Start
   
  Aktuelle Ausgabe
   
  Kulturtermine
   
  Funkfeuer kaufen
   
  Funkfeuer-Bücher
   
  Archiv
   
  Über uns-der Verlag
   
  Kulturlinks
   
 
   
   
  >>> Manuskript
   
 

Reisesplitter

   
   
   
 

Vor der Reise: Stress
Man hat ja mit 70 schon eine gewisse Erfahrung beim Reisen in andere Länder. Doch ist es eine besondere Herausforderung, jenseits des großen Teiches, 13.000 km von zu Hause entfernt, aufzukreuzen und dennoch auf alle Eventualitäten im fremden Dasein vorbereitet zu sein. Du hast die Info von Kiwi gelesen und alles über das Land und die Gewohnheiten im Kopf und im Geist bereits 100mal deinen Koffer gepackt.
Der Koffer — nicht mehr als 23 kg — das Handgepäck -- nur soundso groß — die Fototasche noch zusätzlich — es wird eingerichtet. Diesmal wird nicht mehr so viel mitgenommen, also nur das Wichtigste. Beim Badetäschchen oder „Nessessär“ geht‘s schon los. Dieses sollte im Handgepäck sein, falls der Koffer nicht ankommt. Nun ist aber der Stielkamm wegen Terrors auf Flughäfen nur im Koffer erlaubt. Also kommt der alte Stielkamm ins Täschchen, der neue könnte ja kaputtgehen. Dazu Zahnbürste, Zahnpasta, Lupe, Stablampe, Taschenmesser und Rasierer mit neuem Design, deshalb viel größer als die früheren kleinen.
Ach halt — zum Rasierapparat muß noch der Akku zum Aufladen. Und halt — Kanada hat andere Steckdosen, also noch der Adapter. Der Akku läuft auch in Kanada mit seinen 110 Volt. Gut so. Nach Durchsicht meiner Utensilien müssen noch Schere, Feile und Pinzette mit. Dann ein Minischraubenzieher? Ach ja — für die Brillenbügel — der ist ja nur winzig. Nun noch Duschgel und Lotio für die Haut, Waschgel fürs Haar, und schon ist der Beutel voll. Aber halt — der Akku fürs Handy muß auch noch mit. Das nun gewölbte „Nessessär“ behauptet schon seinen Platz im Koffer.
Nun kommt noch das, was ein Senior als Arznei braucht, zusammengestellt nach allen Abwägungen möglicher Vorkommnisse und weil man als ausgebildeter Heilberufler solches immer greifbar haben sollte! Auch dieses Erste-Hilfe-Paket fordert seinen Platz.
Die Kleidung ist schnell zusammengestellt!!? Für warmes Wetter leichte Kleidung, für kaltes Wetter — ja da wäre die warme Jacke — zu unbequem — oder die Kombijacke — zu dünn — zu wenige Taschen; die Weste mit den vielen Taschen muß sein — aber ärmellos. Also noch was drüber. Na gut — eine dicke Jacke für kalt, eine leichte für warm — also schon drei. Dann geht man sicher mal gut aus? Also noch eine gute Jacke. Wenn’s regnet und der Schirm nicht reicht, noch einen Anorak. Aber wir wollen sicher mal hoch hinauf — Berge sind 2.000 m hoch. Dafür noch einen Regen-Kawai. Und für abends noch ein ärmelloses Westchen.
Mit den Hosen ist es einfacher. Zwei dunkle, zwei helle. Aber da wäre doch noch die leichte helle, mit Reißverschluß zur kurzen zu verändern. Kurze hast du ja doch nicht dabei, und eine solche könntest du vielleicht auch brauchen — wenn ganz heiß — oder irgendwo ein Strand? Also auch noch eine Badehose. (Es war nie heiß. Strand und Baden verboten sich wegen kühlen Wetters, und Baden in den Hotels, was durchaus möglich gewesen wäre, wurde aus Zeitmangel nicht wahrgenommen.)
Für helle Hosen ein Paar braune Schuhe, für dunkle Hosen und für den Flieger ein Paar schwarze. Wenn nun Wanderungen stattfinden, solltest du evtl. die schweren Stiefel mitnehmen? Zuviel Gepäck, zu schwer. Also leichte Sportschuhe. Im Flieger 10 Stunden und bei täglichen Busfahrten wären vielleicht Hausschuhe bequemer? Also noch Hausschuhe ins Handgepäck.
Mit Hemden und Pullovern geht’s leicht. Unterwäsche und Socken — ein Handgriff. Die Fototasche mit Digitalkamera und Videokamera eingerichtet. Dazu die ca. 300-seitigen Gebrauchsanweisungen. Das Ladegerät und gewisse Zusätze, sowie Ersatzakkus und Reservefilme.
Der Rucksack als Handgepäck, mit Arznei, Regenschirm, warmer Jacke, Unterwäsche, Literatur und Reisebeschreibungen, Fernglas, Whisky-handflasche, Höhenmesser, Zigarren und einer leichten Jacke obenauf gefüllt — so kann es losgehen.

Während der Reise: Stress

Es geht auch los, und es verläuft alles fast planmäßig, und es fehlt an nichts — die Erfahrung von 70 Jahren!
Hat man sich mit 70 zu viel zugemutet, hat man sich überfordert? Man hat doch eine Reise gebucht, bei der alles geregelt ist. Du mußt nur einsteigen, schauen, aussteigen und hin und wieder zahlen. Für alles andere sorgt der Reiseveranstalter oder der Reiseleiter.
Ja — denkstel Du wirst als “Senior mit vielen Interessen“ stark gefordert und, wieder daheim, kannst du gar nicht glauben, wie das alles noch funktioniert. Wie wirst du also an einem solchen Durchschnittstag „mitspielen“?
Zimmer Nr. 2601 — heißt also 26. Etage — Weckzeit 6 Uhr 45 — Koffer gepackt vor der Türe 7 Uhr 30, dann Frühstück in der 38. Etage — Busabfahrt 8 Uhr 30. Geweckt wird mit Telefon, oder auch nicht. Es ist noch viel zu früh, die Zeitumstellung bereitet gewisse Schwierigkeiten. Noch ein bißchen dösen, denn du schaffst es auch in einer halben Stunde bis zum Frühstück. Aber den Koffer, an den du den ganzen Tag im Bus nicht rankommst, wieder zu packen, ist schon nicht leicht.
Frühstück immer riesig. Ei mit Speck und Wurst und Kartoffeln, Brot und Früchte massenhaft und, und, und, zum Schlemmen. Eine Stunde Zeit zum Genießen. Wann fährt der Bus? 8 Uhr 30, ach ja!
Durch Rotationsbestrebungen immer wieder anderer Sitzplatz. Die Scheiben getönt und die Frontscheibe zu klein zum Filmen. Der Führer beginnt seine Erklärungen. Du beginnst zu schauen, aufzunehmen und zu entspannen. Plötzlich der Ruf — Gänse. Halt bei Wildgänsen mit Jungen. Du hast wegen kühlen Wetters die ärmellose Taschenjacke an, die so praktisch ist und sich immer bewährt hat. Links oben Arznei, Tempo, Brille, Zigarre, links Mitte leere Hülle der Digitalkamera, links unten Digitalkamera. Rechts oben Reserveakkus und –filme, rechts Mitte Handy, rechts unten Videokamera. Die Fototasche mit übrigem Kleinkram im Bus, dazu der Tagesrucksack und dazu der Beutel mit den Busschuhen und dem Schirm. Wegen der Rotation im Bus liegt nun die neu gekaufte Kanadajacke in der Ablage vorne oben, die Fototasche und der Tagesrucksack hinten greifbar. Die Busschuhe werden nun doch nicht verwendet. Der laufende Wechsel wäre zu unbequem.
Also die ersten Wildgänse. Anhalten, alle aussteigen. Auf alles vorbereitet, wird gefilmt und fotografiert. Dabei entdecken wir Erdhörnchen und Streifenhörnchen. Also schnell Kamera auf Standby, alles bereit zum Filmen, Erdhörnchen verschwunden. Die alte Semmel von gestern abend zum Füttern hatten wir leider nicht mit. Seit diesem Tag nun immer ein Brötchen anstatt des leeren Kamerafutterals in der Westentasche links Mitte. Dann kommt doch noch so ein wieselflinkes Kleintier vor die Kamera und wird gefilmt, bis einer ins Bild läuft, der’s noch genauer haben will. Also Schluß. Die Wildgänse werden noch mit der Kamera herangezoomt. Alles im Kasten.
Weiter, weiter. Dort oben der Berg heißt ...‚ wie heißt er? Keiner hat’s verstanden. Also in die Karte gucken. Karte im Rucksack. Nachsehen, aha, da ist er. Wie hoch? Steht gottseidank in der Karte. Sonst selten Höhenangaben. Aber kein Problem. Ich hab ja einen Höhenmesser dabei. Doch der ist nun im Koffer. Heute abend umpacken. Er landet nun unten links in der Kombijacke neben der Digitalkamera, und du siehst danach aus wie ein Kamel mit Packtaschen.
Einer erzählt einen Witz. Nicht verstanden. Auf Nachfrage — schon gekannt. Wir kommen in eine Stadt. Name wird notiert. Es wird gefilmt und fotografiert. Das Hotel wird gezeigt. Dort sind wir heute abend. Weitere Entdeckungsfahrt durchs Gelände. Fotoziel Gletscher. Aha! Aussteigen. Er heißt Crawfoot wegen seiner drei Zungen nach unten. Es wird wieder alles in Bild und Ton festgehalten. Es ist kühl. 2.000 m Höhe. Die leichte Jacke aus dem Rucksack über die andere. Dann filmen. Da schon 3 Tage unterwegs, geht das Geld aus. Also Suche nach Geldautomaten. Die Mastercard funktioniert sogar. Erstaunlich!
Einsteigen und Weiterfahrt zum ...-Gletscher. Aussteigen. Filmen. Im Hintergrund der Mount Robson, höchster Berg der kanadischen Rockies, 3956 m. Er zeigt sich selten ohne Wolken. Auch heute keine Sicht. Auf den Riesengletscher, das Columbia lcefield, vor uns könnte man auch bis zum Rand gefahren werden. Abgelehnt, zu teuer. Beim Filmen vergesse ich den Gletschernamen. Dann fällt mir ein: Athabasca-Gletscher. Schnell nachgetragen. Aber als alles im Kasten ist, erfahre ich den korrekten Namen, Columbia-Gletscher, also falsch! Soll ich alles noch mal machen? Bei der Weiterfahrt ist der Akku leer. Alles klar. Der leere in die Fototasche und den vollen wechseln. Du stinkst nach Schweiß! Na prima! Wir kommen zu einem See mit selten gesehener blauer Farbe. Da — ein Giftshop. Jeder möchte sehen, was es gibt, obwohl jeder weiß, daß in allen Giftshops der Welt der gleiche Kitsch unter jeweils anderem Namen angeboten wird. Doch immer wieder entdeckst du doch Neues. Ein Schal mit lndianerbemalung sticht ins Auge. Er muß her! Diesmal Glück, da billiger als alle später entdeckten. Eine Steinfigur, die sehr gefällt, wird als lnukschuk bezeichnet. Zu teuer. Später doch noch eine andere gefunden, auch nicht billiger, aber schön.
Dann Weiterfahrt zum Wasserfall. Herrliche Aufnahmen. Du filmst und fotografierst und bekommst manches Mal die Schönheit der Natur aus lauter Gier, sie im Bild festzuhalten, gar nicht mit. Dr. Bahn erzählt schon wieder einen Witz. Nicht mitbekommen. Auch egal. Plötzlich der Ruf: ein Bär! Der Fahrer stoppt und läßt den Bus langsam ausrollen. Der schwarze Bär nimmt im Straßengraben neben uns Beeren und Pflanzen als Nahrung auf. Bären sehen schlecht, Offenbar an den Verkehr gewöhnt, nimmt er nicht lange Notiz von uns. Keiner darf aussteigen, zu gefährlich. Alle drängen im Bus an die getönten Scheiben, um einen Schnappschuß zu erhalten oder den Meister Petz zu filmen. Durch die Scheiben ist es schwer, und die jämmerlich kleinen Oberlichter im Bus geben nicht allen freies „Schussfeld“ für die Kameras. Schon bald ist die Gelegenheit vorbei, und keiner von uns glaubt zu dem Zeitpunkt, daß noch neun andere Bären, sogar eine Mutter mit zwei Babys „vorbeikommen“.
Auf der Weiterfahrt eine eindrucksvolle Sicht in einen Taleinschnitt. Der Frasier-Fluß in einer herrlichen Senke. In unserer Umgebung stark duftende Kräuter und Sträucher. Davon muß, da unbekannt, etwas mitgenommen werden. Starke holzige Stiele verhindern das leichte Abbrechen. Das Messer ist im Bus. Also wird so lange gezwirbelt und gezwirbelt. Endlich zum Trocknen und Pressen in ein Buch eingelegt — der lange, nicht abgeschnittene Stiel schaut unten raus. Später entdeckt: der Stiel hat die Pflanze nach oben aus dem Buch gedrängt, Pflanze vertrocknet und zerbröselt. Stiel heil. Also neue Pflanze suchen, aber sie kommt nicht wieder vor.
Mittlerweile hat der wegen Flugangst mitgebrachte Whisky sein Ende erreicht. Man muß in Kanada echten kanadischen Whisky kaufen. Aber das geht nicht immer. Nur im „Likker-Schtoor“. Also wird der Fahrer beauftragt, einen solchen zu suchen und anzusteuern. Dort kaufen dann viele Whisky. Trotzdem ruft der Fahrer nun bei jedem Liquor Store: Liquor Store!
Abends im Hotel Ankunft 18 Uhr, 19 Uhr Essen. Die Koffer sind noch nicht da. Das gäbe Gelegenheit, den Minischraubenzieher zu verwenden, da die Brillenbügel locker sind. Fehlanzeige, Werkzeug noch im Koffer. Endlich wird er aufs Zimmer gebracht. Nun soll der leere Akku aufgeladen werden. Leerer Akku und Ladegerät aber befinden sich in der Fototasche, Fototasche im Bus. Bus auf Parkplatz, Fahrer im Zimmer. Später doch noch alles repariert. Dann den Rasierer aufladen. Der Adapter geht nur im Bad. Also im Bad Rasierer aufladen, Plötzlich mitten in der Nacht: der Akku der Kamera muß auch noch geladen werden. Kein Licht machen! Wo ist in diesem Hotel das Bad? Im Dunkeln rechts herum, ach ja, Rasierer abhängen und Akku von Kamera ins Ladegerät. Früh stelle ich fest, daß ich versehentlich den geladenen Akku nochmals geladen habe.
Wecken 6 Uhr 45, Koffer diesmal 7 Uhr 30 vor der Tür und Frühstück in der 2. Etage, Raum Bourgogne, 8 Uhr 30 Abfahrt....

... und doch ein Gewinn

Wer die Reise, die übrigens alle bestens überstanden haben, mitgemacht hat, hat damit bewiesen, daß er als Senior noch überaus belastbar ist. Es ist ein Geschwätz, wenn behauptet wird, daß man früher alles viel leichter geschafft haben soll. Man hatte viel weniger Alternativen und weniger an Ausrüstung. Bei der Verabschiedung von Reiseleiter Pieter liegt mir noch im Ohr der Satz: Hoffentlich finden Sie zu Hause jemanden, der so freundlich ist, Ihre Bilder und Filme anzusehen. Wie wahr! Es ist freilich eine gewisse Aufzeichnungssucht, aber auch eine schöne Erinnerung. Doch mal eine Reise genießen, ganz ohne Zwang, alles zu dokumentieren oder aufzuzeichnen, wäre für die Zukunft eine Überlegung wert.
Entspannung? — Doch! — Auch! — kein Taschenrechner, kein Laptop, keine Zeitung, kein Fernseher!
Wie heißt eigentlich das hohe Gebäude mit dem schrägen grünen Dach zwischen den Wolkenkratzern in Vancouver? Oder war es Victoria auf Vancouver Island?


von einem unserer Leser

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
von Ernst-Otto Erhard
   
 
"Eine ebenso liebevolle wie kritische Diagnose" (Charivari)
   
 
€ 11,80
   
 
Erhältlich in allen Buchhandlungen Dinkelsbühls und beim Funkfeuer-Verlag, Am Anger 5, 91550 Dinkelsbühl, Tel.: 09851 / 5703112
   
 
-------------------------------------
-------------------------------------
 
 

© Funkfeuer-Dinkelsbuehl.de  E-Mail direkt