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Wer kennt es nicht, das ehrwürdige Doppelanwesen am Marktplatz im Herzen der Nachbarstadt, ein Traditionshaus, Aushängeschild, bekannt seit jeher für gehobene Gastronomie? Der „Greifen“ in Feuchtwangen, das war einfach schon immer eine gute Adresse, eine Gästeliste großer Persönlichkeiten aus vielen Jahrhunderten kann das bezeugen. Dennoch sah es für die Zukunft des Vier-Sterne-Hauses, dessen älteste Teile schon 1369 erwähnt wurden, in nicht allzu ferner Vergangenheit recht düster aus. So schön ein einmaliges historisches Ambiente auf den ersten Blick auch anmutet, weiß man doch, welche Probleme bei der zeitgemäßen Nutzung alter Bausubstanz für den Eigentümer im Laufe der Jahre auftauchen, und so war auch hier irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo eine Entscheidung getroffen werden musste: entweder grundlegende Investitionen für eine Renovierung zu tätigen oder das Haus zu schließen. Vier Generationen der Familie Lorenz hatten das Hotel geführt, dann hatte es die letzten fünf Jahre die Familie Becker-Plaha gepachtet, die dem Betrieb schon verbunden war, da Dirk Becker ihn schon zuvor zwei Jahre als Geschäftsführer geleitet und vor 15 Jahren dort seine erste Stelle als Koch angetreten hatte. Die Beckers – sie als gelernte Hotelfachfrau immer mit tätig – wollten das Haus, das ihnen ans Herz gewachsen war, erhalten, und so wagten sie den Schritt in die Eigenver-antwortlichkeit und kauften das Anwesen im September des vergangenen Jahres.
Die überfällige und kostenintensive Großrenovierung wurde gleich in Angriff genommen, weitere Pläne für den Ausbau des Wellnessbereiches sollen dann nach und nach verwirklicht werden. Nun präsentieren sich Hotel und Restaurant aufgefrischt, aber dennoch weiter in dem unverwechselbaren historischen Rahmen wie bisher. Ob in den beiden vorne zum Marktplatz hin gelegenen Räumen, von denen sich das Gastzimmer besonders für ein Essen um die Mittagszeit anbietet, oder in der etwas intimeren eleganten Ratsherrnstube, die mit gepolsterten Hochlehnstühlen und einem schönen Kachelofen für das Essen im kleineren Kreis prädestiniert ist, oder auch in der größeren Greifenstube im rückwärtigen Gebäudeteil – überall wird man sich wohlfühlen. Dezent und geschmackvolle Dekoration in Fensternischen und an den Wänden, frische Blumen auf den schön eingedeckten Tischen, das beeindruckt und hat Stil, ohne jedoch steif zu wirken, zeitlos zeitgemäß könnte man das nennen, ein Motto, das sich der Küchenchef, der noch von einem weiteren Koch unterstützt wird, auch für seine Gerichte gewählt hat.
Frische Produkte von bester Güte
Die überraschend überschaubare (und übrigens im Internet einsehbare) Speisekarte mit 3 Vorspeisen, 2 Suppen, 5 Hauptgängen, 3 Menüs und verschiedenen Desserts zeigt die Richtung, in die Dirk Becker mit seiner Küche will: Frische und bekannte Produkte des Marktes, nichts übertrieben Exotisches, aber doch einfallsreich zusammengestellt, erste Qualität der Zutaten. Nach seiner Lehrzeit in einem Romantik-Hotel in Schwetzingen und der schon erwähnten ersten Anstellung bei Lorenz senior ist der gebürtige Pfälzer, wie in der Branche so üblich, dann auf Wanderschaft gegangen, wollte neue Eindrücke gewinnen, sich weiterbilden. Erfahrungen sammelte er u.a. bei Jörg Müller auf Sylt, im Hotel Friedrichsruhe und auch in Schifferstadt, wo er im Cateringbereich arbeitete. Er, der vor allem immer etwas Kreatives machen wollte, wurde Küchenmeister und diätetisch geschulter Koch und fand allmählich seinen Stil. Hochwertige Produkte werden raffiniert, aber ohne zu viel Schnickschnack serviert, der Wiedererkennungswert bleibt erhalten. Das Angebot wechselt je nach Einkauf, gekocht wird nur, was er auch selber mag, tut er dies nicht, kommt es auch nicht auf die Karte. Für diese anspruchsvolle und ehrliche Linie musste Becker zum Teil auch Überzeugungsarbeit leisten, doch er glaubt, damit richtig zu liegen. Zufriedene Gäste, die sich das nicht ganz billige Vergnügen, bei ihm zu essen, leisten und dafür sogar weitere Anreisen in Kauf nehmen, zeigen ihm das.
Gaumenfreuden pur
Auch wir waren mit gespannter Erwartung auf ein besonderes Gourmeterlebnis gekommen und wurden, um es vorwegzunehmen, nicht enttäuscht. Schon der umfangreiche Gruß des Hauses – dreierlei frisch aufgebackenes Baguette mit
locker aufgeschlage-nem Griebenschmalz und danach noch ein Löffel voll Kalbsleberparfait mit säuerlich-fruchtigem Ananaschutney kombiniert - war ein Erlebnis. Der Cappuccino von
der fränkischen Winzer-suppe (6 €), stilgerecht in der großen Tasse mit Eischneehaube serviert, war schon optisch ein Genuss, in der Konsistenz cremig, mit einem feinen Weingeschmack und einem wunderbar zarten Klößchen als Einlage eine vielversprechende Vorspeise. Auch der erste Gang des gewählten vegetarischen Menüs (insgesamt 27,50 € für 3 Gänge) bestach durch eine kreative Zubereitung: Schmalzmüllerkäse im Brickteig auf roh mariniertem Fenchel. Der weiche, lauwarme kleine Kuhmilchkäse war wie ein Bonbon in einen hauchdünnen crèpeartigen Teig eingewickelt und mit diesem knusprig frittiert. Der geraspelte Fenchelsalat, ein Körbchen mit angemachten Rapunzeln und ein schaumig-heller Saucenspiegel waren sehr gut passende Beigaben zu diesem köstlichen, zart-milden Käsevergnügen. Auch das anschließende Risotto mit spanischem Safran, jungem Mangold und Wirsingköpfle, gereicht im tiefen Teller, umgeben mit reichlich feiner Sahnesauce, schmeckte bestens. Der in den Wirsingblättern eingehüllte Reis war nicht zu weich gekocht, frische Thymian- und Rosmarinzweige mit ihrem intensiven Kräutergeschmack als Garnierung ließen den Esser nach Belieben würzen. Von bester Qualität waren auch die gewählten Fleischgerichte: Tranchen vom amerikanischen Herford-Rinderrücken mit buntem Kartoffelgeröstel (21,50€): Das Rindfleisch – dünn aufgeschnitten und genau richtig rosa gebraten – konnte man fast auf der Zunge zerdrücken, das Geröstel aus blauen Kartoffeln, Topinambur und anderen Gemüsen passte hervorragend dazu. Genauso überzeugend war die knusprig gebratene Schwäbisch-Hallische Spanferkelhaxe auf Weißweingemüse und Kartoffel-Dinkelschmarrn (15,90 €): wunderbar zart, gut durchgebraten und die sanfte Kruste von erlesener Köstlichkeit; das Gemüse bestand aus Karotten-, Kohlrabi- und Selleriestiften, war auf den Punkt gegart und ausgesprochen reichlich; die offensichtlich handgefertigten Schmarrn-Häufchen waren innen weich und saftig, außen kräftig frittiert und ein Genuss, insgesamt schmeckte alles im wahrsten Sinne des Wortes „saugut“. Auch Fisch versteht man besonders zuzubereiten. Wir wählten souffliertes Zanderfilet auf Risotto mit spanischem Safran (17,90 €). Die optische Präsentation in einem Tellerrand-Kranz zarter, bunter Blütenblätter könnte als „Food-Art“ bezeichnet werden; der Zander, unter der Souffléhaube wunderbar saftig geblieben, verband sich mit der Risotto-Unterlage in einem Ring aus zarter heller Sauce zum Geschmackserlebnis erster Ordnung. Und dann durfte auch ein Geflügelgericht nicht fehlen; wir nahmen die Ente, die zunächst als ½ Bauernente in 3 Gängen (25,80 €) angeboten, auf Wunsch aber auch als Einzelgericht zu haben war, indem der 1. Gang einfach größer ausfiel und dann nur 17,50 € kostete. Das ganze Entenmenü umfasste 1. Brust glasiert mit Wirsingstrudel und Apfelkompott, 2. Spoom von der Rotweinzwetschge und 3.Keule in Kürbiskerntempurateig gebacken auf mariniertem Mangold. Das las sich nicht nur gut, sondern schmeckte auch so: die Entenbrust (und auch die Keule) war wunderbar weich, die Haut sehr knusprig, der veredelte Wirsing mundete vorzüglich. Eine angenehme Unterbrechung stellte das Zwischendessert, ein Gedicht aus leicht gesüßtem Schaum mit feinem Zwetschgengeschmack dar. Natürlich wollten bei so viel Kochkunst auch die von den Nachtischen probieren, die kein Menü gewählt hatten. Bedenken, ob man das noch schaffen könne, zerstreute unsere sehr kompetente und aufmerksame Bedienung mit der schlagfertigen Bemerkung: „Das rutscht noch zwischen die Ritzen.“ Recht hatte sie, denn die süßen Träume waren allesamt leicht und locker: das zum Menü gehörende frisch-fruchtige Mangoparfait mit halbflüssiger Kokosmilch, Zweierlei von der Schokolade (Mousse und Eis) und auch das Walnussparfait (7,50 €), das besonders hübsch anzuschauen war: zwei runde, doppelstöckig auf hauchdünnen Florentinerblättchen und mit einer Kapstachelbeere gekrönte Walnusscreme-Portionen, am Fuß umgeben von einer kongenialen Fruchtsoße. Die zu wenig ausgeprägt schmeckende Bayerische Creme (5,90 €) mit eingelegten Zwetschgen und einem dazu gereichten Zwetschgenlikör vermochte dagegen nicht völlig zu überzeugen .
Gepflegter Weinkeller
Abschließend noch ein Wort zu den Getränken: Die klare Linie der Küche setzt sich auch in der Getränkeauswahl fort. Der im Lauf der Zeit etwas kunterbunt geratene Weinkeller wurde durchforstet, und man legt nun erkennbar den Schwerpunkt auf Weine der Maingegend, die alle selbst getestet wurden, bevor man sie auf die Karte setzte. Von den offenen Weinen ließen wir uns einen sehr guten Retzstadter Silvaner trocken (0,25l 4,80 €) und den exzellenten trockenen Lauffener Lemberger (0,25l 5,80 €) munden. Beeindruckend war auch die separate Bierkarte, ausschließlich mit Getränken der Engel-Brauerei Crailsheim. Ein auf Nachfrage uns ausdrücklich ans Herz gelegter ganz milder Waldhimbeergeist (0,2cl 5,50 €) erwies sich als sehr aromatisches Spitzenprodukt, da konnte der etwas günstigere Zwetschgenschnaps nicht ganz mithalten. Alles in allem waren wir hochzufrieden, fanden, dass die Leistungen ihren Preis wirklich wert waren, fühlten uns in der entspannten Atmosphäre des Hauses sehr wohl und haben auch nicht einen einzigen Augenblick bemerkt, dass gerade an diesem Abend wegen einer zusätzlich anwesenden geschlossenen Gesellschaft in anderen Räumen in der Küche Hochdruck herrschte – auch das macht perfekte Gastronomie aus.
Romantik Hotel Greifen-Post, Familie Becker-Plaha, Marktplatz 8, 91555 Feuchtwangen
Tel. 09852 6800,Fax 09852 68068, info@hotel-greifen.de,www.hotel-greifen.de
Restaurant geöffnet mittags und abends von Dienstag bis Sonntagmittag.
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