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Einige Gedanken zum Weinmarkt

   
 
   
 

Es war wieder einmal Wahlkampf in unserer kleinen Stadt. Wie schon bei den Stadtratswahlen vom März 2002 wetteiferten die Kontrahenten um die Gunst ihrer Wähler. Ideen wurden erdacht, Programme niedergeschrieben, Debatten zur Sache geführt und der Bessere hat letztendlich gewonnen und wird unser Gemeinwesen die kommenden Jahre weise regieren.
So ungefähr war die Demokratie in der kommunalen Selbstverwaltung in grauer Vorzeit einmal konzipiert gewesen. Wie die Realität aussieht konnten wir in unserem Vorweg auf den Seiten zwei und drei nachlesen. Unsere geschätzte Gastautorin Mele Graf hat prägnant zusammengefasst, welcher Art der Kampf um der Wähler Gunst in den zurückliegenden Wochen, ja Monaten war.
Die Positionen austauschbar, die Programme kaum zu unterscheiden. Sofern man sich überhaupt die Mühe geamcht hatte programmatische Aussagen zusammenzustellen und es nicht vorgezogen wurde, ein paar kraftvoll klingende, aber nicht weiter aussagekräftige Schlagsätze in ausladenden (und sicher nicht sehr kostengünstigen) Zeitungsanzeigen unter das Wahlvolk zu werfen - zur gefälligen Rezeption. Insgesamt eine Auseinandersetzung, die wir uns ohne jeden Phantomschmerz gut und gerne hätten sparen können - im wahrsten Sinne der Wendung.
Besonders augenfällig wird die Inhaltsleere der Antipoden in der Stadt-politik, führt man sich einige Problemfelder unserer Stadt - und es gibt diese ohne Zweifel - kurz vor Au-gen und versucht herauszufinden, wie eine Lösung nach jeweiliger Parteiung aussehen könnte.
Doch wir wollen das müßige Spiel hier nicht weiter treiben und uns aufrichtig freuen, daß die surrealistische Veranstaltung namens Oberbürgermeisterwahlkampf ein mehr oder minder befriedigendes Ende gefunden hat! Allein - die Probleme der Stadt bleiben bestehen. Allen voran mit großem Abstand unser Weinmarkt. Im Munde geführt von vielen, als Schande für das Stadtbild apostrophiert von den meisten. Als treffliches Beispiel für das Versagen jeglichen Stadtregiments, welcher Färbung auch immer, stets gerne angeführt. Jedoch eine Vorstellung, wie der Platz in der Mitte unserer Altstadt auch nur im Groben nach einer ungewissen Umgestaltung aussehen könnte - absolute Fehlanzeige.
Alles, was dem mündigen Bürger und auch der Bürgerin immer wieder in den Sinn kommt, ist das Pflaster. Jenes unmögliche, gefahrvolle Pflaster, über das in gewaltiger, kaum zu zügelnder Empörung ganze Scharen von bemitleidenswürdigen älteren Herrschaften - bevorzugt beim Kirchgang - gejagt werden und sich jedes Gebein der unteren Extremitäten in kompliziertem Splitterbruch brechen. Der blanke Horror!
Nun freilich, der Straßenbelag auf Weinmarkt und Marktplatz verdient seinen Namen nicht. Und jeder Fußgänger, der sich dort eine auch nur leichte Verletzung zugezogen hat, ist zu bedauern. Aber dürfen wir uns - den Weinmarkt in seinem gegenwärtigen Zustand vor Augen - mit der Forderung bescheiden, man möge die Pflasterung erneuern und die Stolperfallen beseitigen? Kann es damit sein Bewenden haben, Rentnern beim Kirchgang und Japanern bei der Fotosafari in Old Europe den Weg zu ebnen? Ist der mündige Stadtbürger des 21. Jahrhunderts so zurückhaltend in seinen Ansprüchen an das Stadtbild geworden? Kein Bürgerstolz mehr, kein Bedürfnis nach ein wenig Ästhetik und Glanz? Diese gleichgültige Haltung, einige hundert Jahre zurückprojeziert, hätte uns heutigen Dinkelsbühlern einiges erspart. Das Münster beispielsweise, sicher das Deutsche Haus, die Ratstrinkstube oder die Schranne. Wahrscheinlich auch unsere vier Tore in ihrem heutigen Aussehen. Und weiland König Ludwig I. hätte sich den Verwaltungsaufwand für seinen Denkmalerlaß sparen können.
Hätte es unseren Vorfahren nichts ausgemacht, die Häuserzeile zwischen Gustav-Adolf-Haus und der "Sonne" - durch einen gedankenlosen Riß an der Flanke der Schranne zugunsten eines heimischen Kreditinstituts schon reichlich entstellt*) - ohne Gnade von einer kruden Ansammlung von Blechmassen verdeckt zu sehen? Und das, obwohl der schwungvolle Bogen, in dem die Häuser entlang des Platzes aufgereiht stehen, als großartiges Architekturbeispiel gilt, wie man unter vielen anderen Stellen beispielsweise im "Dinkelsbühler Gästebuch" auf Seite ?? nachlesen kann. Wäre es kein Problem für die alten Reichsstädter gewesen, wenn, nachdem das Blech sich zu Geschäftsschluß vom Platz geschafft hat, nichts als graue Ödnis auf dem Weinmarkt verbeibt?
Hätte es die historische Bürgerschaft nicht vielleicht doch kritisch gesehen, wenn sich einzelne Gastwirte mit Unterstützung der Behörde Meter für Meter in den öffentlichen Straßenraum mit ihrer Terrasse vorarbeiten, obwohl sie hinter dem Haus über einen ausladenden Gastgarten verfügen?
Die Beispiele für den gedankenlosen Umgang mit dem Weinmarkt ließen sich beliebig verlängern. Allein die augenfälligsten haben wir hier kurz angerissen. Aber der Widerlichkeiten sei hier genug. Wir wollen ein wenig vor uns hinträumen.
Für den Marktplatz haben wir im Rahmen der Brunnendiskussion in Heft 32 schon zahlreiche Vorschläge weitergeben können. Besonders bemerkenswert hält der Autor (die Redaktion denkt hier ausnahmsweise unterschiedlich) den Vorschlag, Ketten und Polder verschwinden zu lassen, den abschüssigen Platz auf dem Niveau des Münsters waagrecht zu gestalten und ihn durch die sich so automatisch ergebenden ein bis zwei Stufen von der Fahrbahn abzugrenzen. Auf diesem neuen Marktplatz ließe sich trefflich ein großer Brunnen in modernen (!!!) Formen, die sich in einem Wettbewerb, bei dem Beteiligungsverbot für Einheimische besteht, finden lassen sollten, mit Bänken etc. arrangieren. Des Denkmal Christoph von Schmids würde sich, schon von der Proportion her, reizvoll vor der Westfassade der Kirche ausnehmen. Ein Hauch Grün würde dem Ensemble sicher gut stehen, es müssen ja nicht gleich Deutsche Eichen sein. Ein bodennäheres Gewächs wäre wohl geeigneter.
Auf dem Weinmarkt wären linker Hand, also vor Gustav-Adolf-Haus, Glocke, Deutschem Haus, Apotheke und Schranne die Parkplätze ersatzlos zu streichen. Ja, werter Leser, ich habe den Aufschrei des Entsetzens während meines letzten Satzes deutlich vernommen, bleibe aber dabei: Das Blech verschwindet. Auch das Gejammer des Gewerbeverbandes ficht mich nicht an. Die Konsumenten können weiterhin vor den Geschäften parken. Den Inhabern und Angestellten wird ein morgendlicher Spaziergang im Interesse ihrer Kunden von der Bleiche an den Weinmarkt oder von der Inselwiese zum Altrathausplatz und Ledermarkt sicher nicht schaden - im Gegenteil. Und für den Fall, daß der Ladeninhaber "mal schnell wo hin muß" - auch ein Argument der Provenienz "greiser Kirchenbesucher" - schließlich sind die Wagenkolonnen eiliger Geschäfteleute bisher nicht nennenswert aufgefallen, bedeutet es sicher keinen Zeitverlust, zur Bleiche zu gehen und via Tangente und Ring zu fahren, als in der Kreuzung am Ledermarkt, am Wörnitztor und an der Kreuzung am Grünen Meer zwischen vielen anderen netten Fahrzeugführern auf ein rasches Fortkommen zu warten.
Den durch die Reduktion des Parkplatzraumes gewonnen Platz könnte man nun ebenfalls gefälliger gestalten. Vielleicht durch einen verbreiterten Bürgersteig (ohne intensivierte gastronomische Nutzung!), mit ein wenig bodenständigem Grün, der einen oder anderen Sitzbank.
Auf dem Weinmarkt selbst könnte man die beiden Fahrspuren trennen, etwa zwischen Schranne und der Sonne. Das würde zu Verkehrsberuhigung einerseits und zu weiterem Gestaltungsraum (durchaus auch mit der einen oder anderen Parkbucht) andererseits führen.
Einige Ideen gäbe es ohne weiteres. Vielleicht ist ja den Anwohnern etwas eingefallen, oder einigen mündigen Bürgerinnen und Bürgern nach Lektüre dieses oder anderer Artikel. Vieleicht auch dem gewählten Stadtoberhaupt - man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Unser Magazin würde sich ja schon glücklich schätzen, wenn wenigstens die Gleichgültigkeit abnähme und sich eine zielorientierte Diskussion anbahnen würde. Man wird sehen.

   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
von Ernst-Otto Erhard
   
 
"Eine ebenso liebevolle wie kritische Diagnose" (Charivari)
   
 
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Erhältlich in allen Buchhandlungen Dinkelsbühls und beim Funkfeuer-Verlag, Am Anger 5, 91550 Dinkelsbühl, Tel.: 09851 / 5703112
   
 
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