|
Nachdem ich durch Metzingen gegangen war
Dich will ich loben: Häßliches, du hast
so was Verläßliches.
Das Schöne schwindet, scheidet, flieht - fast
tut es weh, wenn man es sieht.
Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, und
Zeit meint stets: Bald ist´s soweit.
Das Schöne gint uns Grund zur Trauer. Das Häßliche
erfreut durch Dauer.
Was hat dieses Gedicht mit Dinkelsbühl zu tun
? Auf den ersten Blick nicht viel. Aber in den Anmerkungen
zu dem umfangreichen Band "Gedichte 1954-1997"
erklärt Robert Gernhardt (Mitbegründer der
Satirezeitschrift "Titanic") seine Beweggründe
für diese Zeilen. Auf einer Lesereise durch schwäbische
Volkshochschulen führte ihn sein Weg 1984 auch
in ihm bis dahin unbekannte schwäbische und fränkische
Orte. Am letzten Tag seiner Reise schrieb er dieses
Gedicht, das für ihn so etwas wie die Summe seiner
Stadtrundgänge darstellt. Auch in Dinkelsbühl
war eine der Stationen:
"04.12. Fahrt über Aalen (ä bäh!)
nach Dinkelsbühl. Irgendwie nicht ganz wahr und
doch sehr zeitgenössisch. Das intakte Ensemble
gediegener mittelalterlicher Häuser ist in den
letzten JAhren mit wechselnden Creme-Farben gestrichen
worden, das Ergebnis: eine herbe Bonbonniere. Kopfsteinpflaster,
kein modernes Werbeschild, alle Ladenbezeichnungen
mit gotischen Lettern und in einheitlicher Manier
auf die Wände gemalt, was bei ´Records
- Video´ einen besonders ansprechenden effekt
machte. Ein sehr leerer Ort, meine Schritte hallten,
als ich auf die große Kirche im Zentrum zuging
und die Übersichtlichkeit der mittelalterlichen
Stadt bewunderte: Die Großen hatte große
Häuser, die Kleineren hatten kleinere und die
Kleinen hatten ganz kleine, die sich an der Stadtmauer
in den verbleibenden Raum zwängten."
Den letzten Tag seiner Fahrt verbarchte Robert Gernhard
glücklicherweise in Metzingen und nicht in Dinkelsbühl
- wer weiß, wie der Titel des Gedichtes sonst
gelautet hätte ?!
Robert Gernhard: Gedichte 1954-1997, Frankfurt/Main,
Zweitausendeins 2000, € 8,60
|