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  >>> Pro und Contra
   
 

Gaisfeld: Das neue Baugebiet im Widerstreit der Meinungen

   
 

Zwei Autoren begründen ihre gegensätzlichen Ansichten

   
 

Pro Baugebiet Gaisfeld

Das neu entstehende und – zugegebenermaßen – gewöhnungsbedürftige Baugebiet Gaisfeld I wird trotz der heftigen und in Ansätzen auch polemischen Kritik („Gruselfeld“) seitens der Dinkelsbühler Öffentlichkeit sehr gut angenommen. Es füllt sich deutlich schneller als der vorher ausgewiesene „Kreuzespan“, obwohl die Grundstückspreise z.T. deutlich höher sind.

Wie ist das zu erklären?

Erstmals seit Jahrzehnten hat der Stadtrat beim Gaisfeld darauf verzichtet, enge Vorschriften in den Bebauungsplan aufzunehmen. Abgesehen von Baulinien und Geschosszahlen, die im Zweifelsfall ebenfalls flexibel gehandhabt werden können, sind dem Bauherren bzw. Architekten kaum Grenzen für die Verwirklichung ihrer freilich manchmal extremen Vorstellungen gesetzt.

Was ist der Grund dafür?

Seit Jahrhunderten war in Dinkelsbühl das oberste Prinzip der Bebauung eine möglichst große Einheitlichkeit. Das hatte einerseits wohl gewisse ideologische Gründe (vor Gott sind alle gleich), andererseits aber auch praktische (bei begrenztem Raum musste man die Grundstücksgröße normieren). Bald zeigten sich allerdings Bedürfnisse, die die engen Regeln sprengten. Öffentliche und private Gebäude überschritten den Standard deutlich (Altes Rathaus, Deutsches Haus). Einen Kompromiss bildeten Doppelhäuser (Deutsches Haus).
Mit dem Aufkommen des neuen Baustils im Barock war es mit der Einheitlichkeit der mittelalterlichen Bauweise vorbei. Wer es sich leisten konnte, baute im neuen Stil (Deutschordensschloss, Haus zum Adler). Über Jahrhunderte hinweg tat sich nun allerdings innerhalb des Mauerrings wenig, abgesehen von gewerblichen Zweckbauten (Brauhaus, Pinselfabrik). Repräsentative Privatbauten im Jugend- und Gründerzeitstil entstanden in der Bechhofener Straße und in der Luitpoldstraße.
Der Zustrom der Vertriebenen und ihre finanzielle Situation erzwangen neue Baugebiete in Einfachbauweise, die später von den – aus München kommenden – Planern der neuen Baugebiete Königshain III und IV als typisch fränkisch angesehen wurde. Dieser Stil wurde von nun an für sämtliche weiterhin entstandenen Baugebiete (Schelbuck, Grillenbuck, Kreuzespan) als Muster gewählt. Alles, was zwischen 1960 und 1988 entstanden war (Südhang, Blumenweg, Königshain I und II wurde dagegen verworfen.
Nach Jahrzehnten der strengen Reglementierung muss es den Bauwilligen geradezu als Erlösung erschienen sein, nunmehr im Gaisfeld nahezu schrankenlos planen und bauen zu können.

Einmal im Leben

Wohl ausnahmslos jeder Bauherr macht nach Bezug seines neu gebauten Hauses die Feststellung, dass er diesen oder jenen irreparablen Fehler gemacht hat. Das ist wohl unvermeidlich, aber er kann nur sich selbst die Schuld daran geben und muss es zähneknirschend hinnehmen. Bitter wird es für ihn allerdings, wenn die Planungsfehler auf für ihn ohnehin schon schwer verständliche Vorschriften zurückzuführen sind.
Eine Familie baut in der Regel einmal im Leben. Dann soll sie auch so bauen können, wie sie es will. Und wenn es dem einen oder anderen nicht gefällt, dann warten wir in aller Gelassenheit das Urteil der Geschichte ab.
Thomas Sandfuchs
Contra Baugebiet Gaisfeld

Die Autorin, eine geborene Dinkelsbühlerin, ist Architektin. Um ihre Ansichten über Gaisfeld 1 zu verdeutlichen, geht sie wiederholt vergleichend auf das städtebaulich gelungene Konzept der Siedlung Königshain und gelegentlich auf die Dinkelsbühler Altstadt ein.

Unter dem Blickwinkel bestimmter Qualitätsmerkmale, die ich 2006 in einem Vortrag in Dinkelsbühl erläutert habe (s. Funkfeuer Nr. 61), möchte ich im folgenden das Neubaugebiet Gaisfeld 1 betrachten, das jetzt zu einem guten Teil bebaut ist.

Der architektonische Raum aus dem Blickwinkel des Menschen – der Mensch als Maßstab im Städtebau

Wenn man die Grundrisse der beiden Siedlungen Königshain und Gaisfeld vergleicht, fällt sofort ins Auge, dass letztere zum Vorteil des Autoverkehrs und zur Maximierung der Grundstücksgrößen ausgelegt wurde: Auf der Südseite gibt es vier identische Stichstraßen mit Wendezirkeln, auf der Nordseite eine Straßenführung mit scharfer 90-Grad-Kurve; keine Wege für Fahrradfahrer, keine Wege für Fußgänger.
Im Königshain hingegen kann man schon an der Straßenführung und -ausbildung eine feine Differenzierung bemerken: Es ist eine Hierarchie der Wege zu erkennen, man findet – wie im Gaisfeld auch – pragmatisch geteerte Straßen, man findet aber auch gepflasterte Zonen, die den Autofahrer zum Langsamfahren anhalten, man findet eine Durchmischung von Fußgängerwegen und Fahrradwegen bis hin zu kleinen Trampelpfaden, die aus der Siedlung in die Landschaft führen. Auf Bordsteine wurde verzichtet. Man signalisiert so dem Autofahrer, dass er keinen Besitzanspruch auf die Fahrbahnfläche hat – er muss Rücksicht nehmen.
Durch die Straßenführung wird der Blick im Königshain immer wieder gefangen, staffelt sich in der Tiefe und macht neugierig auf das, was sich hinter der nächsten Biegung befindet.
Im Gaisfeld dagegen endet jeder Blick entlang einer Straße frontal auf einem Haus. Gerade im Süden hätte es schöne Möglichkeiten gegeben, hier die Sichtrichtung in die offene Landschaft zu lenken.
Es gibt keine Hierarchie in der Wegeführung. Es fehlt jegliche Fein-gliedrigkeit und individuelle Gestaltung, die dem Straßenraum Charakter hätte verleihen können.

Proportion, Maßstab und Bauvolumen

Die Diskussionen, die in den letzten Jahren über das neue Siedlungsgebiet geführt wurden, machten die Hauptkritik vor allem an der Tatsache fest, dass es für diese neue Siedlung keinen Bebauungsplan gibt, der eine einheitliche Dachform vorschreibt. Doch geht meiner Meinung nach die Fokussierung auf die Dachform total an der Sache vorbei. Die Problematik der Gaisfeldsiedlung ist nicht nur, dass ein Flachdach neben einem Pultdach und dieses wieder neben einem Haus im Toskana-Stil steht. Sehen wir uns im Vergleich nur einmal die Häuserreihe in der Altstadt auf der Segringer Strasse an: Kein Haus gleicht hier dem anderen in der Ausformung. Die Häuser gleichen sich aber im Volumen, in den Proportionen und im Maßstab. Um diese Harmonie zu erreichen, genügt es jedoch nicht, lediglich die Abstandsflächen und die maximalen Traufhöhen festzulegen, ansonsten die Wahl der Bauform dem Bauherrn zu überlassen, wie im Gaisfeld geschehen.

Woran soll sich ein Architekt oder ein Bauherr – der durchaus guten Willens sein kann, sich in sein Umfeld einzugliedern – orientieren? In diesem Falle bedarf es eines Stadtbaumeisters, der sich nicht davor scheut, Verantwortung zu übernehmen, einer lenkenden Hand, welche die vielen Einzelinteressen aufeinander abstimmt, so dass ein harmonisches Ganzes entsteht. Nur auf diese Weise kann eine Siedlung einen eigenen Charakter entwickeln, der den Gemeinschaftssinn der Bewohner stärkt.

Details, Farbe und Materialempfinden

Warum ist eine gewisse Führung bei der Gestaltung einer Siedlung wichtig? Hier ein Vergleich: Ein Chor besteht aus vielen verschiedenen Individuen, die sich durch ihre Tonlagen unterscheiden. Geführt wird der Chor vom Dirigenten. Er gibt den Takt an – die Grundstruktur. – Der Stadtbaumeister kann eine Farb- und Materialpalette vorgeben, die einen Rahmen für die architektonischen Entwürfe bildet. – Der Chorleiter gibt die Einsätze und mischt die verschiedenen Tonlagen. Ein Chor aus lauter identischen Stimmen wäre unvorstellbar langweilig. Gerade die Verschiedenheit der Klänge macht es möglich, dass Harmonie entsteht. – Der Stadtbaumeister muss die Komposition des Ganzen übernehmen. Dies kann von den einzelnen Bauherren nicht geleistet werden. Der eine oder andere architektonisch schwache Entwurf – der eine oder andere schiefe Ton – kann durch den starken Charakter des Ganzen verkraftet werden.

Ausblick

Beim Städtebau – und der ist der erste Schritt zur Gestaltung einer Siedlung – geht es nicht darum, diktatorisch den Menschen Vorschriften zu machen, es geht vielmehr um ein sensibles Abwägen der Interessen des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. So kann es auch Raum für moderne Architektur geben. Es kommt auf die Komposition an. Ich bin keine Verfechterin „neufränkischer Hausgestaltungskonventionen“.
Von einer funktionierenden Gemeinschaft profitieren am Ende alle. Dieses Bewusstsein muss bei allen Parteien gestärkt werden, so dass bei der Erweiterung der Siedlung mit dem Gaisfeld 2 die potentiellen Käufer verstehen, wie viel Lebensqualität sie durch Berücksichtigung einer Siedlungsgemeinschaft und einer Siedlung mit Charakter gewinnen.
Um so eine Siedlung zu gestalten, muss man keinen Wettbewerb ausschreiben, obwohl uns Architekten das freuen würde. Wenn dazu, wie in der Vergangenheit von Oberbürgermeister Hammer erwähnt, das Geld fehlt, dann muss man sich nur an dem Gebauten (an Altem und Neuem – an Altstadt und Königshain) orientieren. Das Rad muss keineswegs neu erfunden werden. Qualitativ guter Städtebau ist hier vor Ort zu finden und kann als Inspiration und Leitfaden für Neues dienen.

Annette Goderbauer


   
   
 
 
 
 
   
 
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