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Schon im vergangenen Jahr konnten wir die Rede des Laudators Karl Corino, damals auf Karlheinz Deschner, in unserem Magazin veröffentlichen. Die diesjährige Laudatio fiel sehr viel länger aus, wir mußten sie aus Platzgründen um etwa die Hälfte kürzen. Wir bedauern das sehr, hoffen aber, daß unsere Leser trotzdem einen nachhaltigen Eindruck von der bemerkenswerten Schriftstellerin Natascha Wodin und ihrem Schicksal erhalten.
Lassen Sie mich mit einem Geständnis beginnen:
Einer der Alptraum-auslösenden Sätze meiner Kindheit in einem fränkischen Dorf am Hesselberg war der Satz: „Was tea mer, wenn die Russa kumma?“ Zu den wiederkehrenden Nachtmahren der späten vierziger Jahre gehörte deshalb, daß meine Familie Hals über Kopf den Hof verlassen mußte und mit dem Rindvieh zu fliehen versuchte – ich als kleiner Viehtreiber auf panischer Flucht mit dabei. Das „Urräh“ der Roten Armee gellte mir nächtlich in den Ohren, und zu den maximalen Phantasien der Stammtischpolitik gehörte bei Stalins Tod im März 1953, man könne doch am Begräbnistag eine Atombombe auf das trauernde Moskau werfen. „Do hett mer‘s all mitnander!“ Noch als ich im Dinkelsbühler Gymnasium im Wahlfach Russisch zu lernen anfing – Unterrichtsname: Karl Karlowitsch – , war meine ehrliche Antwort auf die Frage des Direktors nach den Gründen, die mich bewegten: damit ich mich mit den Russen unterhalten könne, wenn sie kämen. So tief saß die kindliche Angst. Gute Russen – gab es die überhaupt? Ja, ein paar Handvoll: die Don-Kosaken unter Sergej Jarof, die immer wieder im Rundfunk zu hören waren, die mit ihren supertiefen Bässen und ultrahohen Tenören via Äther in die Wohnstuben kamen und mit ihrem Gesang eine Ahnung von den Extremen der russischen Seele vermittelten. In der Regel aber war alles Russische – dank II. Weltkrieg, sowjetischer Besatzungszone, Berlin-Blockade – negativ besetzt.
Diese persönlichen Erfahrungen eines fränkischen Buben des Jahrgangs 1942 genügen wohl, um zu zeigen, was es umgekehrt bedeutete, als Kind russischer oder ukrainischer Eltern in Deutschland, in Franken während des kalten Kriegs aufzuwachsen, wie es unserer heutigen Preisträgerin Natalja Nikolajewna Wdowina alias Natascha Wodin widerfuhr.
Sie ist am 8. Dezember 1945 in Fürth, kurz nach dem Ende des II. Weltkriegs geboren, und es grenzt an ein Wunder, daß sie überlebt hat, daß sie eine bedeutende Schriftstellerin wurde, daß sie heute unter uns ist. Ihr Schicksal ist einzigartig – und vielleicht auch exemplarisch. In einem Text, den sie erst vor wenigen Wochen schrieb, als sie von der Auszeichnung mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Preis erfahren hatte, heißt es:
„Es ist seltsam. Ich kenne niemanden, mit dem ich meine Geschichte teile, keine Frau, keinen Mann, der, wie ich, Kind sogenannter Ostarbeiter ist. Ich habe keine Ahnung, wo sie alle sind, die Übriggebliebenen, die Überlebenden jener Zeit. Erst mit den Jahren habe ich das Ausmaß des Verbrechens begriffen, das damals geschah, erst mit den Jahren drangen die Fakten zu mir, drangen ein in die verschwommene, mystische Schicksalhaftigkeit meiner Biografie. Zwar hatte ich schon als Kind gewußt, daß ich anders war als die andern, schlechter, minderwertiger, ich hatte gewußt, daß das an meiner russischen Herkunft lag, aber ich hatte nicht gewußt, daß ich in einem Land lebte, in dem ich erklärtermaßen zu einer Rasse von Untermenschen gehörte, daß ich laut Adolf Hitler, im Gegensatz zu der hochbeinigen, erbgesunden, zur Fortpflanzung bestimmten deutschen Frau, eine der robusten, kurzstampfenden Slawinnen war, die als Nutztiere geboren waren...“ –
Sicherheit ist nirgends – das ist die Botschaft, die das Kind schon mit der Muttermilch einsaugt, schon als es noch nichts von Russen und Deutschen und Amerikanern, von Stalin und Hitler weiß, jenen Männern und Mächten, die das Leben der Familie in den Jahren seit der russischen Revolution auf das Nachhaltigste gestört, zerstört und auseinandergerissen haben.
Der Vater des Kindes, so erfährt es später, hat die Hungerjahre in den 20ern nur überlebt, weil er das Haus der Eltern für sich und seine Brüder um einen Sack Mehl verkauft hat. Die Mutter, Jewgenia Jakowlewna, – Kind einer wohlhabenden ukrainischen Advokatenfamilie, Pädagogikstudentin. Eine Schwester, die während der „Säuberungen“ unter Stalin, der berüchtigten Tschistka, in Sibirien verschwindet. Die Mutter und die Großmutter verlieren einander im II. Weltkrieg, „irgendein Zufall, das Getrenntsein für einen Tag, und sie finden sich nie wieder.“ Nun also lebt sie mit einem zwanzig Jahre älteren Mann in Deutschland, angezogen von „Lebensfähigkeit, Triebhaftigkeit, Derbheit. Von einem Mann, der nicht fragt, der nimmt, besitzt, der in drei Worten sagen kann: so ist das Leben. Ein Mann, der fähig ist, eine Flucht zu organisieren, sich in der Fremde durchzuschlagen, ein Mann mit starken Nerven und einem ungebrochenen Körper.“ Ein Mann, der trinkt, liest, raucht, schweigt. Und grauenhaft zuschlagen kann:
„Mein Vater beginnt für mich damit, daß plötzlich ein Schlag auf mich niederfährt und ich ans andere Ende des Zimmers geschleudert werde. Ich hatte ihn während des Mittagsschlafs an den Fußsohlen gekitzelt. Ich pralle gegen die Wand, und als ich wieder zur Besinnung komme, habe ich einen Vater. Mein erster Blick auf ihn. Und dann lange nichts mehr. Erst wieder an diesem Abend, nachdem ich aus dem Spalt herausgekrochen bin und voller Dreck, mit einem zerrissenen Kleid im Zimmer stehe, da schaut mein Vater zuerst mich an, dann meine Mutter. Das ist kein normales Kind, ich habe es dir immer schon gesagt. Der erste aus einer Reihe von Kernsätzen, aus denen mein Vater sich zusammensetzt. Und daneben das aufgelöste, tränenüberströmte Gesicht meiner Mutter.“
Die Faust, – das deutlichste, schrecklichste Sprachorgan des Vaters, immer aufs Nachdrücklichste gebraucht, der gräßlich prägende Stempel dieser Erziehung, das Kind eingeschlossen in den Baracken-Raum dieser exilierten russisch-ukrainischen Familie wie in einen Zylinder, zusammengepreßt von der Kolbenhand des Vaters. Eine Änderung des Ortes ergibt sich nach rund sechs Jahren, als die Familie ins Valka-Lager zu Langwasser umziehen muß.
„Das Walka-Lager zehn Jahre vor seinem Verschwinden“, heißt es in der „Gläsernen Stadt“ von Natascha Wodin, „wir nennen es ,Swalka‘-Lager. Das russische Wort für Schuttabladeplatz. Müllhalde. Eine Halde für Menschenmüll. Die Abfälle aus dem Osten. Aber über allem steht jetzt das Wort Schule. Bin noch keine sechs, erst fünfdreiviertel, kann kein Wort Deutsch, außer Grüß Gott und auf Wiedersehen, und komme in die Schule, obwohl es nicht einmal mit dem Grüß Gott und Auf Wiedersehen so richtig klappen will. Ich sage beides hintereinander, wenn ich auf der Straße an Deutschen vorbeigehe, Grüß Gott fürs Treffen und Auf Wiedersehen für die gleichzeitige Verabschiedung, und die Deutschen lachen. [...]
Wo sind die deutschen Kinder, mit denen ich endlich zusammenkomme? Ich erinnere mich an mein heißes Verlangen nach ihnen, an Neugier, daran, wie ich ihnen nachlaufe, heimlich sie beobachte, aber an eine Begegnung erinnere ich mich nicht. Erinnere mich nicht an das Klassenzimmer, in dem ich zwischen ihnen gesessen habe. [...]
Aber die Schule ist ein Wetterleuchten der Wörter. Vor allem das. Deutsche Wörter, die in mir aufwachen wie Signale, die man antippt. Vereiste Wörter, die auftauen. Daß das Kind wider Erwarten ausgezeichnete Lernerfolge erzielt, steht in der ersten Beurteilung. Außerordentlich begabt, steht da. Das weiße Blatt mit dem Stempel der Schule von Langwasser [...]. Ich sehe ein Kind, das gierig Deutsch lernt, lernt es ganz schnell und leicht, lernt auch das Lesen und Schreiben ganz leicht und schneller als alle andern, weil es ein Kind ohne Schultüte ist, im Gegensatz zu den andern, die es sind.“
Die Macht der Kompensation. Der brennende Wunsch, zu dieser Gemeinschaft zu gehören, anerkannt zu sein. Aber was mit so erstaunlichen Aufhol-Leistungen und stupenden Lernerfolgen der ABC-Schützin begonnen hatte, wurde keine Idylle, weder in Langwasser noch später in Forchheim, wohin die Familie Wdowin ca. 1953 zog. „Die Schule war die Maschine, die meine Fremdheit und Ausgeschlossenheit, mein Russischsein verdoppelte und sie war von Anfang an der Pranger, an dem ich zur Schau gestellt war, überschüttet von Hohngelächter. Sie lachten seit jeher über alles an mir, über meinen Haarschnitt, über meine Ohren, über meine Waden, darüber, wie ich ging, wie ich stand, wie ich angezogen war, und dieses am Ende übriggebliebene Lachen war schlimmer als die Tritte und Püffe, die Treibjagden, denen ich als Kind ständig ausgesetzt gewesen war, ich hatte in täglicher Angst vor diesen Treibjagden gelebt, vor dem Zündfunken, der nach Schulschluß die Aggressionen gegen mich in Gang setzte, unberechenbar, beliebig, grundlos, in jedem Augenblick möglich und völlig unabhängig von mir, und dann ging es los, dann hetzten sie mich, setzten sie mir nach mit wildem Kriegsgeheul ,Russki,Russki...‘ – ich zog eine Meute von kleinen Rächern und Henkern hinter mir her, eine Meute von kleinen Rassisten und Revanchisten, ich war vogelfrei, und sie waren straffrei, sie waren im Recht, sie waren die Gerechtigkeit, wenn sie mich durch die Straßen jagten, schreiend, geifernd, spuckend, Dreck und Steine nach mir werfend, während ich in Todesangst, keuchend, halb erstickt auf die ,Häuser‘ zulief, auf die Grenze zwischen Deutschland und Ostland, das hinter dem versteppten Kanal begann, wo sie endlich von mir abließen, weil hier ihr Revier endete, weil hier das Tal der Aussätzigen begann. Jetzt war es nur noch das Gelächter, das von diesen Treibjagden übriggeblieben war, und das Gelächter war das Schlimmste.“ So heißt es in „Einmal lebt ich“.
Es ist die klassische Beschreibung einer kindlichen Hetzmeute, wie sie Elias Canetti in „Masse und Macht“ beschrieben hat, und ich frage mich, ob ich als Kind bei entsprechenden Umständen nicht auch zu den Jägern gehört hätte, mitgerissen vom Adrenalinrausch der Verfolgung. Niemand kann sich abstrakt von solcher Gefahr freisprechen, – zu tief scheint der Hang zur Stigmatisierung und Ausstoßung des Außenseiters in unseren Genen verankert zu sein, so daß diese Mechanismen in Europa nicht anders wirken als in Afrika, Asien oder Amerika.
Die Situation wäre für das Kind, von dem hier die Rede ist, leichter zu ertragen gewesen, wenn es aus der Schulhölle in ein heiles russisches Zuhause, in eine sichere, behütete Exklave heimgekehrt wäre. Aber die Ehe der Eltern war – sei es aufgrund unvereinbarer Charaktere, sei es durch den Druck der Verhältnisse – zerrüttet. Und die Mutter Jewgenia bereitete von langer Hand ihren Tod vor.
Die Beschreibung jener Wochen, bevor Jewgenia Wdowina in einer Oktobernacht ins Wasser der Regnitz ging, gehört zum Aufwühlendsten, was Natascha Wodin geschrieben hat. Unvergeßlich die Versuche des Kindes, durch eine an Arm und Bein gebundene Schnur die Mutter von ihrem tödlichen Weg abzuhalten. Alles vergebens. Zurück blieb ein Mann, der schon durch seinen Namen – Wdowin hängt mit dem russischen Wort für Witwe, Wdowa, zusammen – zu einem einsamen Leben prädestiniert schien , samt seinen beiden Töchtern. Natalja, die ältere, wurde nun in eine Rolle gezwungen, die sie überfordern mußte. Sie war nun mit ihren 10, 11 Jahren nicht nur Schülerin, sondern auch Hausfrau, Sekretärin und Dolmetscherin ihres Vaters. „Ich hatte ihm gegenüber einen einzigen Vorsprung: die deutsche Sprache [...] denn obwohl er schon seit Jahren Emigrant in Deutschland war, sprach er kaum ein Wort Deutsch.“
[Eines Tages wurde das Mädchen zu den Englischen Fräulein nach Bamberg gegeben. Sie ist russisch-orthodox und gerät in dieser rein katholischen Umgebung in eine verschärfte Isolation.]
Nach fünf Jahren wird sie ausgestoßen nach einem wüsten exorzistischen Ritual und kehrt zurück ins ach so teure Vaterhaus – aus einer Hölle in die andere, in der sie nur mit knapper Not dem Inzest entgeht, nie aber den väterlichen Schlägen, mit denen jedwede pubertäre Unbotmäßigkeit gnadenlos bestraft wird. Für den Vater ist dieses Kind eine Seuche, die Cholera, Chaléra russisch, und mit jeder betonten zweiten Silbe dieses Wortes saust die Faust auf ihren Kopf nieder.
Das Mädchen möchte sein wie die anderen, die deutschen Mädchen auf der Realschule: sie möchte bummeln und tanzen gehen, sich schminken und hochhackige Schuhe tragen. Wehe, sie versucht es. Ungestraft gelingt die Annäherung an ihre Kameradinnen nur im Tagtraum: „Ich stelle mir vor, ich sei Manuela, ich sei eine deutsche Arzttochter oder der berühmte Filmstar, dem die deutsche Kleinstadt zu Füßen liegt, ich stelle mir irgendein bestimmtes deutsches Mädchen so lange und angestrengt vor, bis ich ihre Gesten in den meinen spüre, bis ich so gehe, lächle, bis ich dasselbe Kleid, dieselbe Frisur trage wie sie. Nur noch irgendwo am Rand meines Bewußtseins weiß ich, wie ich wirklich aussehe: mein amerikanisches Volantkleid [aus einem Care-Paket] ist nach dem Waschen im Fluß noch nicht trocken, zerschlissen, voll resistenter Teer- und Rostflecken hängt das gelbe Perlon an mir herab, in der Länge um soviel zu kurz geworden, wie es im Umfang inzwischen zu weit für mich ist, der rote Lackgürtel ist dazu da, den überflüssigen Stoff zusammenzuraffen, und, vorschriftsmäßig so eng wie möglich geschnürt, eine Wespentaille zu simulieren, die abgetretenen amerikanischen Stöckelschuhe, in die ich meine mit Frostbeulen bewachsenen Füße gepreßt habe, verleihen mir, zumal meine Füße mit jedem Schritt schmerzhaft aufheulen und ich mich beim Gehen vorschriftsmäßig, dezent und sexy zugleich, in den Hüften wiegen muß, einen seltsam gespreizten, halb tänzelnden, halb hinkenden Gang, das billige Cremerosa auf meinen Lippen, stammend von einem auf der Straße gefundenen Lippenstift, ist ein verschmierter Fleck in einem hohlwangigen, hohläugigen Hungergesicht, das Haar, nach dem Vorbild von Manuela höchstmöglich auftoupiert, in eine merkwürdige Pyramide aus gesträubtem, schmutzigem Gefieder, in kurzen Abständen schüttelt mich ein anfallartiger, bellender Husten auf einem rohen, zersplitterten Brustbein, im Magen habe ich nicht mehr als die paar rohen Gemüseblätter, die ich in der Morgendämmerung von einem der letzten Beete am Fluß gestohlen habe, die kleine grüne Kartoffel, die ich mit der Erde verschlungen habe, mit dem Kraut. So betrete ich am Morgen die Hauptstraße der deutschen Kleinstadt, den Augenblick meines Zweifels so schnell wie möglich ertränkend in der übermächtigen Notwendigkeit, den deutschen Handwerkern zu gefallen, schön und heiratswürdig zu sein.“
[Das Lebensziel der jungen Frau, durch Heirat mit einem deutschen Mann selbst Deutsche zu werden, erfüllte sich überraschenderweise. Die Kompromisse, die sie dabei eingehen mußte, erwiesen sich freilich auf die Dauer als unerträglich.]
Mit wachsender beruflicher, menschlicher und politischer Reife sprengte sie die Fesseln dieser Ehe, und eine nicht zu übersehende Rolle spielte dabei ein Mann, der sie über ihre Dolmetscher-Ausbildung hinaus zu den Quellen der russischen Kultur und der Poesie zurückgeführt hatte.
Die schicksalhafte Begegnung mit einem zweiten russischen Mann führte dazu, daß sie um ein Haar auf Dauer nach Moskau übersiedelt wäre und die Frau dieses bekannten, sehr viel älteren und verwitweten Schriftstellers geworden wäre. Wenige Wochen vor der Hochzeit starb er, und sie kehrte nach Deutschland zurück.
Dieser Wendepunkt in ihrem Leben trug aber auch dazu bei, daß sie zu ihrer eigentlichen Bestimmung fand: zu der einer hochqualifizierten Übersetzerin und einer deutschen Autorin von Rang. „Ein Wesen ohne Selbst“ hat zu sich gefunden, nicht zuletzt dadurch, daß es seine Geschichte immer wieder in neuen Anläufen erzählte. Natascha Wodin schreibt heute vielleicht deshalb ein so makelloses Deutsch, weil sie die Makel ihrer Kindheit und Jugend in Worte zu fassen suchte. Und die an Vernichtung grenzenden Erfahrungen ihrer frühen Jahre prädestinierten sie offenbar auch dafür, die tragischen Gedichte der Anna Achmatowa, einer Marina Zwetajewa, eines Mandelstam, eines Blok kongenial ins Deutsche zu übertragen.
Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Jugendgeschichte der Natascha Wodin, so viele Besonderheiten sie aufweist, in unserem Land etwas Einmaliges wäre. Ich fürchte, vieles, was ihr einst widerfuhr, auf sie wie mit Hämmern niederfuhr, widerfährt heute, unter anderen Vorzeichen, vielen moslemischen Mädchen aus stockkonservativen Häusern, wo fanatische Väter und Brüder verhindern wollen, daß die unter Allahs Halbmond geborenen weiblichen Familienmitglieder leben wie ihre deutschen Altersgenossinnen. Der Zusammenprall der Kulturen auf deutschem Boden führt bekanntermaßen nur allzu oft zu drakonischen Strafen, zu verzweifelten Fluchten, Verstoßungen, ja zu sog. Ehrenmorden an Mädchen und jungen Frauen aus Moslem-Familien. Unter anderen Vorzeichen als in den späten 40ern erleben wir heute, wie Nachbarn aus anderen Ländern sich und ihre Angehörigen mitten unter uns abzukapseln suchen, wie sie sprachliche Kommunikation und Integration verweigern. Die trostlose Isolation des vergreisenden Vaters in Natascha Wodins Büchern, jenes Vaters, der nur rudimentäre Brocken Deutsch stammeln konnte – „brauche“, „nix brauche“ – als Menetekel. Auch als Menetekel für die Politik im Zeichen der sich formierenden Parallelgesellschaften. Integration muß mit früher sprachlicher Integration beginnen.
Nicht immer erleben wir ein happy end wie im Falle Natascha Wodins. Seit sie schreibt, seit sie sagen kann, was sie litt, ist ihr die Achtung der literarischen Öffentlichkeit hierzulande gewiß. Sie erhielt den Hermann-Hesse-Preis, den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg, den Andreas-Gryphius-Förderpreis, den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, das Solitude-Stipendium, den Chamisso-Preis der Bayerischen Akademie der Künste und nun den Wolfram-von-Eschenbach-Preis, von dem sie gewiß noch nichts ahnte, als sie einst mit ihrem russischen Geliebten durch diese Stadt Wolframseschenbach fuhr.
In ihrem Buch „Erfindung einer Liebe“ schreibt Natascha Wodin über das „dunk-le Erbe“ ihrer Kindheit: „Ich hatte es gelernt, mich zu wehren, gegen Ablehnung, Aggression, Spott, Haß, Schläge, aber ich bin bis heute hilflos gegenüber Zustimmung, Sympathie, Zuneigung oder gar Liebe.“
Liebe Natascha Wodin, wenn die Lektion in Sachen Zustimmung, Sympathie, Zuneigung oder gar Liebe immer noch zu lernen ist - dann wird es höchste Zeit. Der Wolfram-von-Eschenbach-Preis, zu dem ich Ihnen im Namen der ganzen Jury herzlich gratuliere, könnte ein später Anfang sein.
von Karl Corino
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