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>>> Nachgeforscht
   
 
Braunes (aus) Dinkelsbühl ?
   
  Dinkelsbühl während der sogenannten "Machtergreifung" vor 70 Jahren
   
  Es gibt in unserer Gesellschaft nach wie vor deutliche Tabuisierungen, was den Nationalsozialismus und die Verstrickung einzelner Personen in sein verbrecherisches Wirken angeht. Doch nicht allein Einzelpersonen werden durch Schweigen geschützt, auch die Rolle von Städten und anderen Gemeinwesen im "Dritten Reich" wird gerne absichtsvoll übergangen. Doch gleichzeitig ist die Beschäftigung mit damaligem Fehlverhalten unabdingbare Voraussetzung dafür, daß das oft zitierte "Nie wieder !" nicht inhaltsleere Floskel bleibt, sondern überzeugendes Leben bekommt.

Dinkelsbühls "braune" Geschichte beginnt vergleichsweise früh. Zu einer Zeit, in der die NSDAP nicht viel mehr war, als eine Münchner Vorstadtpartei, die sich mühsam nach dem Verbot im Zuge des stümperhaften "Feldherrnhallenputsches", des heute als "Hitlerputsch" bezeichneten Machteroberungsversuches vom 09. November 1923, über Wasser halten konnte. Denn in Dinkelsbühl am Deutschhofberg 2 lebten seit 1925 die Eltern der Gebrüder Strasser. Jene Strasser-Brüder, Gregor und Otto, spielten im Aufstieg der Partei eine wesentliche Rolle, insbesondere der als "Reichsorganisationsleiter" agierende Apotheker Gregor Strasser, den die NS-Kartei unter der Mitgliedsnummer 9 führte, trug erheblich zur Ausbreitung der NSDAP nach Norddeutschland bei. Er bildete einen starken Gegenpol zu Hitler innerhalb der Partei, da er den sozialistisch orientierten Flügel der "Nationalsozialistischen Partei" anführte, der in deutlicher Opposition zu Hitler stand. Ein Umstand, der ihm, neben dem von Strasser 1932 betriebenen Versuch, Hitler als Parteichef abzulösen, am 30. Juni 1934 im Zuge des von den Nazis so titulierten "Röhm-Putsches" das Leben kosten sollte.
Der jüngere Bruder Otto stand lange im Schatten Gregors. Dies änderte sich allerdings 1930, als Otto aus der Partei ausgeschlossen wurde, er selbst behauptet, er sei ausgetreten, und als Führer von NS-Spalterorganisationen wie der "Kampfgemeinschaft revolutionärer Nationalsozialisten" oder der "Schwarzen Front" die Hoffnung der verbliebenen Weimarer Parteien auf eine Auseinanderdividierung der NS-Bewegung nährte. Otto Strasser gelang 1933 über Wien, Prag, Frankreich und Portugal (ein durchaus üblicher Fluchtweg, den ähnlich z.B. auch, wenn auch aus völlig anderen Motiven, Golo Mann nahm) nach Amerika, im Falle Otto Strassers nach Kanada. Nach dem Krieg rechnete er in einem Buch mit dem sicher nicht zufällig gewählten Titel "Mein Kampf" mit der Hitler-Partei ab. Er starb 1974 in München (vgl. auch Funkfeuer-Nummer 12) .
Die Tatsache, daß die Eltern der beiden Brüder, Peter Strasser, aus Deggendorf stammend und im Verwaltungsdienst tätig, und seine Frau Pauline, die als geborene Strobel aus Dinkelsbühl kam, ihren Alterssitz in unserer Stadt genommen hatten, sorgte für rege Präsenz der NS-Elite an der Wörnitz. Bereits 1926 ist ein Besuch Hitlers in Dinkelsbühl nachgewiesen, bei dem er die Kriegergedächtniskapelle besuchte (das gehörte natürlich zum Pflichtprogramm eines Nazi) und in der Stadt übernachtete. Auch zur Beisetzung Peter Strassers auf dem Dinkelsbühler Friedhof, das Grab existiert heute noch, Anfang der 30er Jahre, soll Hitler inkognito gekommen sein, Beweise dafür fehlen jedoch.

Dieses nazistische Männleinlaufen scheint allerdings bei der einheimischen Bevölkerung nicht mehr verursacht zu haben, als eine braun grundierte Grundstimmung, denn noch 1933 bekannten sich lediglich zwei Stadträte zur NSDAP. Diesen beiden, den Stadträten Schnell und Engerer, sollte im nächsten Kapitel der braunen Geschichte Dinkelsbühls eine wichtige Rolle zukommen. Bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt an den soeben zum Reichskanzler beförderten Adolf Hitler nämlich. Wir wollen jedoch der Chronologie die Ehre geben, die sich vor exakt 70 Jahren vollzog:
Am 30. Januar 1933 war Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden. Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag, mit der Folge, daß via Notverordnung mit dem zynischen Titel "Zum Schutz von Volk und Staat" die Grundrechte der Deutschen, wie sie in der Weimarer Verfassung niedergelegt waren, suspendiert wurden. Die KPD wurde grausamen Verfolgungen anheim gegeben. In jener Terrorstimmung wurde am 05. März ein neuer Reichstag gewählt, in dem die NSDAP zwar zur mit Abstand stärksten Partei wurde, sie erreichte 43, 9 %, die erhoffte absolute Mehrheit aber blieb aus. Im Gegenteil, selbst die verfolgten Parteien wie SPD, KPD oder Zentrum zogen mit zweistelligen Ergebnissen in das Parlament ein, das Zentrum konnte sogar zulegen. Allerdings ließen die Nazis alle Vertretungskörperschaften der Zusammensetzung des neuen Reichstages anpassen, so daß auch der Dinkelsbühler Stadtrat eine entsprechende anteilige Sitzverteilung bekam. Mit dem Stichtag vom 22. April gab es zehn braune Stadträte. Zuvor schon hatten mit Datum vom 10. März 1933 die beiden gewählten Nazi-Vertreter Schnell und Engerer in einem ideologiegetränkten Antrag an den Stadtrat die Ehrenbürgerwürde für Hitler gefordert, da Hitler "als Staatsmann zu achten und zu verehren" sei, diese Ansicht sei durch die Wahl vom 05. März bestätigt worden, auch Dinkelsbühl habe ein entsprechendes Stimmverhalten gezeigt. Hitler wird als "Volkskanzler" bezeichnet, da ist dieser gerade einmal sechs Wochen im Amt, hat aber "das Vertrauen der überwiegenden Mehrzahl des Deutschen Volkes" ! Bei 43,9 % im Reichstag ! Nach sechs Wochen Amtszeit schreiben die Antragsteller, sie getrauten sich zu sagen "daß, wenn Adolf Hitler nicht gewesen wäre, heute der Bolschwismus in Deutschland herrschen würde und daß die alten Kulturdenkmäler unserer Stadt verschwunden wären." Diese Schlußbemerkung wird man originell nennen dürfen ! Im Schlußsatz des Antragstextes schließlich wird noch darauf hingewiesen, daß Hitler schließlich "von Gott begnadet" sei und daß man nicht zuletzt deshalb an ihn die Ehrenbürgerwürde verleihen möge.
In seiner Sitzung vom 13. März 1933 stimmt der Dinkelsbühler Stadtrat dem Antrag zu, mit 17 gegen zwei Stimmen, die der SPD-Stadträte Karl Ries und Josef Völler. In einem geradezu devot formulierten Schreiben vom 24. April 1933, selbstverständlich mit dem Hinweis auf "Führers Geburtstag", vier Tage zuvor, trägt der Dinkelsbühler "rechtskundige 1. Bürgermeister" Rudolf Götz dem "Hochverehrten Herrn Reichskanzler" die Ehrenbürgerwürde formell an, nicht ohne darauf zu verweisen, daß beide, Hitler und Götz, 1914 im "Listregiment" nach Frankreich ausgerückt seien. Außerdem berichtet Götz, daß man den Teil der Neuen Promenade, der an den "Hindenburgpark" grenzt "Hitlerpromenade" benannt habe.
Das Dinkelsbühler Stadtarchiv verwahrt bis heute das von Hitler selbst unterzeichnete Antwortschreiben, in dem er unter Datum vom 02. Mai 1933 "mit aufrichtiger Freude und (...) besten Glückwünschen für das Blühen und Gedeihen von Dinkelsbühl" die ihm angetragene Ehre annimmt. Am gleichen Tag hatte er die gewaltsame Auflösung aller Gewerkschaften verfügt und die erzwungene Übernahme ihrer Mitglieder in die Nazi-Organisation "Deutsche Arbeitsfront".

Hingewiesen sei noch darauf, daß Dinkelsbühl nicht die erste Stadt war, die sich bemühte, Hitler ihren Ehrenbürger nennen zu können. In den städtischen Archivalien, die ein Schreiben des Bayerischen Städtebundes enthalten, wird auf die "zahlreichen Verleihungen von Ehrenbürgerrechten an Mitglieder der neuen Reichs- und Landesregierung" verwiesen. Was aber festgehalten werden muß, ist, daß Dinkelsbühl zu den ersten Städten des damaligen Deutschen Reiches gehörte, die Adolf Hitler in dieser Form ehrten.
Gleichzeitig ist aber zu betonen, daß unsere Stadt dem Nazismus indifferent gegenüber stand. Einerseits wechselten acht Stadträte der evangelisch-bürgerlichen Vereinigung unmittelbar nach den Reichstagswahlen zur NSDAP, ohne dadurch in größere Gewissensnöte zu geraten. Anderseits hatte noch am 19. Februar 1933 in der Schranne eine große Kundgebung der SPD stattgefunden, in der vor rund 1000 Zuhörern betont wurde, dass "die SPD ihren Gegnern zeigt, daß auch in Dinkelsbühl die Hakenkreuzbäume nicht in den Himmel wachsen."

   
 
 
   
   
   
   
 
 
 
 
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