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Niemand hätte geglaubt, daß ausgerechnet
das erzkatholische Stift Haug in Würzburg eine
solche Verwirrung im Gemüt des jungen Hans Sinnerlein
anrichten würde. Denn Hans war ein überzeugter,
ja, man könnte durchaus sagen, in der Wolle gefärbter
Protestant. Immerhin stammte er aus einer alten, in
Dinkelsbühl ansässigen Zimmermannsfamilie,
in der man stolz darauf war, schon vor dem Dreißigjährigen
Krieg zu den zwar politisch diskriminierten, aber
aufrechten Verfechtern der "neuen Lehre"
gehört zu haben. Man war also traditionsbewußt.
Und dieses Traditionsbewußtsein offenbarte sich
auch, als sich für Hans die Frage der Berufswahl
stellte. Es war genaugenommen weder eine Frage noch
eine Wahl, sondern eine pure Selbstverständlichkeit,
Hans würde Zimmermann werden. Ob der Vater auf
diese Entscheidung Einfluß genommen hatte, darf
man wohl annehmen, läßt sich aber nicht
sagen. Offensichtlich war es zumindest für niemanden
eine sonderliche Überraschung. Zu der sollte
es erst kommen, als die dreijährige Lehrzeit
bei einem befreundeten Meister mit bestem Erfolg absolviert
war. Hans hatte sein Gesellenstück, einen ausgeklügelten
Dachstuhl für einen der renovierungsbedürftigen
Rundtürme der Stadtmauer, zur allseitigen Zufriedenheit
angefertigt und auch in den theoretischen Fächern
mit respektablen Leistungen abgeschnitten, als er
seine Eltern mit einem unerwarteten und für die
damalige Zeit - die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
- eher unüblichen Wunsch konfrontierte, nämlich
noch eine Zusatzausbildung als Holzrestaurator anschließen
zu dürfen.
Sogleich wurde der Familienrat einberufen, das heißt
in diesem Falle, daß auch die zwar schon im
Ruhestand befindlichen, aber in einen solchen Entschluß
unbedingt einzubeziehenden Großeltern gehört
werden mußten, und bald war man sich einig.
Allen war längst aufgefallen, daß Hans
im Umgang mit Holz mehr sah als das Zurichten von
Brettern und Balken. Wenn er zum Zeitvertreib an Holzresten
herumschnitzte, waren schon immer die erstaunlichsten
Dinge entstanden, sowohl nützliche und daher
allgemein akzeptierte wie Kerzenständer und Kleiderhaken
als auch teils liebevolle, teils boshafte Porträts
von Familienmitgliedern und Nachbarn, die entsprechend
zwiespältige Aufnahme fanden.
Der Familienrat hatte also zu Gunsten von Hans entschieden.
Er sollte in Garmisch bei einem bekannten Restaurator
und Holzschnitzer untergebracht werden und alles über
den fachgerechten Umgang mit seinem Lieblingsmaterial
lernen.
Nach wenigen Wochen - Hans hatte sich gut bei Meister
Lindendörfer in Garmisch eingelebt - erhielten
sie einen Auftrag, der die gesamte Werkstatt begeisterte.
Ein neuer Rahmen für eines der großartigsten
Werke Jacopo Tintorettos, für die gigantische
"Kreuzigung Christi", neun Meter hoch und
fünfeinhalb Meter breit, sollte angefertigt werden.
Das figurenreiche Bild, das 1585 im Auftrag einer
Münchner Kaufmannsfamilie für den Hochaltar
der dortigen Augustinerkirche entstanden war und sich
seit der Säkularisation im Besitz des bayerischen
Staates befunden hatte, war jetzt nach einer Entscheidung
der Regierung als Abschluß und Höhepunkt
des Chorraumes im Würzburger Stift Haug vorgesehen.
Fast zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis nach der
verheerenden Bombardierung Würzburgs am 16. März
1945 - noch heute läuten am Jahrestag alle Glocken
der Stadt zum Gedächtnis - der Wiederaufbau der
ersten barocken Großkirche Frankens in Angriff
genommen werden konnte. Und jetzt wollte man mit der
Errichtung des Tintoretto über dem Sakramentsaltar
die gelungenen Restaurationsarbeiten krönen.
Die Bedeutung des Auftrags war allen klar. Handwerklich
war es natürlich eine Herausforderung, und gleichzeitig
wirkte man an einer kunsthistorischen Delikatesse
mit. Meister Lindendörfer hatte bereits eine
Skizze entworfen, die es jetzt umzusetzen galt. Sechs
Gesellen, unter ihnen Hans, waren mit dem Zurichten
des Lindenholzes, mit der Ausführung der Schnitzereien
und schließlich mit dem Vergolden der Rahmenteile
befaßt.
Als alles fertig war, ging es auf die Reise nach Würzburg.
Hans durfte dabei sein, und seine Anspannung war ungeheuer.
Er hatte den Tintoretto noch nicht gesehen, nur die
Maße hatten ihm vorgelegen. Was, wenn jemand
einen Fehler gemacht hatte? Hier ging es nicht um
einen Dachstuhl, der schon etwas "Spiel"
haben darf. Hier konnte man nicht "bescheißen",
wie sie es ausdrückten, wenn ein paar Millimeter
oder auch Zentimeter ausgeglichen werden mußten.
Doch als am folgenden Tag das sorgfältig auf
einen Lattenrahmen aufgezogene Bild in die prunkvolle
Schnitzarbeit aus Garmisch eingepaßt wurde,
zeigte es sich, daß alle bestens gearbeitet
hatten. Zwei, drei Hobelstriche an einer der Schrägen
waren noch notwendig, dann wurde das goldglänzende
Werk verschraubt, und schon konnte man das gewaltige
Gemälde in die Halterung heben. Dazu waren ein
Flaschenzug, ein starkes Seil und ein paar kräftige
Männer vonnöten. Hans war dazu ausersehen,
die erforderlichen Kommandos zu geben. Er stand vor
dem Sakramentsaltar in der beeindruckenden Apsis der
Stiftskirche und gab mit beiden Händen gestikulierend
Zeichen, in welche Richtung das Altarbild bewegt werden
sollte. Schließlich war alles im Lot, das Gemälde
ruhte - wie es schien - in seinem Widerlager und das
Seil konnte gelöst werden. Hans blickte zufrieden
zu dem Gekreuzigten in seinem neuen, prachtvollen
Rahmen auf.
Und der kam ihm entgegen.
Erst nahezu unmerklich, dann aber ganz deutlich neigte
sich das Tintoretto-Gemälde nach vorne und warf
bereits seinen gigantischen Schatten auf Hans Sinnerlein,
den Zimmermannsgesellen aus Dinkelsbühl. Der
stand zunächst wie angewurzelt und wollte einfach
nicht glauben, daß ihm eine derartige Katastrophe
widerfahren sollte. Natürlich war sein Beruf
nicht ungefährlich, immer wieder geschahen Unfälle,
sogar tödliche, wenn jemand abstürzte. Aber
von einem Gemälde erschlagen zu werden, von einem
grandiosen Kunstwerk, und dabei auch dieses Kunstwerk
zu zerstören - das durfte ihm nicht passieren.
Hans überwand seine Lähmung und wich Schritt
für Schritt zurück, das bedrohliche Bild
nicht aus den Augen lassend. Und seltsam - auch das
Bild schien sich seinem Tempo anzupassen. War es zunächst
nur sacht gekippt, so fiel es jetzt nicht etwa, den
Regeln der Schwerkraft entsprechend, immer schneller,
sondern es schwebte eher auf Hans herab. Der hatte
jetzt Muße, sich zu ängstigen. War er womöglich
für das gräßliche Unglück verantwortlich?
Wenn er mit heiler Haut davonkäme, würde
man ihn zur Rechenschaft ziehen? Was konnte er jetzt
noch tun?
Unklar, ob es ihm, dem überzeugten Protestanten,
in dieser Hochburg des Katholizismus überhaupt
zustand, ganz zu schweigen davon, ob es etwas helfen
würde, dachte er: "Bitte, lieber Gott, hilf!"
Und da kam sie, die Hilfe. Neunundvierzigkommafünf
Quadratmeter Leinwand, von Jacopo Tintoretto gut eingeölt,
bildeten das Luftkissen, auf dem ein barockisierender
Lindenholzrahmen sanft wie eine Feder zu Boden schwebte,
direkt vor die Füße von Hans Sinnerlein,
der nicht anders konnte, als an ein Wunder zu glauben.
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