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Alte und neue Heimat

   
 
 

 

 

 

 


Nach dem Text von Leonte Pop

Der vorstehende (von der Redaktion leicht gekürzte) Text wurde als Vortrag in der Jahreshauptversammlung 2008 des Freundeskreises Dinkelsbühl – Sighisoara/Schäßburg gehalten und ist ein Exzerpt der Facharbeit in Geschichte von Leonte Pop zum gleichen Thema.

Im 12. Jahrhundert folgten Siedler aus dem Köln-Luxemburger Raum dem Ruf des ungarischen Königs nach Siebenbürgen. Die Ansiedlung dieser Deutschen war kein isolierter Vorgang, sondern Teil der deutschen Ostkolonisation, in deren Verlauf z.B. Brandenburg, Pommern oder Schlesien kolonisiert wurden. Die Bezeichnung „Sachsen“ entwickelte sich im Laufe der Zeit und hat mit den heutigen Bundesländern Sachsen oder Sachsen-Anhalt nichts gemeinsam.
In den darauffolgenden Jahrhunderten profilierte sich die Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen zu einem autarken Stamm. Ihre Leistungen wurden erst dadurch möglich, dass ihnen ungarische Könige besondere Freiheiten und Sonderrechte gewährten. Dadurch entwickelten sich z.B. befestigte Städte, Dörfer mit Kirchenburgen, das Zunftwesen oder das eigenständige Schulwesen.
Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert reduzierte sich der Bevölkerungsanteil der Siebenbürger Sachsen nach den schwerwiegenden Türkenbelagerungen, den Seuchen und Kriegen um die Hälfte auf ca. 100.000.
Sowohl als Teil Ungarns vor 1918 als auch als Teil Rumäniens danach wurden sie zu einer bedrohten deutschen Minderheit. Von 1867 bis 1918 gab es seitens der ungarischen Regierung zahlreiche Versuche, die Siebenbürger Sachsen zu magyarisieren. Nach 1918 machte sich ein rumänischer Chauvinismus breit, der sich in vieler Hinsicht nur dadurch von dem bis dahin gewohnten unterschied, dass die Anweisungen aus Bukarest und nicht mehr aus Budapest kamen.
In den 30er Jahren entstanden auch in Rumänien faschistische und nationalsozialistische Bewegungen, aus deren Reihen sich später zahlreiche Freiwillige zur Waffen-SS meldeten. Da Deutschland unter Hitler ein starkes Interesse an den rumänischen Erdölgebieten hatte, kam es zu einer wirtschaftlichen Vereinbarung zwischen Deutschland und Rumänien. Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes verlor dann aber Rumänien ein Drittel seines Staatsgebietes, nämlich Bessarabien, an Russland und Nordsiebenbürgen an Ungarn.
Bei Kriegsbeginn gegen Russland 1941 war Rumänien auf der Seite Deutschlands, wollte aber nach dem Wiedergewinn Bessarabiens aus dem Krieg ausscheren, konnte dies jedoch gegen den deutschen Druck nicht durchsetzen. Als die Gegenoffensive Russlands begann, wechselte Rumänien im August 1944 die Seite und erklärte Deutschland den Krieg. Da die deutsche Wehrmacht die Deutschstämmigen aus Siebenbürgen vor der russischen Armee retten wollte, wurden die Nordsiebenbürger in Zügen und Trecks evakuiert. Eine organisierte Evakuierung Südsiebenbürgens war nicht möglich, da die Rote Armee bereits sehr weit vorgedrungen war.
Am Ende des Krieges befanden sich die Siebenbürger Sachsen in einer Situation, wie es sie in ihrer 800jährigen Geschichte noch nie gegeben hatte – ihre Angehörigen waren auf mehrere Länder verstreut: etwa 150–160.000 waren in Rumänien verblieben, etwas mehr als 30.000 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden, rund 30.000 Flüchtlinge aus Nordsiebenbürgen und etwa 5000 aus Südsiebenbürgen befanden sich in Österreich und Deutschland, die gewesenen Angehörigen der Waffen-SS und der Deutschen Wehrmacht in Kriegsgefangenschaft. Viele der Evakuierten oder Deportierten glaubten, dass sie nach wenigen Wochen wieder in ihre Heimat zurückkehren dürften. Die Zurückgeblieben aber erhielten Sonderausweise und wurden zu Zwangsarbeiten eingesetzt und enteignet. Sowohl die rumänische als auch die russische Regierung sahen in den „Sachsen“ Kollaborateure Hitlers. Sie waren politisch rechtlos und örtlicher Willkür ausgesetzt.
Unter der Volksrepublik Rumänien wurde aus selbständigen Sachsen eine Gruppe von Unselbständigen. Schritt für Schritt lockerte sich die Verbindung zur Dorfgemeinschaft, setzte sich die rumänische Sprache für alle durch, und Sitte und Brauchtum verloren immer mehr an Bedeutung. Die Folge dieser Entwicklung ist eine Überalterung der dörflichen Bevölkerung und dadurch eine weitere Steigerung der Abwanderungsbereitschaft der Jugend. Das Verschweigen und Verfälschen der Vergangenheit der eigenen ethnischen Gruppe empfindet der Deutsche in Rumänien als besonders schmerzlich. Dadurch erhält er zunehmend das Gefühl, in der eigenen Heimat ein Fremder zu sein.
Welche Möglichkeiten bekamen nun die abwanderungswilligen Siebenbürger Sachsen? Bereits vor der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen wurde von der deutschen Bundesregierung ein sogenanntes Kopfgeld für deutsche Aussiedler gezahlt, das im Laufe der Jahre von 4000 auf bis zu 80.000 DM gesteigert wurde. Zwischen 1950 und 1986 kann man von 192.000 deutschen Aussiedlern aus Rumänien ausgehen, von denen ein Teil auch in Dinkelsbühl eine neue Heimat gefunden hat.
In den Jahren 1958/59 kamen ca. 30 siebenbürgisch-sächsische Familien durch ein Programm der bayerischen Landessiedlung nach Dinkelsbühl. Die Ansiedler ließen sich in der Hesselberg-, Siebenbürgen- und Egerlandstraße nieder und bekamen bei Lohe Grundstücke für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung. Die bäuerliche Struktur der Siebenbürger Sachsen versuchte man dadurch aufrechtzuerhalten.
Nach dem Amtsantritt von Bürgermeister Dr. Jürgen Walchshöfer entstand der Wunsch nach einer offiziellen Verbindung zwischen Dinkelsbühl und der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, die seit den 50er Jahren ihre Pfingstreffen in Dinkelsbühl veranstaltete. Schließlich wurde 1985 eine Partnerschaft mit dem Ziel vereinbart, „die gewachsenen Beziehungen zu festigen und zu fördern“. In den folgenden Jahren wurde besonders der Kontakt zur siebenbürgischen Stadt Schäßburg (rumänisch Sighisoara) durch Informationsfahrten und durch in Dinkelsbühl lebende Schäßburger geknüpft. Erstmals wurde eine Städte-partnerschaft zwischen den beiden wesensähnlichen Städten am Heimattag 2000 vom damaligen Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Volker Dürr, angeregt. Nach zwei gegenseitigen Besuchen im Sommer 2001 wurde beschlossen, freundschaftliche Beziehungen aufzunehmen, um langfristig die Voraussetzungen für eine offizielle Städtepartnerschaft herzustellen. Die Gründung des Freun-deskreises Dinkelsbühl-Schäßburg und eines Gegenstücks in der rumänischen Stadt oder auch ein Jugendcamp mit Jugendlichen beider Städte in Sighisoara können als Beispiele für derartige Aktivitäten genannt werden.
Nach weiteren wechselseitigen Besuchen 2005 wurde die Partnerschafturkunde in den beiden Städten 2006/07 offiziell und feierlich unterzeichnet. Nach der ersten Städtepartnerschaft mit der französischen Atlantikstadt Guérande aus dem Jahr 1962 hat Dinkelsbühl damit sein europäisches Netzwerk weiter ausgebaut.
Eine Partnerschaft lebt jedoch nur, wenn sie von der breiten Bevölkerung beider Städte getragen wird und in den Köpfen verankert ist.
Die Magie Dinkelsbühls und die siebenbürgisch-sächsische Jugend

Auf unsere Frage, wie es dem Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland gelingt, die Jugend für die Fortsetzung der siebenbürgischen Traditionen zu begeistern, sandte uns der Bundesjugendleiter Rainer Lehni folgenden Beitrag.
Vielen Dank!

Dass das mittelfränkische Städtchen Dinkelsbühl eine besondere An-ziehungskraft auf die Siebenbürger Sachsen ausübt, kann mit Fug und Recht behauptet werden. Seit 1951 wird der Heimattag der Siebenbürger Sachsen jährlich zu Pfingsten in der ehemaligen Freien Reichsstadt durchgeführt, zu dem in der Regel zwischen 10.000 und 15.000 Siebenbürger Sachsen aus Deutschland und dem Ausland hierher anreisen. Eine besondere Magie strahlt diese Stadt auf die junge Generation aus, die einen überproportional hohen Anteil der Festbesucher ausmacht. Schätzungen im Bereich 3.500 bis 4.000 sind sicherlich nicht übertrieben.
Garant, dass die junge Generation von Siebenbürger Sachsen jährlich Dinkelsbühl in Massen besucht, ist die „Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland (SJD)“, die überaus aktive Jugendgliederung des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Seit vielen Jahren schon ist die SJD Mitgestalter des umfangreichen und anspruchsvollen Heimattag-programms und sorgt mit ihren jugendspezifischen Veranstaltungen für einen regelrechten Run der Jugend nach Dinkelsbühl.
Bereits 1956 traf sich auch die junge Generation der Siebenbürger Sachsen erstmals in Dinkelsbühl und läutete eine Erfolgsstory ein, die bis heute andauert. Brauchtum, Sport, Party und weitere Angebote der Jugend sind seither im Programm des Heimattages bunt gemischt zu finden. Ab 1978 erfolgte nochmals ein großer Aufwind im Jugendbereich am Heimattag, der dann von der 1986 gegründeten Jugendgliederung SJD bis zum heutigen Tag kontinuierlich weitergeführt und ausgebaut wurde.

Was lockt junge Siebenbürger nach Dinkelsbühl?

Warum aber kommen junge Siebenbürger Sachsen so zahlreich nach Dinkelsbühl? Eigentlich kann das ganz kurz beantwortet werden: Das Ambiente der Stadt ist für die Angebote der Jugend hervorragend geeignet und sorgt dadurch für diesen kontinuierlichen Strom. Vor allem wenn man bedenkt, dass die jugendlichen Siebenbürger Sachsen nicht mehr der Erlebnisgeneration angehören, sondern in zunehmendem Maße in Deutschland aufgewachsen oder auch schon hier geboren sind. Die Stadt Dinkelsbühl bildet ein paar Tage im Jahr „ihr Zuhause“, das Zentrum siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaftslebens sozusagen. Hier kann man Verwandte, Freunde, Bekannte treffen, man kann Politik, Kultur und Brauchtum erleben und – typisch natürlich für die junge Generation – miteinander feiern und schöne Tage genießen.
Was macht die SJD konkret für Tausende von jungen Leuten? Wie breitgefächert ist ihr Angebot für die vielen Besucher? Im sportlichen Bereich gibt es zwei Turniere: zum einen findet das begehrte Fußballturnier um den Titel „Siebenbürgischer Fußballmeister“ mit
20 Mannschaften statt, zum anderen ein Hallenvolleyballturnier, das mit 15 Teams besetzt wird. Nicht im Verantwortungsbereich der Jugend, aber auch von dieser frequentiert, ist das Tennisturnier.
Seit mehreren Jahren ein Publi-kumsmagnet ist die Veranstaltung „Unser Nachwuchs präsentiert sich“ im Schrannensaal, bei dem viele Kinder mit verschiedensten Beiträgen, wie z.B. Singen, Tanzen, Musizieren, Schauspielern, ihr Können zeigen. Von Kindern gut angenommen wird auch das Zauberprogramm mit einem siebenbürgischen Zauberer.
Der Pfingstsonntag ist hauptsächlich dem überlieferten Brauchtum gewidmet. Zahlreiche Jugendliche und Kinder säumen in den malerischen siebenbürgisch-sächsischen Festtrachten die Straßen und Gassen Dinkelsbühls während des traditionellen Trachtenzuges. Unter dem Leitwort „Aus Liebe und Tradition zum Tanz“ steht das Programm der Jugend-, Kinder- und Volkstanzgruppen vor der Schranne und am Altrathausplatz, dessen krönender Abschluss der gewaltige Aufmarsch von teils über 200 Trachtenträgern vor der Schranne bildet. In der St.-Pauls-Kirche wird jährlich im Rahmen der dort stattfindenden Preisverleihungen der Siebenbürgisch-Sächsische Jugendpreis für Verdienste um die Jugendarbeit verliehen.

Die Jugend übernimmt Verantwortung

Verantwortlich zeichnet die Jugend-gliederung des Verbandes der Siebenbürger Sachsen auch für die Aufstellung von Trachtenzug und Fackelzug, die Betreuung des Informationsstandes am Weinmarkt, Beteiligung am Pfingstgottesdienst und Verkauf der Festabzeichen. Ein großes Betätigungsfeld hat die SJD auch bei der Organisation des Jugendzeltplatzes am Bahndamm, eine gewaltige Meisterleistung, die von bis zu 700 jungen Übernachtern genutzt wird. Drei Tage Campen bedeutet auch drei Tage gemeinsam eine große Party feiern, die abends in das unweit gelegene Festzelt am Schießwasen verlegt wird. Hier treffen sich bei Volksfeststimmung bis zu 3500 hauptsächlich junge Gäste, die miteinander drei Abende zu den Akkorden bekannter siebenbürgischer Bands ausgelassen feiern. Wenn gelegentlich die Lautstärke im Zelt oder auf dem Zeltplatz für die Dinkelsbühler Anwohner zu laut sein sollte, bitten wir um Verständnis und Nachsicht. Junge Menschen feiern manchmal etwas lauter. Ab dem Jahr 2010 wird die SJD dieses Festzelt zusammen mit den Festwirten in Eigenregie betreuen.
Vom Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl kann man als großem, generationenübergreifendem Event sprechen, dem die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland durch ihr starkes Auftreten ein spezifisch junges Antlitz verleiht. Dieses ist dem Heimattag und den Siebenbürger Sachsen weiterhin zu wünschen.


   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
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