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Liebe Leser,

„Wir sind auch nach 16 Jahren noch reformfähig“, meinten wir und waren entschlossen, „den Reformstau zu beseitigen“. Dabei dachten wir an unser von manchen Lesern oft kritisiertes Prinzip, Artikel der Redaktionsmitglieder nicht zu kennzeichnen. Es sollte damit gezeigt werden, dass die ganze Redaktion hinter den Texten steht, die sie tatsächlich alle vorgelegt bekommt. Dann aber merkten wir, dass sich an den bisherigen Argumenten gegen eine solche Kennzeichnung rein gar nichts geändert hat, und neue dafür fielen uns absolut nicht ein. Also verzichteten wir in einer unserer Redaktionssitzungen mehrheitlich auf eine Änderung der seit 16 Jahren praktizierten Handhabung.
Da wir aber auch ein „Magazin für …. Meinung“ sind, fordern wir unsere Leser auf, uns zu diesem Entschluss gründlich die Meinung zu sagen. Denn wenn auch im Titel der letzten Nummer das Wort „Meinung“ fast völlig im hellen Himmel verschwand, so bleibt es doch dabei: „Magazin für Kunst, Kultur und Meinung“.

So ganz reformunfähig wollten wir aber doch nicht bleiben. Eine weitere Diskussion ergab sich in der Redaktionssitzung über unsere lange durchgehaltene Entschlossenheit, die alte Rechtschreibung in unserer Zeitschrift am Leben zu erhalten, womit wir uns mit großen Zeitungen in einem Boot befanden. Nun weiß nach der endgültigen Reform der Reformen der Rechtschreibung schon kaum mehr jemand, welche Rechtschreibung die „alte“ ist (vgl. auch unser Glosse auf S.25), und unsere großen „Kollegen“ sind eingeknickt. Dem schließen wir uns nun mit einigem Wehklagen an, wobei wir uns vertraute Schreibweisen verwenden wollen, soweit sie der Duden als Varianten erlaubt. Bei der Zeichensetzung halten wir am Prinzip der Übersichtlichkeit des Satzbaus fest und lassen uns beispielsweise nicht durch die 132 Paragraphen allein zur Kommasetzung, wie sie der Duden anführt, erschrecken. NB: In diesem Text war keine einzige Entscheidung zwischen Varianten in der neuen Rechtschreibung nötig. So schlimm wird es für uns also vielleicht gar nicht werden. Und dass wir die ss-Schreibung statt „ß“ übernommen haben, wurde wohl nicht einmal bemerkt.

Sind Sie sich sicher, dass Sie sich sicher sind?

Da sitze ich, wie so oft, an einem stillen Ort und lese, und plötzlich werden meine Augen groß und rund, weil mir in einem Artikel das Wort „eine Champagnertrüffel“ entgegenspringt. Eine Trüffel, denke ich entrüstet, das habe ich ja noch nie gehört. Das gibt es doch gar nicht, das heißt in jedem Fall „der Trüffel“!? Aber haben die denn bei einer so großen, renommierten Zeitschrift keine Lektoren, oder sollte ich mich etwa getäuscht haben und zeit meines Lebens den falschen Artikel zum Wort Trüffel verwendet haben? Gut, jetzt habe ich nicht so viel mit Trüffeln zu tun, als dass es lebenswichtig wäre, dies zu wissen. Trotzdem lässt es mir keine Ruhe mehr, und ich gehe sofort den Duden befragen, und da steht es dann schwarz auf weiß:
Trüffel, die; -, -n, ugs. meist der.
Ja, und da haben wir es mal wieder, die Sache mit der Umgangssprache. Wissen Sie vielleicht, ob es die oder der Paprika heißt, man das Gulasch oder den Gulasch verlangt, der oder das Radio spielt? Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Vesper (gesprochen: Veschper) oder der Vesper? Oder, was ist richtig? „Gib’ mir mal den Butter“ oder vielleicht dann doch eher „die Butter“?
Und da soll man nicht so richtig durcheinander kommen. Manche Sachen klingen für das Ohr einfach so gut, dass man sich sicher ist.
So war es ja letztendlich auch mit der Rechtschreibung. Früher war ich mir sicher und sehr stolz darauf zu wissen, wie man die Sachen richtig schreibt. Dann kam die Reform, und als Mami mit zwei Kindern konnte und wollte ich mich dieser nicht verschließen, da die Diktate in der Schule fortan in der neuen Rechtschreibung geschrieben wurden. Man will ja den Kindern, so gut es geht, unter die Arme greifen, also beißt man, wie die Lehrer das ja auch mussten, in den sauren Apfel. So jetzt hat man sich alles mühsam angeeignet und in seinem Gehirn umsortiert, da wird es wieder anders. Plötzlich schreibt man die Anrede in Briefen wieder groß (also nicht nur die höfliche, sondern auch Du, Euch etc.), und bei zusammengesetzten Wörtern ist es ganz gefährlich, wann man was wie schreibt. In jedem Fall jetzt bin ich mir sicher, dass ich mir nicht mehr sicher bin.
Ich bin mir aber auch sicher, dass ich nicht die einzige bin, und das beruhigt mich ungemein.
Andrea Mattausch


   
   
 
 
 
 
   
 
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