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  >>> Theater, Funkfeuer Nr. 45, Sommer 2002
   
  Fränkisch-Schwäbisches Städtetheater
  Klassik modifiziert, radikal verkürzt und ein "scheiß"modernes Stück
  Ein erneuter Versuch auszuwerten, was an Besprechungen eintraf
   
 

Erleichterung einerseits, daß "keine dreistündige Tragikomödie" (Thomas Wirth in der FLZ) inszeniert wurde, daß das in Kleists "Amphitryon" Thematisierte nicht "in bedeutungsschweren Jamben drei Stunden über die Bühne stakste" (Reinhardt Gruß im "Hohenloher Tagblatt" vom 7. Mai 2002, merkwürdigerweise mit einmonatiger Verspätung veröffentlicht, nachdem der nichtssagende Bericht eines anderen Berichterstatters - pm - nur zehn Tage bis zum Abdruck benötigt hatte). Leichtes Bedauern andererseits ebenfalls bei Wirth, der s e i n e n Kleist in der Inszenierung nicht zu finden schien; für ihn wurde es "eine Boulevardkomödie, die sich nach Kräften mühte, mit Kleists Gedankenballast zu jonglieren". Eine gewisse Enttäuschung verbindet er abschließend mit dem Lob für Marion Shultheiß' Kostüme, "die mit wenigen Mitteln aussagekräftig sind. Ach, man könnte Kleists 'Amphitryon' in ihnen spielen." Mit diesem "Ach" verweist der Kritiker beziehungsreich auf den "finalen Seufzer" Alkmenes am Schluß des Stückes, einen Seufzer, der in seiner Modulation den Grundtenor des ganzen Dramas zusammenfassen könnte: "Ihr Ach, zum Och verdunkelt, kommt bei Maike Frank leicht heraus, ein bisschen erstaunt, ein bisschen enttäuscht, vor allem amüsiert: dann hält sie sich die Hand vor den Mund und kichert verlegen wie ein Teenager. Das passt gut zur Inszenierung, die den Text am liebsten ironisch verkleinert." Die Ironisierung wird auch sonst in den Kritiken überall herausgestellt und akzeptiert in Anbetracht der Schwierigkeiten, Kleists Sprache und seine idealistische Vorstellung von der Untrüglichkeit und Unerschütterlichkeit des Gefühls heute noch auf die Bühne zu bringen. Einverständnis herrscht dann auch in einigen Kritiken mit dem Trend zur Boulevardkomödie, durchaus mit "Momenten des Innehaltens und der Nachdenklichkeit" (Reinhardt Gruß): " Lars Helmer (Anm.d.Red.: Helmer, der frühere Dramaturg des Dinkelsbühler Theaters, führte als Gast Regie) hat Kleists Lustspiel mit ironischem Augenzwinkern inszeniert. Er blickt dabei weniger in die möglichen Abgründe göttlicher Eingriffe in irdische Abläufe und menschliche Seelen und spitzt stattdessen die Charaktere boulevardesk zu." (M.H. Ebers in der "WIB") Freilich sind dabei Überzeichnungen nicht ganz vermieden. Gott Jupiter, meint Ebers, werde "in seinem aufgesetzten Bemühen um majestätische Gesten zum himmlischen Clown". Als Fazit aber bleibt "ein kurzweiliger Abend am Boulevard, unter dessen Pflaster der Strand noch zu entdecken ist" (Ebers). Oder: "Eine unangestrengt wirkende Inszenierung von hohem Unterhaltungswert mit vielen pfiffigen Einfällen, die von einer guten Ensembleleistung getragen wird. Der Kritikaster darf das duchaus 'Kleist light' nennen. Muss dann aber anmerken, dass Inszenierungen dieser Art immer noch meilenweit entfernt sind von der drögen Witzigkeit der Fernsehkomödien und dem platten Klamauk des Boulevard." (Reinhardt Gruß) Oder - aus einem Gastspielort für Dinkelsbühl besondes wichtig -: "Das 'Besondere Theater' der Stadt Weißenburg hatte dieses Prädikat am Freitagabend zum Saisonabschluss vollauf verdient, denn das Ensemble des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters Dinkelsbühl bot im Kulturzentrum Karmeliterkirche mit dem Stück 'Amphitryon' eine anspruchsvolle und zugleich sehr unterhaltsame Aufführung. Die knapp 250 Besucher spendeten am Ende zu Recht reichlich Beifall. (...) die Dinkelsbühler boten eine spritzige Inszenierung des verdunkelten Lustspiels. (...) Das tragikomische Spiel (...) wurde von dem Ensemble quicklebendig und manchmal mit augenzwinkernder Ironie auf die Bühne gebracht." (Uwe Mühling im "Weißenburger Tagblatt")

Shakespeare macht Spaß...

vor allem wenn sämtliche Werke in 80 Minuten - leicht gekürzt - auf der Bühne vorgestellt werden. Das ist der fast einstimmige Tenor der Besprechungen zu "Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)" von Adam Lony, Daniel Singer und Jess Winfield in der Bearbeitung von Peter Cahn. Zunächst die Einschränkung: Michael H. Ebers ("WIB") bescheinigt den Darstellern zwar: " Sie ziehen alle Register ihres komischen Potentials. Und das besitzen die drei Mimen in reichlichem Maße." Aber er spricht auch von einem gut angerichteten Menü, "dessen Genuß jedoch ein leicht flaues Gefühl im Magen hinterlässt. (...) Irgendwann können da nur noch die jüngere Comedy-Kids mitlachen." Der Kritiker des "Rothenburger Anzeigers" dagegen hat einen "unvergesslichen Abend" erlebt, "unterhaltsam und spannend sowohl für eingefleischte Shakespeare-Kenner als auch für die erste Begegnung mit dem großen Klassiker, als ansprechende Hilfe, die Angstschwelle zu überwinden". Aus Donauwörth werden dem Theater eine "rekordverdächtige Leistung" und "beste komödiantische Unterhaltung" bescheinigt. "Starker Beifall mit begeisterten Pfiffen jugendlicher Fans belohnte das engagierte Dreierteam: Hohes Spieltempo, blitzschnelles Einstellen auf die verschiedensten Bühnenrollen, flotte Dialoge und Slapstick bis hin zum Klamauk verlangten den Darstellern allerhand ab. Für die Zuschauer wurde daraus noch ein Faschingsnachklang, nämlich ein abwechslungsreicher Abend mit leichter Unterhaltung auf literarischem Hintergrund." So Richard Hroß in der "Donauwörther Zeitung", der allerdings im zweiten, "Hamlet" gewidmeten Teil "nach dem Feuerwerk der ersten Hälfte fast schon einige Längen" feststellt. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" schreibt über eine Vorführung beim Kulturkreis Erftstadt: "Wer hat nicht schon einmal Tränen über eines der Dramen Shakespeares vergossen? Eher selten sah man jedoch das Publikum vor Lachen weinen, wie bei der Darbietung des fränkisch-schwäbischen Städtetheaters Dinkelsbühl." Dort allerdings verließen "einige wenige Zuschauer" in der Pause "entsetzt" den Saal, weil man Shakespeares Werke nicht derart ins Lächerliche ziehen könne. Dagegen verteidigt Reinhardt Gruß im "Hohenloher Tagblatt" das Konzept: "Den Klassikern täte etwas weniger Heldenverehrung nur gut." Natürlich in Grenzen: "Dass dabei das Niveau nicht auf die heute im Comedy-Bereich übliche Niedrigst-Stufe sinkt, dafür sorgen Shakespeares Werke. Und die drei Schauspieler, die mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit und einem Minimum an Requisiten (...) beeindrucken." (Martina Kramer, FLZ) "Welch Glück! Die Besucher der 16 Tragödien, der Sonette und was sei's denn noch, erlebten einen glänzenden Theaterspaß mit hoch motivierten Darstellern! Nicht weniger, geistreich eher mehr." So schreibt Thomas Kampus in der "Schwäbischen Post", Aalen, lenkt aber auch auf einen ganz anderen Aspekt: " Warum eigentlich spielen die vorzüglichen Schauspieler nur zwei Mal in Dinkelsbühl und müssen dann zu Gastspielen auswandern? Das Städtchen hätte mehr von diesem vorzüglichen Spaß verdient gehabt, sollten dort nicht nur touristenfrohe Gastwirte und erinnerungsliebende Zinngießer ihr Handwerk an die Weib- und Männlichkeit bringen." Nett gedacht, wenn auch reichlich realitätsfern!

Keine leichte Kost

Mit "Der Klassenfeind" in der Inszenierung der Dramaturgin Karen Schultze "hat sich ausgerechnet der Dinkelsbühler Theater-Jugend-Club dem zeitkritischen Theater zugewandt (...) keine leichte Kost, die da von Nachwuchs-Hand serviert wurde". (Michael Hanns Ebers in "WIB") Wir erlauben uns die Bemerkung, daß das Verständnis der schwierigen Thematik durchaus erleichtert wurde durch das leitmotivisch fast in jeder Minute des Spielverlaufs entgegengeschleuderte Wort "Scheiß ...". Kein Wunder, daß sich alle Kritiker zur Qualität des Nigel-Williams-Stückes so gut wie nicht äußern. Unsicherheit? Oder Angst, als nicht "in" zu gelten, wenn man an dem von engagierter Jugend Gebotenen kratzt? Dabei sind doch das Spiel der Akteure und die Regie das, was die Zeitungsleute allesamt lobend hervorheben. Also: "Ein schwieriges Stück (...), das manche mit seiner aggressiven Sprache verstört haben mag" (Reinhardt Gruß im "Hohenloher Tagblatt"). Aber: "Viele gute Regieeinfälle von Karen Schultze". (dto.) "Für Karen Schultze ist dies übrigens die erste Regie, die sie führt, und es macht ihr viel Spaß, mit den jungen Mimen an dem sozialkritischen Stück vor einer dem Inhalt [entsprechenden: Ergänzung d. Red.] tristen Kulisse zusammenzuarbeiten." Thomas Hampus von der "Schwäbischen Post", der diese Teamarbeit hervorhebt, bescheinigt der schaupielrnden Jugend "ungewöhnliche Dynamik", "ein enormes Tempo, eine fesselnde Spannung (...) Ein sehenswerter Wurf!" Ebers spricht von einer "reifen, profihaften Leistung". "Besonders hervor tut sich 'Fetza', die Anführerin des desolaten Haufens. Anna-Christin Ballheimer muss viel schreien in dieser Rolle." (Martina Kramer in der FLZ) Muß sie das wirklich? "Den verdienten Sonderapplaus", so ebenfalls Kramer, "heimst Kathrin Schmidt ein mit ihrer Darstellung als kaugummikauende, grell geschminkte und einfach strukturierte Türkin (...) Sie bringt die nötige Farbe in ein ansonsten reichlich unverdauliches und mitunter verkrampftes Stück." Ob eine Türkin diese "Farbe" verdient hat?

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
Dinkelsbühler Gästebuch
Texte aus vier Jahrhunderten
 
Herausgegeben von Ernst-Otto Erhard
 
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mit besonderem Blick auf Dinkelsbühl und seine Geschichte
 
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