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  >>> Nachgeforscht
   
 
Johann Peter Hebel in Segringen

Meinungen vermeintlicher Kenner

   
 
   
 

Er gehört längst zur Schar der berühmten Unbekannten. Sein Name steht zwar in jeder Literaturgeschichte, doch die Zahl seiner Leser dürfte überschaubar geworden sein. Ein einst vielgelesener Autor, ein Volksschriftsteller im besten Sinn des Wortes, ist Johann Peter Hebel heute wohl nurmehr in einem begrenzten Kreis von Liebhabern wirklich präsent. In unserer Stadt freilich sollten dieser Dichter und sein Werk nicht vergessen werden. Nicht nur, weil er während seiner Studienjahre in Erlangen 1778 – 80 auf der Postroute von und nach Karlsruhe Dinkelsbühl und Segringen wiederholt passiert hat. Vor allem spielen ein paar seiner bekanntesten Kalendergeschichten in Segringen, sei’s am Zollhaus oder beim Barbier (s. Foto; beide Häuser existieren heute nicht mehr). Insgesamt sind es 10 Lesestücke im „Rheinischen Hausfreund“, in denen das Dorf genannt wird. Manchmal meint der Autor damit in Wahrheit zwar einen anderen Ort, mitunter vielleicht einen fiktiven, wie er selbst andeutet; aber zumindest die Geschichte von den zwei Postillionen, in denen auch Dinkelsbühl – zum einzigen Mal übrigens – zitiert wird, ist wirklich hier angesiedelt.
Wir haben dieses Faktum schon gegenüber Zweiflern in unserer Stadt hervorgehoben und einmal auch gegen einen geschätzten Redakteur der Süddeutschen Zeitung verteidigt. Er hatte uns vor ein paar Jahren geschrieben, daß Hebel, „wie ich Ihnen sicher nicht sagen muß, stets im Badischen resp. Alemannischen gelebt“ hat und daher Segringen nicht gekannt haben kann. Auf eine freundliche Gegendarstellung durch Funkfeuer (Nr.33, S.7) würdigte er uns dann (verstimmt?) keiner Antwort mehr.
Nun stießen wir in Zusammenhang mit Hebel und seiner Beziehung zu Segringen noch auf einen zweiten Fall vermeintlicher Kennerschaft, der diesmal gar zu einer Legendbildung führte. Ausgangspunkt war ein kurzer Artikel, den ein verdienter Dinkelsbühler Heimatforscher 1968 in dem Periodikum „Die Stimme Frankens“ (Heft 3, S.66) veröffentlichte. Darin schreibt er von einem „Studentenulk“, den sich der junge Hebel zusammen mit einem Kommilitonen leistete. Beide befanden sich auf dem Heimweg von Erlangen nach Karlsruhe in der Nähe des einstigen Segringer Zollhauses und unterhielten sich –als Kandidaten der Theologie– gerade auf hebräisch, später auch auf lateinisch. Damit aber erregten sie das Mißtrauen eines Grenzwächters – eine überraschende Wirkung, welche den beiden so kurios vorkam, daß sie ein nicht gerade respektvolles Spiel mit der Amtsperson zu improvisieren begannen.
Besagter Heimatforscher nennt für diese Geschichte keine Quelle, wie das bei Lokalhistorikern gelegentlich begegnet. Er beruft sich lediglich auf „die Lebensbeschreibung Hebels“. Nun gibt es zwar ein paar Hebel-Biographien, aber nicht „die Lebensbeschreibung“. Und nirgends, auch in keiner dem Dichter gewidmeten lite- rarhistorischen Ar- beit konnten wir den obigen Studentenscherz ausfindig machen. Von Hebels Freund Koelle, dem „Adjunkten des rheinischen Hausfreundes“, stammt lediglich ein knapper Hinweis, daß der Student am Zollhaus von Segringen einigen Unannehmlichkeiten ausgesetzt war, weil er für einen Juden gehalten wurde. Keine Rede also von einer spaßigen Szene.
Funkfeuer begann zu recherchieren. Wir wandten uns an einige Hebelfreunde, wir trafen auch auf einen renommierten Wissenschaftler, der an der historisch-kritischen Gesamtausgabe Hebels mitarbeitet. Wir schrieben an das Generallandesarchiv Karlsruhe, wo die Personalakten des Dichters ruhen, ebenso an das Museum für Literatur am Oberrhein, schließlich noch an die Badische Landesbibliothek, die einen Teil des persönlichen Nachlasses von Hebel betreut. Bei allen unseren Anfragen, den schriftlichen wie den mündlichen, trafen wir stets auf freundlichste Hilfsbereitschaft, wofür wir uns an dieser Stelle nochmal sehr bedanken wollen. Doch die Erzählung unseres Heimatforschers kannte niemand, niemand fand auch seine mögliche Quelle. Sollte etwa mit dem Dinkelsbühler Lokalhistoriker eine Hebelsche Lust am Fabulieren durchgegangen sein? Nein, so viel Schalk war dem seriösen Mann nicht zuzutrauen. Also suchten wir weiter.
Irgendwann fiel uns auf, daß sich mit Hebel nicht nur Literaturhistoriker befaßten, sondern auch Literaten, unter ihnen auch solche, die sich selbst in der Nachfolge des Dichters verstanden. Zum Beispiel ein gewisser Hermann Vortisch. Als Hebels „Landsmann aus dem Wiesental“ empfand er eine innere Verwandtschaft mit seinem Vorbild und widmete diesem zu seinem 100. Todestag im Jahre 1926 ein schmales Bändchen mit Erzählungen und Gedichten, die sich um wichtige Stationen im Leben Hebels ranken. Von einem „Engelein“, so schreibt Vortisch in der Einführung, das ihm einmal im Traum erschienen sei, habe er dabei allerlei erfahren, „was sonst nicht in den Büchern steht“. Er fährt fort: „So schreibe ich denn die Engeleingeschichten und das, was ich aus vielen Büchern weiß, getrost zusammen; Traum, Phantasie und Wirklichkeit vermengen sich dabei...“ Unsere Überraschung hätte nun nicht größer sein können: In diesen „Engeleingeschichten“ wurden wir tatsächlich fündig. Hier, im 3. der insgesamt zwölf Kapitel, wird das Erlebnis des Studenten am Segringer Grenzübergang in eben jener vergnüglichen Variante erzählt, deren Kurzfassung wir bei unserem Heimatforscher lasen! Dieses Büchlein also war es, das ihm als „Quelle“ diente. Hatte er etwa die besagte Einführung mit dem Traum von der himmlischen Muse überblättert? Hatte er sie vielleicht nur als belanglosen Scherz aufgefaßt? Jedenfalls verstand er die Geschichte offenbar als historisch verbürgt. Und damit, unter dem Siegel einer wissenschaftlichen Entdeckung publiziert, wurde aus der harmlos-poetischen Erfindung eines Hebelverehrers eine Hebel-Legende, an der bislang niemand zu zweifeln wagte.

Im Kasten finden Sie Hermann Vortischs Wiedergabe des Segringen-Erlebnisses neben der knappen Notiz des Hebelfreundes Koelle, die ihn offenbar zu seiner Erzählung inspirierte. Auf dieselbe Notiz geht übrigens, das sei hier noch angefügt, die viel bedeutendere Erzählung Berthold Auerbachs mit dem Titel „Eine Stunde ein Jude“ zurück. Wir empfehlen sie unseren Lesern zur Lektüre.

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
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