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Gestatten, mein Name ist Horatio, Horatio Cerasus, und ich möchte Ihnen heute ein wenig aus meinem Leben erzählen. Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn Sie mir ein wenig von Ihrer kostbaren Zeit schenken. – Nun denn, wenn Sie ein gemütliches Plätzchen gefunden haben, will ich gerne beginnen:
Vor sechzehn Wintern musste ich mein Elternhaus verlassen. Nackt und schutzlos entriss man mich jäh meiner Kindheit, meine Geschwister habe ich seitdem nie wieder gesehen. Ich wurde im Tausch mit ein paar Papierscheinchen einfach so verkauft. Es traf mich vollkommen unvorbereitet. – Sie finden das unerhört? Nun, dann ahnen Sie vielleicht, wie ich mich damals fühlte: ausgestoßen, verlassen, allein.
Als ich meine neue Heimat erblickte, brach ich in Tränen aus: Nichts als nackte Erde um mich herum, kein Blümchen weit und breit, nicht einmal ein Grashälmchen. Ich war so schockiert, dass ich gleich nach dem Einpflanzen meine Augen schloss und darüber nachdachte, wie ich diesem trostlosen Leben ein Ende setzen könnte. Irgendwie muss ich dabei eingeschlafen sein.
Als ich vier Wintermonde später wieder erwachte, fühlte ich mich um einiges besser: Das Blut pulsierte so stark in meinen Adern, wie ich es noch nie zuvor gespürt hatte. Doch als ich mich so betrachtete, war es aus und vorbei mit der Freude: Irgendjemand hatte mir, einfach so, meine schönen schlanken Arme bis auf ein paar Augen abgeschnitten. Ein paar Sperlinge hatten mir zwar bereits davon berichtet, dass Menschen so etwas tun – aber ehrlich gesagt hatte ich es für eine glatte Lüge gehalten. Da der Schmerz jedoch erträglich war, fand ich mich damit ab – was blieb mir auch anderes übrig.
Neugierig inspizierte ich mein neues Zuhause und war erstaunt, was ich bei meiner Ankunft alles übersehen hatte. In allen vier Himmelsrichtungen erblickte ich merkwürdige, riesige Klötze, die oben spitz zuliefen und ganz komische Augen hatten: viereckig und glänzend, die einen geschlossen, die anderen weit aufgerissen – Frau Fringilla hat mir später erzählt, dass die Menschen Fenster dazu sagen, die Klötze nennen sie Häuser. Damals wusste ich noch so wenig…
Nach drei weiteren Wintern sah es um mich herum schon nicht mehr ganz so trostlos aus: Die Bewohner meines Menschenhauses hatten sich viel Mühe gegeben, es mir etwas schöner zu machen.
Zu meinen Füßen spross saftiges Gras, auf welchem sich kurz nach Sonnenaufgang hauchfeine Spinnweben mit Tautropfen schmückten und Schneckenkarawanen ihre Behausungen vorführten. Tagsüber tummelten sich zwischen Löwenzahn und Gänseblümchen die ulkigsten Käfer und Würmer. Ein paar von ihnen besuchten mich regelmäßig. Wenn sie mir allerdings zu lästig wurden, warf ich einfach ein paar Blätter ab – und schon war ich das Pack wieder los. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wenig Respekt diese Plagegeister mir anfänglich entgegenbrachten. Mit unvorstellbaren Verrenkungen, Kunststückchen und Verwandlungen versuchten sie zudem, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu lenken. Denken Sie sich nur: Ein paar von diesen Kriechtieren schreckten nicht einmal davor zurück zu sterben, um als Schmetterling wiedergeboren zu werden. Ich finde das, ehrlich gesagt, empörend. Wo sie es doch sowieso viel leichter haben als so ein Baum wie ich, der darauf warten muss, bis jemand zu ihm kommt.
Aber nach bewusstem dritten Winter hab ich diesem Fußvolk dann doch gezeigt, wer Herr im Garten ist: Noch ehe die kleinen Krabbeltiere aus ihren Winterquartieren krochen, hüllte ich meine Zweige in einen dichten Blütenteppich und zog nicht nur ganze Bienenschwärme an, sondern verzauberte auch die Bewohner meines Menschenhauses.
Sie besuchten mich fortan täglich, betätschelten mich und beäugten den Reife-stand meiner Früchte. Ich war der unange-fochtene Mittelpunkt in ihrem Garten. Bis – ja, bis dieses ungezogene Starenpaar meine ganzen Anstrengungen in wenigen Minuten zunichte machte: Meine kleinen Lieblinge wurden einfach so angepickt, von den Zweigen gerissen und im Garten verstreut. Ein Bild des Jammers.
Die zwei großen Menschen wandten sich prompt von mir ab. Nur Lilly, dem kleinen Menschenkind mit den lustigen braunen Löckchen, war das egal. Sie hüpfte um mich herum und fing tatsächlich mit mir zu sprechen an: „Kleiner Baum, sei nicht traurig, ich mag dich doch auch so.“ Danach umarmte sie mich und flüsterte: „Ab sofort werde ich dich beschützen.“ Ich war so ergriffen, dass ich mir von Herrn Ventus ein paar Blätter abstreifen und sie sanft auf den Kopf des kleinen Mädchens gleiten lies. Lilly juchzte vor Vergnügen: „Danke, lieber Baum, die nehme ich heut mit ins Haus. Dann vergesse ich dich ganz bestimmt nicht.“ – Lilly vergaß mich nicht, sie besuchte mich den ganzen Sommer über, auch in den folgenden Jahren. Und ich schenkte ihr meine leckersten Früchte: Wenn Lilly kam, schubste ich besonders süße Kirschen zu ihr hinunter – und sie bedankte sich mit strahlenden Augen.
Im Lauf der Jahre fand ich auch Freunde: ein paar andere Bäume, die mir aus benachbarten Gärten immer wieder zuwinkten und die Träume ihrer Menschen zuflüsterten. Die wichtigste Aufgabe von uns Bäumen ist es nämlich, Menschen Träume zu schenken. Sobald sich ein menschliches Wesen unter unser Blätterdach begibt, befreien wir es von all seinen Ängsten und begleiten es ins Reich der Fantasie.
Schon nach ein, zwei Jahren war ich richtig gut im Erfinden von Träumen, und es erfüllte mich mit tiefer Zufriedenheit, wenn ich sehen konnte, wie erholt sich die Menschen nach einem Traum von mir im Gras ausstreckten und all ihre Sorgen und Nöte vergessen hatten.
Doch was wahres Glück ist, meine Damen und Herren, erlebte ich erst im stattlichen Alter von zwanzig Jahren. Was soll ich sagen: Ich habe mich verliebt. Sie heißt Red Eden Rose und ist das entzückendste Geschöpf unter dem Himmelszelt. Als ich sie letzten Sommer zum ersten Mal erblickte, stockte mir der Atem. Nie vorher in meinem Leben hatte ich ein so anmutiges und liebliches Wesen gesehen wie Eden mit ihren tiefroten Blüten, nie etwas so Köstliches aufgesogen wie Edens betörenden Duft. Wir verstanden uns auf Anhieb – ganz ohne Worte. Auch jetzt, in unserem zweiten Sommer, reden wir nur wenig, blicken uns stundenlang einfach nur an. Und trotzdem weiß ich genau, dass auch sie mich liebt: Jeden Abend schickt sie einen Hauch ihres Parfüms zu mir herüber und – wenn Herr Ventus stark genug ist – auch ein paar ihrer schönsten Blütenblätter.
Linda Roth
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