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Organistin und Friseurmeisterin
Edith Simmacher

   
 
   
 

An ihre Kindheit denkt sie gern zurück: an den feinen Ton des Glöckleins zum Beispiel, das sie und ihren Bruder ins Weihnachtszimmer rief, wo das Fenster noch offen stand, aus dem eben das Christkind hinausgeflogen war; an die Suche nach den bunten Eiern, die der Osterhase versteckt hatte. Nicht ungern erinnert sie sich heute freilich auch an das alljährliche furchtsame Warten auf den Nußmärtel. Kälbermärtel nannte ihn die Mutter, um die Furcht des Kindes noch etwas zu steigern, was auch gelang, bis eines Tages der Klang seiner Stimme den bärtigen Besucher als den Nachbarn verriet, den Werrleins Franz. In der Schule später ging es streng zu, und manchmal wurde einem Mitschüler vom Lehrer eine Mark in die Hand gedrückt, damit er im nächsten Geschäft rasch ein Spanisches Rohr besorgte, wie es für Tatzen und „Hosenspanner“ benötigt wurde. So war das eben, in der „guten alten Zeit“, so wuchsen die Kinder damals heran, und nichts wies darauf hin, dass das Leben der kleinen Edith einen etwas anderen Verlauf nehmen sollte als das der meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen.
Früh schon keimte in dem Mädchen ein besonderer Wunsch, auf den sie eindringlich und immer öfter zu sprechen kam: Sie wollte Klavier spielen lernen. Ganz von ungefähr scheint dieser Wunsch nicht entstanden zu sein. Musik spielte in der Familie eine wichtige Rolle. Der Vater, Angestellter am Finanzamt, war ein respektabler Geigenspieler und versuchte sogar, in seiner Werkstatt auf dem Dachboden selbst ein Exemplar seines Lieblingsinstruments zu bauen. Die Mutter, eines von 12 Geschwistern, die alle musikalische Fähigkeiten aufwiesen, hatte eine schöne Stimme und wurde im Kirchenchor immer wieder mit solistischen Aufgaben betraut. Ein Klavier allerdings gab es in der Familie nicht. Doch als das Drängen des Kindes nicht nachließ, hatte der Vater ein Einsehen. Er nahm die Gelegenheit zu einem Schnäppchen wahr und kaufte von einem der Nachbarn um 60 Mark ein älteres, schon etwas abgenutztes Instrument: ein Geschenk, welches das Leben seiner Tochter entscheidend bestimmen sollte.
Mit sieben, acht Jahren erhielt sie ersten Klavierunterricht. Verschiedene Lehrerinnen der Volksschule nahmen sich ihrer an. Wenn das Mädchen das Können der einen Lehrerin erreicht hatte, gab die es an eine andere weiter. Denn Edith lernte rasch, und schon bald durfte sie bei der häuslichen Schrammelmusik einiger Freunde ihres Vaters mitmachen, der dabei selbst je nach Bedarf die Geige oder das Cello strich.

Im Dritten Reich

Die Ordnung, die unter den Nationalsozialisten das Leben auch in der Kleinstadt bestimmte, sieht Edith Simmacher heute durchaus positiv, doch die Bedrohungen und Zwänge, die damit einhergingen, etwa der befohlene Beitritt zum BDM, wurden der Heranwachsenden bald zum Gräuel. Außerdem musste der geliebte Vater weg „ins Feld“ und über Jahre Kriegsdienst leisten. Auch die Musik und die Musiker wurden von dem braunen Regime in Dienst genommen. Dabei kam es einmal zu einem Zwischenfall, den Edith nicht vergessen sollte. Bei einer Veranstaltung in der Schranne hatte sie einige Klaviereinlagen zu spielen. Für das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied hatte sie peinlicherweise die Noten zu Hause liegen lassen. Auf ihre Bitte übernahm Fritz Gabler, ein Bekannter, der mit ein paar HJ-Buben an der Veranstaltung teilnahm, die pianistische Begleitung. Edith blieb währenddessen mit weisungsgemäß erhobenem rechten Arm neben dem Flügel stehen, ohne freilich – ein zweites Versehen – mitzusingen. Nach dem Ende der Veranstaltung stürzte ein SA-Sturmbannführer mit allen Zeichen wütender Verärgerung auf die Siebzehnjährige zu und schleuderte ihr einige Sätze ins Gesicht, die sie heute noch auswendig weiß: „Sie Rotzaff, Sie dreggader! Sie haben’s wohl nicht nötig, auf das Wohl unseres Führers zu singen! Wenn Sie ein Mannsbild wären, würd’ ich Ihnen jetzt links und rechts eine runterhauen! Warten Sie, wir werden aus Ihnen noch eine Nationalsozialistin machen!“ Damit schien die Sache ausgestanden zu sein.
Nun gab es während der Kriegsjahre in Dinkelsbühl eine Filiale der Firma Stiefhofer & Braun, die Militäruniformen herstellte. Edith Simmacher wurde, wie damals üblich, „kriegsverpflichtet“ und musste in diesem Betrieb mitarbeiten. Sie erwies sich als geschickt und wurde bald zur Ausbilderin von Neulingen. Als sich nach dem Krieg der Betrieb auflöste, fragte sie eines Tages ihr bisheriger Chef unter vier Augen: „Was hatten Sie denn, bevor Sie zu mir kamen, verbrochen? Wissen Sie, dass Ihr Name bis Nürnberg gemeldet wurde, um Sie ins Kz bringen zu lassen? Sie waren für uns aber unersetzlich und wir konnten Sie nicht hergeben. Nur deshalb durften Sie hier bleiben.“

Nach dem Krieg

Weitreichende Perspektiven für ihre Zukunft konnte die inzwischen 20jährige Edith Simmacher nach dem Ende der Hitlerdiktatur nicht für sich ausmachen. Die Hoffnung auf ein in Aussicht gestelltes Studium am Nürnberger Konservatorium musste sie nach dessen Zerstörung aufgeben. Die junge Frau verdiente sich jetzt mit Klavierunterricht ein wenig Geld, das Honorar: drei Mark pro Stunde. Ihr musikalischer Mentor Max Gebhard, von dem sie gelegentlich selbst Unterricht erhielt, empfahl sie eines Tages an den Städtischen Musikmeister Willi Bayer. Der leitete neben seiner Stadtkapelle auch ein kleines Salonorchester, für das ihm Edith Simmacher eine willkommene Bereicherung war. Da sie sich als eine ganz famose Vom-Blatt-Spielerin bewährte, wurde sie für Willi Bayer besonders wertvoll, denn geübt wurde bei ihm nicht viel. So machte sie zusammen mit dem Musikmeister und seinen Leuten 12 Jahre lang Tanzmusik: bei Faschingsbällen in der Schranne oder in der Goldenen Kanne, bei Unterhaltungsabenden für rheinländische Touristen oder für Amerikaner. Sie spielten die klassischen Tänze bei den Vorführungen des Kinder- und Jugendballetts, das die ehemalige Münchner Kabarettistin und Tänzerin Friedl Zaech leitete, und sie traten schließlich auch bei Festen in den umliegenden Dörfern auf.
Mit gleicher Begeisterung wie im Salonorchester spielte Edith Simmacher aber auch klassische Musik. Zu den Höhepunkten in diesem Genre zählte für sie das gemeinsamen Musizieren mit dem nach dem Krieg aus Nürnberg zugezogenen Heilpraktiker Willi Schmid, einem vorzüglichen Geiger, der über „einen eleganten, weichen Strich“ verfügte. Durch seine berufliche Tätigkeit kam er auch in Kontakt mit manchen anderen Musikern aus der weiteren Umgebung, so dass sich die Möglichkeit zu zahlreichen kammermusikalischen Zusammenstellungen ergab.
Freilich bestand das Leben der Edith Simmacher nicht ausschließlich aus Musik. Sie musste, wie damals üblich, die Dienste eines für den Haushalt zuständigen „Pflichtjahrmädchens“ antreten, eine Arbeit, für die sie der Familie Spang zugewiesen wurde. Frau Spang betrieb einen Friseursalon, und ganz nebenbei schaute sich dort Edith die Handwerkskünste ihrer Chefin ab. Zuletzt beherrschte sie sogar die damals noch schwierige Technik einer Dauerwelle. Nach Ende ihrer Dienstzeit hatte sie Lust, nunmehr selbst ein Friseurgeschäft zu führen. In Nürnberg gelang es ihr in der Meisterschule, obwohl sie zuvor bei Spang keinen eigentlichen Lehrvertrag abgeschlossen hatte, dennoch, den für ihre Absichten nötigen Titel einer Meisterin zu erwerben. Und eines Tages eröffnete sie in Dinkelsbühl einen eigenen Salon. Damit hatte sie sich eine finanzielle Lebensbasis geschaffen. Die Musik kam trotzdem nicht zu kurz, am arbeitsfreien Montag gab sie Klavierstunden und: sie leistete sich einen kostbaren Blüthner-Flügel.
Es war im Jahre 1948, als sie einem jungen, sympathischen Mann begegnete. Er war musikalisch und mit einer wohlklingenden Stimme begabt. Beim Duettieren kamen sich die beiden näher und verlobten sich. Aber es war wohl auf beiden Seiten nicht die große Liebe. Edith fürchtete auch, als Ehefrau ihre neu erworbene Selbständigkeit zu verlieren und konnte sich eine Zukunft mit Geschäft, Haushalt und Musik nicht vorstellen. Die Trennung hat sie bis heute nicht bereut.

Der Orgeldienst

Max Gebhard hatte den Werdegang der jungen Frau nie aus dem Auge verloren. Er selbst sorgte damals für die Kirchenmusik in St. Georg. Als ihm auf längere Sicht eine Hilfe nötig schien, klopfte er bei Edith Simmacher an. Nicht vergeblich. Für sie eröffneten sich nun ganz neue Möglichkeiten des Musizierens. Gebhard zeigte ihr, was sie als Klavierspielerin am Orgeltisch noch dazulernen musste, das richtige Registrieren etwa und das Treten der Fußpedale. Gegen den anfänglichen Widerstand des Stadtpfarrers erwirkte er ihr auch die Erlaubnis, an der Kirchenorgel zu üben, und eines Tages ließ sie sich dazu verpflichten, den regelmäßigen Orgeldienst zu übernehmen, eine schöne, aber auch selbstlose und manchmal anstrengende Aufgabe, der sie bis zu ihrem 84. Geburtstag im Juni dieses Jahres nachkam. Als Organistin vor allem, die in allsonntäglichen Gottesdiensten, bei Begräbnissen und Hochzeiten, auch in den Messen der klassischen Komponisten als zuverlässige Stütze der Kantoren wirkte, kennen und schätzen sie die Dinkelsbühler. Daneben vernachlässigte sie aber nicht das ihr seit Jugend vertraute Klavier, sei’s solistisch bei Familienfeiern oder zusammen mit anderen Musikern, nicht zuletzt im Musizierkreis Schleinkofer, bei öffentlichen Anlässen oder ganz privat. Edith Simmacher: eine Frau, der es mit bemerkenswerter Disziplin gelang, ihren Kindheitstraum trotz manchen beträchtlichen Hindernissen als Mittelpunkt ihres Lebens zu bewahren.


   
   
 
 
 
 
   
 
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