wir ganz friedlich auseinander, vielleicht hätten wir einen guten Schoppen zusammen trinken sollen.
Ich hatte in diesen Tagen noch eine wunderbare Führung. Man spürte, die Leute hatten eine Ahnung, wie eine Führung unter knapper Zeitvorgabe funktioniert. Die Organisatorin hatte für mich und die Kollegin einen Briefumschlag bereit und meinte entschuldigend " Nur eine Kleinigkeit, um so größer der Dank". Die Gruppe war vorher in Würzburg, in Nürnberg und in Fürth, sie waren bestimmt einige Tage unterwegs und hatten Dinkelsbühl nur noch als Ausreißer auf der Heimreise eingeplant. Diese Gäste schwärmten von der Stadt als dem Highlight ihrer Reise, waren voll des Lobes über das HDG und sein Konzept und versprachen, mit Sicherheit wieder zu kommen und überall in ihren Familien und Freundeskreisen von dieser wunderschönen Stadt zu erzählen. Im Umschlag waren ein 5-Euro-Schein und eine Postkarte,
darauf ein Weindorf in lieblich hügeliger Landschaft, und rückseitig war zu lesen: "Die Gästeführer der Metropolregion Rhein-Neckar bedanken sich herzlich für die interessante Führung, Heidi Feikert im Namen aller."
Zum Schluss ein persönliches Bekenntnis: Die Gästeführerinnen und Gästeführer Dinkelsbühls haben einen leichten Job, denn ist es nicht schwer, ein Schmuckstück anzupreisen. Sollte es nicht ein drückendes Verlangen sein, unsere Gäste für diese herrliche, feine Stadt, mit ihren einmaligen Straßenzügen und Gassen, Wehr- und Wallanlagen und Kirchen zu begeistern, sollten wir uns nicht glücklich schätzen Gäste aus nah und fern durch dieses Kleinod führen zu dürfen, sollten wir nicht lauthals rühmen, was Bürgertum und Bürgerstolz auch heute noch bewegen kann? Das ist mein Anliegen, das ist meine Passion, das ist der Grund, warum ich diesem Hobby so verfallen bin, erleben zu dürfen, wie die uns besuchenden Gäste sich der Schönheit und dem Liebreiz dieser Stadt nicht verschließen können.
Meinem Chef sagte ich vor ca. einem Jahr: "Horch, mit siebzig ist Schluss!" Seine Antwort, kurz und bündig, wie wir ihn kennen: "Mit fünfundsiebzig."
Fritz Eichner
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