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Zu Gast beim Sternekoch
Wo ist denn Mulfingen? Das fragten wir uns zunächst auch, als wir auf die dortige besondere kulinarische Adresse aufmerksam gemacht wurden. „Am Ende der Welt“ schreibt der Gastroführer Gault Millau dazu und nennt es außerdem noch ein „Fünf-Hühner-Dorf“, aber natürlich würden weder er 16 seiner 20 Punkte noch der Guide Michelin einen Stern vergeben, wenn sich dort nicht eine äußerst bemerkenswerte Küche versteckte. Nun, eine gute Autostunde ab Dinkelsbühl ins Hohenloher Land ist schon nötig, um hinzufinden, aber Fahrt und Ziel lohnen die Mühe. Unsere Empfehlung dabei, abweichend von den im Internet zu findenden Anfahrtsvorschlägen: auf der A6 Richtung Heilbronn bis zur Ausfahrt Ilshofen, dann Richtung Langenburg, in Bächlingen nach Mulfingen abbiegen und dann den Schildern bis zum Ortsteil Ailringen folgen. Diese Strecke verläuft größtenteils landschaftlich äußerst reizvoll durch das stille und romantische Jagsttal und läßt sich – so unser Hintergedanke – auch gut mit einem Abstecher nach Schwäbisch Hall verbinden, um dort vielleicht einigen Anregungen aus diesem Heft zu folgen....Der kleine Weiler Ailringen hat eine alte Geschichte, und idyllisch liegen mehrere schön restaurierte Fachwerkbauten am Flüßchen beieinander. Einst selbständig, wurde der Ort 1447 komplett vom Deutschen Orden erworben und das alte Amtshaus auch von diesem als solches genutzt. Das mehrstöckige Anwesen präsentiert sich heute bestens renoviert mitten im Dorf, nachdem es jahrelang dem Verfall preisgegeben war. Während der Wiederaufbauzeit in den Jahren 1995 bis 1997 wurde die ursprüngliche Planung, nur ein privates Haus für Gäste der Fa. Würth, Schwäbisch Hall, zu schaffen, geändert und der Komplex zu einem allgemeinen Hotel mit Restaurationsbetrieb ausgebaut, der nun einer Gesellschaft der Unternehmensgruppe Würth gehört.
Stilvolles Ambiente
Den Gastraum des Restaurants – im ehemaligen Gewölbekeller untergebracht – betritt man, getrennt vom Hotel, direkt von der Straße her mit nur einigen Stufen nach unten. Ein großer Saal, dessen helles Originalmauerwerk perfekt mit einigen Deckenflutern ausgeleuchtet und nur in Gewölbenischen durch wirkungsvoll angebrachte (und wechselnde) Exponate der Sammlung Würth geschmückt wird. Erfahrung, Geschmack und hohes Niveau bei der Einrichtung schaffen ein stilvolles Ambiente: auf hellem Natursteinboden locker aufgestellte, fein mit zartgelbem Damast eingedeckte Tische, auf denen (natürlich echte) Rosengestecke in schlanken Silbervasen, Kerzenleuchter und die pfiffig aufgerollten Stoffservietten eine elegante Dekoration bieten; dazu bequeme, leuchtend blau bezogene Mahagoni- Armlehnsessel und aus dem gleichen dunklen Holz eine großzügige Bar, die eine Wandseite fast völlig einnimmt. Das wirkt vornehm, warm und ruhig, man fühlt sich sofort entspannt. Noch dazu, wenn man wie wir das Glück hat, der nur mittwochs auf dem Keyboard live spielenden Pianistin zuhören zu können, deren dezente und leise Hintergrundmusik eine wirklich angenehme Bereicherung des Abends war.
Kleine, aber feine Speisekarte
Von der besonderen Atmosphäre des Raumes gefangen, freuten wir uns über die kleine, aber feine Speisekarte, die stets wechselnd nach Saison und auch nach der Anzahl der gemeldeten Gäste individuell gestaltet wird. Küchenchef und Spitzenkoch Olaf Pruckner, der sich im Anschluß noch für ein Gespräch mit uns Zeit nahm, ist seit Bestehen des Hauses mit Freude über sein gutes Team und die nach seinen Vorstellungen ausgebaute Küche dabei. Was er und seine 3 Helfer auf die Teller zauberten, ließ optisch und geschmacklich nichts zu wünschen übrig, machte eigentlich nur noch Appetit auf mehr! Der empfohlene Aperitif – Holunderblütensaft mit Sekt aufgegossen oder ein alkoholfreier Cocktail aus verschiedenen Fruchtsäften – schmeckte erfrischend fruchtig, und mit drei (!) verschiedenen Beigaben aus der Küche, wie Minipizzaplätzchen mit San-Daniele-Schinken und winzigen Käsewindbeutelchen, dazu verschiedene ofenfrische und krustige Brot-sorten mit gesalzener und normaler Butter sowie Ziegenfrischkäse und schließlich einer kleinen Scheibe Taubenroulade mit sehr mild gewürztem Salat von Apfel und Stangensellerie wurden wir bis zum Beginn des eigentlichen Essens verwöhnt. Als Vorspeise wählten wir die Strauchtomatenessenz auf zwei Arten mit geröstetem Langostino und Pfifferlingen (10,50 €). Beide Varianten, auf einer Platte in zwei kleinen Täßchen serviert, einmal kalt, einmal warm, sehr fein, vor allem die kalte Essenz hatte einen wunderbar intensiven Tomatengeschmack, die beigefügten kleinen Pilze waren angenehm kernig und der saftige Langostino köstlich. Weiter wählten wir zu Beginn den als Zwischengericht deklarierten St.Petersfisch auf Pfirsich, Bohnen und Ingwer, geschmacklich hervorragend, schönes festes Fleisch mit den Beilagen dekorativ umlegt und von der Menge her gerade richtig, allerdings mit 16 € im Preis etwas heftig im Vergleich zum anschließenden Hauptgericht, dem Rostbraten vom Wei-deochsen mit Schalotten-Kräuterkruste und Rotweinjus (18 €). Das Fleisch wunderbar zart, rosa gebraten, nur der allerletzte Bissen leider flechsig und ungenießbar. Dazu hausgemachte Bandnudeln, eine ganz fantastische Rotweinsoße und ein ansprechender Salatteller. Von den angebotenen Fleischgerichten versuchten wir außerdem das Kotelette vom schwarzen Schwein an Karotten- Artischockenfondue und Austernpilzrösti (22 €). Eine besondere französische Schweineart liefert das saftige Fleisch, das sich, zart angebraten und mild gewürzt gut vom Knochen löste, dazu sparsam, aber sehr gut im Geschmack auf dem Teller verteiltes Gemüse und eine kleine Röstitasche mit Pilzfüllung, insgesamt ein wirklicher Genuß. Von der (edlen) Fischauswahl überzeugte uns das Seeteufelkotelette mit Zuckermais und Artischocken-Pifferlingsgnocchi (23 €) als angenehm leichtes Hauptgericht mit interessanter, gut abgeschmeckter Garnierung genauso wie der geangelte Wolfsbarsch mit Gurken-Anchovisrisotto und gerösteten Calamaretti (24 €). Der Fisch schmeckte frisch und saftig und war von den delikaten Beilagen in zwei Kreisen auf dem Teller optisch reizvoll umrahmt, was für den Gast den Vorteil bietet, die verschiedenen Teile des Gerichtes mit seinen feinen Geschmacksnoten individuell mischen zu können. Von der exzellenten und sehr umfangreichen Weinkarte wählten wir dazu einen grundehrlichen, einfachen, aber charakteristisch schmeckenden Silvaner vom Wirsching in Iphofen für 4,10 € (0,25 l) und trockenen Lemberger (4,80 €). Aus der separaten Karte für Hochgeistiges mit ebenfalls beeindruckender Vielfalt überzeugte der (allerdings immerhin 5 € kostende) Obstschnaps Ringlo, die 1993er Quitte überrraschte durch einen rassen Geschmack nach so langer Reifezeit im Faß.
Einfach ein Gedicht!
Zum Abschluß ließen wir uns dann noch zum Dessert verführen, denn die Auswahl klang so verlockend und wenig alltäglich, daß wir die Schokoladentarte mit marinierten Zwetschgen und Vanillerahm-eis (8,50 €) und die gebackenen Topfentaschen mit Aprikosen und Karameleis (9 €) als süßen und hochbefriedigenden Abschluß wählten, beides einfach ein Gedicht! Doch noch nicht genug der Genüsse – man erfreute uns von Seiten des Hauses nochmals mit einem – diesmal süßen – Gruß: einer Scheibe Gewürzkaffeemousse mit raffiniertem Geschmack, der aus einer Mischung von Zimt, Koriander, Vanille und Lorbeer herrührt, mit einer marinierten Himbeere als Beigabe und zartschmelzenden hausgemachten Pralinen zum – natürlich perfekten – Cappuccino/Espresso, so daß wir uns völlig einig waren, selten so zufrieden aus einem Lokal gegangen zu sein. Die gebotene Qualität rechtfertigt den Preis, der Gast wird wirklich verwöhnt. Die beiden jungen Damen des Service und auch der speziell für die Weine und die große Käseauswahl verantwortliche Restaurantchef bedienten uns kompetent, freundlich und unaufdringlich aufmerksam. Sicher ist das Alte Amtshaus nicht der Ort, um nur seinen Hunger zu stillen, sondern eine erste Adresse für den besonderen Anlaß. Spezielle Arrangements mit Menue und Übernachtung, ein monatlich wechselndes Programm mit verschiedenen Kochkursen, Zigarrenabenden und Weinverkostungen und Galaabende bieten dem Gourmet immer wieder etwas Neues. Wer sich für die Kochkünste des Küchenchefs näher interessiert, kann sich zudem in seinem im Oktober erscheinenden Buch „Olaf Pruckners Landhausküche“ mit 47 Gerichten und 28 Grundrezepten informieren. Alles in allem: Genuß auf hohem Niveau – Reservierung empfohlen!
Altes Amtshaus, Kirchbergweg 3, 74673 Mulfingen-Ailringen, Tel.07937/970-0, Fax 07937/970-30, www.altesamtshaus.de, info@altesamtshaus.de
Öffnungszeiten: Mi – Sa 18-22 Uhr, Sonn- u. Feiertag 12-14, 18-22 Uhr, Mo +Di Ruhetag.
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