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  >>> Theater, Funkfeuer Nr. 45, Sommer 2002
   
  Ein Jahr Intendanz Cahn
  Spannung, Erfolg, Arbeit
  Ein Gespräch
   
 

Seit etwa einem Jahr ist Peter Cahn nun Intendant des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters.Dies und die unmittelbar bevorstehenden Sommerfestspiele 2002 hat Funkfeuer zum Anlaß für ein Gespräch mit dem Intendanten und seiner Dramaturgin Karen Schulze genommen.

Das erste Jahr

Als "sehr spannend, erfolgreich und arbeitsam" charakterisiert Cahn seine erste Spielzeit in Dinkelsbühl. Vieles habe sich so entwickelt und gestaltet wie er sich vorgestellt hatte, ein Eindruck, den Dramaturgin Schulze voll bestätigt. Spannend sei besonders der Beginn von beider Tätigkeit gewesen, denn sie hätten letzten Sommer am "Punkt Null" wieder anfangen müssen, obwohl Cahn eigentlich davon ausging, Vorhandenes weiterführen zu können, "Ich habe mir bessere Infrastruktur und Zustände hier am Theater vorgestellt" sagt der Intendant, er sei diesbezüglich enttäuscht worden. Ausdrücklich Anerkennung zollt Cahn dem Engagement der Stadt als Trägerin seines Ensembles und der dadurch zum Ausdruck gebrachten Philosophie von Kulturpolitik. "Eigentlich sollte das Städtetheater ´Dinkelsbühler Stadttheater´ heißen, denn Dinkelsbühl ist unser alleiniger Träger und Förderer", unterstreicht er. Folgerichtig empfinden es sowohl Schulze als auch Cahn wichtig, daß das Theater in erster Linie für Dinkelsbühl selbst da ist, daß es eine starke Präsenz in den Mauern unserer Stadt zeigt, was Peter Cahn durch neue Spielorte ("Misery" in der "Goldenen Gans"), durch Beiträge des Theaters zu besonderen Anläßen in der Stadt wie dem Stadtfest oder durch besonderes Programm wie das Impro-Theater "Plapperstörche" oder die "Horror-Lesungen" von einzelnen Ensemble-Mitgliedern außerhalb des eigentlichen Kern-Spielplanes verwirklicht sieht. Dabei betont er aber auch, daß dies sehr viel Kraft erfordere und nur mit besonderem Idealismus quer durch die gesamte Mannschaft des Städtetheaters durchzuführen sei. "Wir haben sei sehr viel gespielt !", sagt Cahn. Gefreut haben sich Cahn wie Schulze über die Aufgeschlossenheit mit dem man in der Stadt den Theatermitgliedern begegne. Man erfahre Unterstützung für die Anliegen des Theaters und spüre eine große Akzeptanz für die Theaterarbeit. Kopfzerbrechen bereitet der Theaterleitung der sich zusehends einengende finanzielle Spielraum. Dies sei auf der einen Seite steigenden Preisen geschuldet, für Leistungen, die das Theater einkaufen muß. So habe sich etwa der Aufbau der neuen Tribüne innerhalb der letzten vier Jahre extrem verteuert. Andere Posten ließen sich ebenfalls anführen. Andererseits mache sich auch das allgemeine schlechte Konjunkturklima bemerkbar, da die Gastspielorte dann bei der Buchung von Aufführungen wesentlich zurückhaltender seien. All dies schlage sich natürlich auf der Einnahmenseite nieder. Die so entstehenden Mehraufwendungen seien teilweise nicht mehr aufzufangen. Dazu wären drei neue Gastspielorte nötig und die seien in der derzeitigen Lage nicht zu bekommen, zumal die Konkurrenz im Tourneetheater-Bereich sehr groß sei. Trotzdem betonen sowohl Peter Cahn als auch Karen Schulze, eine sehr erfolgreiche Saison 2001 / 2002 hinter sich zu haben. Rein äußerlich läßt sich dieser Erfolg schon an den Besucherzahlen der Dinkelsbühler Aufführungen ablesen: So habe das Fränkisch-Schwäbische Städtetheater in Dinkelsbühl eine Platzauslastung von 93 % erzielt, eine Auslastung - wie wir anmerken dürfen - von der selbst große Staatstheater nur träumen können ! Eine Entwicklung, die sicher auch der Tatsache geschuldet ist, daß lange kritisierte Mißstände am Aufführungsort Schranne gemildert bzw. beseitigt werden konnten, "das Ambiente ist jetzt stimmig", sagt Cahn dazu. Als besonderen Maßstab für den Erfolg seines Ensembles im letzten Jahr kann Peter Cahn auch die Rezensionen der einzelnen Produktionen heranziehen, so habe man gerade bei kritischen Stücken eine sehr gute Presse bekommen - auch in den Abstecherorten. Insofern dürfen wir auf die Übersichten zur auswärtigen Pressekritik in den Funkfeuerheften Nr. 43 und Nr. 44 verweisen.

(Volks-) Theater

Der zweite Teil des Funkfeuer-Gesprächs war der Auffassung gewidmet, die Peter Cahn und Karen Schulze ihrer Theaterarbeit zugrunde legen. Dabei war uns aufgefallen, daß Peter Cahn immer wieder den Begriff "Volkstheater" im Munde führt. Karen Schulze meint dazu, für sie stehe nicht abgehobene, abstrakte Kunst im Mittelpunkt der Arbeit am Theater, sie möchte in direktem Kontakt mit dem Publikum stehen, für ihr Publikum spielen. Auch die Unterhaltung müsse ihren Platz bekommen. Peter Cahn beruft sich auf die lange Tradition, die das Volkstheater habe und betont dabei, daß Volkstheater nicht volkstümliches Theater im Sinne des Tegernseer Bauerntheaters bedeute, sondern ein mit einfachsten Mitteln produziertes, mit einer gehörigen Portion Unterhaltung gewürztes Spielen, das "trotzdem Inhalt an das Volk, an die Menschen, an das Publikum vermittelt". Man könne mit Humor mehr erreichen als mit kunstvoller Dramatik. Cahn zitiert in diesem Zusammenhang Dario Fo: "Wenn ich Leute zum Lachen bringe, kann ich den Nagel der Vernunft einschlagen !" Gerade durch die immense Konkurrenz durch Kino und Fernsehen müsse das Theater Plattform für den intensiven direkten Kontakt sein, müsse Begegnung und Austausch ermöglichen. Beim Theater dürfe es nicht nur auf das Stück als solches ankommen sondern - in Zeiten des allgemeinen gesellschaftlichen Rückzuges, in denen nur noch Events im Vordergrund stünden, die keine kontinuierliche Beschäftigung ermöglichten - auch auf das Vorher und Nachher, auf die Pause, auf die Möglichkeit neue Bekanntschaften zu machen. "Ich spiele nicht für fünf Intellektuelle, sondern für 500 Menschen jeder Art und wenn ich davon fünf erreiche und die anderen 495 einen schönen Theaterabend hatten, war ich erfolgreich.", faßt Peter Cahn zusammen. Auf die Frage, ob er den zentralen Bühnenautor seiner Spielpläne, William Shakespeare, als Volkstheater-Autor bezeichnen würde, antwortet Cahn sofort mit einem überzeugenden "Ja !" Er bewundere die Shakespear´sche Komik und die Tatsache, daß sich gerade auch in seinen großartigenTragödien viel Humor finde. "Shakespeare war eben Autor und Theatermacher." Die "Art und Weise wie er Menschen in extremen Situationen charakterisiert, die ausdrucksstarke, bildhafte Sprache, die nie ins Plakative abgeleitet, die imstande ist, eine Art Film im Gehirn, eine eigene kleine Welt, zu erzeugen", begeistert Cahn. "Shakespeare hatte ein unglaubliches Gespür für lebendige Schauspielerei." Bei der Durchsicht der Spielpläne war Funkfeuer aufgefallen, daß - neben Werken von William Shakespeare - ein deutlicher Schwerpunkt auf historischen Stoffen liegt. So endete die letzte Wintersaison mit Griechischem von Kleist, die Sommerfestspiele bringen mit den "Comedian Harmonists" Zeitgeschichte, die kommende Winterspielzeit eröffnet mit Schillers "Kabale und Liebe", es folgt "Amadeus" von Peter Shaffer und anderes mehr. Karen Schulze erklärt dies mit der besonderen Spannung, die diesen Stücken zugrunde liege, sie seien alt aber lebendig. Heutige Stücke wirkten sehr oft zu nah, zu gegenwärtig und zeichneten sich häufig durch Phantasielosigkeit aus. Gleichzeitig "eröffnet die zeitliche Entfernung eine andere Sicht" auf die Thematik bzw. Problematik des jeweiligen Stücks. Intendant Cahn ergänzt "Dramaturgisch sind die historischen Stücke meist wesentlich besser als die zeitgenössischen." Schließlich wollte Funkfeuer wissen, ob Cahn und Schulze Bedenken tragen mit Filmen verglichen zu werden, die zu manchen Produktionen existieren, wie etwa bei den "Comedian Harmonists", "Amadeus" oder "Der Name der Rose", die im Sommer 2003 im Garten am Wehrgang gegeben werden wird. Peter Cahn geht die Frage zunächst pragmatisch an: Er habe die Auswahl bewusst getroffen, die bekannten Titel bedeuteten bare Münze, jeder Abdruck in einer Fernseh-Programm-Zeitschrift sei im Grunde auch Werbung für sein Theater. Schließlich müsse er jedes Stück auch verkaufen und der Vorverkauf zu den "Comedian Harmonists" laufe wesentlich besser als beim "Mann von La Mancha" in 2001. "Die Konkurrenz des Filmes fürchte ich nicht", denn laut Peter Cahn wisse jeder, daß das Theater ein anderes Medium als der Film sei, was interessiere, sei die Frage "wie machen die das beim Theater ?" - "Und außerdem mache ich ja nicht `Krieg der Sterne - der Angriff der Klonkrieger`, was im übrigen besser würde als bei George Lucas, der muß Schauspieler hassen, er inszeniert sie nicht !" Eine Aussage, die das Selbstverständnis des Regisseurs Cahn im Umgang mit seinen Darstellern widerspiegelt.

Comedian Harmonists

Am Schluß kam das Funkfeuer-Gespräch schließlich auf die aktuelle Produktion zu den Sommerfestspielen 2002 zu sprechen, die "Comedian Harmonists" von Jonek Zielenbach im Künßberg-Garten. Laut Cahn liegt der diesjährigen Sommerproduktion eine eigene Textfassung zugrunde, die besser sei als der Vilsmeier-Film. Sie erzählt die Geschichte der Harmonists aus der Sicht ihres jüdischen Baritons Roman Cycowski, der nach dem Zerbrechen der Gruppe nach Amerika gegangen ist und dort im Alter von 97 Jahren 1998 verstarb. Aus der Erinnerung des alten Cycowski entspinnt sich die Geschichte neu. "Und wie das mit Erinnerungen so ist, sie werden zauberhafter, als die Realität war, es bildet sich eine Art Legende", hebt Cahn hervor. Und eine solch´ zauberhafte Atmosphäre sei im Garten am Wehrgang vorhanden, es werde ein Gartenfest, bei dem Cykowski erzählt. Cahn wünscht sich, daß sich das Publikum im Garten in Dinkelsbühl gefangen nehmen lasse, in die Geschichte eintauche und am Ende wieder in Dinkelsbühl aufwache.
Das Stück charakterisiert Cahn weiterhin so: Wie jede schöne Erinnerung habe auch die von Roman Cycowski dunkle Flecken. Denn obwohl die Comedian Harmonists die Zeitläufe lange Zeit ignorieren konnten und nur am Rande von der Nazi-Diktatur betroffen gewesen seien, zeige sich doch oder gerade, wie sich die Nazis der beliebten Künstler, von denen einige jüdischen Glaubens waren, bedienten, als Aushängeschild oder Devisenbeschaffer, auf die sie die sogenannten "Rassegesetze" nur widerwillig anwenden wollten.
Doch die zeitgeschichtlichen Bezüge stehen für Peter Cahn nicht so stark im Mittelpunkt. Ihn habe das Zwischenmenschliche in der Gruppe interessiert. Er wolle zeigen, wie eine solche Erfolgsgeschichte, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren die Comedian Harmonists weltberühmt, in der schwierigen Zeit in und nach der Weltwirtschaftskrise möglich war. Wie die einzelnen Harmonists trotz Rückschlägen von ihrer Idee beseelt waren und sie trotzdem umgesetzt haben. "Und dies in einer Art Märchen in der Erinnerung eines alten Mannes."

Die Sommerfestspiele 2002 dauern vom 19. Juni bis 18. August 2002. Die einzelnen Aufführungstermine sind den ausliegenden Faltblättern bzw. dem Internet, www.dinkelsbuehl.de, zu entnehmen. Information und Karten unter Telefon und Fax-Nr.: 09851-90276 oder eMail: theater@dinkelsbuehl.de.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
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