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Äußerer Anlaß war das
diesjährige Dreikönigsfest. Da erklang bei
einem Gottesdienst in der Dorfkirche von Oberbettringen,
einem Vorort von Schwäbisch Gmünd, zum erstenmal
wieder eine Musik, die vor knapp 300 Jahren in Dinkelsbühl
entstanden war, drei frische, ansprechende Stücke
für Chor, Blechbläser, Streichinstrumente
und Orgel. Ihr Komponist: Johann Bernhard Hillemeyr.
Sein Name war wohl schon bald nach seinem Tode vergessen,
seine Werke konnten als verschollen gelten. Nun aber
waren sie - in Auswahl - zu neuer Gegenwart wieder auferstanden.
Wie kam es dazu?
Der Fund
Manche Entdeckungen gelingen, wo niemand sie erwartet.
So geschah es auch mit den drei Kompositionen Hillemeyrs.
Sie fanden sich in der Fürstlich Fürstenbergischen
Hofbibliothek von Donaueschingen. Niemand weiß
bis heute, wie sie dorthin gelangt waren. Die Studentin
Corinna Köhrer, auf der Suche nach einem möglichen
Thema für ihre Zulassungsarbeit, und ihr Betreuer,
Professor Hermann Ullrich, waren dabei, die Bestände
des Archivs durchzusehen, als sie auf die Urschriften
der genannten Werke stießen.
Die Entdeckerfreude war um so größer, als
die Kompositionen nach Überprüfung eine
durchaus beachtliche Qualität aufwiesen. So lag
der Wunsch nahe, sie auch einmal aufzuführen.
Dafür bedurfte es freilich einer Vorarbeit: Die
handschriftlich überlieferten Noten mußten
für Musiker von heute erst einmal benutzbar gemacht
werden. Diese Aufgabe löste die Studentin, indem
sie die Kompositionen spartierte, d.h. die einzelnen
Instrumental- und Vokalstimmen zu einer Partitur zusammenfügte,
und mit dem Computer in lesbare Notenschrift umsetzte.
Danach stand einer Aufführung nichts mehr im
Wege. Als sinnigen Termin dafür wählte man
- siehe oben - den 6. Januar, nachdem eines der Stücke,
"Reges de Saba", einst für das Dreikönigsfest
geschaffen worden war.
Der Musiker Hillemeyr war nun mit einem kleinen Ausschnitt
seines Werkes für die Gegenwart zurückgewonnen
worden. Aber welche Biographie steht hinter seinem
Namen? Daß er sich einmal in Schwäbisch
Gmünd aufgehalten hat, ließ sich durch
ein Dokument im dortigen Stadtarchiv feststellen.
Doch bereits eine Notiz auf den neu entdeckten Notenblättern
verwies auf Dinkelsbühl als seine Geburtsstadt.
Das bestätigte auch eine altes Programmheft,
welches bei weiteren Recherchen in den Beständen
der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart
auftauchte. Also sah sich die Studentin im Archiv
von Dinkelsbühl um, das zur Zeit des Komponisten
noch Reichsstadt war und wo dieser, wie sich zeigte,
auch die längste Zeit seines Lebens verbrachte.
Als Schulmeister und Kantor in Dinkelsbühl
Wie Corinna Köhrer herausfand, deren Arbeit
wir hier benutzen, war bereits der Vater Johann Georg
Hillemeyr geborener Dinkelsbühler. Schon er absolvierte,
wie später der Sohn, ein einjähriges Grundstudium
("Rhetorik") in Bamberg, und auch er wirkte
anschließend als Musiker in seiner Heimatstadt.
Außerdem war er hier als "deutscher Schulmeister"
tätig, eine Position, die etwa dem heutigen Volksschullehrer
entspricht. Darüber hinaus wissen wir von ihm
nur noch, daß er mit seiner Frau Maria Ursula,
geb. Rottinger, sechs Kinder zeugte.
Eines davon, geboren am 8.1.1671, war der uns interessierende
Johann Bernhard, der später in Begabung und Beruf
den Spuren seines Vaters folgen sollte. Im Jahre 1691
bewarb er sich erfolgreich als Kantor in St. Georg
und als Magister an der Lateinschule. Im Jahre 1703
scheint er ein kurzes berufliches Zwischenspiel in
Schwäbisch Gmünd gegeben zu haben. Diese
Reichsstadt hatte ein Gesuch nach Dinkelsbühl
geschickt, mit der Bitte, den Musiker in ihre Dienste
treten zu lassen. Spätestens 1704 ist er aber
schon wieder in seiner Heimatstadt als Magister bezeugt,
bald auch erneut als Kantor.
Mit dieser Doppelaufgabe waren einige nach heutigen
Maßstäben außergewöhnliche Verpflichtungen
verbunden, z.B. die, auch in den Ferien jeden Morgen
eine Stunde mit den Schülern Musik zu üben.
Finanzielle Gründe mögen den nur dürftig
bezahlten Schulmeister dazu veranlaßt haben,
solche gewiß unerquicklichen Zusatzdienste nicht
zu vernachlässigen. Denn immerhin hatte er mit
seiner Ehefrau Maria Johanna die stattliche Schar
von acht Kindern zu ernähren.
Auch als Komponist war er offenbar fruchtbar: 1708
ist von "allen seinen Kompositionen" die
Rede, zu denen gewiß nicht nur die erwähnten
drei Kirchenmusiken gehörten. 1710, so heißt
es, ließ er eine - vermutlich verlorengegangene
- "Comoedia" (wohl ein musikalisches Bühnenstück)
mit seinen Schülern aufführen. In einem
anderen Dokument findet sich eine weitere - bisher
ebenfalls nicht wiederentdeckte - Komposition mit
dem Titel "Moduli Musici" erwähnt,
ein musikalischer Zyklus, der zur Aufführung
"auf öffentlicher Schaubühne"
bestimmt und dem Leben des Einsiedlers Arsenius gewidmet
war. Auftraggeber dieser Arbeit war im übrigen
das Ellwanger Jesuitengymnasium - eine Nachricht,
die, wie schon der Ruf nach Schwäbisch Gmünd,
bestätigt, daß der Name des Komponisten
über die Grenzen seiner Vaterstadt hinaus bekannt
geworden war.
Johann Bernhard Hillemeyr war gewiß ein Mann,
der manche Eigenwilligkeiten aufwies und Verhaltensweisen
an den Tag legte, die nicht dem Bild eines wohlangepaßten
und disziplinierten kirchlichen Angestellten entsprachen
(s. unten). Dennoch scheint er in Dinkelsbühl
als vielfach befähigter Bürger durchaus
geschätzt worden zu sein. Was wäre sonst
der Grund, einen Musiker als Fachmann in Sachen Landvermessung
heranzuziehen, wie es Hillemeyr im Jahre 1720 widerfuhr?
Am 7.August 1732 starb er. Die letzte Ruhe fand er
in der Gruft der Karmelitenkirche (heute St. Paul),
wo 15 Jahre später auch ein Komponistenkollege,
der Pater Justinus a Desponsatione, begraben wurde.
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Johann Bernhard Hillemeyr im Dienst:
nicht immer angepaßt und musterhaft
Dem neuen Kantor und Magister Hillemeyr wird 1691
ein vierteljährliches Gehalt von 100 Gulden in
Aussicht gestellt. Als er dann aber nur 80 Gulden
zugewiesen bekommt, schickt er das Geld empört
zurück und verlangt die vereinbarte Summe. Der
katholische Rat meint daraufhin, er solle sich doch
nach einer anderen, besser bezahlten Stelle umsehen.
Hillemeyr muß klein beigeben, erhält aber
später eine Erhöhung seiner Bezüge.
Am Andreastag 1696 wird Hillemeyr zum Ärgernis
der Gemeinde betrunken in der Kirche aufgefunden.
Er gibt den wiederholten Alkoholkonsum zu und verspricht
Besserung.
Im Winter desselben Jahres beschimpft Hillemeyr einen
Lehrerkollegen, der mit seinen Schülern ebenfalls
in der Kirche singen möchte. Als sie sich nicht
gütlich einigen können, werden beide vor
den katholischen Rat zitiert. Der droht ihnen regelmäßige
vierteljährliche Schulbesuche an, falls sie nicht
miteinander auskämen.
Im Dezember 1700 wird der Kantor Hillemeyr darauf
aufmerksam gemacht, daß die Ministranten ein
schlechtes Verhalten an den Tag legten. Daher werde
nun Bürgermeister Krannich ab und zu die Chorprobe
besuchen.
Im Mai 1704, nach seiner Rückkehr aus Schwäbisch
Gmünd, wird in einem richterlichen Bescheid festgestellt,
daß Magister Hillemeyr Branntwein brenne und
trinke, was sich wiederum schlecht auf Schüler
und Chor auswirke. Ein Kaplan wird beauftragt, jetzt
regelmäßig die Schule aufzusuchen und Bericht
zu erstatten.
Als sich im August 1708 Hillemeyr um eine freie Magisterstelle
bewirbt, wird er zunächst abgelehnt. Als Grund
dafür werden seine bisherigen Fehler angegeben,
insbesondere sein "übermäßiges
advozieren", also seine Rechthaberei. Außerdem
wird ihm geraten, erst einmal ein nüchternes
Leben zu führen, also weg vom Alkohol zu kommen.
1724 erhält Hillemeyr vom katholischen Rat einen
Verweis wegen Nachlässigkeit im Schuldienst.
Überhaupt, so heißt es weiter, arbeiteten
die Lehrer an der deutschen Schule fleißiger
als die an der Lateinschule.
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