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  >>> Gefunden, Funkfeuer Nr. 42, Herbst 2001
   
  Dinkelsbühl in aller Munde
  Neue Fundstellen aus literarischen und nichtliterarischen Texten
   
 

Wieder einmal haben wir Stellen aus unterschiedlichen Texten zusammengetragen, in denen aus oft unerklärlichen Gründen der Name Dinkelsbühl ge- oder mißbraucht wird. Über das Rezept zu "Dinkelsbühler Klößchen in Tomatensauce" freuen wir uns. Frau Paula Schwarz aus Wilburgstetten fand es in "ÖKO-TEST", dem "Magazin für Umwelt und Gesundheit" in der Rubrik "Kulinarisch" und sandte es uns zu. Einleitend heißt es dort: "Aufs Korn genommen. Schlechte kulinarische Erfahrungen haben dazu geführt, daß die Vorbehalte gegenüber 'Körnerkost' hartnäckig bleiben. Die liebevoll entwickelten Getreide-Rezepturen von ÖKO-TEST werden Sie auf den Geschmack bringen - Ährenwort. (...)ÖKO-TEST-Koch Hans Scholl hat in den Rezepten insbesondere die weniger bekannten - oder in Vergessenheit geratenen - Getreidesorten eingesetzt. Ganze Körner kommen bei ihm gar nicht in den Kochtopf. Schrot, natürlich als vollkörnige Variante, bildet die Grundlage von Gerstenpudding mit Spinat, Grünkern- Kroketten oder Dinkelsbühler Klößchen in Tomatensauce."

destination europe

Nicht ganz billig wird es für jemanden, der im CD-Rom-Angebot der englischen Bildagentur "Corbis Royality-Free" ein Dinkelsbühl-Foto (oder mehrere?) in würdiger europäischer Umgebung erstehen will. 878 DM kostet vol. 117 "destination europe" mit 100 Bildern, 32 MB. Mit dem im Werbeprospekt gezeigten Dinkelsbühl-Foto werden nostalgische Gefühle geweckt. Das Klenk-Haus ist im ruinösen alten Zustand zu sehen, und daneben bietet noch der Gubi- Supermarkt seine Waren an.

Ein empörender Vergleich Döbeln - Dinkelsbühl

Die "Freie Presse Zwickau" veröffentlichte am 20.04.2001 unter der Rubrik "Glück auf" folgende Glosse mit einer Herabwürdigung Dinkelsbühls fast so schlimm wie die - dort freilich mehrfach wiederholte - in Thomas Bernhards "Minetti"-Drama (vgl. Funkfeuer Hefte 18 und 31). Der Stadtrat wäre also aufgerufen, sich wieder einmal zu empören. "Großstadt oder Provinznest? Im Fall Zwickau ist diese Frage umstritten. Wir stolzen Muldenstädter verweisen beharrlich auf den Metropolenstatus, wenn auch die Einwohnerzahl nur knapp über 100.000 liegt. Dagegen halten viele Auswärtige 'Zwicke' für ein Kaff wie Döbeln oder Dinkelsbühl. Die Deutsche Bahn sorgte in der Statusfrage endlich mal für Klarheit. Kürzlich hielt ein Personenzug aus Dresden kurz nach Glauchau mitten auf der Strecke. Wer aus dem Abteilfenster schaute, erblickte Felder, kleine Häuser und viele Kühe. Plötzlich meldete der Schaffner über die Lautsprecher: 'Der Zug hält außerplanmäßig. Dies ist noch nicht Zwickau-Hauptbahnhof. Bitte nicht aussteigen!' Jetzt wissen wenigstens die Kunden der Bahn: Zwickau ist eben doch kein Kuhdorf. (adl)" Dinkelsbühl könnte das mangels Bahn nicht passieren, und solche Qualitätsbeweise braucht es schon gar nicht: Zwickau wäre froh, wenn es ein halbwegs so geschlossenes Stadtbild vorweisen könnte wie Dinkelsbühl. Daß aber 11 Jahre nach der Wende dort noch immer ausgerechnet Döbeln mit Dinkelsbühl auf eine Ebene gestellt wird, ist schon empörend und spricht nicht gerade für die Weltoffenheit des Journalisten adl.

Der bessere Vergleich Providence - Dinkelsbühl - San Gimignano

In einem Atemzug nennt Alfred Andersch diese drei Städte in seiner Erzählung "Mein Verschwinden in Providence" aus dem gleichnamigen Erzählband: "Nach unserer Rückkehr aus Cape Cod gehe ich häufig in der schönen Oberstadt von Providence spazieren, die in ihrer Art ja ebenso geschlossen, ebenso bedeutend ist wie Dinkelsbühl oder San Gimignano." Alfred Andersch: Mein Verschwinden in Providence; Neun Erzählungen; Diogenes, Zürich 1979, DM 8,80

Ich weiß, daß ich nichts weiß

Ausgerechnet in Dinkelsbühl fühlt sich der renommierte Kabarettist Jess Jochimsen in diese Erkenntnis versetzt, die "irgendsoein Grieche" wohl grammatikalisch ganz anders formuliert und gemeint hat. In seinem "ersten echten Buch" nach Kabarett- Auftritten und einer regelmäßig er- scheinenden Zeitungskolumne "ver- dichten sich" - so der Klappentext - die 40 Stories "zu einem irrwitzigen Roman des Erwachsenwerdens". Das Buch heißt "Das Dosenmilch-Trauma" und schildert die "Bekenntnisse eines 68er-Kindes" (1970 in München geboren), erschienen bei dtv (Nr. 20370) in 3. Auflage 2001. In Dinkelsbühl also erkennt Jess Jochimsen die Defizite seiner Allgemeinbildung. Trotzdem verwechselt er unserer Meinung nach FAZ und FLZ, und die Fotos, die er aus Dinkelsbühl seinem ohnehin merkwürdig illustrierten Buch beisteuert, sollen offensichtlich beweisen, daß Allgemeinbildung zeitlebens förderungswürdig ist. Kann sich übrigens jemand an einen kabarettistischen Auftritt Jochimsens in Dinkelsbühl, der nach seiner Einschätzung "verdrängenswerten Kleinstadt" erinnern, und welcher Journalist fühlt sich in Jochimsens "Story" karikiert?"

Gefährliches Halbwissen

Wer keine Ahnung hat und den- noch blöd daherredet, jobbt in einer Kneipe, heißt es, oder wird Komiker. Während die Vorzüge des Wirtslebens nun eher im Bereich des Freibiers liegen, halte ich es doch für ein angemessenes Lebensziel, stets auf der richtigen Seite des Tresens zu stehen. Und siehe: An einem tristen Tag im März war ich kurz mal Star. Ich sollte nämlich zwei Interviews an einem Abend geben, so richtig mit Termin, einer-nach-dem- anderen, Redezeitbegrenzung - ein bisschen berühmt halt. Ich spielte mein Kabarett-Programm zwar nur auf der Wirtshausbühne einer ver- drängenswerten Kleinstadt, trotzdem begehrten im Anschluss an die Aufführung gleich zwei Zeitungsmänner, mit mir zu sprechen. Hui, das war jetzt nicht die Hall of Farne, aber etwas stolz machte es mich schon. Der Erste im Bunde, ein dicklicher, mittelalter Provinzschreiberling, wollte eigentlich gar nichts von mir wissen. Er machte ein Foto und fragte, was sie alle fragen: Ob ich das alles wirklich erlebt hätte, was ich da auf der Bühne erzähle? Ob man davon leben könne? Was ich denn tagsüber mache? Es wurde ein sehr kurzes Gespräch. Ich sagte 'Ja' und noch mal 'Ja' und 'Das geht Sie gar nichts an' und: 'Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden', schließlich hatte ich noch ein weiteres Interview zu geben. Und was für eines, denn mein zweiter Gesprächspartner war von der FAZ und hatte Soziologie studiert. Das sah man: Rollkragenpulli in Dinkelsbühl! Er konfrontierte mich mit einer Statistik und betonte, dass 'meine Generation die bestinformierteste ever, zugleich aber auch die schlechtestgebildetste aller Zeiten' sei. Was ich denn dazu meine? Ich meinte, dass er der miesest sprechendste Journalist dieses Tages wäre, aber das sagte ich nicht. Genau genommen sagte ich erst mal überhaupt nichts, weil er gar nicht so falsch lag. Mit meiner Allgemeinbildung ist es nämlich tatsächlich nicht so weit her, obwohl ich mir immer wieder adäquate Literatur zu Gemüte führte. (Habe ich erwähnt, dass ich als Kind viel lesen musste? Bestimmt.) Gleich das allererste Buch, welches ich als Achtjähriger - mehrfach! - las, war Sie bauten eine Kathedrale. Bis auf den heutigen Tag weiß ich ganz genau, wie man eine Kathedrale baut, aber ich befürchte, dass mir dies Wissen nicht wirklich nützen wird. Streng genommen beschränkt sich meine Bildung neben der fundierten Kenntnis im Kathedralenbau auf den lückenhaft memorierten Inhalt der Was-ist-Was-Bücher. Mit lückenhaft meine ich, dass ich, wenn es um die Tier- und Pflanzenwelt der heimischen Fauna geht, ein kompletter Versager bin. Mein Lieblings-Was-ist- Was-Band war halt der über die Dinosaurier. Auf Anhieb erkenne ich den Unterschied zwischen einem Bronto- und einem Stegosaurus, aber wann braucht man das schon mal. Manchmal bringt mich mein Unwissen in richtig peinliche Situationen, speziell zurzeit, denn unsere Katze Moneypenny ist mittlerweile zu einer stattlichen Jägerin herangereift, Schon zweimal hat sie - sagen wir - Lebewesen erlegt. 'Was ist'n das für ein Tier, das die Moneypenny da im Maul hat?', wollte meine Angetraute unlängst wissen. Ich antwortete: 'Ah, also, ein Vogel ist es nicht,' Es sah zugegebenermaßen ein bisschen aus wie eine Maus, aber ich war mir nicht sicher, Hätte auch eine Ratte sein können. Oder ein Maulwurf, Meine Süße war echt sauer, und ich dachte grollend: 'Warte nur, bis Moneypenny einen Archäopteryx anschleppt, dann wirst du schon sehen,' All das erzählte ich dem FAZ-Mann, er zuckte mit den Schultern und zog schweigend von dannen. Das nächste Mal interviewt er wahrscheinlich lieber den Wirt,"

Führt die Spur nach Mönchsroth? Lena Christ auf der Suche nach ihrem Vater

Lena Christ (1881 - 1920), die als bayerische Volksschriftstellerin oft in einer Reihe mit Marieluise Fleisser und Oskar Maria Graf genannt wird, wurde als uneheliches Kind der Magdalena Pichler in Glonn bei München geboren. Auf den Namen ihrer Mutter wurde sie auch getauft. Über ihre Abstammung väterlicherseits ist sich die Wissenschaft bis heute nicht sicher, aber es gibt eine Menge Spekulationen, in denen neben anderen Indizien vor allem größere Geldbeträge eine Rolle spielen. Günter Goepfert schreibt dazu in seiner biographischen Arbeit "Das Schicksal der Lena Christ" (Süddeutscher Verlag, München 1971): .Laut Mitteilung des Amtsgerichtes Ebersberg vom 7. Dezember 1881 hat sich 'der ledige großjährige Be- diente Carl Christ von Mönchsrodt Bez.-amt Dingelsbühl z.Z. bedienstet bei Rittmeister Horing (richtig Ewald Hornig; er war der Bruder des im Zusammenhang mit König Ludwig 11. oft erwähnten Stallmeisters Richard Hornig) in München als Vater des neben bezeichneten, von der Maurerstochter Magdalena Pichler geborenen Kindes bekannt.'" "Der Ordnung halber", gibt Goepfert zu bedenken, "muß hier vermerkt werden, daß die Vaterschaftserklärung im standes- amtlichen Geburtsregister erst im Jahre 1939 nachgetragen wurde. Während man noch selbst nach Lena Christs Tod geneigt schien, diese Vaterschaft des Kar! Christ als unumstößliche Tatsache anzuerkennnen - in Glonn bestand zu keiner Zeit ein Zweifel daran -, wurden später in zunehmendem Maße Bedenken dagegen laut. (...) Als Lena Christs Mutter 'nach zweijährigem schweren Krankenlager', wie die Todesanzeige mit- teilte, am 2. August 1928 starb und im Münchner Westfriedhof beerdigt wurde, hat sie ihr Wissen um die Herkunft ihres vorehelichen Kindes mit ins Grab genommen." Mit der Suche nach ihrem Vater befaßt sich Lena Christ - im Text er- scheint der Name Krafft - auch selbst in ihren "Lausdirndlgeschichten", erschienen bei Ehrenwirth, München 1981 : Es war alles umsonst. Ich habe ihn doch nicht gefunden. Meinen andern Vater, der wo eigentlich ertrunken ist. Jetzt glaube ich es selber, daß er nicht mehr kommt. Aber es war doch ganz gen au sein Name, und alles hätte gestimmt. Und da bin ich hin. Gärtnerplatz drei, im zweiten Stock. Karl Krafft, Ordonanzfeldwebel a.D. Ich habe mich furchtbar fein angezogen, damit ich ihm gleich recht gefalle. Und im Gehen habe ich es mir aus- gemalt, wie ich ihn begrüße und so. Aber wie ich angeläutet habe, ist mir auf einmal schlecht geworden. Und ich habe schnell geschaut, ob ich nicht noch geschwind abschieben kann. Es ist aber schon jemand dahergekommen und hat aufgemacht. Aber es war eine ganz alte Frau. Da habe ich etwas gedacht, und dann habe ich gesagt: "Grüß Gott, Großmutter!" Und ich habe sie um den Hals genommen. Aber sie hat gesagt: "Naa, Fräulein, Sie täuschn Eahna! I bin koa Großmuatta net!" Da habe ich gedacht, herrschaft, am End ist das gar die Frau von meinem Vater! Aber sie war doch schon fruchtbar alt! Derweil ist jemand aus einem Zimmer gekommen und hat gesagt: "Ja Frauli, was isch denn? Werisch denn 'komme?!" Ich bin so erschrocken, wie ich ihn gesehen habe, daß ich ganz verdattert gesagt habe: "Bloß i, d' Leni." Denn er war noch älter wie sie. Vielleicht schon sechzig Jahr. Da hat die Frau zu ihm gesagt: "I woaß aa net, Alter, wer's is!" Und dann hat sie zu mir gesagt: "Geh, gengan S' a bißI rei'" Ich bin hinein und hab furchtbar geschluckt, damit ich nicht weinen muß. Und ich habe gesagt, daß ich meinen Vater suche. Und er heißt Karl Krafft und ist aus Dinkelsbühl, sagt die Mutter. Da ist die Frau auf ihn zu und hat ganz gspaßig gesagt: "Du! - Alter! - Hast am End... ?" Aber er hat ganz fein gelacht und hat bloß gesagt: "Aber Frauli!" Und er hat gemeint, ich soll mich doch setzen und e Schäleie Kaffee mit ihnen trinken. Und die Frau hat gesagt, jawohl, dann dischkriert es sich leichter. Aber sie hat mich immer so angeschaut und dann wieder ihren Mann. Dann hat sie einen Kaffee gekocht. Aber er hat mich gleich ausgefragt, wer ich bin, und was ich denn von ihnen will. Da habe ich gesagt, meinen wirklichen Vater. Und ich bin die Christleni. Und ich habe gedacht, weil er auch Krafft heißt, ist er es. Aber jetzt glaube ich es nicht mehr. Und ich habe gesagt, vielleicht haben Sie noch einen Sohn, der wo auch so heißt. Aber sie haben keinen gehabt. Das ist schade. Weil sie mir so gefallen haben. Und sie sind so nett. Und sie haben ein Sach wie meine Großmutter. Und ich habe ihnen auch so gut gefallen, und der alte Mann hat gesagt, ein so frätzigs Mädle möchte er schon by Gott habe zum e Töchterle! Das freut mich furchtbar. Und sie haben mir eine goldene Tasse gegeben, wo draufsteht: Sei glücklich. Und das Frauli hat mir die Hand gegeben und hat gesagt, daß sie leidergott ganz alleinig sind; und ich soll bald wiederkommen. Und sie haben jetzt bald die goldene Hochzeit und leidergott gar kein Kind und kein Kegel. Das tut mir furchtbar leid. Und ich habe gesagt, ich möchte gleich dableiben und ihre Tochter sein. Aber es geht nicht, weil ich jetzt noch suchen muß um meinen Vater. Und wenn es nichts hilft, dann gehe ich leider ins Kloster. Das war ihnen gar nicht recht. Und sie haben mir erzählt, daß sie noch einen Verwandten haben in Dinkelsbühl, der wo ein Schäfer ist. Aber sie wissen nichts von ihm, weil er nicht schreiben und nicht lesen kann. Und sie haben ihn schon seit ihrer Hochzeit nicht mehr gesehen. Er heißt Gottlieb Krafft. Da habe ich gedacht, vielleicht ist dieser mein Großvater. Und sie haben gesagt. daß der Pfarrer alles im Kirchenbuch hat, und ich soll ihm schreiben. Dann bin ich wieder fort. Und dann habe ich dem Pfarrer geschrieben, daß er mir hilft, weil ich meinen Vater suche. Da hat er es dem alten Schäfer gesagt, und dann hat mir die Frau Schäferin einen Brief geschrieben: Liebes Freilin. Indem das es nicht stimt und wir haben leider nur einen Sohn gehabt und ist aber nur fünf Monat auf Erden gewandelt. Und wir haben noch eine Dochter, aber die ist es nicht. Und wir 5ind schon alte Leute und wissen es nicht Es grißt Eich Johanna Krafft. Jas ist sehr traurig. Adje, du schöne Welt! Jetzt geh ich doch ins Kloster."

   
   
   
 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
Dinkelsbühler Gästebuch
Texte aus vier Jahrhunderten
 
Herausgegeben von Ernst-Otto Erhard
 
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Lexikonartikel,
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mit besonderem Blick auf Dinkelsbühl und seine Geschichte
 
Ergänzend zahlreiche Bilder, einige nahezu unbekannt
 
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