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Anfänge eines (Heimat-)Historikers

   
 
 

 

Die Dreikönigskapelle in Dinkelsbühl

 

 

Zur nachweihnachtlichen Lektüre und zum Fest der Heiligen Drei Könige drucken wir in Auszügen ab, was Dr. Ludwig Schnurrer 1943 als Schüler der Dinkelsbühler Oberschule für Jungen in der damaligen 6. Klasse als Facharbeit zum Thema „Ein schönes Baudenkmal in unserer alten Stadt“ schrieb. Die Arbeit wurde mit Note 1 bewertet und lässt durchaus schon den späteren Historiker erkennen. Dr. Schnurrer war lange Jahre am Dinkelsbühler Gymnasium und später am Rothenburger Gymnasium tätig. In Rothenburg, wo er heute im Ruhestand lebt, betreute er lange Zeit das Archiv der Stadt. Seiner Facharbeit aus dem Jahre 1943 folgten später eine große Menge fundierter historischer Arbeiten.
Die Arbeit beginnt mit dem Hinweis auf „die vielen lauschigen, wunderschönen Plätzchen und Winkel (…), die erst den richtigen Grundton für ein stimmungsvolles, abgerundetes Bild unseres schönen Heimatortes abgeben (…)“, vor allem „das Plätzchen vor dem Segringer Tor mit der niedlichen Drei-Königs-Kapelle und dem altehrwürdigen Mesnerhäuschen.“ „Es ist gewiß nicht zu verwundern und durchaus kein Zufall, daß es die Künstler waren, die mit ihrem bekannten Blick für malerische Merkwürdigkeiten gerade diesen Platz ‚entdeckten‘ und manchem – auch Einheimischen – erst durch ihre Kunstwerke, deren große Anzahl die Beliebtheit dieses idyllischen Motivs beweist, den Blick für das Betrachten und Genießen solcher Plätze und Winkel öffneten.
Die Kapelle, die den Hl. 3 Königen geweiht war, geht, nach den spärlichen Kennzeichen eines Baustils, die heute noch daran feststellbar sind, und den ebenfalls nur vereinzelt fließen-den schriftlichen, urkundlichen Quellen zu urteilen in ihren Anfängen auf die zweite Hälfte des 14. Jhtds. zurück, ist somit ein Erzeugnis hochgotischer Kirchenbaukunst und damit eine der ältesten erhaltenen Gebäulichkeiten in Dinkelsbühl überhaupt.
Baunachrichten, die uns sichere Kunde über die genaue Bauzeit geben könnten, sind uns nicht erhalten; die erste schriftliche Nachricht über die Kapelle findet sich (…) aus dem Jahre 1378. Man kann nicht ohne weiteres von dieser Jahresangabe auf die wirkliche Bauzeit rechnen.“

Neben der urkundlichen Quelle die sagenhafte Überlieferung

„Wohl aber hat uns die Überlieferung, die oft wirkliche Geschehnisse besser bis in unsere Tage gerettet hat als Federkiel und Pergament, sich aber leider auch ebenso häufig im Munde der Erzähler willkürlich verändert und sich mit einem wuchernden Sagengespinst umkleidet hat und deshalb sehr vorsichtig aufzunehmen ist, die vermeintliche Ursache des Kirchenbaus erhalten. Sie weiß nämlich zu berichten, daß die Leiber der Hl. 3 Könige bei der Überführung aus dem ‚Ungerland‘ nach Köln an dem Platz der heutigen 3-Königskapelle in Dinkelsbühl abgesetzt worden seien, aus welchem Grund man später über dieser Stelle eine Kapelle errichtet habe. Diese sagenhafte Nachricht ist allerdings auf einen tatsächlichen Vorgang in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts zurückzuführen. Am 24. Juli 1164 überführte nämlich der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die in Mailand ruhenden Gebeine der Heil. Drei Könige, die er sich von Kaiser Friedrich Barbarossa nach der Eroberung Mailands für die dem staufischen Kaiser als Kanzler geleisteten Dienste erbeten hatte, nach Köln in den Dom. Die drei Weisen aus dem Morgenlande wurden damals als die ersten Pilger zum heiligen Land und als Schutzheilige verehrt.
Es ist hier nicht der Platz, über die Ansicht zu streiten, die Hr. Baurat Neeser in seiner rühmlich bekannten ‚Baugeschichte‘ äußert, indem er nämlich der Sage vollkommene Glaubwürdigkeit zuspricht und dazu noch die Nähe eines Halsgerichtortes, der aus einer altgermanischen Kultstätte entstanden sein soll (!), als ausschlaggebendes Moment für das Niedersetzen der Reliquien und das spätere Erbauen des Kirchleins einschaltet. – Jedenfalls muß, will man die Ansicht Neesers auf Grund der sagenhaften Überlieferung teilen, eine ältere Kapelle, vielleicht nur aus Holz an der Stelle der heutigen ungefähr bis zur Mitte des 14. Jhrhdts., welche Zeit sich ohne weiteres als Bauzeit ergibt, gestanden haben.
Die erste urkundliche Nachricht über das Kirchlein taucht, wie bereits erwähnt, im Jahre 1378 auf, und zwar handelt es sich hierbei um eine für die damalige Zeit bezeichnende Stiftungsurkunde einer Messe. Sie lautet: ‚Im Jahre 1378 an sant Valentinstag stifteten Kunrat Berlin, Burger zu Dinckelspuhl, und Barbara, seine eheliche wirtin, ein ewige mess in den Chor der newen kapellen der heiligen dreier könig in Segringer vorstatt gelegen.‘ Man darf auf Grund der Erwähnung der ‚newen kapellen‘ den Zeitraum vom Baujahr bis 1378 nicht zu kurz ansetzen, jedoch wird man kaum fehl gehen, wenn man diese um das Jahr 1350 annimmt, was auch mit dem Stil der Kapelle übereinstimmen würde. Weitere wichtigere Nachrichten über den Bau des Kirchleins tauchen bis zum 16. Jhdt. nicht mehr auf, von wo ab die Quellen wieder reichlicher fließen.
Auch die Frage des Baumeisters der Kapelle steht bis heute noch offen und wird sich wohl kaum noch klären, wenn man bedenkt, daß in der damaligen Zeit der Bauherr nicht viel mehr war als der mehr oder minder gut besoldete Bedienstete der Auftraggeber, daß uns daher Namen nur bei ganz großen und weltbekannten Bau- und anderen Kunstwerken jener Zeit überliefert sind. Neeser vermutet zwar auch hier wieder, daß der bekannte und nachmalig berühmte Dinkelsbühler Domherr Christoph Horn, der am Bau des Stephansdomes in Wien von 1359 an maßgeblich beteiligt war, das Dreikönigs-Kirchlein erbaut hat, aber dies ist bei näherer Betrachtung nichts anderes als eine willkürliche, nur durch das zufällige Zusammentreffen der Jahre zu begründende Annahme.“

Kirchliche Verwendung und
weiteres Schicksal

„Am 20. November 1620 konsekrierte Sebastian Breuning, Weihbischof von Augsburg, die 3 Altäre der 3-Königskapelle, auf denen um die-se Zeit das Jahr hindurch häufige Gottesdienste, ja eine Zeitlang sogar tägliche Messen gelesen wurden. (…) Das Kirchlein erlebte in den langen Jahrhunderten bis um 1830 als kleine Kaplanatskapelle mit bescheidenen Schenkungen und Vermögen keine weltbewegenden oder interessanten Schicksale. Einige kleinere Veränderungen während dieser Zeitspanne verraten uns mehrere Stilverschiedenheiten im Inneren der Kirche. So wurde eine Restauration zur Zeit der Spät-Renaissance, also um 1630, die letzte aber 1794 unternommen, von der auch die Reste von Wandmalereien an Schiffs- und Chorwänden stammen. Im Jahre 1834 wurde das Kirchlein, nachdem es sicher schon mehrere Jahrzehnte leer und unbenutzt gestanden hatte, profaniert und mitsamt dem Turm und dem daraufstoßenden Mesnerhäuschen an den Meistbietenden verkauft. Erwerber wurde der Metzger Ensmann, der den Turm bis auf das untere Stockwerk abtragen ließ und ihn darauf als Metzgerladen, das Kirchengebäude selbst aber als Schafstall und Wagenschuppen verwendete, während die Gottesdienste, Einnahmen, Abgabepflichten usw. auf die Kapuzinerkirche übertragen wurden. Erst in jüngerer Zeit wieder kam man auf den Gedanken, dieses uralte, vollständig erhaltene Kirchengebäude zu retten und es einem würdigen und dem Sinn der Zeit entsprechenden Verwendungszwecke zuzuführen. Im Jahre 1922 erwarb es die Stadtverwaltung aus Privathänden durch Tausch, man begann mit der sehr notwendigen Umgestaltung und Erneuerung, und schon am 25. Mai 1924 konnte man es für seine neue, verpflichtende Bestimmung einweihen, nämlich Gedenkstätte zu sein für die Dinkelsbühler, die im ersten großen Weltkrieg 1914-18 auf dem Felde der Ehre geblieben sind.“
Es folgt bei Schnurrer eine ausführliche Beschreibung der Kapelle. Zur Inneneinrichtung muss er feststellen: „An kirchlichen Zwecken dienenden Geräten, Bemalungen usw. ist das Kirchlein naturgemäß sehr arm. Wenn solche vorhanden sind, so sind sie erst nach der würdigen Erneuerung in die Kapelle gekommen oder sie wurden von der zerstörenden Wirkung, die ihre Verwendung als Schafstall und Wagenschuppen natürlich mit sich bringen mußte, verschont.“

Nachtrag zum heutigen Zustand

Heute ist die Kapelle so gut wie leer und nicht öffentlich zugänglich. Man findet nur ein hölzernes Kreuz über der Altarmensa und mehrere Gefallenen-Gedenktafeln. Den einst dort aufgestellten Marienaltar konnte Schnurrer noch vor Ort sehen und beschreiben. Er hat einen abwechslungsreichen „Werdegang“ hinter sich: Sein oberer Teil – also nicht die Mensa – stammt vom Marienaltar in Hl.Geist. Dort wurde er im Zuge der Barockisierung 1774 abgebaut und im Dachboden eingelagert. Bei der Einrichtung der Dreikönigskapelle als Kriegergedächtniskapelle (1922-24) wurde der Altar dorthin gebracht. Der Altartisch wurde neu zusammengestellt. 1973 kehrte der obere Teil des Altars in die Heilig-Geist-Kirche zurück, wo er im Chor aufgestellt wurde, wahrscheinlich nicht seinem ursprünglichen Standort. Das Vorderteil der Altarmensa wanderte zurück ins Museum des historischen Vereins, wo es nun fälschlicherweise die Bezeichnung „Antependium“ – nach seinem letzten Verwendungszweck – erhielt.


   
   
 
 
 
 
   
 
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