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Geschenke für den zukünftigen Techniker
Der frühe Kriegstod meines Vaters lastete schwer auf unserer Familie. Meine Mutter konnte und wollte sich mit dieser Tatsache einfach nicht abfinden. Ich kann mich erinnern, daß sie mehrmals Wahrsagerinnen eingeladen hatte, die über Bildern meines Vaters mit dem Ehering pendelten, um zu erfahren, ob er nicht doch noch lebe. Mit diesem Hintergrund war es meist ein mehr trauriges als frohes Weihnachtsfest, an dem auch sehr viel geweint wurde.
Meine Mutter tat ihre Bestes, uns Kindern trotzdem eine Freude zu bereiten. Einmal hatte sie beim „Fasser-Metzger“ in Dinkelsbühl gegen Butter und Rauchfleisch – der Tauschhandel mit Lebensmitteln florierte damals noch recht gut – eine Dampfmaschine mit Schleifer und Hammerschmied für mich erstanden. Neu war alles nicht, aber noch sehr gut und für mich einfach traumhaft. Dieses Geschenk habe ich so gut gepflegt und gehegt, daß ich es meinem Sohn noch voll funktionsfähig weitervererben konnte. Die ganze Maschinerie funktioniert dank der guten Pflege, die sie auch bei ihm erfahren hat, heute noch. Bin richtig stolz darauf!
Wir besaßen – sicher als eine der wenigen im Dorf – schon damals ein großes Radio. Normal war damals der sogenannte Volksempfänger, ein kleiner, schwarzer Kunststoffkasten mit relativ schlechter Empfangsleistung und Tonqualität.
Einmal, in der Vorweihnachtszeit, flatterte ein Angebot für einen sehr preiswerten großen „Weltempfänger“ ins Haus. Ich war begeistert und konnte auch meine Familie überzeugen, daß wir den brauchen. Er wurde bestellt und kam tatsächlich noch vor Weihnachten. Sofort wurde er angeschlossen, damals noch mit langer Mittelwellenantenne im Freien, und in Betrieb genommen. Empfang und Klang waren überwältigend. An Heiligabend war dann auch die „Büttnersberta“ mit ihrer Elfriede da. Ich suchte eine geeignete Sendung und fand tatsächlich, wahrscheinlich zufällig, einen Kanal der gerade „Glockengeläute aus aller Welt“ brachte. Die Bewunderung war enorm, daß man mit einem „Weltempfänger“ doch tatsächlich auch die Glocken der ganzen Welt empfangen konnte – ein klares Plus für mich.
Skiunfall
Im Laufe der Jahre hatten sich viele von meinen Kameraden richtige, das heißt Eschenholz-Skier, vom Fachmann gefertigt, mit richtiger Kabelbindung, Rille in der Laufsohle und im Dampf gebogener Spitze leisten können. Die Spitzen mußten jedes Jahr im Dampf wieder nachgebogen werden.
Ansonsten hatten wir selbstgebastelte Skier. Oft nur einfach aus einem Brett, das vorne zugespitzt und eventuell, soweit es ging, auch etwas angebogen war. Als Bindung wurde ein Stück alter Fahrradmantel in einer Schlaufe über dieses Brett genagelt, da schlupfte man dann mit der Schuhspitze hinein, und los ging’s. Präparierte Pisten gab’s nicht, wir stiegen alle erst einmal auf dem Streifen, über den man nachher abfahren wollte, auf und traten den Schnee, so gut es ging, fest. Nun durfte der beste Fahrer als Erster abfahren und eine Spur legen. Dann versuchten wir einer nach dem andern in dieser Spur nachzufahren. Kurven brauchten wir keine, denn erstens waren die Hänge ja nicht allzu lang und zweitens unsere Skier auch nicht schnell. Falls unten ein Graben kam, versuchten wir natürlich schon einen Bogen, aber, wenn nötig, ließ man sich halt fallen, das Tempo war ja nicht groß.
Wahrscheinlich hatte ich meine Mutter lange genug gebettelt, jedenfalls war eines Tages die Entscheidung gefallen: Ich sollte auch „richtige“ Skier bekommen. Meine Mutter ging mit mir zum „Laun“, einem Wagner, der auch Sportartikel verkaufte, um dort meinen Wunsch zu erfüllen. Geld war natürlich, wie immer, sehr knapp. Also bot uns der alte Laun ein Paar gebrauchte Skier von seinem Sohn an. Die waren zwar im Moment für mich noch um einiges zu lang, aber in ein paar Jahren gleich wieder andere zu kaufen, kam nicht in Frage, ich würde schon hineinwachsen. Also kauften wir diese, mit einem Paar Bambusstöcken, die waren damals hoch modern, ansonsten gab es Haselnußäste, und zogen mit allem fröhlich nach Hause.
Natürlich mußte ich meine neuen Skier gleich allen zeigen und sie ausprobieren. Also ging’s mit ein paar Freunden in die “Gump“, einen Wiesenhang hinterm Wald Richtung Wolfertsbronn, wo auch die Quelle für die Segringer Ortswasserversorgung lag. Es war eigentlich unsere steilste und längste Abfahrt. Aber ich hatte ja jetzt auch die besten Skier und somit kein Problem. Also ging’s sofort rauf, was mit meinen langen und schweren Brettern ganz schön anstrengend war. Ich kam mal vorne, mal hinten übereinander, aber ich kam rauf. Abfahren durfte ich nicht als Erster, da gab’s ja erfahrene und bewährte Bessere. Den Letzten vor mir hatte es halb unten, an einem kleinen, steileren Stück hingehauen, so daß er ein Stück weit den Schnee weggeschabt hatte. Das konnte man von oben aber nicht sehen. Ich fuhr also los, schuckte noch kräftig an, damit ich auch zeigen konnte, wie meine neuen Skier laufen, und kam mit einem ganz schönen Tempo an die Sturzstelle meines Vorgängers. Bis ich sah, daß da kein Schnee mehr war, und bremsen wollte, war ich mit den Spitzen schon auf dem Gras. Das bremste so stark ab, daß ich im Salto über meine Skispitzen flog und mich noch mehrmals überschlug. Schließlich lag ich da, die eine Skispitze nach vorne, die andere nach hinten, mit furchtbaren Schmerzen im linken Bein. Sicherheitsauslösung war damals eben noch ein Fremdwort.
Meine Kameraden eilten mir sofort zu Hilfe. Die Lage beurteilt, der Fehler erkannt: der eine Ski mitsamt dem Fuß zeigte eindeutig in die falsche Richtung und mußte natürlich wieder umgedreht werden. Also nahm einer die Skispitze in die Hand und lief damit im Kreis herum, bis die Richtung wieder stimmte. Das tat fürchterlich weh, aber es mußte eben sein. Erst abschnallen und dann umdrehen fiel eben in der Aufregung keinem ein.
Weiterfahren war unmöglich, dazu waren die Schmerzen viel zu groß. Also abschnallen, vom Freund gestützt, den Hang voll hinunter, und Richtung Heimat. Ein anderer Mitfahrer fuhr schon mit seinen Skiern, so schnell er konnte, ins Dorf, um einen Schlitten zum Transport für mich zu holen. Als wir dann, ich auf dem Schlitten sitzend, bei mir zu Hause ankamen, holte einer meiner Begleiter meine Mutter heraus mit den Worten: „Schmiedi, schlacha derft ihr’n fei net, der is scho gschtroft gnuch!“
Zu Haus wurde ich aufs Sofa im Wohnzimmer gelegt und der Schaden begutachtet. Der Knöchel war bereits dick eingeschwollen und blau. Nachdem es sich hier eindeutig um etwas Schwierigeres als ein Loch im Kopf handelte, entschied man sich diesmal für den Lehrer als Berater. Der kam dann auch, sah sich die Sache an, probierte, ob sich alles bewegen ließ, und entschied auf eine Behandlung mit essigsaurer Tonerde. Damit wurden dann Umschläge gemacht, bis die Geschwulst zurückging und ich einigermaßen auftreten, laufen und wieder in die Schule gehen konnte. Arzt brauchte man für solche „Bagatellen“ nicht.
So ganz scheint die Kur allerdings doch nicht funktioniert zu haben, nach entsprechender Belastung spüre ich diesen Knöchel heute noch recht kräftig. Aber wer weiß, vielleicht wäre das auch so gekommen.
von Karl Barthelmeß
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