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Es gibt in unserer Gesellschaft
nach wie vor deutliche Tabuisierungen, was den Nationalsozialismus
und die Verstrickung einzelner Personen in sein verbrecherisches
Wirken angeht. Doch nicht allein Einzelpersonen werden
durch Schweigen geschützt, auch die Rolle von Städten
und anderen Gemeinwesen im "Dritten Reich"
wird gerne absichtsvoll übergangen. Doch gleichzeitig
ist die Beschäftigung mit damaligem Fehlverhalten
unabdingbare Voraussetzung dafür, daß das
oft zitierte "Nie wieder !" nicht inhaltsleere
Floskel bleibt, sondern überzeugendes Leben bekommt.
Dinkelsbühls "braune" Geschichte beginnt
vergleichsweise früh. Zu einer Zeit, in der die
NSDAP nicht viel mehr war, als eine Münchner
Vorstadtpartei, die sich mühsam nach dem Verbot
im Zuge des stümperhaften "Feldherrnhallenputsches",
des heute als "Hitlerputsch" bezeichneten
Machteroberungsversuches vom 09. November 1923, über
Wasser halten konnte. Denn in Dinkelsbühl am
Deutschhofberg 2 lebten seit 1925 die Eltern der Gebrüder
Strasser. Jene Strasser-Brüder, Gregor und Otto,
spielten im Aufstieg der Partei eine wesentliche Rolle,
insbesondere der als "Reichsorganisationsleiter"
agierende Apotheker Gregor Strasser, den die NS-Kartei
unter der Mitgliedsnummer 9 führte, trug erheblich
zur Ausbreitung der NSDAP nach Norddeutschland bei.
Er bildete einen starken Gegenpol zu Hitler innerhalb
der Partei, da er den sozialistisch orientierten Flügel
der "Nationalsozialistischen Partei" anführte,
der in deutlicher Opposition zu Hitler stand. Ein
Umstand, der ihm, neben dem von Strasser 1932 betriebenen
Versuch, Hitler als Parteichef abzulösen, am
30. Juni 1934 im Zuge des von den Nazis so titulierten
"Röhm-Putsches" das Leben kosten sollte.
Der jüngere Bruder Otto stand lange im Schatten
Gregors. Dies änderte sich allerdings 1930, als
Otto aus der Partei ausgeschlossen wurde, er selbst
behauptet, er sei ausgetreten, und als Führer
von NS-Spalterorganisationen wie der "Kampfgemeinschaft
revolutionärer Nationalsozialisten" oder
der "Schwarzen Front" die Hoffnung der verbliebenen
Weimarer Parteien auf eine Auseinanderdividierung
der NS-Bewegung nährte. Otto Strasser gelang
1933 über Wien, Prag, Frankreich und Portugal
(ein durchaus üblicher Fluchtweg, den ähnlich
z.B. auch, wenn auch aus völlig anderen Motiven,
Golo Mann nahm) nach Amerika, im Falle Otto Strassers
nach Kanada. Nach dem Krieg rechnete er in einem Buch
mit dem sicher nicht zufällig gewählten
Titel "Mein Kampf" mit der Hitler-Partei
ab. Er starb 1974 in München (vgl. auch Funkfeuer-Nummer
12) .
Die Tatsache, daß die Eltern der beiden Brüder,
Peter Strasser, aus Deggendorf stammend und im Verwaltungsdienst
tätig, und seine Frau Pauline, die als geborene
Strobel aus Dinkelsbühl kam, ihren Alterssitz
in unserer Stadt genommen hatten, sorgte für
rege Präsenz der NS-Elite an der Wörnitz.
Bereits 1926 ist ein Besuch Hitlers in Dinkelsbühl
nachgewiesen, bei dem er die Kriegergedächtniskapelle
besuchte (das gehörte natürlich zum Pflichtprogramm
eines Nazi) und in der Stadt übernachtete. Auch
zur Beisetzung Peter Strassers auf dem Dinkelsbühler
Friedhof, das Grab existiert heute noch, Anfang der
30er Jahre, soll Hitler inkognito gekommen sein, Beweise
dafür fehlen jedoch.
Dieses nazistische Männleinlaufen scheint allerdings
bei der einheimischen Bevölkerung nicht mehr
verursacht zu haben, als eine braun grundierte Grundstimmung,
denn noch 1933 bekannten sich lediglich zwei Stadträte
zur NSDAP. Diesen beiden, den Stadträten Schnell
und Engerer, sollte im nächsten Kapitel der braunen
Geschichte Dinkelsbühls eine wichtige Rolle zukommen.
Bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde
der Stadt an den soeben zum Reichskanzler beförderten
Adolf Hitler nämlich. Wir wollen jedoch der Chronologie
die Ehre geben, die sich vor exakt 70 Jahren vollzog:
Am 30. Januar 1933 war Hitler von Reichspräsident
Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden. Am 27.
Februar 1933 brannte der Reichstag, mit der Folge,
daß via Notverordnung mit dem zynischen Titel
"Zum Schutz von Volk und Staat" die Grundrechte
der Deutschen, wie sie in der Weimarer Verfassung
niedergelegt waren, suspendiert wurden. Die KPD wurde
grausamen Verfolgungen anheim gegeben. In jener Terrorstimmung
wurde am 05. März ein neuer Reichstag gewählt,
in dem die NSDAP zwar zur mit Abstand stärksten
Partei wurde, sie erreichte 43, 9 %, die erhoffte
absolute Mehrheit aber blieb aus. Im Gegenteil, selbst
die verfolgten Parteien wie SPD, KPD oder Zentrum
zogen mit zweistelligen Ergebnissen in das Parlament
ein, das Zentrum konnte sogar zulegen. Allerdings
ließen die Nazis alle Vertretungskörperschaften
der Zusammensetzung des neuen Reichstages anpassen,
so daß auch der Dinkelsbühler Stadtrat
eine entsprechende anteilige Sitzverteilung bekam.
Mit dem Stichtag vom 22. April gab es zehn braune
Stadträte. Zuvor schon hatten mit Datum vom 10.
März 1933 die beiden gewählten Nazi-Vertreter
Schnell und Engerer in einem ideologiegetränkten
Antrag an den Stadtrat die Ehrenbürgerwürde
für Hitler gefordert, da Hitler "als Staatsmann
zu achten und zu verehren" sei, diese Ansicht
sei durch die Wahl vom 05. März bestätigt
worden, auch Dinkelsbühl habe ein entsprechendes
Stimmverhalten gezeigt. Hitler wird als "Volkskanzler"
bezeichnet, da ist dieser gerade einmal sechs Wochen
im Amt, hat aber "das Vertrauen der überwiegenden
Mehrzahl des Deutschen Volkes" ! Bei 43,9 % im
Reichstag ! Nach sechs Wochen Amtszeit schreiben die
Antragsteller, sie getrauten sich zu sagen "daß,
wenn Adolf Hitler nicht gewesen wäre, heute der
Bolschwismus in Deutschland herrschen würde und
daß die alten Kulturdenkmäler unserer Stadt
verschwunden wären." Diese Schlußbemerkung
wird man originell nennen dürfen ! Im Schlußsatz
des Antragstextes schließlich wird noch darauf
hingewiesen, daß Hitler schließlich "von
Gott begnadet" sei und daß man nicht zuletzt
deshalb an ihn die Ehrenbürgerwürde verleihen
möge.
In seiner Sitzung vom 13. März 1933 stimmt der
Dinkelsbühler Stadtrat dem Antrag zu, mit 17
gegen zwei Stimmen, die der SPD-Stadträte Karl
Ries und Josef Völler. In einem geradezu devot
formulierten Schreiben vom 24. April 1933, selbstverständlich
mit dem Hinweis auf "Führers Geburtstag",
vier Tage zuvor, trägt der Dinkelsbühler
"rechtskundige 1. Bürgermeister" Rudolf
Götz dem "Hochverehrten Herrn Reichskanzler"
die Ehrenbürgerwürde formell an, nicht ohne
darauf zu verweisen, daß beide, Hitler und Götz,
1914 im "Listregiment" nach Frankreich ausgerückt
seien. Außerdem berichtet Götz, daß
man den Teil der Neuen Promenade, der an den "Hindenburgpark"
grenzt "Hitlerpromenade" benannt habe.
Das Dinkelsbühler Stadtarchiv verwahrt bis heute
das von Hitler selbst unterzeichnete Antwortschreiben,
in dem er unter Datum vom 02. Mai 1933 "mit aufrichtiger
Freude und (...) besten Glückwünschen für
das Blühen und Gedeihen von Dinkelsbühl"
die ihm angetragene Ehre annimmt. Am gleichen Tag
hatte er die gewaltsame Auflösung aller Gewerkschaften
verfügt und die erzwungene Übernahme ihrer
Mitglieder in die Nazi-Organisation "Deutsche
Arbeitsfront".
Hingewiesen sei noch darauf, daß Dinkelsbühl
nicht die erste Stadt war, die sich bemühte,
Hitler ihren Ehrenbürger nennen zu können.
In den städtischen Archivalien, die ein Schreiben
des Bayerischen Städtebundes enthalten, wird
auf die "zahlreichen Verleihungen von Ehrenbürgerrechten
an Mitglieder der neuen Reichs- und Landesregierung"
verwiesen. Was aber festgehalten werden muß,
ist, daß Dinkelsbühl zu den ersten Städten
des damaligen Deutschen Reiches gehörte, die
Adolf Hitler in dieser Form ehrten.
Gleichzeitig ist aber zu betonen, daß unsere
Stadt dem Nazismus indifferent gegenüber stand.
Einerseits wechselten acht Stadträte der evangelisch-bürgerlichen
Vereinigung unmittelbar nach den Reichstagswahlen
zur NSDAP, ohne dadurch in größere Gewissensnöte
zu geraten. Anderseits hatte noch am 19. Februar 1933
in der Schranne eine große Kundgebung der SPD
stattgefunden, in der vor rund 1000 Zuhörern
betont wurde, dass "die SPD ihren Gegnern zeigt,
daß auch in Dinkelsbühl die Hakenkreuzbäume
nicht in den Himmel wachsen."
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