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I don’t know your face no more
Or feel the touch that I adore
I don’t know your face no more
It’s just a place I’m looking for
(Keane: We Might As
Well Be Strangers)


Für Veronika

Ton ist weich und duftet nach Erde. Käme jemand durch die Tür meiner Werkstatt, so könnte er jetzt meine groben Hände in ihm versinken sehen. Ich knete langsam und fest. Der Ton braucht Wärme, um geschmeidig zu werden. Von oben, durch die milchglasigen Fenster, könnte helles Licht auf den dunklen Klumpen fallen, doch meine harten Hände bedecken ihn.
Es ist ihr Gesicht. Noch ist es nicht geschaffen, aber es ist schon da, in meinem Kopf. Ich schließe die Augen, ich suche. Ich muss es finden, ich werde es finden. Ab und zu beuge ich mich und hauche an den Klumpen Lehm.
Aus dem Kopf und aus dem Herzen in die Wirklichkeit hinausstülpen: Einen Wangenknochen, den richtigen Schwung vom Kinn zur Unterlippe, die Nase, Augen, Ohren, Stirn. Der Tag zieht über mir vorbei. Die Krähen rufen ihre krächzenden Schreie und ich bin glücklich, weil ich schaffe, weil ich sie erschaffe. Wenn die Fenster dunkel werden, wenn in der Dämmerung ihre Züge, ihre ersten Züge deutlich werden, dann warte ich, dann lausche ich.
Ihr Name hat vier Silben. Vier Silben, vier Sprünge. Viermal muss ich sie erschaffen: Ihr Gesicht aus Lehm, ihr Negativ aus Gips, dann ihr Positiv, ebenfalls aus Gips, und schließlich die Kopie des Positivs aus Stein. Wie viel wird auf diesem Weg verloren gehen? Wie viel geht schon jetzt verloren, wo ich allein aus meiner Erinnerung schöpfe, wo ich vor meinem geistigen Auge ihren Kopf drehen muss, frontal, Halbprofil, Profil, nach oben, nach unten, zur Seite, wieder nach links, noch mal nach rechts...?
Der Schöpfungsakt reinigt. Er reinigt die Schöpfung und reinigt den Schöpfer. Das, was verloren geht auf dem langen Weg, ist Gewinn.
Eines darf mir allerdings nicht verloren gehen: Das ist der Fleck, links über der Oberlippe. Und ihre Augen.
Ich bin jetzt müde, ich muss jetzt schlafen. Morgen werde ich einen Sarg nageln für ihr Gesicht. Schlaf gut, auf Wiedersehen, Veronika.

Den Kopf an der kalten Luft freiatmen, bevor die Arbeit beginnt. Der Alkohol, das Nikotin, alles, was man braucht, um zwischen sich und der Wirklichkeit einen großen Bausch aus Watte zu stopfen. All das muss weg. Ich muss klar sein, wenn ich ihr gegenübertrete. Bewusstheit, Ruhe, keine Angst, vor allem keine Angst. Man kann das schwierigste Werk erschaffen, wenn man keine Angst hat. Ich habe keine. Ich gehe in meine Werkstatt.
Sie strahlt auf dem Tisch in der Mitte. Mit ihrer erdigen Haut wirft sie die Strahlen der Sonne zurück und jetzt weiß ich wieder, dass ich sie liebe.
Einen Sarg wollte ich Dir machen. Die vier Bretter, die ich dazu brauche, habe ich gestern schon bereitet. Ich nehme zwei Nägel und verbinde die ersten beiden Bretter an ihren schmalen Enden.
Bald ist er fertig, der Rahmen, in dem Du versinken wirst, der Dir die Falschheit, die Fälsche, das Unwahre nimmt. Wie schön, ihn um Dein Gesicht stülpen zu dürfen, Dein Gesicht, das immer noch strahlt.
Zu Deinen Seiten sind nun vier Linien gezogen, vier Grenzen, aus denen Du nicht mehr entweichen kannst. Feuchter Gips zieht sich in die Borsten meines Pinsels. Er schillert weiß und glasig im Licht, das mir die Fenster geben. Jetzt umstreicht er Deine Züge und was vorhin noch dunkel und klar war, wird nun weiß und schwimmt. Bald nehme ich den großen Topf und gieße ihn in Deinen Sarg, der aus Dir die Falschheit frisst. Bis zu den Kanten der vier Bretter fülle ich ihn auf und erfreue mich an der warmen, weißen Fläche, die jetzt über Dir ruht, die über Dich wacht.
Der Tag ist noch jung und ich habe Zeit. Ich lasse Dich nun ruhen, ich lasse von Dir ab und reinige meine Hände, um mit ihnen an Deiner Geschichte zu schreiben.

Beinahe hätte ich Dich vergessen. Die letzten Tage waren wunderschön. Ich habe sie genossen, mit Freunden, mit Musik, mit Wein und Phantasien. Jetzt liegst Du vor mir, begraben unter einem weißen Block, den ich wenden muss, um Dein dunkles Antlitz aus ihm zu nehmen, um Dein erdiges Gesicht wieder zu einem Klumpen Lehm zu kneten und in einer lichtlosen, schwarzen Kiste verschwinden zu lassen. Wann wird der Klumpen wieder zu neuem Leben erwachen? Wird er zu neuem Leben erwachen?
Ich habe jetzt Deine andere Seite. Veronika en négatif. Ich kann nun aus Dir herauskucken, bin in Dir selbst, kann Deine Züge spüren, so wie Du sie spürst. Ich durchdringe Dich, ich verdränge Dich. Ich liebe Dich.
Dein Bildnis reift, so wie Du reifen wirst. Zufrieden sein heißt auch, sich mit dem Fragment zufrieden geben zu können. Es bedeutet, nicht mehr zu wollen. Der, der nicht mehr will, der, der einfach vom Spielfeld geht und auf Sieg oder Niederlage verzichtet, er wird alles bekommen. Wahre Wünsche gehen in Erfüllung, wenn man auch ohne sie leben kann. Das Schicksal ist so weise, so unfassbar weise. Beinahe hätte ich es verpasst.
Doch nun wieder zu Dir. Ich bin immer bei Dir. Dein Negativ verlangt erlöst zu werden. Alles Negative in Dir schreit danach, schreit nach Vernichtung. Langsam gieße ich frischen Gips in Deinen Abdruck und Dein Negativ zerfällt.

Die Tage vergehen und Du bleibst bei mir. Du bist verschlossen in meiner Werkstatt und in meinem Kopf. Eines Tages wirst auch Du mich geliebt haben, vielleicht nur als Idee, aber es wird geschehen. Niemand kann Dir Deinen Weg abnehmen. Aber gehe ihn! Und wenn Du falsch abbiegst, dann komme wieder, komm wieder dahin, wo Du hingehörst. Menschen, die sich selbst als schwach erachten, leisten oft die erstaunlichsten Dinge. Widerstand wohnt vor allem in allem Schwachen. Ich liebe die Schwäche, die Schwäche für Dich, die ganz besonders.

Der Tag ist gekommen, der Tag Deines letzten Bildnisses, Deiner Endgültigkeit. Dein Negativ habe ich bereits vernichtet. Die weißen Brocken aus Gips sind längst abgeholt worden, sind zerstoßen, zerkleinert und zerstäubt. Sie liegen jetzt gemischt mit Schotter und Teer unter irgendeiner Straße, über die ein unwissender Verkehr rollt. Dein Negativ ist vergessenswert.
In dem Block aus Marmor steckt es. Ich werde es befreien. Dein Positiv steht strahlend neben seiner verborgenen Kopie. Ich beginne zu spalten, zu prellen, zu bossieren, zu spitzen, Schläge ziehen sich um Dein Gesicht. Ich schlage in Dein Gesicht, um es zu befreien. Mein Blut spritzt, wenn ich einen Fehler mache. Ich liebe die Unerbittlichkeit des Steines und ich liebe auch Dich.
Der Tag ist gekommen, der Tag Deines letzten Bildnisses, Deiner Endgültigkeit. Vielleicht wird es noch da sein, wenn wir nicht mehr sind. Vielleicht wird es tausend Jahre überstehen, vielleicht nur zweieinhalb. Vielleicht. Der Tag ist gekommen...


19.01.2003
Christian Klier

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
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