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Seit etwa einem Jahr ist Peter Cahn nun Intendant
des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters.Dies
und die unmittelbar bevorstehenden Sommerfestspiele
2002 hat Funkfeuer zum Anlaß für ein Gespräch
mit dem Intendanten und seiner Dramaturgin Karen Schulze
genommen.
Das erste Jahr
Als "sehr spannend, erfolgreich und arbeitsam"
charakterisiert Cahn seine erste Spielzeit in Dinkelsbühl.
Vieles habe sich so entwickelt und gestaltet wie er
sich vorgestellt hatte, ein Eindruck, den Dramaturgin
Schulze voll bestätigt. Spannend sei besonders
der Beginn von beider Tätigkeit gewesen, denn
sie hätten letzten Sommer am "Punkt Null"
wieder anfangen müssen, obwohl Cahn eigentlich
davon ausging, Vorhandenes weiterführen zu können,
"Ich habe mir bessere Infrastruktur und Zustände
hier am Theater vorgestellt" sagt der Intendant,
er sei diesbezüglich enttäuscht worden.
Ausdrücklich Anerkennung zollt Cahn dem Engagement
der Stadt als Trägerin seines Ensembles und der
dadurch zum Ausdruck gebrachten Philosophie von Kulturpolitik.
"Eigentlich sollte das Städtetheater ´Dinkelsbühler
Stadttheater´ heißen, denn Dinkelsbühl
ist unser alleiniger Träger und Förderer",
unterstreicht er. Folgerichtig empfinden es sowohl
Schulze als auch Cahn wichtig, daß das Theater
in erster Linie für Dinkelsbühl selbst da
ist, daß es eine starke Präsenz in den
Mauern unserer Stadt zeigt, was Peter Cahn durch neue
Spielorte ("Misery" in der "Goldenen
Gans"), durch Beiträge des Theaters zu besonderen
Anläßen in der Stadt wie dem Stadtfest
oder durch besonderes Programm wie das Impro-Theater
"Plapperstörche" oder die "Horror-Lesungen"
von einzelnen Ensemble-Mitgliedern außerhalb
des eigentlichen Kern-Spielplanes verwirklicht sieht.
Dabei betont er aber auch, daß dies sehr viel
Kraft erfordere und nur mit besonderem Idealismus
quer durch die gesamte Mannschaft des Städtetheaters
durchzuführen sei. "Wir haben sei sehr viel
gespielt !", sagt Cahn. Gefreut haben sich Cahn
wie Schulze über die Aufgeschlossenheit mit dem
man in der Stadt den Theatermitgliedern begegne. Man
erfahre Unterstützung für die Anliegen des
Theaters und spüre eine große Akzeptanz
für die Theaterarbeit. Kopfzerbrechen bereitet
der Theaterleitung der sich zusehends einengende finanzielle
Spielraum. Dies sei auf der einen Seite steigenden
Preisen geschuldet, für Leistungen, die das Theater
einkaufen muß. So habe sich etwa der Aufbau
der neuen Tribüne innerhalb der letzten vier
Jahre extrem verteuert. Andere Posten ließen
sich ebenfalls anführen. Andererseits mache sich
auch das allgemeine schlechte Konjunkturklima bemerkbar,
da die Gastspielorte dann bei der Buchung von Aufführungen
wesentlich zurückhaltender seien. All dies schlage
sich natürlich auf der Einnahmenseite nieder.
Die so entstehenden Mehraufwendungen seien teilweise
nicht mehr aufzufangen. Dazu wären drei neue
Gastspielorte nötig und die seien in der derzeitigen
Lage nicht zu bekommen, zumal die Konkurrenz im Tourneetheater-Bereich
sehr groß sei. Trotzdem betonen sowohl Peter
Cahn als auch Karen Schulze, eine sehr erfolgreiche
Saison 2001 / 2002 hinter sich zu haben. Rein äußerlich
läßt sich dieser Erfolg schon an den Besucherzahlen
der Dinkelsbühler Aufführungen ablesen:
So habe das Fränkisch-Schwäbische Städtetheater
in Dinkelsbühl eine Platzauslastung von 93 %
erzielt, eine Auslastung - wie wir anmerken dürfen
- von der selbst große Staatstheater nur träumen
können ! Eine Entwicklung, die sicher auch der
Tatsache geschuldet ist, daß lange kritisierte
Mißstände am Aufführungsort Schranne
gemildert bzw. beseitigt werden konnten, "das
Ambiente ist jetzt stimmig", sagt Cahn dazu.
Als besonderen Maßstab für den Erfolg seines
Ensembles im letzten Jahr kann Peter Cahn auch die
Rezensionen der einzelnen Produktionen heranziehen,
so habe man gerade bei kritischen Stücken eine
sehr gute Presse bekommen - auch in den Abstecherorten.
Insofern dürfen wir auf die Übersichten
zur auswärtigen Pressekritik in den Funkfeuerheften
Nr. 43 und Nr. 44 verweisen.
(Volks-) Theater
Der zweite Teil des Funkfeuer-Gesprächs war
der Auffassung gewidmet, die Peter Cahn und Karen
Schulze ihrer Theaterarbeit zugrunde legen. Dabei
war uns aufgefallen, daß Peter Cahn immer wieder
den Begriff "Volkstheater" im Munde führt.
Karen Schulze meint dazu, für sie stehe nicht
abgehobene, abstrakte Kunst im Mittelpunkt der Arbeit
am Theater, sie möchte in direktem Kontakt mit
dem Publikum stehen, für ihr Publikum spielen.
Auch die Unterhaltung müsse ihren Platz bekommen.
Peter Cahn beruft sich auf die lange Tradition, die
das Volkstheater habe und betont dabei, daß
Volkstheater nicht volkstümliches Theater im
Sinne des Tegernseer Bauerntheaters bedeute, sondern
ein mit einfachsten Mitteln produziertes, mit einer
gehörigen Portion Unterhaltung gewürztes
Spielen, das "trotzdem Inhalt an das Volk, an
die Menschen, an das Publikum vermittelt". Man
könne mit Humor mehr erreichen als mit kunstvoller
Dramatik. Cahn zitiert in diesem Zusammenhang Dario
Fo: "Wenn ich Leute zum Lachen bringe, kann ich
den Nagel der Vernunft einschlagen !" Gerade
durch die immense Konkurrenz durch Kino und Fernsehen
müsse das Theater Plattform für den intensiven
direkten Kontakt sein, müsse Begegnung und Austausch
ermöglichen. Beim Theater dürfe es nicht
nur auf das Stück als solches ankommen sondern
- in Zeiten des allgemeinen gesellschaftlichen Rückzuges,
in denen nur noch Events im Vordergrund stünden,
die keine kontinuierliche Beschäftigung ermöglichten
- auch auf das Vorher und Nachher, auf die Pause,
auf die Möglichkeit neue Bekanntschaften zu machen.
"Ich spiele nicht für fünf Intellektuelle,
sondern für 500 Menschen jeder Art und wenn ich
davon fünf erreiche und die anderen 495 einen
schönen Theaterabend hatten, war ich erfolgreich.",
faßt Peter Cahn zusammen. Auf die Frage, ob
er den zentralen Bühnenautor seiner Spielpläne,
William Shakespeare, als Volkstheater-Autor bezeichnen
würde, antwortet Cahn sofort mit einem überzeugenden
"Ja !" Er bewundere die Shakespear´sche
Komik und die Tatsache, daß sich gerade auch
in seinen großartigenTragödien viel Humor
finde. "Shakespeare war eben Autor und Theatermacher."
Die "Art und Weise wie er Menschen in extremen
Situationen charakterisiert, die ausdrucksstarke,
bildhafte Sprache, die nie ins Plakative abgeleitet,
die imstande ist, eine Art Film im Gehirn, eine eigene
kleine Welt, zu erzeugen", begeistert Cahn. "Shakespeare
hatte ein unglaubliches Gespür für lebendige
Schauspielerei." Bei der Durchsicht der Spielpläne
war Funkfeuer aufgefallen, daß - neben Werken
von William Shakespeare - ein deutlicher Schwerpunkt
auf historischen Stoffen liegt. So endete die letzte
Wintersaison mit Griechischem von Kleist, die Sommerfestspiele
bringen mit den "Comedian Harmonists" Zeitgeschichte,
die kommende Winterspielzeit eröffnet mit Schillers
"Kabale und Liebe", es folgt "Amadeus"
von Peter Shaffer und anderes mehr. Karen Schulze
erklärt dies mit der besonderen Spannung, die
diesen Stücken zugrunde liege, sie seien alt
aber lebendig. Heutige Stücke wirkten sehr oft
zu nah, zu gegenwärtig und zeichneten sich häufig
durch Phantasielosigkeit aus. Gleichzeitig "eröffnet
die zeitliche Entfernung eine andere Sicht" auf
die Thematik bzw. Problematik des jeweiligen Stücks.
Intendant Cahn ergänzt "Dramaturgisch sind
die historischen Stücke meist wesentlich besser
als die zeitgenössischen." Schließlich
wollte Funkfeuer wissen, ob Cahn und Schulze Bedenken
tragen mit Filmen verglichen zu werden, die zu manchen
Produktionen existieren, wie etwa bei den "Comedian
Harmonists", "Amadeus" oder "Der
Name der Rose", die im Sommer 2003 im Garten
am Wehrgang gegeben werden wird. Peter Cahn geht die
Frage zunächst pragmatisch an: Er habe die Auswahl
bewusst getroffen, die bekannten Titel bedeuteten
bare Münze, jeder Abdruck in einer Fernseh-Programm-Zeitschrift
sei im Grunde auch Werbung für sein Theater.
Schließlich müsse er jedes Stück auch
verkaufen und der Vorverkauf zu den "Comedian
Harmonists" laufe wesentlich besser als beim
"Mann von La Mancha" in 2001. "Die
Konkurrenz des Filmes fürchte ich nicht",
denn laut Peter Cahn wisse jeder, daß das Theater
ein anderes Medium als der Film sei, was interessiere,
sei die Frage "wie machen die das beim Theater
?" - "Und außerdem mache ich ja nicht
`Krieg der Sterne - der Angriff der Klonkrieger`,
was im übrigen besser würde als bei George
Lucas, der muß Schauspieler hassen, er inszeniert
sie nicht !" Eine Aussage, die das Selbstverständnis
des Regisseurs Cahn im Umgang mit seinen Darstellern
widerspiegelt.
Comedian Harmonists
Am Schluß kam das Funkfeuer-Gespräch schließlich
auf die aktuelle Produktion zu den Sommerfestspielen
2002 zu sprechen, die "Comedian Harmonists"
von Jonek Zielenbach im Künßberg-Garten.
Laut Cahn liegt der diesjährigen Sommerproduktion
eine eigene Textfassung zugrunde, die besser sei als
der Vilsmeier-Film. Sie erzählt die Geschichte
der Harmonists aus der Sicht ihres jüdischen
Baritons Roman Cycowski, der nach dem Zerbrechen der
Gruppe nach Amerika gegangen ist und dort im Alter
von 97 Jahren 1998 verstarb. Aus der Erinnerung des
alten Cycowski entspinnt sich die Geschichte neu.
"Und wie das mit Erinnerungen so ist, sie werden
zauberhafter, als die Realität war, es bildet
sich eine Art Legende", hebt Cahn hervor. Und
eine solch´ zauberhafte Atmosphäre sei
im Garten am Wehrgang vorhanden, es werde ein Gartenfest,
bei dem Cykowski erzählt. Cahn wünscht sich,
daß sich das Publikum im Garten in Dinkelsbühl
gefangen nehmen lasse, in die Geschichte eintauche
und am Ende wieder in Dinkelsbühl aufwache.
Das Stück charakterisiert Cahn weiterhin so:
Wie jede schöne Erinnerung habe auch die von
Roman Cycowski dunkle Flecken. Denn obwohl die Comedian
Harmonists die Zeitläufe lange Zeit ignorieren
konnten und nur am Rande von der Nazi-Diktatur betroffen
gewesen seien, zeige sich doch oder gerade, wie sich
die Nazis der beliebten Künstler, von denen einige
jüdischen Glaubens waren, bedienten, als Aushängeschild
oder Devisenbeschaffer, auf die sie die sogenannten
"Rassegesetze" nur widerwillig anwenden
wollten.
Doch die zeitgeschichtlichen Bezüge stehen für
Peter Cahn nicht so stark im Mittelpunkt. Ihn habe
das Zwischenmenschliche in der Gruppe interessiert.
Er wolle zeigen, wie eine solche Erfolgsgeschichte,
auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren die Comedian
Harmonists weltberühmt, in der schwierigen Zeit
in und nach der Weltwirtschaftskrise möglich
war. Wie die einzelnen Harmonists trotz Rückschlägen
von ihrer Idee beseelt waren und sie trotzdem umgesetzt
haben. "Und dies in einer Art Märchen in
der Erinnerung eines alten Mannes."
Die Sommerfestspiele 2002 dauern vom 19. Juni bis
18. August 2002. Die einzelnen Aufführungstermine
sind den ausliegenden Faltblättern bzw. dem Internet,
www.dinkelsbuehl.de, zu entnehmen. Information und
Karten unter Telefon und Fax-Nr.: 09851-90276 oder
eMail: theater@dinkelsbuehl.de.
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