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  >>> Junge Kunst
   
 

DIE JUNGEN KREATIVEN

   
 


   
 

Neun junge Menschen, die in den nächsten Tagen mit einem kleinen Festakt in der Schranne und dem traditionellen Abi-Ball des Dinkelsbühler Gymnasiums den Lebensabschnitt Schule hoffentlich erfolgreich beschließen, haben eines gemeinsam: Sie alle haben sich in ihrer Facharbeit der Kunst verschrieben. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die ich erkennen konnte. So unterschiedlich, wie sich die gewählten Themen und die geschaffenen Werke darstellen, haben sich mir auch ihre Schöpfer präsentiert: Laute, witzige und kraftvolle neben eher stillen, bescheidenen und introvertierten Charakteren. Dabei durchwegs vielschichtige Persönlichkeiten, zum Teil mit einem gewissen Hang zum Spleen, was man Künstlern aber ja gerne nachsieht – insbesondere, wenn sie noch so jung sind und sich und ihre Fähigkeiten erst ausprobieren. Wobei ich das Wort „jung“ für diese neun nur in zweiter Linie auf das Alter beziehe. In erster Linie steht in diesem Fall „jung“ für experimentierfreudig, progressiv, weltoffen, tolerant, wissbegierig und liebenswert. Genug der Vorrede, hier sind sie: „die jungen Kreativen“ und ihre Geschöpfe.

Anna-Katharina Seidlitz,
Aufkirchen
Experiment Design – Lichtobjekte

Ob es ein Lichtblitz war, der Anna auf den Gedanken brachte, Lampen zu bauen, oder doch eher ein Geistesblitz, sei dahingestellt. Da sie sich mit ihrem zweiten Leistungskurs, dem Physik-LK, auch hinsichtlich elektrotechnischer Aspekte gut gerüstet fühlte, machte sie sich jedenfalls mit Feuereifer an die Arbeit – wozu sie zunächst das Museum für Licht und Beleuchtung in Arnsberg aufsuchte und sich informieren und inspirieren ließ. Ihr nächster Weg führte sie in die Sanitärabteilung eines Baumarktes, wo sie einem sichtlich irritierten Kassier siebenundachtzig Toilettenbürsten aufs Band türmte. Die benötigte sie nämlich, um ihr widerborstiges Vorhaben in die Tat umzusetzen. Nachdem diese erste Hürde genommen war, konnten sie auch diverse schmerzhafte Erfahrungen im Umgang mit Heißluftföhn und elektrischem Strom nicht mehr davon abbringen, ihr Ding durchzuziehen. Was sind schon ein paar Stromschläge und ein bisschen verbrannte Haut, wenn am Ende zwei so einmalige Kunstwerke dabei herauskommen. Eine Bodenlampe aus Klobürsten und eine Deckenlampe aus Verglasungsfolie.
Ein Skizzen- und ein Fotoband dokumentieren eindrucksvoll die verschiedenen Entwurfs- und Ausführungsphasen, lassen erahnen, wie viel Arbeit wirklich dahinter steckt. Wie schwierig es beispielsweise war, das richtige Material zu finden und es dann auch richtig zu verarbeiten. Neben einer ausführlichen Beschreibung des Entstehungsprozesses der beiden Lampen hat Anna im Textteil ihrer Facharbeit unter anderem die geschichtliche Entwicklung von Lichtobjekten „beleuchtet“ sowie die Bedeutung von Licht für den Menschen.
Anna, die aus profanen Baumarkt-Klobürsten eine funktionsfähige Lampe gebaut hat. Die fantasievolle Anna mit den Zauberhänden. Anna, die beste Freundin meiner Tochter. Anna, durch deren Facharbeit ich überhaupt erst auf die Idee zu dieser Reportage kam und die deshalb hier an erster Stelle stehen muss.

Franziska Weick
Landschaft – Eine bildnerische Auseinandersetzung

Ein wenig schwierig ist es zunächst, Franziska zu erreichen. Weil sie viel unterwegs ist. Dann auch wieder, ihre Facharbeit zu sehen – weil nun die gerade unterwegs ist. Schließlich treffe ich aber doch noch beide an. Die Künstlerin und ihre Arbeit. Was für mich untrennbar ist. Weil sich der Mensch in seinen Werken widerspiegelt und zu erkennen gibt. So auch Franziska.
Für die „Landschaft“ als Facharbeitsthema hat sie sich laut eigener Aussage entschieden, weil ihr eine entsprechende Hausaufgabe im Kunst-LK sehr viel Spaß gemacht hat. Motive hat sie zum einen gezielt mit dem Foto gesucht und gesammelt und dann in Form von Zeichnungen interpretiert und umgesetzt, zum anderen aber auch unmittelbare Eindrücke nach Spaziergängen spontan als Skizzen verarbeitet, dazu teilweise direkt im Freien gearbeitet. Nach ersten Versuchen mit Bleistift fand sie schnell Gefallen an der Arbeit mit Kohle, weil die Resultate „malerischer“ ausfielen, sich auch ganz andere Möglichkeiten ergaben, wie zum Beispiel eine bessere Darstellung von Wolken und Schatten durch Verwischen. Bei der Arbeit mit Tusche und Feder hat Franziska schnell erkannt, dass sich damit vieles präziser und detaillierter darstellen lässt. Darüberhinaus hat sie aber auch versucht, den Schwung der Feder zu nutzen, verschiedenen Bildelementen unterschiedliche Strukturen zugeordnet und sich bemüht, mit Formlinien und Kreuzschraffuren Spannung ins Bild zu bringen.
Ihre Tuschezeichnungen präsentiert sie in zwei Leporellos, ihre Kohlezeichnungen in Skizzenbüchern. Koloriert hat Franziska nicht. Bewusst nicht. Weil man ohnehin „nicht genau weiß, welche Farbe beispielsweise ein Baum wirklich besitzt“.
Franziska, die davon fasziniert ist, wie sich Landschaft unter dem Einfluss von Wetter und Jahreszeiten ständig verändert. Franziska, die das Zeichnen nicht als Anstrengung empfindet, sondern ganz im Gegenteil zur Stressbewältigung einsetzt, sich beim Zeichnen „in einer ruhigeren und positiveren Welt“ wiederfindet.

Ronald Wolf, Gerolfingen
Modedesign – Entwurf und Gestaltung eines Kleides als Prozess von der ersten Idee bis zur Ausführung

Bei unserem Treffen kurz vor Ostern schießen sich die Mädels als erstes auf Ronald ein. Die Begriffe „Chamäleon“ und „Tarot-Karten“ fallen – und verwirren mich einigermaßen. Weiß ich doch, dass Ronald ein Kleid entworfen und angefertigt hat. Man klärt mich auf: Ronald hat ursprünglich mit dem Gedanken gespielt, eine Mathe-Facharbeit zu schreiben, und zwar zum Thema „Wahrscheinlichkeit beim Legen von Tarot-Karten“. Was aber hat es mit dem anderen auf sich? Soll das von Ronald geschaffene Gewand etwa seine Trägerin verwandeln? Wie ein Chamäleon? Ich liege falsch. Ronald selber hält man für ein Chamäleon.
Nun aber zu seiner Arbeit, dem Kleid – einer Kreation aus weißem Satin. Zuerst vielleicht wirklich nur ein Gedankenspiel, wird die Herstellung eines Kleides zur fixen Idee, die nach etwa dreißig Entwurfsskizzen soweit gediehen ist, dass er sie umsetzen kann. Maß nehmen, Stoff auswählen, Teile zuschneiden, stecken, heften und nähen. Wieder auftrennen, ändern, nochmal nähen. Immer und immer wieder. So lange, bis alle zufrieden sind. So wie sich das gehört für einen Schneiderlehrling in den ersten Lehrtagen. Was ihn an dieser Aufgabe besonders gereizt hat? Dass er noch nie vorher genäht hat, sich alle Techniken erst aneignen musste. Quasi bei Null zu beginnen. Dass er im Taillenbereich einen breiten roten Streifen eingearbeitet und im Rock Blüten aus Perlen eingestickt hat, gibt dem Kleid das gewisse Etwas, macht es unverwechselbar, zeigt aber auch Ronalds Mut, sich ohne Wenn und Aber in unbekanntes Terrain zu begeben und alle Herausforderungen anzunehmen, wie sie kommen. Herrn Müllers Vorschlag, keinen konventionellen Stoff für das Kleid zu verwenden, hat er rigoros abgelehnt – weil es schließlich sein Kleid nach genau seinen Vorstellungen werden sollte.
Ronald, der genau weiß, was er will, und vor allem, was er nicht will. Aber auch: Ronald der Wandelbare, Undurchschaubare, Mysteriöse. Der ab und zu sein komplettes Erscheinungsbild wechselt, die Haarfarbe sowieso. Ronald, der sich am liebsten täglich neu erfindet.

Carina Habelt, Ehingen
Bildnerische Annäherung: Pflanze

Über die Vorgeschichte von Carinas Facharbeit kann man nur schmunzeln: Die Insel Mainau war Ziel eines extra anberaumten Familienausflugs, von dem sich Carina reiche Beute erhoffte. Für ihre Fotomappe, die ja Bestandteil ihrer Facharbeit werden sollte. Doch wie es das Schicksal so will, waren aus unerfindlichen Gründen die Batterien der mitgeführten Digitalkamera leer. Und keine Ersatzbatterien dabei. Auch keine aufzutreiben. Dank Fotohandy musste Carina zwar nicht mit leeren Händen heimkehren, jedoch zunächst gewisse Abstriche machen. Bilder digital nachbearbeiten, sich für weitere Aufnahmen mit nicht ganz so ergiebigen Beeten und Anlagen begnügen. Dass trotzdem etwas so Wunderbares daraus geworden ist, hat wohl zum einen mit der Hartnä-ckigkeit zu tun, mit der Carina ihr Projekt weiterverfolgt hat, zum anderen aber sicherlich auch mit dem beträchtlichen Maß an Begabung, das ihr in die Wiege gelegt wurde, besser gesagt, in die Hände.
Über hundert Fotos hat sie vorgelegt mit ihrer Facharbeit. Vom Farn über Efeu, Fetthenne, Bergenie und Sonnenblume bis hin zur Rose alles abgelichtet, was der heimische Garten hergab, auch Hartriegel und Ginkgo ins Visier genommen, dazu noch etliche Zimmerpflanzen. Und schließlich mit siebzig Skizzen zu verschiedenen Pflanzen und Pflanzenteilen Anlauf genommen auf das Leporello, in welchem sie mit acht Zeichnungen eine „Komposition zum Aufbau einer Orchidee von der Blüte über das Blattwerk bis zu den Wurzeln“ geschaffen hat. Die schriftliche Abhandlung belegt, wie tief sie in die Materie eingedrungen ist.
Dass sie nach eigenem Bekunden mit ihrer Facharbeit die Natur für sich entdeckt hat und nun davon träumt, als Landschaftsarchitektin Gärten und Parks zu gestalten, kann ich gut nachvollziehen. Wenn sie mit den natürlichen Ressourcen so behutsam umgeht, wie es ihre Studien vermuten lassen, werde ich mich gerne darin niederlassen.

Theresa Pflanz, Wilburgstetten
Experiment Design – Sitzmöbel

Theresas erklärtes Ziel, für ihre Kunst-Facharbeit aus „banalen Dingen“ außergewöhnliche Sitzgelegenheiten zu bauen, die man aber „letztlich auch benutzen“ kann, hat in Form von vier Stühlen Gestalt angenommen, ganz besonderen Stühlen, die man trotzdem nicht nur anschauen, sondern auch anfassen darf. Auf die man sich sogar setzen darf, ohne strafende Blicke zu ernten. Nicht nur Judith durfte probesitzen. Auch ich durfte darauf Platz nehmen. Auf dem Baumholzstuhl und auf dem Autoreifenstuhl, auf dem Einkaufswagenracer und auf dem Papierhocker. Die Funktionsfähigkeit testen, die Bequemlichkeit.
Kunst nur um der Kunst willen? Nicht mit Theresa. Dazu ist sie viel zu praktisch veranlagt. Und lässt dennoch ihrer künstlerischen Seite Raum.
Die Erfahrung, dass sich nicht alles, was auf dem Papier wunderbar aussieht, eins zu eins in die Praxis umsetzen lässt, muss-te freilich auch Theresa machen. Skizzen mehrfach verwerfen und präzisieren, Details ausarbeiten. Sie hat es sich dennoch nicht nehmen lassen, alles selber zu machen. Hat selber gezeichnet und gesägt, gebohrt und geschraubt, geleimt und geschnürt. Hat vier Unikate geschaffen, die von der kleinsten Schraube bis zum letzten Pinselstrich ihre Handschrift tragen. Und mit der Präsentation der Sitzmöbel im häuslichen Keller das Tüpfelchen aufs i gesetzt: Dort hat Theresa, jeweils passend zum Stuhl, vier Wandabschnitte künstlerisch gestaltet. Getupft, gewischt, gepinselt und gemalt. Mit schwungvoll geführten Bürstenstrichen und sorgsam ausgewählten Farbkompositionen ihre vier selbstentworfenen und –gebauten Stühle wirkungsvoll in Szene gesetzt.
Theresa, die Vielseitige.

Julia Köhnlechner, Zwernberg
Die menschliche Figur

„Kekse“ war das erste Stichwort, das ich zu Julia bekam. Weil sie eigentlich immer Kekse dabei hat. Für sich und ihre Freunde und den ganzen Kunst-Leistungskurs. Wer sich nun vorstellt, dass Julia ein kleines Hausmütterchen ist, sollte sich erst einmal ihre Tonfiguren anschauen. Die so gar nichts Hausbackenes an sich haben. Die den nackten menschlichen Körper zeigen. Kniend, hockend, liegend, zusammengerollt. In ganz besonderen Haltungen. Haltungen, die die Figuren zu Geschöpfen machen. Zu Geschöpfen, die den Wunsch wecken, sie einfach nur anzufassen, um die weichen Formen nachzuspüren. Haltungen, die den Betrachter aber auch nachdenklich machen. Die Frage aufwerfen, ob dieser Mensch nun traurig oder glücklich ist, und warum er ausgerechnet diese Position einnimmt. Verlieren könnte ich mich in Julias Figuren, so schön sind sie. Obwohl die Gesichter ausdruckslos sind, mich an Schaufensterpuppen erinnern. Die aber wahrscheinlich so sein müssen – weil es ja nicht um Mimik geht, sondern um die menschliche Figur als Ganzes.
Diese Empfindung habe ich auch, wenn ich mir Julias Skizzen und Zeichnungen anschaue. Keinerlei Drumherum oder überflüssige Details, immer der Mensch als Einheit, dabei mit einfachsten Mitteln umgesetzt, ausschließlich Graphit auf Papier. Da sie möglichst natürliche Haltungen erfassen wollte, versuchte Julia anfangs, ihre Menschen-Modelle heimlich zu zeichnen, was sich praktisch jedoch als so schwierig erwies, dass sie dem größten Teil ihrer Studien Fotos zugrundegelegt hat.
Einen richtig dicken Körper hätte ich mir vielleicht noch gewünscht. Besonders bei Julias Tongeschöpfen. Mit barocker Figur und wallenden Hautfalten. Vielleicht auch „hässliche“, abstoßende Gestalten. Julia hat sich jedoch entschieden, ausschließlich ansprechende Körper zu formen, Körper, die durch die gewählten Proportionen und in ihrer Makellosigkeit sehr ästhetisch anmuten. Julia, die sich Auguste Rodin zum Vorbild genommen hat, mir auf einem Foto „La Danaide“ zeigt. Julia, die sich sehr selbstkritisch äußert, lieber andere bewundert. Obwohl sie sich mit ihrer Facharbeit wirklich nicht zu verstecken braucht. Julia und die Kekse.

Judith Milz, Dinkelsbühl
Experiment Schwarzweißfotografie

Judiths Aussage, dass sie nur deshalb selber fotografiert, um andere davon abzuhalten, sie zu fotografieren, produziert einen Lacher. Auch bei mir. Weil ich schnell spüre, wie besessen Judith vom Fotografieren ist. Besessen im bes-ten Wortsinn. Die Beschäftigung mit der Schwarzweißfotografie hat so Besitz von ihr ergriffen, dass in einem Zeitraum von neun Monaten 1700 Bilder entstehen, sie aber ihrer eigenen Einschätzung nach damit immer noch ganz am Anfang steht.
Ihre Facharbeit umfasst neben dem überaus interessanten Textteil eine großformatige Fotomappe mit ausgewählten Aufnahmen zum Thema „Portrait“ und eine kleinere Fotomappe zum Thema „Graffiti“. Portraits, weil sie den Kontakt mit Menschen mag und Gesichter den Menschen ihrer Meinung nach zum großen Teil ausmachen. Nicht nur Ähnlichkeiten und Unterschiede in Gesichtszügen, insbesondere auch die Mimik als wichtiges Kommunikationsmittel üben einen ganz besonderen Reiz auf Judith aus. Was ich in ihren Fotos bestätigt finde. Fotos, die sie in Leporellos mit jeweils acht Momentaufnahmen als filmähnliche Bildsequenzen angeordnet hat. Dann auch wieder als Bildgruppen, die die Bandbreite ein und desselben Gesichts andeuten, das Auge zum Springen verleiten und dadurch ein Gesamtbild entstehen lassen. Versuche mit unterschiedlichen Belichtungszeiten für ein und dieselbe Aufnahme zeigen, wie sehr man damit Gesamteindruck und Stimmung beeinflussen kann. Ihren zweiten Themenblock, Graffiti, beschreibt Judith als „Underground Kunstbewegung und Ausdruck der Jugend“; das Thema hat sie für sich während eines Aufenthalts in Neapel entdeckt, schätzt an den Originalen, die sie fotografiert, die oft hohe künstlerische Qualität und verweist darauf, dass es auch zeitkritische Graffiti gibt. Also keinesfalls nur lauter „Schmierereien“.
Judith arbeitet ausschließlich mit einer analogen Kamera und entwickelt alle Aufnahmen selbst. Hat sich das, was sie kann, überwiegend selbst beigebracht. Wieso sie eigentlich „nur“ Schwarzweißfotos macht? Nun, ich kann es wirklich nicht besser ausdrücken als Judith in ihrer Facharbeit, deshalb werde ich sie hier zitieren: „Die Entscheidung, schwarz-weiß zu fotografieren und nicht in Farbe, ergibt sich aus der Überzeugung, dass diese Art von Fotos, gerade wegen des Fehlens der Farben der sichtbaren Wirklichkeit, eine ganz neue Qualität bekommt.[…] Deswegen darf man auch nicht von einer Reduktion, sondern sollte vielmehr von einer Konzentration sprechen. […] Das Schwarzweißfoto bedient sich nicht der Farben, sondern auf subtile Weise der menschlichen Vorstellung und Fantasie, wodurch es eine imaginäre, abstrakte Wirkung entfaltet.“
Judith, die Selfmade-woman mit dem Blick fürs Wesentliche. Judith und die Schwarzweißfotografie. Eine Leidenschaft, die sie meiner Einschätzung nach noch lange nicht loslassen wird.

Anna Herrmann,
Ketschenweiler
Zeichnerische Auseinandersetzung mit dem Menschlichen Porträt

Eine ziemlich große Mappe hat sie für ihre Facharbeit gefüllt, die „kleine“ Anna. Mit etwa hundert Zeichnungen, die ich ganz in Ruhe bei mir zu Hause anschauen darf. Was ich sehr zu schätzen weiß, weil ich früher selber viel gezeichnet habe und mich noch gut daran erinnern kann, wie ungern ich meine Geschöpfe aus der Hand gegeben habe.
Ob sie schon immer gerne portraitiert hat, will ich von ihr wissen. Anna verneint. Eigentlich war das vorher gar nicht ihr Ding. Sie hat sich nie so richtig rangetraut an Gesichter, die Facharbeit aber als echte Herausforderung begriffen. Mit den ers-ten Versuchen ist sie laut eigener Aussage gar nicht zufrieden. Vielleicht, weil sie in der Anfangsphase noch sehr damit beschäftigt ist, sich eine gewisse Routine anzueignen, und sich hauptsächlich darauf konzentriert, Proportionen richtig zu erfassen, um einen möglichst hohen Grad an Wiedererkennung zu erzielen. Erst als sich Anna von dem Gedanken verabschiedet, Gesichter fotorealistisch darzustellen, und sich davon frei macht, mit ihren Zeichnungen die Erwartungen anderer zu erfüllen, fühlt sie sich besser dabei. Beschränkt sich darauf, das Wesentliche herauszufiltern und darzustellen. Wird mutiger, insbesondere beim Selbstportrait, entwickelt eine zunehmend lockere Strichführung, wagt gar expressive Versuche. Und lässt sich darauf ein, alle möglichen Zeichenmittel auszuprobieren, verwendet Bleistift, Kohle, Kohlestift, Rötel, Feder, Füller und Kugelschreiber, arbeitet einige Studien mit Buntstiften aus, andere mit Ölpastellkreiden. Was dem Gesamtwerk gut bekommt. Als ich mit den Bildern durch bin, denk‘ ich mir: Ach schade – das war‘s ja schon.
Anna, die die Auseinandersetzung mit dem Menschlichen Porträt so umtreibt, dass sie zwei Wochen vor dem Abgabetermin den fertigen Textteil ihrer Facharbeit komplett verwirft und noch einmal neu schreibt. Aber auch: Anna, die erkennt, dass ihr „Blick auf die Menschen einmalig ist“.

Lucas Fuchs, Dinkelsbühl
„3“ – ein Kurztrickfilm

Tja, ich weiß gar nicht recht, wie ich anfangen soll. Mit Lucas und seinem Film. Dass mir der 20-jährige Kollegiat mit einer kurzen email und einem Link zu youTube einen fertigen Kurzfilm als praktischen Teil seiner Facharbeit präsentiert, haut mich erst mal um. Die Verblüffung wächst, als ich bei unserem Treffen im Café am Münster erfahre, dass er sich alle erforderlichen Techniken selber beigebracht hat. Eben die Techniken, die man beherrschen muss, um aus einzelnen Bildern und Tönen ein nahtloses Ganzes zu machen. Gut, denk‘ ich mir, ist halt sein Hobby. Naja, so etwas technisch abzuwickeln, ist das eine, denk ich als nächstes. Aber eigentlich kommt es bei einem Film ja mehr auf den Inhalt an. Obwohl mir da schon dämmert, dass Lucas auch hierbei zumindest mitgemischt hat. Was soll ich sagen – die von Lucas‘ Film gleichermaßen begeisterten Facharbeitskolleginnen klären mich ungefragt auf: Jaja, der Lucas hat sich auch die Story selber ausgedacht, die Figuren kreiert, die Bilder gemalt, das Drehbuch geschrieben und die Musik komponiert. Irgendjemand nennt Lucas einen Allrounder. Ich halte das für stark untertrieben.
Worum es in dem Film eigentlich geht? Ich zitiere aus Lucas‘ Facharbeit: „3, einer von vielen Arbeitern in einer anonymen, postindustriellen und dystopischen Welt, der alle Wesen unter Aufgabe ihres Individuums ausgeliefert sind, ist ein normaler Angestellter wie jeder andere auch. In dieser Leistungsgesellschaft wird jeder vernichtet, der keine zufriedenstellenden Ergebnisse vorweisen kann […]. Eines Abends, auf seinem Heimweg, findet er eine rote Mütze. In dieser fast ausschließlich grauen und trüben Welt hat er so etwas noch nie gesehen, also nimmt er sie mit nach Hause. Als er schläft, beginnt er von der Welt auf eine zerrüttende Art zu träumen. Er erkennt innerlich, wie schrecklich und trostlos sie eigentlich ist. Als er am nächsten Morgen bei der Arbeit erscheint, trägt er die rote Mütze. Alle beteiligten Arbeiter sind negativ überrascht und entsetzt über diese Abartigkeit. Nach einem heftigen Streit mit dem Aufseher Alpha schießt dieser 3 die Mütze vom Kopf. Unabsichtlich trifft er dabei 2 in den Kopf. Ohne großes Aufhebens wird dieser von 11 ersetzt und seine Leiche in die Tür des Schreckens überführt. […]“
Lucas, der Stille. Lucas, der aus dem Stand heraus einen Trickfilm produziert hat. Lucas, das Multitalent mit der grenzenlosen Fantasie. Und vor allem: Lucas, der Gesellschaftskritiker.
Ich denke, Lucas und alle, die diesen Film gesehen haben, wissen, wozu er berufen ist.
Und hier der YouTube-Link zu Lucas‘ Film:
http://www.youtube.com/watch?v=yuy7XuhVzTg

 

Welchen Weg unsere jungen Kreativen auch gehen: Wir vom Funkfeuer-Team wünschen ihnen viel Freude und Erfolg bei der Ausbildung, beim Studium und in ihren späteren Berufen, vor allem aber, dass ein paar ihrer Träume in Erfüllung gehen.

Last not least möchte ich den Mentor der jungen Künstler zu Wort kommen lassen, welcher sich im Rahmen des Leistungskurses Kunst weit über das berufliche Soll hinaus als Berater, Förderer und Kritiker engagiert und die Werke vom ersten Gedanken an, während des Wachstums und durch sämtliche Wehen bis hin zur Geburt quasi als Hebamme begleitet hat: Oberstudienrat Walter Müller. Auch mit ihm habe ich gesprochen, ihm wenige Fragen gestellt, auf die er so viel zu sagen wusste, dass er am Ende vorgeschlagen hat, seine Gedanken schriftlich zusammenzufassen. Hier also meine Fragen und die von Herrn Müller ausformulierten, kursiv abgedruckten Antworten.

Herr Müller, die Werke, die im Rahmen der Facharbeiten zum Leistungskurs Kunst entstanden sind, begeistern mich durchwegs. Wie geht es Ihnen damit? Haben Sie solche Resultate erwartet?
Man wünscht sich als Kursleiter natürlich sehr gute Ergebnisse und Arbeiten, die Engagement zeigen. Generell geht es ja in der Facharbeit darum, dass die Kollegiaten zeigen, dass Sie mit den Methoden des jeweiligen Faches vertraut sind. Zielrichtung für die Kollegiaten ist, hierbei eine möglichst gut zu bepunktende Leistung zu erzielen. Das liegt im System. Deswegen begeistert es mich, wenn innerhalb dieses Rahmens einer Prüfung dennoch Arbeiten entstehen, die auch ideell weit über das Erwartete hinausgehen. Dies kann dann geschehen, wenn der Kollegiat in seinem Thema aufgeht und seine eigenen Grenzen auslotet. So eine Arbeit zeigt dann eine Intensität und Tiefe in der Gedankenführung und in der bildnerischen Umsetzung. Meine Aufgabe sehe ich darin, anzuregen und vorsichtig zu begleiten, nötigenfalls Hilfestellung zu geben.
Das Unterrichtsfach Kunst wird ja von manchem belächelt. Zum einen, weil angeblich nicht viel dahinter steckt, zum anderen, weil Kunst brotlos sei. Was könnte man diesen Menschen sagen? Und wieso ist Kunstunterricht – ja, Kunst an sich – so wichtig?

Hierauf gibt es vielfältige Antworten, die gar nicht alle hier Platz fänden. Greift man den Aspekt der Bildung heraus, so ist zu sagen, dass der Kunstunterricht den ganzen Menschen bildet, weil er auch dessen Sinne mit einbezieht und dazu angetan ist, tiefere Seinsschichten zu erschließen. Zusätzlich darf der ausgleichende und therapeutische Aspekt des Kunstunterrichts nicht außer Acht gelassen werden. Blickt man auf die Menschheitsgeschichte, so gehört die bildnerische Äußerung grundlegend zum Menschsein von den Anfängen der Menschheit bis heute.
Betrachtet man das durchschnittliche Jahreseinkommen vieler Künstler, so muss man teilweise tatsächlich von brotloser Kunst sprechen, dies vor allem bei Malern. Hier wäre auch zu fragen, wie die Gesellschaft selber mit dem Künstler umgeht und wie da eine Verbesserung der Situation des Künstlers an sich zu erreichen wäre. Abgesehen von den freien Richtungen der Kunst gibt es eine sehr große Anzahl angewandter künstlerischer Berufe, bei denen nicht von Brotlosigkeit gesprochen werden kann. Andererseits, wer kann heute denn mit Sicherheit sagen, welches Studium auch einen gut bezahlten Beruf nach sich ziehen wird.

Meine dritte Frage ergab sich fast schon aus dem Gespräch. Als Herr Müller darauf zu sprechen kam, dass der Begriff „Kunst“ heute inflationär gebraucht wird, habe ich nachgefasst: Wie würden Sie „Kunst“ definieren? Gibt es Kriterien, an denen man das festmachen kann? Oder darf sich wirklich alles Kunst nennen, was als solche deklariert wird?
Kunst hat etwas Absolutes und natürlich mit inhaltlicher und formaler, d.h. nachvollziehbarer Qualität zu tun. In erster Linie ist die bildende Kunst jedoch Lebensausdruck und Existenzbewältigung, der Künstler sucht Antworten auf die Fragen des Lebens in bildhafter Form, reagiert auf Entwicklungen in der Gesellschaft, bezieht Techniken mit ein, die innovativ sind. So ändert sich Kunst zwangsläufig, was dazu führt, dass viele Betrachter diese Entwicklung nicht mehr mitmachen wollen, sie auch gar nicht verstehen. Wir sprechen ja auch von Avantgarde, von einer Kunst, die dem Gesellschaftsurteil voraus ist. Das führt dann zu dem Unverständnis zeitgenössischer künstlerischer Äußerungen.

Mit „Olaf Metzel“ und „Christo“ stellte ich Reizworte in den Raum, woraufhin Herr Müller die Kunstrichtung Fluxus und die Performance-Künstlerin Marina Abramović einbrachte und mir kleine Einblicke in das weite Feld von Kunstobjekten, Objektkunst und Aktionskunst gewährte. Über Picasso und Marcel Duchamp gelangten wir wieder zurück zum Schulfach Kunst und dessen Bedeutung hinsichtlich der Berufswahl.
Mir ist bewusst, dass Kunst in der Schule generell den Stellenwert eines Außenseiterfaches einnimmt, was jedoch nicht heißt, dass die Inhalte weniger wichtig sind. Im Fächerkanon des Gymnasiums ist es ja eines der Nebenfächer mit einer entsprechend geringeren Stundenzahl. Als Leistungkurs ist es den anderen Leistungskursfächern gleichgestellt. Vielleicht haben manche jedoch damit Probleme, dass Kunst ja zweckfrei ist und vordergründig nicht immer direkt anwendbar. Der Leistungskurs Kunst ist ideal als Basis für viele andere Studiengänge oder Berufsrichtungen, da bildende Kunst den Zugang zu Kreativität schaffen und erweitern kann. Eine Gesellschaft braucht kreative Menschen. Zur Entwicklung tragen natürlich alle Fächer entsprechend bei. Da erübrigt sich eine Wertung.
Gegen Ende unseres Gesprächs sagte mir Herr Müller, dass es für ihn sehr wichtig sei, dass die Schüler sich bei ihm im Unterricht ausdehnen können. Was ich für einen bemerkenswerten Ansatz halte. Weil das Wort „ausdehnen“ Begriffe wie „entfalten“, „wachsen“ und „strecken“ beinhaltet und darüber hinaus andeutet, dass man den jungen Menschen und ihrer Fantasie Freiraum bietet. Ich bat Herrn Müller noch um ein Schlusswort für seinen Leistungskurs – er entschied sich spontan, ihm eine essentielle Erkenntnis von Joseph Beuys mit auf den Weg zu geben, nämlich die Formel:
KUNST=LEBEN

Vielen Dank für das freundliche Gespräch.

Sieglinde Hankele

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
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