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Die deutsche Klassik: Minimalauswahl zum Schiller-Jahr

   
   
   
 

Goethe

Fangen wir mit Goethe an. Otto A. Böhmer „erzählt“ Goethes Leben. So weit, so recht. Er will also keine literatur-wissenschaftliche Darstellung liefern, sondern Goethes Leben unterhaltend erzählen. Mehr wäre auf 108 Seiten einer Taschenbuchausgabe auch nicht denkbar. Conradys umfangreiches Buch über Goethes Leben und Werk umfaßt 573 Seiten. Was er auf knapp 10 Seiten im Buchformat zum Iphigenien-Drama schreibt, bringt Böhmer in 4 1/2 Zeilen unter. Die Gefahr der Pauschalierung ist groß. Dafür entschädigt Böhmer mit seinem angenehm lesbaren Erzählstil und einer lückenlosen Darstellung aller Stationen in Goethes Leben, wobei allerdings des Dichters Frauengeschichten mehr Raum eingeräumt wird als der Bedeutung seines literarischen Tuns. Goethes autobiographisches Werk „Dichtung und Wahrheit“ wertet Böhmer geschickt aus und ergänzt die umfangreichen Zitate mit ein-schlägigen Gedichten. Wo dann Goethes „tätiges Leben“ beginnt und „Dichtung und Wahrheit“ nicht mehr weiterführt, wählt Böhmer ebenso geschickt Stellen aus Briefen und Gesprächen aus. An diesem Punkt der Biografie – Goethe begibt sich auf seine erste Reise in die Schweiz und macht sich anschließend auf nach Weimar, ist gerade einmal 26 Jahre alt – ist Böhmer ziemlich genau bei der Hälfte seiner Erzählung von Goethes Leben, der immerhin das 84. Lebensjahr erreichen wird, angelangt, merkwürdigerweise Conrady ebenfalls, wenn auch mit anderer Schwerpunktsetzung.
Es wurde versucht, mit dieser Besprechung dem offensichtlichen Anliegen Böhmers gerecht zu werden. Nun bleibt zu hoffen, daß sein Buch wirklich von denen gekauft und gelesen wird, die sich ohne besondere literaturwissenschaftliche Ambitionen über Goethes Lebenslauf orientieren wollen. Aber so viel Anflug von Wissenschaftlichkeit wäre auch diesen Lesern zuzumuten, daß irgendwie die Herkunft der zahlreichen Zitate belegt wird.

Johann Wolfgang Goethe – Sein Leben erzählt von Otto A. Böhmer;
Diogenes Verlag, Zürich 2005; € 7,90

 

Schiller

Wenn man Böhmers neue Veröffentlichung zu Friedrich Schiller zur Hand nimmt, hat man sich inzwischen an „erzähltes Leben“ gewöhnt. Auch in diesem Band bleibt die Auswertung des literarischen Werkes weitgehend außen vor. Der daran Interessierte, der bisher die Schwerpunkte anders setzte, wird statt dessen mit einer Fülle von Details aus Schillers Leben bedient, die er in keiner Literaturgeschichte finden wird. Es fordert Respekt, wie der Autor solche Einzelheiten aus einer Menge unterschiedlichster Fundstellen recherchieren konnte. Wenn freilich beispielsweise der Bericht eines Freundes zitiert wird, der beschreibt, wie lächerlich der junge Schiller in der von Herzog Carl Eugen verordneten Regimentsarzt-Uniform wirkte, so mag das amüsant sein, überrascht aber zunächst einmal jemand, der mit der Vorstellung an das Buch herangeht, zu diesem Zeitpunkt in Schillers Leben etwas über das Anliegen seines Dramen-Erstlings „Die Räuber“ zu erfahren. Die Information allerdings, daß Schiller mit fast 1 Meter 90 Körpergröße für die damalige Zeit eine seltene Ausnahme war, Goethe aber nach Schillers vom ersten Eindruck her recht abwertender Schilderung nur „von mittlerer Größe“, ist wenigstens insofern bemerkenswert, als die beiden Klassiker durch Ernst Rietschel auf dem Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar gleich groß gestaltet wurden. Genug der kleinlichen Kritisiererei, es sollte eigentlich nur gezeigt werden, in welcher Weise Böhmer „erzählt“. Es geschieht nicht für den Literatur-Interessierten, der Schillers Werke bei Böhmer meist durch nur kurze Erwähnung in die Lebensbeschreibung eingeordnet findet, sondern Schillers Leben wird dem anschaulich vorgeführt, der dadurch vielleicht sich anregen läßt, zu den Werken des großen Klassikers zu greifen. Uns Schiller in all seinen menschlichen Schwächen, seiner Verunsicherung und dem Versuch, diese zu überwinden, vorzuführen, das ist Böhmer vortrefflich gelungen. Ist es nicht beeindruckend zu erfahren, wie Schiller, der darunter leidet, zu wenig gelehrt zu sein, trotz dieses Gefühls mit großem Erfolg eine Antrittsvorlesung zu einem hochwissenschaftlichen Thema meistert? Zur Zitierweise gilt sowohl für das Goethe-Buch wie auch für das zu Schiller: so manche Beschränkung wäre für das Lesevergnügen förderlich gewesen.

Friedrich Schiller – Sein Leben erzählt von Otto A. Böhmer;
Diogenes Verlag, Zürich 2005; € 7,90

 

Der irdische Schiller ein
Genie mit Bodenhaftung

Angeregt durch einen mild hymnischen Artikel von Volker Breidecker in der Süddeutschen Zeitung vom 25. April 2005 sahen wir uns veranlasst, auch mal wieder in Marbach im Schiller-Nationalmuseum vorbeizuschauen. Ein schöner Ferientag im Mai machte es möglich.
„Götterpläne & Mäusegeschäfte nennt sich die aktuelle Schiller-Ausstellung zu dessen 200. Todestag. Und so weit gespannt wie der Titel, so locker gehen die beiden Ausstellungsmacher Frank Druffner und Martin Schalhorn auch an ihr Thema heran. Keine Angst vor dem Mythos Schiller, er wird „auf die Erde zurück“ geholt., wie es Breidecker in seinem Artikel bezeichnet.
Nur fragt man sich schon jetzt: Ist das etwa sensationell, wäre es denn anders möglich? Nicht nur der vorzeitige Spiegel-Jubiläumsartikel hatte ja alles getan, um den „Menschen“ Schiller vorzuführen. Und einige der eigens zum Schiller-Jahr fabrizierten Biographien tun auch nichts anderes. Jetzt also auch noch in Form einer Ausstellung?
Zum Glück nicht!
Hier wird in unkonventioneller, ja eigenwilliger Weise der Blick auf die in großen Teilen doch nicht recht befriedigende Existenz des Genies gelenkt – dann aber auch gezeigt, wie und mit welchen Mitteln es ihm gelungen ist, daraus für seine Zeit Erstaunliches zu machen.
Konsequenterweise beginnt die Ausstellung mit Schillers Tod. Der ist schließlich der Grund für das gegenwärtige „Jubeljahr“. Dann wendet sich der Blick den Zahllosen Ehrungen zu, die Schiller im Laufe seines Lebens erfahren hat, um dies zu konfrontieren mit der immer wieder bedrückenden Enge seiner alltäglichen Existenz.
Der eindrucksvollste Raum dieser Ausstellung trägt den schlichten Titel „Schiller rechnet“. Er zeigt an knapp dreißig Exponaten, wie genau Schiller Zeit seines Lebens kalkulieren musste, um erst sich selbst, später seine Familie durchzubringen und schließlich auch in einem gewissen Maße wirtschaftlich abzusichern. Daß dies am Widerspruch zu gängigen Vorurteilen vom „armen, verschuldeten Genie“ Schiller am Ende seines Lebens gelungen war, wenn auch auf stets schwankendem Grund, ist letztlich der Kenntnis des Autors hinsichtlich seines damaligen Marktwertes zu danken.
Auch die weiteren Räume der Ausstellung warten mit lohnenswerten Aspekten auf. Eine gewisse Grundkenntnis von Person und Werk ist allerdings die Voraussetzung für einen ertragreichen Besuch – und der Erwerb des Katalogs, um auch zu Hause noch etwas davon zu haben.

Schiller-Nationalmuseum, Marbach b. Stuttgart,
bis 8. Okt., Eintritt 5 €, Katalog 20 €

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
von Ernst-Otto Erhard
   
 
"Eine ebenso liebevolle wie kritische Diagnose" (Charivari)
   
 
€ 11,80
   
 
Erhältlich in allen Buchhandlungen Dinkelsbühls und beim Funkfeuer-Verlag, Am Anger 5, 91550 Dinkelsbühl, Tel.: 09851 / 5703112
   
 
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