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Große Beachtung in den Medien und bis hinauf
in die höchsten politischen Ränge fand vor
kurzem die Eröffnung der Ausstellung "Faszination
und Gewalt" im neuen Dokumentationszentrum im
früheren Nürnberger Reichsparteitagsgelände
am Dutzendteich. Wie man hört, hatten die Planer
der Ausstellung anfangs überlegt, die Dokumentation
"Faszination und Verführung" zu nennen.
Sicher besteht bei jeder ideologischen Faszination
die Gefahr, über die Faszination der Massen in
Gewalt zu enden. Bei unserer wiederum Dinkelsbühl
betreffenden Fundstelle allerdings handelt es sich
aber tatsächlich erst um das Verführungsstadium,
wenn auch nicht im wörtlichen Sinne. Hitlers
Frauen scheinen zur Zeit ein viel beachtetes und publiziertes
Thema zu sein. In Erich Schaakes gleichnamigem Buch
finden wir folgende Ausführung über eine
von Hitler faszinierte und nach ihrer ersten persönlichen
Begegnung mit ihm überglücklichen Frau,
die an ihre Schwester schreibt: "Du kannst dir
vorstellen, wie ich mich fühle. Ich bin so glücklich,
daß ich am liebsten sterben möchte. Ich
glaube, daß ich das glücklichste Mädchen
der Welt bin. Und ich habe nichts geleistet, wodurch
ich diese Ehre verdient hätte." Nach diesem
Zitat fährt Schaake fort: "Diese 'Ehre'
wollte sich Unity nachträglich verdienen. Also
schrieb sie einen Leserbrief *) an die Redaktion des
Stürmer, des berüchtigten wöchentlichen
Hetzblatts der Nationalsozialisten. Darin gab sie
sich einmal mehr als 'englische Faschistin' zu erkennen,
beschimpfte und verleumdete die englischen Juden.
Am Ende des Briefes bat sie darum , ihren vollen Namen
abzudrucken, 'weil alle wissen sollen, daß ich
eine Judenhasserin bin'. Der Herausgeber des Stürmer,
Julius Streicher, tat ihr den Gefallen. Mehrere englische
Zeitungen druckten den Brief nach, versehen mit empörten
Kommentaren. Sie berichteten ein paar Wochen später
auch über das 'Sommerwendfest' im fränkischen
Dinkelsbühl, zu dem der Stürmer die Leserbriefschreiberin
eingeladen hatte. Unity durfte als Ehrengast durch
ein Spalier von SA-Männern schreiten, die allesamt
Fackeln in den Nachthimmel reckten. Sie stieg auf
die Rednertribüne, wo der Herausgeber persönlich
ihren Bekennerbrief vorlas. Am Ende überreichte
jemand Unity einen Blumenstrauß, zweihunderttausend
Menschen jubelten ihr zu." Wir bezähmen
zunächst unsere Neugier, wer diese Frau war,
und gehen unseren Zweifeln nach, wo in Dinkelsbühl
so viele Tausende vor einer Rednertribüne jubeln
konnten. Es geschah natürlich nicht in der Stadt
und nicht bei einer der örtlichen Sonnwendfeiern
der Nazis an der Ulrichskapelle. Ein Bericht des "Wörnitzboten"
vom 23. Juni 1936 klärt den Irrtum Schaakes auf.
Hunderttausende, so heißt es dort, hatten sich
zum Frankentag auf dem Hesselberg versammelt: "Auf
der Osterwiese bot sich am Sonntag vormittag, wie
bereits kurz berichtet, ein buntbewegtes, farbenprächtiges
Bild. Das weite Oval war eingesäumt von dem Kranz
der Kopf an Kopf sitzenden Zuschauer und ebenso dicht
besetzt war auch die große Tribüne, auf
der man zahlreiche Ehrengäste (...) sah. Mit
lebhafter Anteilnahme verfolgten die vielen Tausende
die abwechslungsreiche Folge der turnerischen und
sportlichen Vorführungen. Die besten Sportler
und Turner Frankens (...) zeigten ihr großes
Können." Hauptakteur war der "Frankenführer"
Julius Streicher, ein sicher würdiger Vertreter
Hitlers, der sechs Jahre zuvor "auf diesem Berg
zum erstenmal weilte und versprach, wiederzukommen."
Streichers Rede wäre ein überzeugendes Beispiel
ideologischer "Faszination und Verführung".
Nur ungern widerstehen wir der Versuchung, sie wenigstens
auszugsweise zur Abschreckung wiederzugeben. Über
die Wirkung der Rede damals heißt es im Zeitungsbericht,
in dem weitgehend die "Fränkische Tageszeitung"
zitiert wird: "Der Frankenführer hatte geendet.
Da brandeten ihm erneut nicht endenwollende Heil-Rufe
entgegen. Die 'Frankenbauern aus der Hesselberggegend'
überreichten Brot und Schinken." Und "Julius
Streicher dankte in herzlichen Worten für die
Gaben, aus denen die ganze Liebe und Verehrung hervorgeht,
die er bei seinen fränkischen Bauern genießt.
Schließlich wissen es ja diese Bauern längst,
daß der Frankenführer mit Vorliebe das
schwarze Bauernbrot ißt, und er erzählte
selbst, daß er nur deshalb so gesund sei, weil
er aufgewachsen ist in einem Dorfe, in einer Familie
mit neun Kindern, die nur dieses gesunde Brot zu essen
bekam, die nicht verweichlicht wurden mit Süßigkeiten
oder feinen Kuchen." So weit nicht einmal so
falsch: artenreiches Land! Der Dank beschränkte
sich nicht auf leibliche Genüsse: "Ein fränkischer
Bauer (...) hatte sich zur Begrüßung sinnreiche
Mundartverse zurechtgeschmiedet, die er dem Frankenführer
vortrug." Es ist nicht die Art von Literatur,
die wir im Funkfeuer normalerweise abdrucken. Aber
in diesem Falle schließen wir uns dem Zeitungsbericht
von 1936 an: "Dieser Gruß an den Gauleiter
war so schön, daß wir ihn nachstehend wiedergeben":
Des Bauern Gruß
Da unta ist die Bauernschaft, So wie's einst war,
in alter Tracht Zon Gautag heint atreta. Und ich derf
heint, In Treu' vereint Zu euch a paar Wörtli
reda. Mir alli sen heint voller Freud Trotz dera arbeitsreicha
Zeit Rauf ofn Berg und holn uns heute, So wie es sein
soll, Kraft durch Freude! Im Auftrag vom fränkischen
Bauratum, Vo alli, gleich, ob alt ob jung Will ich
heut die ewige Treue schwären, Der Himmel da
oben, er soll es hären: "Solang noch a Tropfen
Blut inra Ader Solang sen mer einig, solang gibt es
kon Hader, Derf kumma was mag, wir wern nie wanka,
Mir sen ja doch Baura vo Franka!" Mir Baura vo
Franka Mir wella euch danka. (Vier Zeilen schlimme
Ideologie lassen wir weg.) Und deshalb hab ich heut
bei mir Diese Hesselbergschäferfamilie hier.
All so gsund und all so munter, Na so geht Deutschland
niemals unter! Des is nor a Beispiel, drunt im Tal
Gibt es sowas vielhundertmal. Und weil ihr habt voriges
Jahr a so glacht, Als ich euch ein kleines Geschenk
hab gemacht, Wolln wir euch zur Treu und zum Angedenka
Wieder a Brot und an Schinka schenka, Its, kleiner
Adolf, hoppla spring! Und reich das Gschenk in Streicher
hin! Und du mein lieber Ottmar, Gib den Schinken dem
Fliegergeneral! Ja Frankenführer laß dirs
saga In deine arbeitsreiche Taga Is Gmüs ganz
gut, doch ich behaupt und weiß, Gmüs is
v i e l besser no zon Fleisch! Otto und Anna folgt
mein Rot Und überreicht ist Baurabrot; Ich hoff,
daß euch schmecka die Sache, Its kennt amol
fränkische Brotzeit mache. So lebt nun wohl und
bleibt gesund, Ich hoff, daß ihr bald wieder
kummt.
So weit unverblümte Naturpoesie. Die ideologisch
verseuchten Schlußverse wollen wir uns schenken.
Ein Abschnitt, der es wert gewesen wäre, in unser
"Dinkelsbühler Gästebuch" aufgenommen
zu werden, und der die "Baurapoesie" fast
noch in den Schatten stellt, berichtet vom Aufenthalt
des so beschenkten und bedichteten Frankenführers
in Dinkelsbühl:
"Dinkelsbühl, das alte, zauberhafte Städtchen,
ist das erste Ziel. Durch schattige Torbogen geht
es hinein in die Stadt, die in ihrer architektonischen
Geschlossenheit ganz jene unendlich wohltuende Ruhe
atmet, nach der wir gehetzten Menschen der Großstadt
uns immer sehnen. Die Nachmittagssonne spielt um die
hohen Giebel der Dächer, von denen lang herabwallende
Fahnen des neuen Reiches grüßen. Julius
Streicher geht auf die Suche nach einem Motiv, um
sich ganz hineinzuversetzen in das Bild der bemoosten
Mauern, Zinnen und Türme, die ganz mit der Landschaft
verbunden sind. Mit Farbe und Pinsel bannt er die
Schönheit des Augenblicks auf das Papier. (...)
Wir anderen, die in seiner Nähe das große
Erlebnis des Frankentages in uns aufnehmen dürfen,
bummeln durch die stillen, schönen Straßen.
Die Ruhe der Stadt und die Harmonie ihrer Formen und
Farben zieht in uns ein." Schön wäre
es, wenn wir erfahren könnten, ob in irgendeinem
Dinkelsbühler Haus ein Streichersches Papier
gelandet ist, worauf die "Schönheit des
Augenblicks" gebannt ist. Bitte melden, Diskretion
zugesagt! Nun aber zurück zu unserer ideologisch
verseuchten Engländerin: "Bei der Sonnwendfeier
am Samstag trat auch Frl. Midford aus England ans
Mikrophon und sagte (lt. 'Fränk. Kur.'): 'Trotzdem
unsere Presse in England es immer noch vermeidet,
uns die Wahrheit über die wahre Ursache des Unglücks
aller Völker zu sagen, fühlen wir uns doch
mit Ihnen verwandt, lieben wir doch Ihren Führer,
seine Bewegung und das deutsche Volk!'" Unity
Valkyrie Mitford (so die richtige Schreibweise) war
damals gerade 21 Jahre alt, viertes von sieben Kindern
eines englischen Lords, in dessen Haus etwas eigenartige
Gewohnheiten herrschten und die Kinder eine zumindest
merkwürdige Erziehung genossen. Ihre Interessen
gingen in zum Teil sehr unterschiedliche Richtung.
Die älteste Schwester Nancy, die später
eine bekannte Schriftstellerin wurde, bekannte sich
zu den Sozialisten, Diana zur britischen Faschisten-Union,
und Unity wurde zur glühenden Hitlerverehrerin.
Zusammen mit ihrer Schwester versuchte sie schon als
19jährige, in München und beim Parteitag
in Nürnberg mit Hitler Kontakt aufzunehmen. Später
lauerte sie Hitler in seinem Münchner Stammlokal
tage- und wochenlang regelrecht auf, um ihn auf sich
aufmerksam zu machen, was ihr schließlich auch
gelang. Unity's Reaktion ließen wir Schaake
oben schildern. Es folgten Einladungen zu Empfängen,
zu den Olympischen Spielen und zu den Wagner-Festspielen
in Bayreuth, Ehrungen, Geschenke und Auszeichnungen.
Unity versuchte ständig, in Hitlers Nähe
zu gelangen, fuhr ihm überall hin nach, was ihr
den Spitznamen "Fräulein Mitfahrt"
einbrachte. Im Ausland machte sie, wo immer sie konnte,
für Hitler Propaganda. Ihr letztes Zusammentreffen
mit dem Führer fand am 5. August 1939 in der
Münchner Osteria Bavaria statt, wo sie ihn schon
1935 in seinem "süßen Trenchcoat"
bewundert hatte. Unity verfiel in Depressionen und
unternahm nach Kriegsausbruch einen Selbstmordversuch
im Englischen Garten in München, von dem sie
sich nie mehr erholen sollte. In einer Art Dämmerzustand
lebte sie noch bis 1948 in ihrer englischen Heimat.
*) Der Wortlaut des Leserbriefes ist nachzulesen
bei Karlheinz Schädlich, Die Mitford-Sisters,
Hildesheim 1993, S. 37 f. Wir zitierten neben dem
oben genannten Artikel im "Wörnitzboten"
Erich Schaake: Hitlers Frauen. Die willigen Helferinnen
und ergebenen Mätressen des Führers; Ullstein
Taschenbuchverlag, München 2001
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