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Es war einmal ein kleines Reihenhaus. Das lebte zwischen lauter Reihenhäusern, die alle so aussahen wie es selber. Die an den Ecken waren ein bisschen etwas Besseres – sie hatten eine Wand mehr – und gaben auch immer damit an. Aber sonst hatten alle das gleiche Dach, die gleichen Fenster, die gleichen Türen, den gleichen Garten. „Es ist schrecklich“, sagte das Reihenhaus, “ich komme mir vor, als hätte ich eine Uniform an. Ich will das nicht. Ich bin ich und ich will nicht, dass wir alle ‚ich’ sind.“ Und da stapfte es mit dem Fuß auf, dass die Fensterscheiben leise klirrten. Eines Nachts, es war Vollmond, weinte es wieder einmal so vor sich hin, und weil es so kalt war, wurden seine Tränen zu Eiszapfen an der Dachrinne. Es jammerte: „Ach wenn ich doch nur eine schöne, große Villa geworden wäre, in einem großen Garten mit edlen Blumen und saftigem Rasen! So graben die Kinder in der Wiese Löcher, die Frau pflanzt Petersilie anstatt Lilien, und der Mann klopft Nägel in meine Wände, nicht um goldene Spiegel aufzuhängen – nein – um ein billiges Plakat anzumachen. Wenn ich mir wünschen dürfte, was ich gerne wäre, müsste ich nicht lange überlegen.“
Als es so richtig traurig vor sich hin guckte, kam plötzlich ein Eichhörnchen angehoppelt. Das war aber kein gewöhnliches Eichhörnchen, denn es war nicht rot und nicht braun und auch nicht schwarz, nein, ihr glaubt es nicht, es war himmelblau! Und das himmelblaue Eichhörnchen sah die Eiszapfentränen des Häuschens und sah, wie traurig es aussah, und es wusste auch von den Wünschen, die es hatte. Da sagte es zu dem kleinen Reihenhaus: „He! Du! Ich will dir deinen Wunsch erfüllen, du sollst eine schöne Villa sein. Aber nur unter einer Bedingung! Du musst mir eine himmelblaue Haselnuss besorgen!“ Und bevor das Häuschen recht wusste, was geschah, war das himmelblaue Eichhörnchen verschwunden. Das war ja ulkig! Da dachte das Häuschen: „Wenn das wahr wäre – das wäre ja herrlich! Ich wäre eine schöne Villa, ganz ruhig, ohne Kinder, ohne Krach, ohne verschmierte Wände. Und über meinen Parkettboden dürfte kein Kettcar mehr fahren!“ Aber dann fiel ihm ein, dass das ja eine himmelblaue Haselnuss kostete, und himmelblaue Haselnüsse gibt es ja bekanntlich nicht. Da wurde es wieder ganz traurig. Als am nächsten Tag das Häuschen wach wurde, ließ die Frau die Milch überkochen, dass es schrecklich roch, der kleine Junge schmierte Schokolade ans Fenster, dass es schrecklich aussah, der Mann ließ die Haustüre zufallen, weil er verschlafen hatte, dass es schrecklich dröhnte, und das Mädchen stolperte über den Eimer mit Putzwasser, dass alles schrecklich nass war. „Oh je“, dachte das Häuschen, „lange halte ich das sicher nicht mehr aus. Wenn ich doch nur eine himmelblaue Haselnuss fände!“
Doch am Nachmittag passierte es! Das Mädchen wollte ein Bild malen – das Häuschen, die Blumen, den Himmel und die Sonne. Der Junge knackte die Nüsse, die der Nikolaus ihm gebracht hatte. Das sprang eine Nuss davon und kullerte geradewegs in die Farbe, mit der das Mädchen gerade den Himmel malte. „Sieh mal“, lachte es und holte sie heraus, „eine himmelblaue Haselnuss!“ Und der Junge kicherte „das ist ein klasse Schusser“ und schnipste die himmelblaue Haselnuss mit dem Finger. Da neigte das Häuschen ganz schnell seinen Fußboden, so dass die himmelblaue Haselnuss unter den Schrank rollte und die Kinder sie nicht mehr fanden. Wie glücklich es jetzt war! In der Nacht kam das himmelblaue Eichhörnchen und holte die himmelblaue Haselnuss, und im selben Moment ging sein Wunsch in Erfüllung, und es war eine schöne Villa.
Doch als am anderen Morgen die Sonne aufging, wachte das Haus nicht auf; und als es endlich um zehn Uhr erwachte, war es so still, dass es vor sich selber Angst bekam. Da hatte es nun Seidentapeten und goldene Spiegel und Ölgemälde an den Wänden, war sauber poliert und geschrubbt, dass alles glänzte – aber es war so still! Warum nur? Die Frau blätterte in Modezeitschriften, der Mann studierte das Wirtschaftsblatt, und die Bedienten sagten: „Darf ich servieren?“ und verneigten sich. Der Mann sagte: „Es war viel los heute im Betrieb“, und die Frau sagte: „Heute ist es kalt draußen“ und: „Ich muss dann zum Friseur.“
Das Häuschen, das jetzt eine Villa war, lauschte und lauschte und wurde ganz still und noch viel trauriger als zuvor. Es wusste nur nicht weshalb. Es grübelte nach, was es denn so traurig machte und so stumm wie einen Stein, jetzt, wo es doch alles hatte und so schön war. Die Tage vergingen und die Villa war so traurig, dass die Sonnenstrahlen nicht mehr durch die frisch polierten Fenster kamen, weil sie trübe von Traurigkeit waren.
Eine Tages jedoch kam eine Familie mit Kindern zum Kaffeetrinken in die Villa. Die Kinder lärmten und tobten, und die Frau von der Villa sagte: „Schrecklich, welch eine Plage?“, und der Mann beschwerte sich: „Die Fratzen stören unsere Ruhe, welch ein Lärm!“ Das Haus jedoch wusste plötzlich, warum es so traurig gewesen war – es hatte niemand gelacht. Die Kinder jetzt lachten laut und herzlich, so dass die Fenster wieder klar wurden und die Sonne wieder ins Zimmer schien. „Was war ich doch dumm“, flüsterte das Haus, „wäre ich doch nur das kleine Häuschen geblieben!“ Der kleine Junge kam eben aus dem Garten herein gerannt: „Sieh mal, ich habe eine himmelblaue Haselnuss gefunden!“ „Das gibt’s doch gar nicht, die ist sicher angemalt“, sagte die Schwester und lief schnell zum Wasserhahn und wusch sie ab. Und wie die himmelblaue Haselnuss wieder braun wurde, wurde auch die Villa wieder zum kleinen Reihenhäuschen. Aber das war gar nicht mehr traurig, denn es wusste jetzt, dass Schönheit und Reichtum und Ruhm lange nicht so wichtig sind wie Fröhlichkeit und Lachen.
Was es allerdings bis heute nicht weiß, ist, ob es wirklich ein himmelblaues Eichhörnchen gibt oder ob es das alles nur geträumt hat. Aber das ist ja nicht so wichtig.
Uscha Schaudig
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