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  >>> Gefunden, Funkfeuer Nr. 43, Winter 2001
   
  Englische Faschistin und Hitlerfan in Dinkelsbühl ?
  So viele Nationalsozialisten versammelte Dinkelsbühl nicht
   
 

Große Beachtung in den Medien und bis hinauf in die höchsten politischen Ränge fand vor kurzem die Eröffnung der Ausstellung "Faszination und Gewalt" im neuen Dokumentationszentrum im früheren Nürnberger Reichsparteitagsgelände am Dutzendteich. Wie man hört, hatten die Planer der Ausstellung anfangs überlegt, die Dokumentation "Faszination und Verführung" zu nennen. Sicher besteht bei jeder ideologischen Faszination die Gefahr, über die Faszination der Massen in Gewalt zu enden. Bei unserer wiederum Dinkelsbühl betreffenden Fundstelle allerdings handelt es sich aber tatsächlich erst um das Verführungsstadium, wenn auch nicht im wörtlichen Sinne. Hitlers Frauen scheinen zur Zeit ein viel beachtetes und publiziertes Thema zu sein. In Erich Schaakes gleichnamigem Buch finden wir folgende Ausführung über eine von Hitler faszinierte und nach ihrer ersten persönlichen Begegnung mit ihm überglücklichen Frau, die an ihre Schwester schreibt: "Du kannst dir vorstellen, wie ich mich fühle. Ich bin so glücklich, daß ich am liebsten sterben möchte. Ich glaube, daß ich das glücklichste Mädchen der Welt bin. Und ich habe nichts geleistet, wodurch ich diese Ehre verdient hätte." Nach diesem Zitat fährt Schaake fort: "Diese 'Ehre' wollte sich Unity nachträglich verdienen. Also schrieb sie einen Leserbrief *) an die Redaktion des Stürmer, des berüchtigten wöchentlichen Hetzblatts der Nationalsozialisten. Darin gab sie sich einmal mehr als 'englische Faschistin' zu erkennen, beschimpfte und verleumdete die englischen Juden. Am Ende des Briefes bat sie darum , ihren vollen Namen abzudrucken, 'weil alle wissen sollen, daß ich eine Judenhasserin bin'. Der Herausgeber des Stürmer, Julius Streicher, tat ihr den Gefallen. Mehrere englische Zeitungen druckten den Brief nach, versehen mit empörten Kommentaren. Sie berichteten ein paar Wochen später auch über das 'Sommerwendfest' im fränkischen Dinkelsbühl, zu dem der Stürmer die Leserbriefschreiberin eingeladen hatte. Unity durfte als Ehrengast durch ein Spalier von SA-Männern schreiten, die allesamt Fackeln in den Nachthimmel reckten. Sie stieg auf die Rednertribüne, wo der Herausgeber persönlich ihren Bekennerbrief vorlas. Am Ende überreichte jemand Unity einen Blumenstrauß, zweihunderttausend Menschen jubelten ihr zu." Wir bezähmen zunächst unsere Neugier, wer diese Frau war, und gehen unseren Zweifeln nach, wo in Dinkelsbühl so viele Tausende vor einer Rednertribüne jubeln konnten. Es geschah natürlich nicht in der Stadt und nicht bei einer der örtlichen Sonnwendfeiern der Nazis an der Ulrichskapelle. Ein Bericht des "Wörnitzboten" vom 23. Juni 1936 klärt den Irrtum Schaakes auf. Hunderttausende, so heißt es dort, hatten sich zum Frankentag auf dem Hesselberg versammelt: "Auf der Osterwiese bot sich am Sonntag vormittag, wie bereits kurz berichtet, ein buntbewegtes, farbenprächtiges Bild. Das weite Oval war eingesäumt von dem Kranz der Kopf an Kopf sitzenden Zuschauer und ebenso dicht besetzt war auch die große Tribüne, auf der man zahlreiche Ehrengäste (...) sah. Mit lebhafter Anteilnahme verfolgten die vielen Tausende die abwechslungsreiche Folge der turnerischen und sportlichen Vorführungen. Die besten Sportler und Turner Frankens (...) zeigten ihr großes Können." Hauptakteur war der "Frankenführer" Julius Streicher, ein sicher würdiger Vertreter Hitlers, der sechs Jahre zuvor "auf diesem Berg zum erstenmal weilte und versprach, wiederzukommen." Streichers Rede wäre ein überzeugendes Beispiel ideologischer "Faszination und Verführung". Nur ungern widerstehen wir der Versuchung, sie wenigstens auszugsweise zur Abschreckung wiederzugeben. Über die Wirkung der Rede damals heißt es im Zeitungsbericht, in dem weitgehend die "Fränkische Tageszeitung" zitiert wird: "Der Frankenführer hatte geendet. Da brandeten ihm erneut nicht endenwollende Heil-Rufe entgegen. Die 'Frankenbauern aus der Hesselberggegend' überreichten Brot und Schinken." Und "Julius Streicher dankte in herzlichen Worten für die Gaben, aus denen die ganze Liebe und Verehrung hervorgeht, die er bei seinen fränkischen Bauern genießt. Schließlich wissen es ja diese Bauern längst, daß der Frankenführer mit Vorliebe das schwarze Bauernbrot ißt, und er erzählte selbst, daß er nur deshalb so gesund sei, weil er aufgewachsen ist in einem Dorfe, in einer Familie mit neun Kindern, die nur dieses gesunde Brot zu essen bekam, die nicht verweichlicht wurden mit Süßigkeiten oder feinen Kuchen." So weit nicht einmal so falsch: artenreiches Land! Der Dank beschränkte sich nicht auf leibliche Genüsse: "Ein fränkischer Bauer (...) hatte sich zur Begrüßung sinnreiche Mundartverse zurechtgeschmiedet, die er dem Frankenführer vortrug." Es ist nicht die Art von Literatur, die wir im Funkfeuer normalerweise abdrucken. Aber in diesem Falle schließen wir uns dem Zeitungsbericht von 1936 an: "Dieser Gruß an den Gauleiter war so schön, daß wir ihn nachstehend wiedergeben":

Des Bauern Gruß

Da unta ist die Bauernschaft, So wie's einst war, in alter Tracht Zon Gautag heint atreta. Und ich derf heint, In Treu' vereint Zu euch a paar Wörtli reda. Mir alli sen heint voller Freud Trotz dera arbeitsreicha Zeit Rauf ofn Berg und holn uns heute, So wie es sein soll, Kraft durch Freude! Im Auftrag vom fränkischen Bauratum, Vo alli, gleich, ob alt ob jung Will ich heut die ewige Treue schwären, Der Himmel da oben, er soll es hären: "Solang noch a Tropfen Blut inra Ader Solang sen mer einig, solang gibt es kon Hader, Derf kumma was mag, wir wern nie wanka, Mir sen ja doch Baura vo Franka!" Mir Baura vo Franka Mir wella euch danka. (Vier Zeilen schlimme Ideologie lassen wir weg.) Und deshalb hab ich heut bei mir Diese Hesselbergschäferfamilie hier. All so gsund und all so munter, Na so geht Deutschland niemals unter! Des is nor a Beispiel, drunt im Tal Gibt es sowas vielhundertmal. Und weil ihr habt voriges Jahr a so glacht, Als ich euch ein kleines Geschenk hab gemacht, Wolln wir euch zur Treu und zum Angedenka Wieder a Brot und an Schinka schenka, Its, kleiner Adolf, hoppla spring! Und reich das Gschenk in Streicher hin! Und du mein lieber Ottmar, Gib den Schinken dem Fliegergeneral! Ja Frankenführer laß dirs saga In deine arbeitsreiche Taga Is Gmüs ganz gut, doch ich behaupt und weiß, Gmüs is v i e l besser no zon Fleisch! Otto und Anna folgt mein Rot Und überreicht ist Baurabrot; Ich hoff, daß euch schmecka die Sache, Its kennt amol fränkische Brotzeit mache. So lebt nun wohl und bleibt gesund, Ich hoff, daß ihr bald wieder kummt.

So weit unverblümte Naturpoesie. Die ideologisch verseuchten Schlußverse wollen wir uns schenken. Ein Abschnitt, der es wert gewesen wäre, in unser "Dinkelsbühler Gästebuch" aufgenommen zu werden, und der die "Baurapoesie" fast noch in den Schatten stellt, berichtet vom Aufenthalt des so beschenkten und bedichteten Frankenführers in Dinkelsbühl:

"Dinkelsbühl, das alte, zauberhafte Städtchen, ist das erste Ziel. Durch schattige Torbogen geht es hinein in die Stadt, die in ihrer architektonischen Geschlossenheit ganz jene unendlich wohltuende Ruhe atmet, nach der wir gehetzten Menschen der Großstadt uns immer sehnen. Die Nachmittagssonne spielt um die hohen Giebel der Dächer, von denen lang herabwallende Fahnen des neuen Reiches grüßen. Julius Streicher geht auf die Suche nach einem Motiv, um sich ganz hineinzuversetzen in das Bild der bemoosten Mauern, Zinnen und Türme, die ganz mit der Landschaft verbunden sind. Mit Farbe und Pinsel bannt er die Schönheit des Augenblicks auf das Papier. (...) Wir anderen, die in seiner Nähe das große Erlebnis des Frankentages in uns aufnehmen dürfen, bummeln durch die stillen, schönen Straßen. Die Ruhe der Stadt und die Harmonie ihrer Formen und Farben zieht in uns ein." Schön wäre es, wenn wir erfahren könnten, ob in irgendeinem Dinkelsbühler Haus ein Streichersches Papier gelandet ist, worauf die "Schönheit des Augenblicks" gebannt ist. Bitte melden, Diskretion zugesagt! Nun aber zurück zu unserer ideologisch verseuchten Engländerin: "Bei der Sonnwendfeier am Samstag trat auch Frl. Midford aus England ans Mikrophon und sagte (lt. 'Fränk. Kur.'): 'Trotzdem unsere Presse in England es immer noch vermeidet, uns die Wahrheit über die wahre Ursache des Unglücks aller Völker zu sagen, fühlen wir uns doch mit Ihnen verwandt, lieben wir doch Ihren Führer, seine Bewegung und das deutsche Volk!'" Unity Valkyrie Mitford (so die richtige Schreibweise) war damals gerade 21 Jahre alt, viertes von sieben Kindern eines englischen Lords, in dessen Haus etwas eigenartige Gewohnheiten herrschten und die Kinder eine zumindest merkwürdige Erziehung genossen. Ihre Interessen gingen in zum Teil sehr unterschiedliche Richtung. Die älteste Schwester Nancy, die später eine bekannte Schriftstellerin wurde, bekannte sich zu den Sozialisten, Diana zur britischen Faschisten-Union, und Unity wurde zur glühenden Hitlerverehrerin. Zusammen mit ihrer Schwester versuchte sie schon als 19jährige, in München und beim Parteitag in Nürnberg mit Hitler Kontakt aufzunehmen. Später lauerte sie Hitler in seinem Münchner Stammlokal tage- und wochenlang regelrecht auf, um ihn auf sich aufmerksam zu machen, was ihr schließlich auch gelang. Unity's Reaktion ließen wir Schaake oben schildern. Es folgten Einladungen zu Empfängen, zu den Olympischen Spielen und zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth, Ehrungen, Geschenke und Auszeichnungen. Unity versuchte ständig, in Hitlers Nähe zu gelangen, fuhr ihm überall hin nach, was ihr den Spitznamen "Fräulein Mitfahrt" einbrachte. Im Ausland machte sie, wo immer sie konnte, für Hitler Propaganda. Ihr letztes Zusammentreffen mit dem Führer fand am 5. August 1939 in der Münchner Osteria Bavaria statt, wo sie ihn schon 1935 in seinem "süßen Trenchcoat" bewundert hatte. Unity verfiel in Depressionen und unternahm nach Kriegsausbruch einen Selbstmordversuch im Englischen Garten in München, von dem sie sich nie mehr erholen sollte. In einer Art Dämmerzustand lebte sie noch bis 1948 in ihrer englischen Heimat.

*) Der Wortlaut des Leserbriefes ist nachzulesen bei Karlheinz Schädlich, Die Mitford-Sisters, Hildesheim 1993, S. 37 f. Wir zitierten neben dem oben genannten Artikel im "Wörnitzboten" Erich Schaake: Hitlers Frauen. Die willigen Helferinnen und ergebenen Mätressen des Führers; Ullstein Taschenbuchverlag, München 2001

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
Dinkelsbühler Gästebuch
Texte aus vier Jahrhunderten
 
Herausgegeben von Ernst-Otto Erhard
 
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Lexikonartikel,
Gedichte,
 
mit besonderem Blick auf Dinkelsbühl und seine Geschichte
 
Ergänzend zahlreiche Bilder, einige nahezu unbekannt
 
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