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  >>> Theater, Funkfeuer Nr. 43, Winter 2001
   
  Was schreibt man in Dinkelsbühl über das Theater ?
  Ein Rückblick zu den ersten beiden Produktionen des Winterspielplans
   
 

"Dinkelsbühl in aller Munde" war einer unserer Artikel in der letzten Funkfeuer-Nummer überschrieben. Wir stellten darin Fundstellen aus literarischen und nichtliterarischen Texten vor, eine Leidenschaft, der wir auch in diesem Heft wieder nachgehen. In Heft 42 zitierten wir eine Glosse aus der "Freien Presse Zwickau", einem durchaus witzigen Text, in dem uns - auch nur spaßhalber - der Vergleich Dinkelsbühls mit der sächsischen Stadt Döbeln störte, zumal beide Städte von dem Verfasser unter dem gemeinsamen Nenner "Kaff" zusammengefaßt wurden, wohlgemerkt nicht von uns, wie man es in unserer Leserschaft auch zu erkennen glaubte. Immerhin führte dieses Mißverständnis - wohl leicht verspätet - zu dem Entschluß, im Internet Döbeln aufzusuchen. Dort wurde Beeindruckendes in Zahlen, Wort und Bild vorgeführt, eine Web-Site, hinter der sich die Dinkelsbühler Homepage tatsächlich ein bißchen verstecken muß. Unter anderem war festzustellen, daß Döbeln ebenfalls ein eigenes Theater in einem eigenen, repräsentativen Theatergebäude besitzt. Nur: Wenn man den Link "Spielplan" anklickte, las man - kurz vor Redaktionsschluß Anfang November, daß für November noch keine Planungen vorliegen. Das ist in Dinkelsbühl anders, und damit sind wir endlich bei unserem Thema Theater. Daß Dinkelsbühl zwar nicht "in aller Munde" ist, aber doch Deutschland- und teilweise weltweit mit einigen seiner Besonderheiten Beachtung findet, mit manchem für eine Stadt dieser Größe eigentlich Notwendigen sicher nicht, ist auch seinem Fränkisch-Schwäbischen Städtetheater in alleiniger Trägerschaft der Stadt Dinkelsbühl zu verdanken. Bedauerlich ist nur, daß der schriftliche Niederschlag dieses Interesses nicht immer oder nur verspätet bis zum hiesigen Theater und dann zu uns gelangt. Ein Abonnement für alle Mitteilungen zum entsprechenden Stichwort wäre wünschenswert, aber sicher zu teuer angesichts eines ohnehin strapazierten Etats.

"Furioser Auftakt"

So liegen uns zu den Inszenierungen und Auswärts-Gastspielen von "Offene Zweierbeziehung" und "Misery" (Die Uraufführung von "Rote Lippen soll man küssen" fand erst nach Redaktionsschluß statt) von auswärts nur Besprechungen aus Crailsheim, Rothenburg und Forchheim vor. Die wollen wir aber in Zusammenfassung des Wichtigsten und Interessantesten unseren Lesern nicht vorenthalten. Einen "furiosen Auftakt" der Winterspielzeit mit Dario Fos Stück "Offene Zweierbeziehung" erwartete in einem Vorbericht Michael Hanns Ebers in "Woche im Blick". Das scheint sich in Forchheim bewahrheitet zu haben. Der "Fränkische Tag" berichtet am 29. September 2001: "Alles war anders an diesem ersten VHS-Theaterabend der Saison 2001/2002. Der Klostersaal war brechend voll. (...) Die überspitzte Handlung des Drei-Personen-Stückes "Offene Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo spielte vor einem supermodernen Bühnenbild mit roten Möbeln und deutlichen Zeichen einer Boxkampfarena." Letzteres richtig erkannt, nicht aber, daß Fo ein Zwei-Personenstück geschrieben hat, zu dem durch Cahns Regie-Einfall erst eine nicht nur pausenfüllende dritte Figur hinzukam. Wichtiger als diese unsere Mäkelei erscheint uns die Bilanz der Forchheimer Besprechung, in der unter anderem die schauspielerische Leistung und die Trennung der Szenen durch Songs gelobt wird, und dann: "Das Fränkisch-Schwäbische Städte-Theater hat mit dieser Vorstellung Aufsehen erregt." Nicht so in Rothenburg: Dem "als quietschendes Lachstück inszenierten" Boulevardstück, der - auch dort - als Auftakt der neuen Spielsaison präsentierten "Ehebruch-Gaudi", folgten "knapp fünfzig Besucher, darunter alte und junge Paare, (...) mit gemischten Gefühlen." Gemischt sicher, wenn man einerseits ein Sich-Austoben der beiden Partner "in ihrem designten Wohnzimmer" als diszipliniert empfindet und dann doch den "Partner-Clinch beim Gerangel um eine Pistole" registriert. Was aber sollen wir zu "knapp fünfzig Besuchern" in der zweitgrößten Stadt des Landkreises sagen? Sie waren immerhin da, und für sie dürfte auch überflüssig sein, was der/die Kritiker/in über ein volles Drittel der Besprechung zu den Gefährdungen einer Partnerschaft allgemein und den Krisen in der Ehe Dario Fos im besonderen zu schreiben weiß. Mit der zweiten vorliegenden Kritik aus Forchheim, der des "Fränkischen "Anzeigers" vom 29./30. September 2001, kommen wir auf Ebers' oben zitierte Prophezeiung zurück: "Ein fulminanter Start ins Theaterhalbjahr" heißt es da, schon allein durch die "drei glänzend disponierten Schauspieler". Abstriche, die der Kritiker bei Shirin Lotze machen zu müssen meint, können wir nicht nachvollziehen. Lieber lesen wir, daß das Dinkelsbühler Theater "schon für einige Theaterhöhepunkte in Forchheim gesorgt hat", und weiter: "Das Stück von Dario Fo fungiert insofern als programmatischer Hinweis auf die Handschrift des neuen Chefs, als Cahn durchaus unterhalten will, aber das mit Niveau. Volkstheater im besten Sinne und ohne moralischen Zeigefinger ist sein Ziel."

Was man aus einem "quietschigen Lachkabinett-Szenario" macht

Wie muß man also mit einem "quietschigen Lachkabinett-Szenario, das sich an einem (nicht nur im Spaß-Genre) immergrünen Thema abarbeitet und dabei unverschämt direkt sämtlichen Komödien-Konventionen huldigt" umgegangen werden?. So nämlich beurteilt Manfred Koch in der FLZ vom 21. September 2001 das Stück des Nobelpreisträgers Dario Fo, eines Autors, an dem er kaum einen guten Faden läßt: "Der Plot (...) ist reiner, biederer Schematismus, doch das ist bei Fo, diesem theatralen italienischen Hanswurst, sowieso eher die Regel als die Ausnahme." "Nein vielmehr ist das Wie entscheidend", schreibt Koch. "Also: Fröhliches Entertainment muß der etwas fahlen Fabel Gewicht verleihen, und das Ensemble macht sich dann auch frohgemut ans Werk. Regisseur und Ausstatter Peter Cahn verpasst der Wohlstandsbürger-Bude ein kräftig-farbiges Outfit samt albern-zeitgeistiger Accessoires. (...) Die Typisierungen gehen hübsch vonstatten, und auch die verbalen Kabbeleien kommen gut. Die Regie beweist ein gutes Auge für adäquates Timing, die Verknüpfungen der einzelnen Humor-Mittel sind absolut flüssig. Die mit ironischem Augenzwinkern absolvierten Live-Musik-Auftritte Frank Piotraschkes (...) setzen in dieser Ehebruch-Gaudi ganz besondere Akzente." Erstaunlich also, was die Regie aus einem scheinbar so danebengegangenen Stück machen kann. "Ein pfiffiger Einfall Cahns" ist für Michael Hanns Ebes von der "WIB" der Auftritt Frank Piotraschkes als singender Professor, "der statt des Bikinigirls mit den Rundennummern die Kampfpausen füllt, souverän und augenzwinkernd zwischen Kleidungs- und Musikstilen flottierend, das Ringgeschehen ironisch kommentiert." Für den Kritiker des "Hohenloher Tagblatts" (Ausgabe vom 11.10.2001), den Dinkelsbühler Reinhardt Gruß (ein seltener Fall von kultureller Grenzüberschreitung!) waren die Songs "ironische Kommentare des Bühnengeschehens, Schlachtberichte vom Ehekrieg, während die Kombattanten erschöpft in den Seilen hingen" "weit mehr als Pausenfüller" ("Selten hat man 'Light my Fire" so cool vorgetragen gehört."), die daraus sich entwickelnde Rolle des Liebhabers "ein gelungener Schlußgag". Die Inszenierung beurteilt Gruß als spritzig und temporeich, "aus einem Guss mit sehr ansprechenden schauspielerischen Leistungen".

Fast wie im Kino

Intendant Peter Cahn war es durchaus bewusst, dass 'Horror' sich im Theater weitaus weniger umsetzen lässt als im Film. Dennoch ist es ihm gelungen, das Grauen in die Goldene Gans zu holen." Dort fand Cahn eine neue Spielstätte für das Kriminalstück "Misery" von Simon Moore nach Stephen King, eine Spielstätte, wie er sie für einzelne Theaterstücke auch weiterhin zu suchen bemüht ist. Wir zitierten die "Wochenzeitung" vom 2. November 2001. "Beeindruckenden Horror auf der Bühne zu inszenieren ist laut Peter Cahn 'immer ein Problem' ". Es gelte, den Horror "quasi unentrinnbar zu machen, sodass man sich ihm nicht entziehen kann." Michael Hanns Ebers analysiert so Cahns Idee in einer Vorbesprechung in der "WIB" vom 18.10.2001. "Cahn unternimmt den Versuch, indem er die Zuschauer 'praktisch mitten in diesen Horror hinein auf die Bühne setzt'. Zumindest sie so nahe ans Geschehen ranrückt, dass die Zuschauer sehen, 'wie die Schauspieler spielen und agieren, was in den Augen der Darsteller vor sich geht.' Fast wie im Kino halt." Der Vergleich mit dem Kinofilm interessiert auch den Kritiker des "Hohenloher Tagblatts" vom 26. Oktober 2001, vermutlich auch in diesem Fall unser freier Mitarbeiter und Autor unserer Film-Rubrik Reinhardt Gruß. "Während der zu Recht vielfach ausgezeichnete Film 'Misery' mehr auf Grusel, Schock und Nervenkitzel setzt, bietet die Bühnenfassung auch reichlich Gelegenheit für Komik, was in Cahns Inszenierung voll ausgeschöpft wird. Dabei wahrt Cahn geschickt die Balance zwischen beiden Elementen. (...) Das kleine Theater holt die Zuschauer ganz nahe an das Geschehen heran. Der Zugewinn an atmosphärischer Dichte entschädigt für eingeschränkte Sicht auf den hinteren Plätzen. Fazit: Ein vergnüglicher, spannender Abend, ansprechende schauspielerische Leistungen, ein stimmiges Bühnenbild." Wann endlich müssen wir nicht mehr über eingeschränkte Sicht reden, selbst bei einem so kleinen, intimen Zuschauerraum? Besserung wurde versprochen.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
Dinkelsbühler Gästebuch
Texte aus vier Jahrhunderten
 
Herausgegeben von Ernst-Otto Erhard
 
Reiseberichte,
amtl. Darstellungen,
Beiträge aus Zeitungen,
Artikel aus Zeitschriften,
Lexikonartikel,
Gedichte,
 
mit besonderem Blick auf Dinkelsbühl und seine Geschichte
 
Ergänzend zahlreiche Bilder, einige nahezu unbekannt
 
€ 12, 80
 
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