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Erdbeben, Hochwasser, Epidemien unter Menschen und Tieren, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Tornados... Derartigen Horrorszenarien waren die Menschen im Lauf ihrer Geschichte immer wieder ausgesetzt, wenn auch nicht jedesmal in der Massierung, wie wir sie in dem nun zu Ende gehenden „Katastrophenjahr 2005“ erlebten.
Anders aber als in unserem Zeitalter der Wissenschaften führte man solche grauenhaften Ereignisse in früheren Jahrhunderten nicht auf natürliche Ursachen zurück, sondern glaubte in ihnen das disziplinierende Walten einer strafenden Gottheit gegenüber menschlichen Versündigungen zu erkennen.
Dieses Verständnis spiegelt sich auch in den hier wiedergegebenen Abbildungen: Darstellungen eines allgemeinen Viehsterbens, eines Regens von Kröten („Grotten“), die vom Himmel herabstürzen, und einer Art Beulenpest („Plattern“), deren Wirkung Gottvater von oben persönlich mit verfolgt und gutheißt.
Die drei Miniaturgemälde (im Format von etwa 17 x 16 cm) sind Teil einer Tafel, auf der sich weitere 7 Katastrophendarstellungen finden, insgesamt also 10, welche – siehe Exodus 7–12 – die legendären 10 ägyptischen Plagen veranschaulichen. Diese Heimsuchungen verhängte einst Jahwe über die Ägypter, um den herrschenden Pharao dazu zu bewegen, das Volk Israel unter Führung von Moses und Aaron ins gelobte Land auswandern zu lassen.
Das theologisch Besondere, vielleicht Einmalige an den Bildern ist aber erst ihre gegenüber dem biblischen Text überraschende, ja verwegene Neudeutung. Jede der 10 Plagen wird der in gleicher Größe dargestellten Übertretung eines der 10 Gebote gegenübergestellt und zugeordnet. Die „Plattern“ etwa gelten als Bestrafung für die Mißachtung des 5. Gebots (Du sollst nicht morden), das Viehsterben droht dem Dieb, der sich über das 7. Gebot hinwegsetzt, und als Buße aus der „Ubertretung des erst gbot“ folgt: „Darū regnets grotten“.
Diese Bildkombinationen dürften einst ein durchaus wirksames Instrument in der Hand der Kirche gewesen sein, um die Gläubigen von der Dringlichkeit des Gehorsams gegenüber den Geboten zu überzeugen. Vermutlich wirkten sie zur Zeit ihrer Entstehung vor etwa 500 Jahren sogar nachhaltiger als etwa in unseren Tagen Film-Aufnahmen aus den aktuellen Katastrophengebieten, die nur allzu leicht Gefahr laufen, nach kurzer Zeit schon von der alltäglichen Bilderschwemme der Medien verdrängt zu werden.
Heute freilich haben die alten Bilder die Bedrohlichkeit ihrer Botschaft verloren, kein Geistlicher macht auch mehr von der Tafel Gebrauch. Ein zeitgenössischer Betrachter mag über sie als über ein Kuriosum sogar vergnüglich lächeln – ein Vergnügen, zu dem weniger die Inhalte als die Art der Darstellungen beitragen. Anders als ein Felix Mader, der sie 1931 in seinem Inventar noch wissenschaftlich-trocken als „künstlerisch nur dekorativ“ wertete, können wir sie inzwischen als reizvolle Beispiele für eine weit zurückreichende Tradition von Volks-Kunst würdigen. Ihre Drastik, ihre Naivität, ihre Direktheit: erinnern sie uns nicht auch ein wenig an die gruselig-schönen Schaubilder der Moritatensänger? Jedenfalls haben die Darstellungen eine neue Wirkungsweise gewonnen, an die ihr Schöpfer einst nicht gedacht haben dürfte.
Die hier ausgewählten Fotografien wurden nur von sehr wenigen Dinkelsbühlern, denen wir sie zeigten, wiedererkannt. Dabei hängt die Tafel mit den 20 Miniaturbildern im Chorumgang des hiesigen St.-Georgs-Münsters. Der freilich ist bedauerlicherweise seit einiger Zeit – warum eigentlich? – für Besucher gesperrt. So bleiben die Bilder weiterhin vom Dunkel der Nichtbeachtung eingehüllt, während die Kirche von außen – siehe unser Titelbild – abends in hellstem Lichterglanz bewundert werden kann.
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